7. Die Familien-Annäherung
Gerds Bilanz:
Dass man als Adoptiveltern irgendwann mal mit leiblichen Eltern konfrontiert wird, darauf können bestenfalls diejenigen spekulieren, die von vornherein wissen, dass da noch leibliche Eltern sind. Sonst wird man nicht auf dieses Problem vorbereitet.
Man wird drauf vorbereitet, dass es Schwierigkeiten geben kann, dass es schön sein kann, dass es natürlich Probleme geben wird. Und es wird natürlich auch immer wieder darauf hingewiesen, dass man auch mit leiblichen Kindern Probleme haben kann.
Wir waren nicht davon ausgegangen, wir konnten ja auch gar nicht davon ausgehen, dass wir die leiblichen Eltern einmal treffen würden, weil wir wirklich dachten, dieses Kind steht ohne Eltern da, die Eltern sind nicht mehr zu finden. Wir wussten gar nichts über die Eltern. Vielleicht waren sie ja auch tot.
Und dann diese Eltern auf einmal vor sich zu sehen, das ist schon eine bewegende Sache. Aber, wenn man dabei sieht, dass das eigene Kind, das diese verlorenen leiblichen Eltern gesucht hat, dabei auch noch glücklich ist, und diese Sache sich so günstig entwickelt - was kann es Besseres geben?!"
9. Unser Jahresbrief 2003
- auch den lassen wir hier mal weg -
10. Epilog 2004
Und dann begann das Jahr 2004, und Anneli erhielt im Februar die Nachricht, dass es ihrer leiblichen Mutter in Pohang gesundheitlich sehr schlecht ging, so dass sie sich schneller zu einer Reise nach Korea entschloss, als es nach der ersten Begegnung im Sommer 2003 absehbar gewesen wäre.
Rückblick Anneli:
Im Februar 2004 hatte ich erfahren, dass meine leibliche Mutter an Leberkrebs erkrankt war, der auch so fortgeschritten war, dass man dachte, sie könnte sehr schnell daran sterben. Ich bin daraufhin für vier Tage mit meiner Adoptivmutter zusammen nach Korea geflogen, weil ich plötzlich so eine Angst bekam, und gedacht habe: „Oh Gott, das kann doch jetzt alles nicht sein. Du hast gerade deine leibliche Mutter gefunden - und jetzt soll sie dir wieder weggenommen werden...“
Anneli hatte inzwischen ihre koreanischen Eltern mehrmals erlebt, mit ihnen gelebt, wenn auch nur für kurze Zeiträume. Und sie konnte sich nun „ein Bild machen“:
Meine Mutter habe ich als sehr gutmütig, sehr liebevoll und großherzig erlebt. Sie hat ein starkes Durchsetzungsvermögen, und es wirkt auch so, als hätte sie in der Familie zu bestimmen und würde auch dem Vater sagen, wo es langgeht. Aber sie ist eine ganz liebe Person. Zu ihr habe ich von Anfang an so ein Vertrauen gehabt. Generell mag ich das nicht so gerne, wenn mich fremde Leute in den Arm nehmen, aber bei ihr war das eigentlich gleich ein angenehmes Gefühl. Sie ist mir sehr sympathisch.
Mein Vater ist ein total lieber, herzlicher Mann, der sehr viel lacht. Meine Freunde, die Fotos von ihm sehen, sagen immer gleich, ich würde wirklich aussehen wie er, weil ich auch sehr viel lache. Er ist mir auch sympathisch, aber er versucht dann auch immer, irgendwie so meine Hand zu berühren, mich am Arm zu nehmen. Er meint das ja auch nett - aber irgendwie mag ich es nicht. Irgendwie ist es da bei mir noch so ein bisschen distanzierter - obwohl ich das nicht böse meine.
Annelis Bilanz ihrer erfolgreichen Suche:
Als ich die koreanische Familie zum ersten Mal getroffen hab, war ja von Anfang an auch meine deutsche Familie dabei. Die Familien haben sich auch direkt kennen gelernt.
Und was ich ganz toll fand, von beiden Familien: In keinem Moment hieß es, die Anneli gehört zu uns in Korea, oder die gehört zu uns in Deutschland. Es war immer, dass beide Familien gemeinsam gesagt haben, wie schön, das ist unsere Tochter. Schön, dass es ihr so gut geht. Meine koreanische Familie hat gesagt, sie sei so froh, dass ich in so einer netten Familie aufgewachsen bin. Und meine deutsche Familie hat sich für mich sehr gefreut, dass ich endlich das gefunden hatte, was ich gesucht habe.
Nachbemerkung
Mit diesem Buch sollte zumindest für unsere Familie und unsere interessierten Freunde festgehalten werden, was wir über den Zeitraum eines halben Jahres im Jahre 2003 erlebt haben.
Ich habe mich dieser Herausforderung nur stellen, mich auf dieses Abenteuer als Buchautor nur einlassen können, weil ich auf die Hilfe meiner Frau Martina und unserer Kinder Anneli und Jannik bauen durfte. Jeder von uns hat Einzelheiten anders erlebt und gesehen, seine Erinnerungen beigesteuert.
Diese zusammenzutragen war der erste, vergleichsweise schnell erledigte Teil der Arbeit. Eine Wahrnehmung mit der anderen zu vergleichen, abzuwägen und zu gewichten, bereits Geschriebenes zu korrigieren, sich von überflüssigen Einzelheiten zu trennen, von reiner Geschwätzigkeit, von Passagen, die mit der „eigentlichen“ Geschichte nichts zu tun hatten, das war anschließend der größere Teil dieser Arbeit.
Dieses Buch läge nicht in nun vorhandener Form vor, sondern allenfalls in einer schlechteren Alternative, wenn nicht Freundinnen, die am Geschehen nicht beteiligt waren, als Leserinnen „von außen“ dabei geholfen hätten es entscheidend zu verbessern:
Yvonne Dollinger hat als erste aufmerksame Korrekturleserin schon auf manche Fehler hingewiesen.
Barbara Willms hat sich als zweite Korrekturleserin die Mühe gemacht, mich penibel und unnachsichtig auf Fehler im Manuskript, auf Unzulänglichkeiten in der Darstellung der Geschichte, auf missglückte Formulierungen und unfreiwillig komische Stilblüten hinzuweisen, die mir unsagbar peinlich gewesen wären.
Margit Vendel schließlich hat nach einer weiteren inhaltlichen Überarbeitung als dritte Korrekturinstanz mit äußerster Sorgfalt unschätzbare Dienste geleistet.
Inhaltlich zum Buch beigetragen haben meine Kollegen Marion Dany und Ekkehard Pohlmann, die mit ihren Interviews Anneli und uns interessante Antworten zu entlocken wussten.
Alfons P. Schwickert sei gedankt für das Titelfoto, Gisbert Haefs für manchen wertvollen Tipp und hilfreiche Bemühungen.
Ihnen allen mehr Dank dafür als sich an dieser Stelle ausdrücken lässt.
Die hier erzählte Geschichte könnte man sicher auch anders erzählen, etwa aus der Sicht unserer koreanischen Freunde, die ihre eigenen Wahrnehmungen hatten und anders darüber reflektieren werden. Dass wir inzwischen auch die Einzelheiten der Geschichte, wie Anneli nun tatsächlich „verloren ging“, in unterschiedlichen Variationen gehört haben, und dass damit die letzten Fragezeichen hinter Annelis Aussetzung auch längst noch nicht verschwunden sind, irritiert uns nur noch am Rande. Wichtig ist uns die Tatsache, dass alle mit dem erlebten Glück nun auch glücklich sind.
Dass dieses Glück inzwischen durch die schwere Krankheit der leiblichen Mutter in Korea sehr getrübt ist, zeigt, dass das Leben weitergeht. Doch das Wiedersehen hat es gegeben, und dafür kann man nur dankbar sein.
Wenn dieses Buch Mut macht, in vermeintlich chancenloser Situation beharrlich an Träumen festzuhalten, sich nicht durch angebliche Aussichtslosigkeit bremsen zu lassen, dann ist ein Ziel erreicht.
Ein anderes Ziel hätten wir geschafft, wenn wir dazu beitragen konnten, dass Adoptiveltern ihre Angst davor überwinden, sie könnten ihre Adoptivkinder durch deren Suche nach ihren leiblichen Eltern verlieren.
Wenn man die Sorge hat, dass „Blut dicker als Wasser“ sein könnte, dann sind Liebe und Vertrauen sehr viel festere Bindemittel...