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Samstag, 7. Juni 2008, 20 Uhr, Burg Waldeck
Gerd Schinkel, Köln
„Phil Ochs - Der Orpheus mit dem Januskopf“
Vortrag und Lieder
1968 hat Phil Ochs auf dem fünften Waldeckfestival „Chansons Folklore International“ auf der Burg Waldeck gesungen. Vier Jahrzehnte nach seinen einzigen Konzerten in Deutschland ist dies ein Anlass, sich an ihn zu erinnern.
Im Programmheft des 68er Waldeck-Festivals wurde Phil Ochs vor vierzig Jahren so vorgestellt:
„Phil Ochs
wurde 1940 in El Paso/Texas geboren. Er studierte in Ohio Journalistik,
merkte aber bald, dass er aufgrund der amerikanischen Tabus nicht das veröffentlichen
konnte, was er dachte. Er entwickelte sich zum politisch wachsamen, zornigen
jungen Mann. Durch eine Wette bei der Wahl J. F. Kennedys zum Präsidenten der
USA gewann Ochs eine Gitarre. Er schrieb und textete satirisch-aggressive Verse
und Lieder, die von den jungen Coffee-House-Sängern aufgegriffen wurden und
sich schnell verbreiteten. Seine Songs setzten sich mit der Kuba-Krise, dem
schmutzigen Krieg in Vietnam, dem Militarismus, der Bürgerrechtsbewegung, den
Gewerkschaften und Parteien auseinander.
Es ist keine überspitzte Polemik, keine Effekthascherei in seinen Liedern. Sie
fordern zum Nachdenken, zum Gebrauch seines eigenen Verstandes auf. Phil Ochs
begann als Protestsänger, aber seine letzte LP (Pleasures of The Harbor) zeigt,
dass er als singender Journalist zu einem Exponenten der Untergrund-Musik wurde.
Seine Melodien sind sehr poppig geworden, während die Texte
immer noch Missstände aufdecken und unnachgiebig die ‚Große
Gesellschaft’ attackieren.“
Phil Ochs war einer der wichtigsten „Liedermacher“ der USA. Anfang der sechziger Jahre haben er und andere alte und junge Folksänger, vor allem in New York, nicht nur neue kämpferische Lieder geschrieben und gesungen, sondern sich auch in sozialen Bewegungen engagiert. Beim Newport-Folkfestival 1965 war Bob Dylan die Rolle des singenden Protest-Gurus leid und griff zur E-Gitarre. Phil Ochs beanspruchte als Kronprinz, dem auch niemand den Anspruch streitig machte, den nun verwaisten Thron als „King of Protest“ - doch den hatte Dylan nicht nur geräumt, sondern gleich mitgenommen. Rastlos hetzte Ochs hin und her zwischen Solidaritätskonzerten und politischen Aktionen, getrieben von der Idee, mit Liedern die Welt zu verbessern, aber auch in der Hoffnung auf einen kommerziellen Erfolg, wie ihn Dylan schon erzielt hatte. Warum hat es ihn mit eigenen, noch dazu politischen Liedern auf die Bühne gezogen, um von dort aus die Welt zu verändern – bei gleichzeitiger, illusorischer Hoffnung auf kommerziellen Erfolg? War es Geltungsdrang oder nur Mitteilungsbedürfnis, Eitelkeit, gar Fanatismus oder Missionseifer? Seine Biographie sagt dazu wenig.
Als der 27jährige Phil Ochs 1968 zu den Konzerten in Deutschland eingeladen wurde, hatte der Protest der linken Studenten hierzulande seine ersten heißen Phasen hinter sich. Ein Jahr vorher war in Berlin bei den Demonstrationen gegen den Schah von Persien der Student Benno Ohnesorg erschossen worden, und an Gründonnerstag 1968 fielen die Schüsse auf Rudi Dutschke. In dieses aufgeheizte gesellschaftliche Klima kam mit Phil Ochs, der seine engagierten Lieder bereits auf fünf LPs veröffentlicht hatte, der politischste der amerikanischen „singer-songwriter“ nach Deutschland. Er verdiente nicht schlecht, aber die große Karriere war ihm noch nicht vergönnt. Seine „journalistische“ Phase als „topical songwriter“ glaubte er hinter sich, hatte nun neben politischen Hoffnungen auch künstlerischen Ehrgeiz.
Etwa eine Woche vor seinem Auftritt in Deutschland aber riss ihn die politische Realität aus seinen Träumen: Robert Kennedy, der Phil als Wahlhelfer hatte gewinnen können, war ermordet worden. Als nach dem Parteitag der Demokraten im August in Chicago Hubert Humphrey Präsidentschaftskandidat wurde – und erst recht, nachdem dieser die Wahl gegen Nixon verlor –, blieb Phil eher nur noch ein Getriebener seiner eigenen Träume von einer besseren Welt, als dass er noch aktiv auf Dauer dafür hätte kämpfen können. Immer häufiger versank er in Resignation, Depressionen – und im Alkohol.
In den anderthalb Jahrzehnten, seit er 1960 in Ohio seine ersten Auftritte hatte bis 1976, verlief das Leben von Phil Ochs in extremen Wellen, verstärkt durch Erfolge und Rückschläge – persönliche wie politische, die er wiederum nahezu persönlich nahm –, sowie durch Depressionen und Alkoholismus, bis sie schließlich in Schizophrenie, Obdachlosigkeit und Suizid endete. Am Freitag, dem 9. April 1976, als er gerade wieder stabilisiert schien, nahm sich Phil Ochs im Alter von fünfunddreißig Jahren im Haus seiner Schwester Sonny, nicht weit von New York City den Strick. Zehn Jahre vorher hatte am Ende einer Live-LP mit dem Titel „Phil Ochs in Concert“ ein Lied gestanden, das poetisch, aber klar beschrieb, warum es sich für einen engagierten Menschen zu leben lohnt. „When I’m Gone“ ist ein eindringliches Plädoyer gegen Mutlosigkeit und Resignation. Zehn Jahre später war es ihm selbst nicht mehr möglich, daraus Kraft zu schöpfen...
Heute machen Konservative die „Achtundsechziger“ speziell in Deutschland gerne für einen angeblichen „Anti-Amerikanismus“ hierzulande verantwortlich. Dies ignoriert Einflüsse, die in den ersten Nachkriegs-Jahrzehnten von den regierungskritischen sozialen Bewegungen in den USA selbst ausgegangen sind. Phil Ochs war in einer entscheidenden Phase dieser sozialen Bewegungen einer ihrer profiliertesten Sprecher. Und er hat ihr auch eine Singstimme gegeben.
In der deutschen Folkszene haben sich nur wenige Künstler von Phil Ochs inspirieren lassen. Walter Mossmann beispielsweise hat mit einigen Ochs-Melodien eigene Texte transportiert. Kaum jemand hat sich aber hierzulande intensiver mit Phil Ochs auseinandergesetzt als Gerd Schinkel. Er hat mehr als fünfzig Ochs-Songs in die deutsche Sprache übersetzt oder in deutsche politische Zusammenhänge übertragen, um so ihren Charakter als topical songs zu wahren: mit einer Aussage von aktueller Bedeutung, früher, oder sogar bis heute. Gerd Schinkel porträtiert Phil Ochs und sucht auf sehr persönliche Weise in den Liedern des Künstlers nach Antworten auf Fragen, die sich aus dessen Biographie stellen. Internet: http://www.gerdschinkel.de/EssayOchs.htm, & http://web.cecs.pdx.edu/~trent/ochs/
Gerd Schinkel schreibt seit Anfang der
siebziger Jahre eigene Lieder und übersetzt und überträgt Songs anderer
Singer/Songwriter. Er war Mitbegründer der Bonner Polit-Folk-Kombo
„Saitenwind“, die Ende der siebziger Jahre auch gelegentlich Mossmann
musikalisch zur Seite stand, und tritt heute meist solo auf. Er ist – anders
als Phil Ochs – politischer Journalist geworden und seit Jahrzehnten Hörfunkredakteur.
Als nebenberuflicher Liedermacher gibt er Konzerte und hat mittlerweile mit
eigenen Songs mehr als zehn CDs für Erwachsene und fünf für Kinder
eingespielt und mehr als zwanzig CDs mit Übertragungen bzw. Übersetzungen. Die
Themen seiner Lieder zeigen, dass sich seine Lebenswirklichkeit im Alltag kaum
von der anderer Zeitgenossen unterscheidet – mit einer Ausnahme, über die er
2005 ein Buch geschrieben hat: „Bin ich ihr ähnlich?“ handelt von der
erfolgreichen Suche seiner Adoptivtochter Anneli nach ihren leiblichen Eltern in
Südkorea. Gerd Schinkel lebt in Köln und gibt mit hochkarätigen Gastkünstlern
für ein interessiertes Publikum regelmäßig exquisite Hauskonzerte in seinem
Wohnzimmer – der „Besenkammer“.
Internet: www.gerdschinkel.de
Der Essay:
Der Orpheus mit dem Januskopf
Phil Ochs und sein Überlebenskampf als politischer Sänger mit Karriereträumen
Teil 1: Einstieg ins Showgeschäft und Aufstieg in der Szene
Teil 2: Abstieg im Showgeschäft und Ausstieg aus
der Szene
Fangen wir mit dem Ende an, dann haben wir das Schlimmste gleich hinter uns.
Das Ende vor zwanzig Jahren bietet den Anlass, uns heute noch mal oder mal
wieder mit ihm zu befassen: Am Freitag, dem 9. April 1976, nahm sich Phil Ochs
im Alter von fünfunddreißig Jahren den Strick. Er starb im Haus seiner
Schwester Sonny in Far Rockaway, Queens, nicht weit von New York City. Sein
vierzehnjähriger Neffe David, der seinetwegen die Schule geschwänzt hatte, war
nur für ein paar Minuten im Supermarkt. Bei seiner Rückkehr fand er die Tür
zum Badezimmer verschlossen. Phil Ochs hatte sich nach langen Depressionen
erhängt.
Zehn Jahre vorher stand am Ende einer gefälschten Live-LP mit dem Titel
"Phil Ochs in Concert" ein Lied, das den Zuhörern poetisch, aber klar
beschrieb, was es noch alles zu erledigen gilt, bevor man den absoluten Schlussstrich zieht. In "When I’m Gone" fügte Phil Ochs einen
seiner besten Texte mit einem seiner schönsten musikalischen Einfälle
zusammen. Heraus kam ein eindringliches Plädoyer gegen Mutlosigkeit und
Resignation. Zehn Jahre später konnte er selbst keine Kraft mehr daraus ziehen.
Wie kommt jemand dazu, mit eigenen, noch dazu mit politischen Liedern auf die
Bühne zu gehen? Ist es Geltungsdrang oder einfach nur Mitteilungsbedürfnis?
Ist es Eitelkeit, gar Fanatismus oder Missionseifer? Die Biographie von Phil
Ochs gibt nur bescheiden Aufschluss, woher bei ihm der Drang kam.
Geboren am 19. Dezember 1940 in El Paso/Texas, wuchs Phil Ochs zunächst in
Far Rockaway bei New York auf und, in den entscheidenden Jahren der Pubertät,
in Columbus/Ohio. Seine Eltern Jack und Gertrude hatten wohl eine glückliche
Ehe. Der Vater war ein jüdischer Arzt ohne großen beruflichen Erfolg. Seine
Frau hatte er im Ausland, im schottischen Edinburgh kennen gelernt und
geheiratet. Nachdem Tochter Sonia - Sonny - schon in England zur Welt kam, nahm
Jack seine Familie mit zurück in die USA. Philip David war das zweite Kind, dem
1943 ein kleiner Michael folgte.
Schon als Kind war Philip ein Träumer. In Gedanken war er häufig ganz
woanders: zwischen Soldaten, Cowboys, Indianern. Als Phil sieben war, gab seine
Mutter das Babysittergeld gleich den Jungs. Die Brüder gingen dafür fünf bis
sechs mal pro Woche ins Kino. Manche Samstage verbrachten sie dort von morgens
bis abends, zwischen King Kong, Mighty Joe Young und Frankenstein. Aber alle
reichten nicht an einen heran: an den größten und stärksten und fairsten von
allen: John Wayne. Kino war viel interessanter als langweiliger
Geschichtsunterricht bei Miss Jocelyn. Um den Tagträumen des knapp
zehnjährigen Phil ein Ende zu setzen, wollte Mutter Gertrude in andere
Umgebung. Sie hoffte, dass dort die Konzentration auf die eigentlichen Pflichten
des Kinderalltags besser klappte. Mutter Gertrude zog mit den drei Kindern für
ein knappes halbes Jahr zu ihren Eltern nach Schottland. Doch der gewünschte
Erfolg blieb aus. Außer Träumen schien Phil nur Blödsinn mit seinem Bruder im
Kopf zu haben. So zogen sie zurück nach Far Rockaway zum schweigsamen und
unnahbaren Vater Jack. Von ihm wussten die Kinder nicht annähernd soviel wie
von John Wayne.1951 zog die Familie nach Perrysburg. Das war ein
250-Seelen-Nest, nicht weit von Buffalo. Vater Jack kränkelte. Die einzigen
Stellen, die er kriegen konnte, waren in TBC-Kliniken. Es waren die
schlechtesten Jobs, die einem Arzt angeboten wurden.
Phil und Michael teilten sich ein Zimmer. Eines Tages suchte Phil irgendwas im
dunklen Abstellraum, in dem auch Spielzeug aufbewahrt wurde. Um mehr zu sehen,
machte er ein Streichholz an. Die Flamme setzte ein Kleidungsstück in Brand.
Phil ging in aller Ruhe in die Küche und füllte einen Topf mit Wasser. Als er
zurückkam, war das Feuer außer Kontrolle. Phil ging ruhig zur Nachbarin und
sagte, sein Elternhaus würde brennen. Die Frau mochte ihm erst glauben, nachdem
er mehr Einzelheiten erzählt hatte. Als der Feuerwehrhauptmann Phil warnte,
nicht mit Streichhölzern zu spielen, konnte er nichts erwidern. Er blieb
hilflos stumm. War er ängstlich oder aufgeregt, fand er nicht die richtigen
Worte und stotterte. Im Stress machte ihm dies sein Leben lang zu schaffen.
Phil blieb ein Träumer. Als er elf Jahre alt war, drückte Mutter Gertrude
jedem der Jungs ein Instrument in die Finger. Sie sollten es lernen und im
Schulorchester spielen. Phil hasste Musik, sogar die aus dem Radio. Weil die
Mutter ihn drängte, entschied sich Phil für Trompete. Aber das Schulorchester
brauchte keinen Trompeter und auch keinen Saxophonisten. Die Klarinette war
nicht besetzt. Wie sich zeigte, war Phil sehr musikalisch. Und er übte wie
besessen. Nach fünf Monaten war er weiter als manch anderer nach Jahren. Das
Saxophon seines Bruders lernte er noch schneller als vorher die eigene
Klarinette. Vater Jack hörte im Ohrensessel zu. So hatte er den lautstarken
Beweis des Lebens über seinem Arbeitsplatz. Die Familie wohnte über der Klinik
für todkranke Tuberkulose-Patienten. Vater Jack litt unter seiner Arbeit, ihren
Bedingungen und der Wohnsituation in Todesnähe. Er sah sich selbst als
beruflichen Versager. Mit der Zeit wurde er cholerisch.
In Columbus/Ohio, dem nächsten Wohnsitz, erhielt Phil privaten Musikunterricht.
Sein Lehrer brachte ihn sogar im Universitätsorchester unter. Dabei war Phil
erst fünfzehn und dafür noch gar nicht alt genug. Die Kehrseite: Er hatte
keine Schulfreunde, ging weder bolzen, noch einfach mal mit Klassenkameraden
quatschen. Der Junge mit dem Klarinetten-Koffer war ein Außenseiter. Dass man
ihn beleidigen wollte, wenn man ihm "Judenjunge" nachrief, war ihm gar
nicht klar. Zu Hause spielte das Judentum keine Rolle - nur wenn die Kinder an
jüdischen Feiertagen schulfrei hatten. Eines Tages schlug ihm ein Knabe namens
Davy Sweazy grundlos ohne Vorwarnung ins Gesicht. Ihre Prügelei wurde von
anderen beendet, als Phil gerade mit gleicher Münze heimzahlen wollte. Sie
gaben sich die Hände: Phil hatte den Test bestanden. Davy wurde Phils Freund,
der erste, engste und einzige richtige. Sie waren ganz unterschiedlich, aber
wurden unzertrennlich. Sobald sie sich davonschleichen konnten - Phil von den
Übungsstunden des Orchesters, Davy von seiner Straßengang -, saßen sie im
Kino bei ihren Helden Marlon Brando und James Dean. Es fiel ihnen schwer, im
Alltag Film und Wirklichkeit auseinander zu halten. Davy hatte eine richtige
Pistole. Als sie mal im Wald übten, schoss sich Phil selbst ins Knie. Das ließ
Mutter Gertrude einschreiten. Sie verlangte einen Schulwechsel, weit weg von
Davy.
Phil wollte nur auf eine Schule mit Orchester. Er durfte sie selbst aussuchen
und entschied sich für die militärische Staunton-Academy in Virginia. Auf
einer Werbeanzeige im "New York Times Magazine" hatte er gesehen, wie
schick uniformierte Jungs vor einer Kapelle her marschierten. Im Herbst 1956
fing er in Staunton an. Das "Soldatenleben" gefiel ihm: mit knapp
sechzehn in Uniform stolzieren, Tageslosungen brüllen, der harte Wettkampf in
der Klasse, auf dem Übungsplatz, in der Band, zwei Packungen Zigaretten am Tag
verqualmen, in der Kantine Bier saufen, in der katholischen Kirche das
Wechselgeld aus der Kollekte klauen, nachts heimlich Gewichtheben trainieren, am
Wochenende mal ins Kino gehen, mal im Schlafsaal aus dem Radio Country-Musik
hören. Phil liebte Johnny Cash, Hank Williams, Faron Young. Er mochte all die
Lieder über Helden und Frauen, Gefängnisse und Besäufnisse. Erstaunlich:
Diese Countrysänger konnten ganze Geschichten mit ein paar Akkorden erzählen.
Ein Buch brauchte dafür ein paar Stunden... Faron Young hatte so eine helle,
hohe und klare Stimme. Sie schmiegte sich so in die Noten, dass Phil sie nie
mehr aus dem Kopf bekam. Es war der Klang, den er später nachzuahmen versuchte.
Und natürlich die Einflüsse der Everly Brothers, Gene Vincent, Buddy Holly und
selbstverständlich immer "The King": Elvis, der Lastwagenfahrer, der
mit kreisenden Hüften sein Glück machte, der Junge, der seine Mutter liebte,
in die Kirche ging und, wenn er mochte, jedermann in den Arsch trat.
Schon nach wenigen Monaten machte Phil die Musik in der Militärkapelle keinen
Spaß mehr. Ihm fehlten die Solos. Außerdem achtete der Bandleader mehr auf das
richtige Marschieren und weniger auf die richtigen Töne. Phil war unzufrieden.
Wie die Musik klingen sollte, hörte er sehr wohl in seinem Kopf - bloß nicht
von der Kapelle beim Üben. So suchte er ein neues Ventil für seine
Kreativität. Angeregt durch die Country-Songs schrieb er nun selbst kurze
Geschichten von schwachen und kleinen Leuten, die sich gegen große und starke
wehren. Im Sommer 1957, keine siebzehn Jahre alt, schockte Phil seine Mutter mit
dem Entschluss, mit Klarinette aufzuhören. Jetzt zählte nur noch King Elvis.
Seinen Babyspeck hatte Phil inzwischen mit Gewichtheben verloren. Sein schwarzes
Haar trug er oben auf dem Kopf lang. Wie Elvis kämmte er es pomadig nach
hinten. Sein Kummer war die zu lange Nase. Als er die Militär-Academy in
Staunton erfolgreich abgeschlossen hatte, aber noch ehe er an der Ohio State
University anfing, ließ er seine Nase operieren. Dass es weh tat, gab er nicht
zu. Seiner Mutter kündigte er an, dass er nun ein Star werden würde.
Mit achtzehn ging Phil nach Cleveland auf die Ohio State University. Im Januar
1959 meldete das Radio, Fidel Castro sei in Havanna einmarschiert und habe in
Kuba die Macht übernommen. Nicht weit vor Miami Beach war die Revolution
ausgebrochen. Neue Helden zogen in Phils Göttertempel ein: Fidel Castro und
sein Companero Che Guevara. Sie waren Medienstars, auch in den USA. Ihre Bilder
sah man überall. Die Zeitungen beschrieben Castros Invasion in Havanna so, als
ob John Wayne Dodge City von Banditen befreit hätte. Castro regte die
romantischen Phantasien an. Als Statist hatte er sich in Hollywood während der
vierziger Jahre abgeguckt, wie man gekonnt sein Image ins rechte Licht rückt.
Die Bewunderung für Castro erreichte irrationale Ausmaße - nicht nur bei Phil.
Der aber überfiel im Frühjahr Mutter Gertrude mit dem nächsten Schock: Er
wollte sein Studium schmeißen. Auch das machte ihm keinen Spaß mehr.
Fahrender Sänger wollte Phil werden, irgendwo im Süden. Mutter Gertrude schlug
die Hände überm Kopf zusammen. Phil, so meinte sie, konnte doch gar nicht
singen. "Mach was du willst," erklärte sie ihm. "Von mir siehst
du keinen Cent." - Seine Antwort: "An der Uni verplempere ich nicht nur
dein Geld, sondern auch noch meine Zeit. Wo ist da der Vorteil?" Am
nächsten Morgen haute er ab nach Miami. Dort wurde er prompt wegen
Landstreicherei für fünfzehn Tage eingelocht. Aber das gefiel ihm gar nicht so
schlecht. Im Knast sangen alle Hank Williams-Lieder und er lernte jede Menge
kaputter Typen kennen. Er hatte Glück, ohne es zu merken: Der Sheriff mochte
ihn. Um ihn von den anderen Knastbrüdern fernzuhalten, ließ er Phil den
Polizeiwagen waschen. Natürlich lief dazu aus dem Radio Country-Music. Als er
wieder frei war, bemühte sich Phil vergebens um einen Sängerjob in den Bars.
Völlig pleite verbrachte er die Nächte am Strand. Hungrig nahm er
Gelegenheitsjobs an, die nicht mal genug Dollars für ein gescheites Essen
einbrachten. Schließlich ließ er sich von zu Hause das Busgeld für die
Heimreise schicken. Bei der Ankunft brach er entkräftet in den Armen seines
Bruders zusammen. Kuriert ging er im Herbst, knapp neunzehn Jahre alt, zurück
an die Uni nach Cleveland. Solche Erlebnisse haben den späteren Liederschreiber
Phil Ochs geprägt. Sie erklären manche spätere Entwicklung oder Entscheidung,
manche Irrung und Wirrung des Sängers.
Seinen ersten Zimmerkommilitonen im Studentenwohnheim hatte Phil mit lauten
Elvis-, Faron Young- und Buddy Holly-Platten schnell vergrault. Phil fand einen
neuen Mitmieter nach seinem Geschmack: Jim Glover. Dem waren Phils Elvis-Poster
an den Wänden aufgefallen. Jim fragte, ob Phil auch Woody Guthrie-Plakate
hätte. Den Namen hatte Phil noch nie gehört. Jim gab ihm Nachhilfe, auch mit
Platten. Nachdem sie ein paar der alten 78er-Schallplatten gehört hatten,
trugen sie gemeinsam Jims Sachen in seine neue Bleibe. Jims Eltern wohnten in
der Nähe. Sein Vater war Marxist. Der freute sich an der jugendlichen
Begeisterung der Studenten für Castro und erklärte den Jungen die Politik.
Hier hörte Phil erstmals vom Kommunistenjäger McCarthy. Phil sah in Mr. Glover
wohl so etwas wie einen Ersatzvater. Sein eigener Vater hatte sich zu wenig für
ihn interessiert. Nun wollte er Jims Vater gefallen. Nächtelang diskutierte
Phil mit Jim. Er verschlang jedes politische Buch, das er kriegen konnte. Die
Werke von Marx, Engels und MaoTse-tung bekam er von Jim. Aber Phil las auch
andere Bücher: von den amerikanischen Staatsgründern Thomas Jefferson oder Tom
Paine. Er vertiefte sich in amerikanische Geschichte. Seine Meinung zur
Regierungspolitik entwickelte, veränderte sich. Jim weckte auch Phils Interesse
an der Folk-Music der dreißiger und vierziger Jahre. Er hörte die
Dustbowl-Ballads, Gewerkschaftslieder. Jim spielte Gitarre und Banjo. Er sang
Phil Lieder von Woody Guthrie und Pete Seeger vor. Gleichzeitig ärgerten sie
sich immer mehr über die strengen Vorschriften auf dem Campus. Sie
organisierten Boykotts, Protestmärsche, Demonstrationen. Phil machte die
Planungen und Jim sang bei den Kundgebungen Lieder.
1960 war Wahlkampf. Präsident Eisenhowers Amtszeit ging zu Ende. Um die
Nachfolge bewarben sich Vizepräsident Richard Nixon und der junge Senator John
F. Kennedy. Jim hielt den katholischen Aufsteiger für chancenlos. Der
zwanzigjährige Phil bot Jim eine Wette an: Fünfzig Dollar gegen Jims Gitarre.
Kennedy gewann, und Phil hatte ein neues Instrument. Jim zeigte Phil die
nötigsten Griffe. Einen Monat später spielte Phil die ersten Lieder, bald auch
die ersten eigenen. Noch kam er mit zwei Akkorden aus, aber schon damit fand er
seinen eigenen Stil. Phil hielt den Gitarrenhals höher als seinen Kopf. Nach
jedem vierten Schlag mit dem Plektron ging er einmal mehr über die Saiten -
quasi ein Bonus-Anschlag zum Viervierteltakt. Und bald spielte er zusätzliche
Melodielinien.
Phil studierte jetzt Journalismus. Er ging in die Redaktion der Studentenzeitung
und träumte schon davon, Chefredakteur zu werden. Eine neue Hausordnung mit
noch strengeren Verhaltensvorschriften wurde erlassen. Für Phil war klar, dass
die älteren Studenten dahinter steckten. Sie hatten Angst, ihre Vorrechte zu
verlieren. Phil organisierte Proteste - und die älteren Studenten bestraften
ihn als Quertreiber. Die Redaktion schloss Phil von der inhaltlichen,
politischen Arbeit an der Studentenzeitung aus. Offiziell begründet wurde dies
mit Phils vorbehaltloser Bewunderung für Fidel Castro. Phil wollte schreiben.
Also gab er seine eigene Zeitung heraus. Aber so bekam er erst recht Krach mit
der Redaktion. Schließlich durfte er nur noch unpolitische Artikel schreiben,
meistens Konzertkritiken. Was blieb Phil anderes übrig. Er quoll über. Er musste schreiben, schrieb nun andauernd. Und was ihm redaktionell als Artikel
verwehrt blieb, reichte er nun als Leserbrief ein. Phil Ochs, der politische
Kommentator und Musikkritiker. So wurde ihm mit einundzwanzig Jahren bewusst, dass sowohl Politik, als auch Musik für seine eigene Entwicklung eine wichtige
Rolle spielten. Um sein gespaltenes Interesse deutlich zu machen, unterschrieb
er seine Artikel mal mit Phil, mal mit Philip Ochs.
Musikalisch bildete Phil 1961 zusammen mit Jim ein Duo. Als sich die Amerikaner
bei der Invasion in der Schweinebucht blamierten und ihr Versuch scheiterte,
Fidel Castro wieder zu verjagen, schrieb Phil darüber sein erstes richtig
eigenes Lied. Nun las er morgens Zeitung - und abends hatte er ein neues Lied.
Phil und Jim hatten gemeinsame Auftritte in Cleveland, bis Jim vergaß, einen
neuen Text von Phil auswendig zu lernen. Phil kannte kein Pardon. Es kam zum
Bruch. Nun versuchte Phil es allein. Gage war ihm egal. Er wurde Ansager in
einer Folkshow. Als lokal bekannter Sänger machte er den Auftakt der
Konzertabende und studierte danach die Bühnenkünste der bekannteren
Folksänger, zum Beispiel von Bob Gibson. Gibson war ein Folkie, der Phil
wirklich mochte. Phil schrieb nur politische Texte. Deshalb gab Gibson Phil
einen guten Rat: "Sei vorsichtig. Wenn du politische Lieder singst, kommt
es oft gar nicht drauf an, ob das Lied auch gut ist. Wenn das Publikum deine
Meinung teilt, wird es jubeln. Das kann dir gefallen und dich dazu verleiten,
immer so weiterzumachen, solange dir zu den politischen Themen neue Lieder
einfallen. Du machst dir aber auch Feinde. Wer nicht deiner Meinung ist, könnte
dich zum Schweigen bringen wollen - bis keiner mehr hören kann, was du zu sagen
hast." Das war wohl an Phil vorbeigerauscht, oder er hatte es nicht
begriffen. Jedenfalls lief er genau in die beschriebene Falle. Der Beifall von
den Gleichgesinnten stimmte ihn euphorisch. Er riss Phil mit, trieb ihn in eine
Richtung, die in die künstlerische Sackgasse führte. Das war später, aber da
war wohl auch schon alles zu spät für den von Phil so heiß ersehnten Erfolg,
für den großen Durchbruch, wie ihn Dylan geschafft hatte.
1962 zog jeder, der eine Gitarre hatte und ein paar Griffe
konnte, nach Greenwich Village in New York. Hier war das Mekka der Folk-Szene.
Junge Leute sangen dort Lieder vom Kingston-Trio nach. Sie wussten aber nichts
von den politischen Kontroversen der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre.
Damals waren Folksongs noch als "Musik wie eine Waffe" verstanden
worden. Der Rock’n Roll steckte gerade in einer Krise. Elvis war Soldat in
Deutschland gewesen und immer noch weg vom Fenster. Nur schwarze Musiker machten
interessanten Rock’n Roll - aber ihre Musik wurde von den weißen
Radiostationen nicht gespielt. Die Musik-Industrie hielt Ausschau nach Neuem.
Aus der Ablehnung der schwarzen Rock-Musik und mit Unterstützung der Regierung
schürte die Musik-Industrie einen künstlichen Folk-Boom. Dabei gab es dafür
gar keine Stars, und niemand wusste, was dabei rauskam. In Greenwich Village war
Gerdes Kneipe ein Speiselokal.1957 hatte es der Italoamerikaner Mike Porco
übernommen. Er hielt sich mehr schlecht als recht über Wasser, bis Anfang der
sechziger Jahre die Pleite drohte. Ein Freund riet ihm, mit Livemusik Leben in
die Bude zu bringen. Aus den ersten Talentabenden wurden die sogenannten "Hootenannys".
Als sich damit tatsächlich Leute anlocken ließen, machten es andere Kneipen
nach: Das Gaslight, oder "The Bitter End". Nun gab es bald die ersten
Szene-Stars. Dylan war schon da. Peter Yarrow fand hier Paul and Mary.
Mit zweiundzwanzig hing Phil Ochs sein Studium endgültig an den Nagel. Ihn zog
es ins Folk-Mekka. Hier traf Phil auch Jim wieder. Der hatte sich inzwischen mit
der Sängerin Jean Ray zusammen getan. Für Jim war sie die perfekte
Nachfolgerin von Phil. Nun schrieb Phil Lieder für sie, aber er trat selbst
auch alleine auf. Jim und Phil wurden wieder unzertrennlich. Jean besuchte eine
Schauspielschule. Sie brachte Alice Skinner mit, eine Schulfreundin aus reichem
Hause in Philadelphia, die von einer Karriere am Broadway träumte. Jean sah
ihre Beziehung zu Jim durch Phil bedroht. Deshalb verkuppelte sie Alice mit
Phil. Es war Alice, die die Initiative ergreifen musste.
Phil hatte sich inzwischen in der Szene einen Namen gemacht. Er gehörte jetzt
zum Umfeld des Broadside Magazines, einer Musikzeitschrift für politische
Lieder. Gemeinsam mit anderen pflegte Phil einen neuen Typ des Folkssongs: den
"topical song". Dieser neue Lied-Typus hatte sich aus Anregungen
entwickelt, die Pete Seeger 1961 von einer Englandreise mit nach Hause gebracht
hatte. Phil war einer der wichtigsten neuen "topical-songwriter". Als
Mitarbeiter des Broadside-Magazins lernten sich Phil Ochs und Bob Dylan kennen.
Phil schrieb Lieder, wie andere Leute Einkaufszettel. Aus einem Artikel der
Morgenzeitung machte er bis zum Abend ein Lied. Die einfachen Akkorde G, Em, C,
und D wurden bloß verschieden kombiniert. Die Texte waren journalistisch, wenn
auch gereimt. Seine damaligen Lieder behandelten nur aktuelle Themen. Phil
wollte mit der Wirklichkeit umgehen und nicht phantasieren. Mit "topical-music"
konnte ein Name oder ein Ereignis vor dem Vergessen bewahrt werden. Man konnte
länger daraus Lehren ziehen. Phil hielt sich für einen großen Liederschreiber
und Sänger. Er kam ja auch gut an. Sein Erfolg beim Publikum bestärkte ihn.
Vergessen war Bob Gibsons kluger Ratschlag. Mangelndes Selbstbewusstsein konnte
man Phil nicht nachsagen.
Alice wurde schwanger. Ein Kind war so ziemlich das letzte, was Phil sich jetzt
wünschte. Seine Schwester Sonny drängte ihn, Alice zu heiraten. Dann starb
auch noch sein Vater Jack. Was sollte er bei der Beerdigung? Er hatte ihn doch
kaum gekannt. Schwester Sonny drängte weiter auf eine rasche Entscheidung. Nach
der Beisetzung in Far Rockaway sagte Phil seiner Mutter Gertrude, dass er Alice
heiraten werde. Gertrude verstand es nicht. Schließlich wollte ihr Junge doch
Karriere machen... Dylans Freundin Suze Rotolo war Trauzeugin. Phil traf sich
häufig mit Dylan. Sie spielten sich ihre neuesten Lieder vor. Die Wohnung von
Phil und Alice in der Bleecker Street wurde ein Treffpunkt für Village-Musiker.
Die Tür stand jedem offen. Phil hatte phasenweise abgehoben. Er hielt sich für
den kommenden größten Weltstar, der von seiner ersten LP eine Million Scheiben
verkaufen würde. Dabei hatte er noch nicht mal ‘nen Plattenvertrag. Er war
sicher, jede seiner Langspielplatten würde sich millionenfach verkaufen. Mit
keiner einzigen wurde es wahr. Auf Tournee mussten Groupies den "großen
Star Phil Ochs" erst besoffen machen und ans Händchen nehmen. Alice aber
sah drüber hinweg. Musiker waren eben so. Nüchtern war Phil das Drumherum des
Showgeschäfts auch gar nicht wichtig.
Phil hatte seinen ersten großen Festival-Auftritt beim Newport-Folk-Festival
’63 mit Dylan, Tom Paxton, Peter La Farge, Joan Baez und den Freedom Singers.
Phil war so nervös, dass Pete Seeger ihn für krank hielt und nicht auf die
Bühne lassen wollte. Phil spielte doch und hatte einen großartigen Erfolg.
Nach dem Auftritt brach er zusammen. Pete Seeger wollte jeden Musiker
konstruktiv kritisieren. Er nörgelte über Phils John Birch Society-Song, er
sei besserwisserisch. Aber Seeger schrieb auch, er wünschte sich, er hätte nur
ein Zehntel von Phils Talent als Songschreiber. Das Verhältnis zwischen Ochs
und Seeger war gespannt. Phil hörte nicht auf, Erfolg als Popstar zu suchen.
Seeger aber drängte ihn, "politisch" zu bleiben. Dabei standen gerade
zwei Pete Seeger-Lieder in den Top-Ten... Die Folgen des Newport-Festivals waren
enorm. Plötzlich nahmen die Massenmedien die Folksszene zur Kenntnis.
Rückblickend lag hier die Wurzel für den Trend zur
Singer-Songwriter-Entwicklung in der populären Musik. Die "New York
Times" nannte Ochs damals einen Folksinger, der eine Art musikalischer
Leitartikelschreiber sei, mit schneidender Satire und polarisierender Meinung.
Nun hob Phil ganz ab. Jetzt war er sicher, daß er mit der Familie Ochs verwandt
war, die die "New York Times" gegründet hatte...
Der Fernsehsender ABC hatte mit der Folkmusik-Sendung "Hootenanny"
seine populärste Show. Aber Pete Seeger und The Weavers durften dort nicht
auftreten. Phil Ochs und Tom Paxton bearbeiteten deshalb alle Kollegen,
Auftritte in dieser Sendung abzulehnen. So aber machten sie tatsächlich eine
eigene schwarze Liste auf. Pete Seeger war gegen den Boykott. Er analysierte
politisch: Jeder Auftritt eines kontrovers argumentierenden Künstlers war doch
schon ein Sieg. Die Taktik von Phil und Paxton hielt Seeger für
undiszipliniert. Der "Erfolg" der Aktion: ABC strich die ganze Sendung
aus dem Programm. Nun konnte keiner mehr auftreten. Ein Fehlschlag, den Phil
aber nicht einsah. Er durfte bei zwei verschiedenen Hootenanny-Konzerten spielen
und damit innerhalb einer Woche sowohl in der Carnegie Hall als auch in der Town
Hall auftreten. Darüber war er glücklich.
Während Alice bald ihr Kind bekommen sollte, erhielt Phil von der US-Army den
Einberufungsbescheid. Die Armee wollte unbedingt, dass er zur Musterung
erschien. Phil gab an, er sei krank oder unterwegs. Dann ging er tatsächlich
auf Tournee. Die Army ließ ihn schließlich in Ruhe. Unterdessen bekam Alice
ihre Tochter Meegan. Nach der Tournee waren Ochs und Dylan ständig zusammen.
Manchmal verließ Dylan die Wohnung von Phil und Alice über die Feuerleiter, um
aufdringlichen Fans zu entkommen. Auf Phil wartete niemand, außer Alice und
Meegan. Phil ging auf eine Gewerkschaftstournee zur Unterstützung von
Bergleuten in Kentucky. Ein paar Wochen drauf kam Alice aus dem Waschsalon und
fand Phil weinend am Küchentisch. Es war der 22. November 1963. Das Fernsehen
wiederholte ständig die Todesschüsse von Dallas. Phil hatte John F. Kennedy
geliebt. Der Präsident stand für Bürgerrechte, für Entwicklungshilfe.
Marilyn Monroe hatte für Kennedy gesungen. Ein Sportsmann war er gewesen, ein
Held. Der dreiundzwanzigjährige Phil steckte tief in Depressionen. Gleichwohl
gab er zwei Wochen später ein Konzert im Gaslight. Obwohl der Wirt ihn warnte,
spielte er auch zwei Lieder, die sich kritisch mit Kennedys Politik in Vietnam
und Kuba auseinander setzten. Phil ließ sich auch nicht rausbringen, als einige
Leute protestierten und verlangten, über den Toten nichts Nachteiliges zu
singen.
Auf Phils Betreiben hin erschien eine erste Platte für "Broadside"
mit "topical songs" verschiedener Künstler. Für Phil war das eine
wichtige Sache. Gleichzeitig vernachlässigte er mehr und mehr sein privates
Umfeld: seine Familie, seine Frau, seinen Bruder. Viel lieber mochte er mit
Dylan Karten spielen, oder mit Ed McCurdy, Paxton und anderen Musikern. Dass ein
gutes Lied eine Botschaft näher an die Leute heranbringen kann als hundert
Kundgebungen, darüber waren sich alle politischen Liederschreiber einig. Mit
Dylan stritt Phil sich dauernd über den Stellenwert der Musik. Es war Phil, der
meinte, Lieder mit einer Botschaft sollten auch ganz einfach schön sein, weil
sie dann mehr Leute erreichten. Dylan hielt dagegen Melodien für ganz
unwichtig. Auf die Texte käme es an. Paradox genug wurden nicht die
"schöneren" Songs von Ochs nachgespielt, sondern Dylans Lieder von
Popgruppen gecovert: "Blowing in The Wind" von Peter, Paul and Mary,
"All I Really Want To Do" von Sonny and Cher, "It Ain’t Me Babe"
von den Zombies und der Smash-Hit: "Mr Tambourine Man" von den Byrds.
Natürlich fand auch Phil für seine Lieder andere Interpreten - aber nur
Folkbands oder Folksänger, mit wenig Erfolg. Dylan erkannte schneller als
andere, was sein Publikum hören wollte. Er schwenkte um, wurde weniger
politisch, schrieb verschlüsseltere Texte. Dylan schrieb Lieder, die über den
Bauch populär wurden. Phil dagegen sang weiter für gute Zwecke auf
Kundgebungen. Er glaubte, seine Karriere mit politischen Liedern über den Kopf
erzwingen zu können. Über die Notwendigkeit von "topical songs"
schrieb Ochs: "Lange vor dem Fernsehen und den Massenmedien waren die
Sänger die wandelnden Zeitungen. Neuigkeiten und Geschichten wurden gesungen
verbreitet. Welch Ironie, daß heutzutage, angesichts erzwungener
Gleichschaltung und Angst vor Meinungsvielfalt, nun den Folksängern wieder die
gleiche Rolle zufällt."
Endlich, im Frühjahr 1964, durfte Phil seine erste Langspielplatte aufnehmen.
Electra hatten ihm ein Angebot gemacht. "All The News That’s Fit To
Sing" - "Alle Nachrichten, die sich singen lassen" nannte Phil
die LP. Er wollte eine musikalische Zeitung machen. Der Journalist schlug zu,
mit Liedern über Militarismus und Menschenrechtsverletzungen, mit
Leitartikelinhalten und Agitationstexten. Gleichzeitig gab er jede Menge
Solidaritätskonzerte. Kritiker verglichen Phils Platte mit Dylans
Veröffentlichungen. Mal schmeichelten sie Phil, mal zerrissen sie ihn. Er sei
künstlerisch zu wenig inspiriert, zu emotional, und auch zu geschmacklos. Bei
Phils Jagd nach kommerziellem Erfolg blieb Alice mit ihrer Tochter immer mehr
auf der Strecke. Der vierundzwanzigjährige Phil wusste, dass er ein lausiger
Vater und ein schlechter Ehemann war. Er wollte die Scheidung. Alice war’s
recht. Sie war es leid, sich umsonst zu bemühen. Phils liebte allein sein
Publikum. Oder sich selbst? Anfang 1965 trennten sich Phil und Alice endgültig,
aber ohne formelles Scheidungsurteil. An ihrem letzten gemeinsamen Abend schrieb
Phil eine Liste mit den Namen aller Männern, mit denen Alice auf keinen Fall
ins Bett gehen sollte. Alice nahm sie - und bemühte sich, auch ja keinen
auszulassen. Noch am selben Abend begann sie, die Liste
"abzuarbeiten".
1965 wurde der Kampf um die Bürgerrechte überlagert vom Protest gegen den
Vietnamkrieg. Unter dem Codenamen "Rolling Thunder" wurde Nordvietnam
täglich von amerikanischen Kampfflugzeugen bombardiert. Aber der Widerstand
gegen den Vietnamkrieg fand in der Öffentlichkeit nicht soviel Unterstützung
wie vorher der Kampf um mehr Bürgerrechte. Hielt man früher die Protestierer
noch für Helden, sah man in den neuen Demonstranten nun Verräter. Verräter
aber hatten nichts in der Hitparade zu suchen. Auf der Hülle seiner zweiten LP
"I Ain’t Marching Anymore" legte Ochs die Karten auf den Tisch. Er
zitierte eine Frage, die ihm angeblich oft gestellte wurde, nämlich ob er
wirklich an das glaube, was er sänge. Als Antwort schrieb er nun: "Nein,
zum Teufel, aber das Geld ist nicht schlecht..." Kritiker schossen sich auf
Phils Lieder ein. Sie analysierte die Texte als gereimtes Geschreibsel, wie es
sich jeder Nörgler zusammenschmieren könne. Die Inhalte seien pure Heuchelei.
Betroffen aufheulen könne schließlich jeder... Phils Erfolg fange da an, wo der
gute Geschmack genauso aufhöre wie die Intelligenz und die Sensibilität des
Publikums. Phil polarisierte Publikum und Kritiker. Bob Gibsons Warnung vor zu
einseitiger thematischer Festlegung war tatsächlich in den Wind geredet.
Als gefragter und bereitwilliger Kundgebungssänger geriet Phil in die
amerikanische linke Studentenbewegung. Einer ihrer Wortführer war Jerry Rubin.
Er und Phil ergänzten sich. Phil wartete mit Gitarre neben dem Rednermikrofon.
Immer wenn Sprecher zu trocken und theoretisch wurden, sollte Phil mit Liedern
auflockern. Natürlich machte sich Ochs den Protest der Studenten zu eigen -
egal, gegen was. Phil hatte nur noch seine Gitarre dabei und zog von einer
Kundgebung, von einer Demonstration zur nächsten. Bei Konzerten wurden seine
Ansagen zwischen den Liedern immer länger. Er wollte von seinen Erfahrungen aus
der Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung berichten. Nicht jeder mochte sich
damit anfreunden. Vielen galt Phil inzwischen längst als Kommunist.
Bemerkenswert war, dass Joan Baez mit einem Ochs-Lied bis auf Platz 13 in der
englischen Hitparade kam: mit "There But For Fortune". Phil träumte
von einem Lied, das als Volkslied in die mündliche Überlieferung eingehen
könnte. Mit "There But For Fortune" ist es ihm fast gelungen. Viele
kennen es - aber kaum einer weiß, dass es Phil Ochs geschrieben hat.
Phil kam der Erfolg nicht schnell genug. Er hatte immer noch denselben Manager
wie Dylan, nämlich Albert B. Grossmann. Dieser meinte, die Zeit sei noch nicht
reif, um für ein Solokonzert von Phil eine große Halle zu mieten. Phil fühlte
sich von Grossmann gegenüber Dylan vernachlässigt und suchte sich einen
anderen Manager. Er wollte ihn nicht länger mit Dylan teilen. Phil überredete
einen im Musikgeschäft völlig unerfahrenen Freund namens Arthur Gorson, das
Management zu übernehmen. Arthur hatte bis dahin nur politische Demonstrationen
organisiert. Tatsächlich fand sich kein Veranstalter, der das Risiko tragen
wollte, für ein abendfüllendes Konzert mit Phil eine große Halle zu buchen.
Kurzerhand machten Phil und Arthur selbst gemeinsam mit der Carnegie Hall einen
Vertrag. An eine genaue Berechnung aller Kosten dachte keiner von ihnen. Sie
wollten nur das Haus voll kriegen. Der Preis jedenfalls sollte niemanden
abhalten. Zur Vorbereitung hatten sie ein halbes Jahr.
Phil und Arthur nahmen sich viel vor. Sie gründeten einen eigenen Musikverlag
für Phils Lieder. In Kanada, dem Exil vieler Vietnamkriegs-Deserteure, wurde
Phil bei Konzerten bejubelt. Eine Einladung, als Künstler wieder in Newport
dabei zu sein, erhielt er aber nicht. Gleichwohl war er als Zuschauer dabei. Er
war Zeuge, als Dylan vor den buhenden Folkpuristen seinen historischen Auftritt
hatte und mit E-Gitarre der Folk- und der Rockmusik eine neue Richtung wies. Die
puristischen Folkies ließ er führungslos zurück. Dylan galt bis dahin als
unbestrittener König des Protestsongs, und Ochs war als sein Thronfolger
akzeptiert. Und was passierte jetzt? Dylan trat ab - und nahm den Thron mit.
Ochs wollte sich nicht mal als Rächer der Enterbten zur Verfügung stellen.
Ochs war sauer - aber nur, weil er keine Einladung nach Newport erhalten hatte.
Ehe der Herbst kam, wurden die Folksänger in den Clubs von Greenwich Village
nach und nach von Rock’n Roll Bands verdrängt. Dylans Einfluss war riesig.
Mit seinem Griff zur elektrischen Gitarre hatte Dylan die Karrieren von
Dutzenden Möchtegern-Sprachrohren seiner Generation gekappt.
Im Herbst fand in der Carnegie Hall eine Kundgebung gegen den Vietnamkrieg
statt. Alle Protestsänger waren dabei, auch Dylan. Der wollte allerdings vor
allem für seine neueste Single "Sooner or Later" gelobt werden
wollte, gerade von Ochs. Phil aber gefiel das Lied nicht. Dylan zog schmollend
ab und war nachtragend. Kurz danach, als sie nach einer Kneipentour durchs
Viertel gemeinsam ein Taxi genommen hatten, schmiss Dylan Phil irgendwo am
Straßenrand raus. Dylan dämpfte Phils Höhenflüge mit der Bemerkung: "Du
bist ja gar kein Künstler. Du bist bloß ein Journalist." Der Hieb saß.
Dabei gab Phil doch soviel darum, als Künstler anerkannt zu werden. Aber bis
dahin hatte er tatsächlich nur politische Lieder geschrieben, und keine, die
tiefste innere Gefühle ausdrückten.
Phil trug schwer an Dylans Vorwurf. Ob er auch an Dylans "künstlerischer" Reaktion auf das gestörte Verhältnis zu seinem "Sangesbruder" und Konkurrenten Ochs zu knabbern hatte? Der Nachfolgehit von Dylan auf "Like a Rolling Stone" war "Positively 4th Street", ein Lied mit einem Text, der sich im gemeinster und bösartigster Weise mit einer Person befasst, von der man sich verletzt wähnt. Oft wurde vermutet, dies sei auf irgendeine verflossene Freundin von Dylan gemünzt gewesen - mitnichten: Das Lied ist an Phil Ochs gerichtet. Joni Mitchell meine später mal, nach der Veröffentlichung dieses Liedes sei ihr klar geworden, dass man über alles singen könne...
In
einem Artikel für "Broadside" meinte Phil Ochs, man könne als Dichter doch
auch im Rahmen des sozialen Realismus wachsen. Kunst könne sich doch auch auf
diese Weise entwickeln. Eine Stilrichtung schlösse die andere doch nicht aus.
Das klang trotzig hilflos selbstbewusst. Als er sein erstes, abstraktes
lyrisches Lied ohne politische Botschaft und konkreten Anlass geschrieben hatte,
war er sehr stolz. Er glaubte selbst, dass er kein schönes Lied mehr werde
schreiben können. Von "Changes" erhoffte er sich den großen
Durchbruch. Er verglich es mit "Yesterday" von den Beatles, stellte
sich auch ein Arrangement mit Streichern vor, wünschte sich damit einen
ähnlichen Erfolg. Immerhin wurde "Changes" im Laufe der Jahre von
mehr als 30 Interpreten nachgesungen.
Phils Carnegie-Konzert am 7. Januar 1966 war Wochen vorher ausverkauft. Allein
diese Feststellung reichte Phil nicht. Mit quergekleisterten Hinweisen über den
Plakaten ließ er jedermann von diesem Triumph wissen. Am Abend des Konzertes,
Stunden vor dem so heiß ersehnten Auftritt, sah es so aus, als würde er seine
Stimme verlieren. Vom hellen Klang schien nur noch ein heiseres Krächzen
geblieben. Es gelang Phil trotzdem, schön zu singen. In der Liederfolge sprang
er gewissermaßen von Schlagzeile zu Schlagzeile - aber nicht nur. Mit "Changes"
gab es auch die fällige künstlerische Offenbarung und schließlich auch eine
philosophische. "When I’m Gone" war ein Lied nicht über leben und
leben lassen, sondern über DAS Leben. Es war eine Betrachtung darüber,
"was ist, wenn ich erst nicht mehr bin..." Der Auftritt war
rückblickend in mancher Hinsicht Phils letztes Konzert als singender
Journalist. Es war die letzte Ausgabe einer von Phil herausgegebenen gesungenen
Zeitung. Natürlich griff er auch weiter politische oder soziale Themen auf.
Aber nun verarbeitete er sie gleichzeitig persönlicher und abstrakter. Seine
Texte wurden verschlüsselter. Dylans Einfluss konnte sich auch Phil nicht
entziehen. Die Abkehr Dylans vom Protestsong hatte einer ganzen Stilrichtung den
Todesstoß versetzt. Auch Phil Ochs, der fünfundzwanzigjährige singende
Journalist, wurde nun hingerichtet - im Namen des Rock’n Roll.
Phils dritte Langspielplatte, die im Frühjahr 1966 erschien, hörte sich so an,
als wäre es wirklich der behauptete Konzertmitschnitt des Carnegie-Auftritts.
Aber das war gemogelt. Die tatsächlichen Aufnahmen waren kaum zu gebrauchen.
Deshalb wiederholte Phil das Konzert in Boston. Aber auch dort gab es reichlich
Patzer. Der größte Teil der Aufnahmen wurde schließlich ohne Publikum
gemacht. Gegenüber der Carnegie Hall stand die billigste Halle mit gescheiter
Akustik, die zu finden war. Fast alle Lieder wurden dort neu aufgenommen und die
Publikumsreaktionen hineingemischt. So entstand vermutlich eine der
künstlichsten Live-Platten, die je auf den Markt kam. "Phil Ochs in
Concert" erreichte Platz 150 in der Billboard-Hitliste der
Langspielplatten. Das war deshalb bemerkenswert, weil man keine Single
ausgekoppelt hatte. Thematisch wollte Ochs mit den Liedern von "in
Concert" die Verlogenheit Amerikas und der amerikanischen Politik darlegen.
Auf der Plattenhülle ließ er Gedichte von Mao Tse-Tung abdrucken und fragte
ketzerisch: "Ist das der Feind?"
Arthur Gorson übernahm nicht nur Phils Management, sondern auch das einer
ganzen Reihe Folksänger. Fünfzehn Prozent der Gagen gingen an Gorson, der das
Geld umgehend ins Büro steckte. Gorson bot den Konzertveranstaltern zu
niedrigem Preis ganze Gruppen von Künstlern an. So wollte er ein neues Publikum
erschließen. Und Phil gab ein Konzert nach dem anderen. Deshalb musste er das
Managementbüro Arthur überlassen. In Phils Abwesenheit brach Arthur eine
eherne Regel des Geschäftslebens: Er fing ein Verhältnis mit seiner engsten
Mitarbeiterin an. Die Folge war, dass sie all ihre Spannungen und Probleme mit
ins Büro brachten. Phil ärgerte sich. Er erwartete, dass Arthur sich mehr auf
seine Arbeit konzentrierte, auf den Erfolg der Ochs’schen Karriere. Um sie
voran zu bringen, reisten Phil und Arthur nach England. Phil wollte die Beatles
kennen lernen. Er wurde John Lennon vorgestellt - aber man hatte sich nichts zu
sagen. Phil war nun mehr daran interessiert, eine alte Beziehungskiste mit einer
Australierin zu klären. Die aber weigerte sich, ihn reinzulassen. Wütend
demolierte Phil das Hotelzimmer. Er flog raus und erhielt den Rat, sich nie
wieder blicken zu lassen.
In England schrieb Phil sein, wie er meinte, bestes Lied. "Crucifixion".
Es war ein verschlüsseltes, überlanges Opus über Kennedy, aber auch über
Christus, ohne dass es religiös war. Es ließ Phils Vorliebe für die Nacht
erkennen, für den letzten Trip. Es handelte von der Faszination des Todes.
Vielleicht gelang Phil damit der Beweis tatsächlicher künstlerischer Größe.
Zurück in New York gab er ein weiteres Konzert in der Carnegie Hall. Dort
spielt er "Crucifixion" dann zum ersten Mal vor Publikum. Die Leute
waren überwältigt. Sie wollten eine Zugabe nach der anderen. Phil gab ihnen
alles. Als Gegenleistung erwartete er nur ihre Liebe - in Form eines Hits. Er
wollte es erzwingen. Arthur Gorson wollte unterdessen das große Geschäft mit
einem ungewöhnlichen Konzert machen. In der Carnegie Hall ließ er
Kompositionen der Beatles im Stil der Barockmusik spielen. Es wurde ein Flop.
Als sich eine unbekannte kanadische Sängerin von Arthur managen lassen will,
ist Phil dagegen. Man ließ sie laufen. Sie hieß Joni Mitchell.
Im Herbst 1966 bot sich Phil die Chance einer neuen Englandtournee. Doch ist sie
bald wieder in Frage gestellt, weil Phil auf seiner ersten Reise offene
Rechnungen hinterlassen hatte. Er soll erst noch für das demolierte Hotelzimmer
zahlen. Steuerschulden von den Konzerten in England hat er auch noch. Es wird
alles beglichen - aber in der Tournee ist von Anfang an der Wurm drin: Es gibt
Missverständnisse über Termine, Durcheinander beim Transport und Probleme mit
den Hotelbuchungen. Aus kleinem Ärger wird großer. Phil verliert eine
Kontaktlinse. Es finden sich partout keine englischen Popgruppen, die
Ochs-Lieder covern wollen. Crispian St.Peters, der mit "The Pied
Piper" einen Hit hatte, bringt eine eigene Fassung von "Changes"
heraus, die sogar in die Top Twenty kommt. Aber alles in allem bleibt für Phil
der große Durchbruch aus. Zurück in New York beklagt sich Ochs bei Arthur
darüber, dass sich keine Fernseh-Auftritte managen lassen. Arthur versucht Phil
daran zu erinnern, dass seit der Hootenanny-Konfrontation mit ABC kein einziger
Folk-Sänger mehr im Fernsehen war. Aber Arthur hat sowieso die Nase voll. Er
will nicht mehr ständig hören müssen, dass er ohne Phil eigentlich ein
Niemand wäre. Sie entscheiden sich für eine Trennung.
Mit sechsundzwanzig Jahren steht Phil wieder ohne Manager da. Er meldet sich bei
seinem Bruder Michael und verspricht ihm, dass er sich wirklich geändert habe.
Phil überredet Michael, für ihn das Management zu übernehmen. Mit dem
Jahresbeginn 1967 beginnt die neue Partnerschaft. Phils erste Forderung an
seinen neuen Manager: "Besorg mir ‘ne Frau und ‘ne Wohnung."
Michael gelingt beides. Die Frau heißt Karen. Phil kann sie nicht leiden. Eine
Woche später ziehen sie zusammen. Michael vereinbart das erste Konzert und
denkt an alles, nur nicht an den Reiseweg. Als es ihnen auffällt, ist es fast
schon zu spät. Phil soll nun hinfliegen, aber er hat Angst. Er fürchtet ein
Schicksal wie Buddy Holly. Schließlich kann Michael ihn doch überzeugen, auch
zum Rückflug. Ein vielversprechender Anfang. Michael hat ein Ziel: Phil zum
Star zu machen. Sein erster wichtiger Schritt dahin: ein Wechsel der
Plattenfirma. Bei Elektra gab’s keine Zukunft mehr. Außerdem waren die
Vertragsvorstellungen zu weit auseinander. Von seinen drei Langspielplatten
hatte Phil insgesamt rund zweiundvierzigtausend verkauft - kein großes
Geschäft. Davon waren 35 Prozent allein in New York über den Ladentisch
gegangen. Sein zweitgrößter Markt war in Kanada. In San Francisco, das
inzwischen zum Zentrum der Studenten- und "love and peace"-Bewegung
geworden war, hatte er wenig Umsatz. In Kalifornien kannte ihn kaum jemand. Für
Phil war klar: Seine Plattenverkäufe waren nur dort gut, wo er aufgetreten war.
Und dabei hatte ihm Elektra wenig geholfen. Man trennte sich.
Am liebsten wollte Phil zu Columbia. Dort war Dylan unter Vertrag. Oder zu
Warner Brothers, wegen der Verbindung zum Film. Die Verhandlungen scheiterten,
weil Phil überzogene Forderungen stellte. Schließlich kam er in Kalifornien
bei A&M unter. Immerhin durfte er die Verlagsrechte an seinen Liedern
behalten. Man nahm eine Werbetour quer durchs Land in Angriff. Phils
Solidaritätsauftritte bei politischen Kundgebungen wurden nun seltener und von
Michael sorgfältig ausgesucht. Dass Phil nur als Kundgebungsredner auf die
Bühne ging, lehnte Michael ab. Politische Auftritte sollten nicht mehr die
Geschäftsinteressen beeinträchtigen. Auf irgendeiner Party in New York lief
Phil der junge Brite Andy Wickham übern Weg. Er hatte schon von Phil gehört
und ihn gesucht. Er wollte ihn vor allem auf die Schippe nehmen. Wieso beide
einen Draht zueinander fanden, blieb rätselhaft. Wickham war ein Spötter und
Zyniker, dürr und klapprig, mit Kettchen behängt. Phil ließ sich inzwischen
äußerlich gehen. Er hatte Übergewicht, abgewetzte Kleider, schmieriges Haar,
meistens dreckige Finger und eine nuschelige Aussprache. Wickham war zwar ein
Linker, aber er glaubte nicht an den Sinn von Protestsongs. Nächtelang
diskutierte er mit Phil.
Im Verlaufe des Jahres 1967 ist dann irgendwann der New Yorker Folk-Pop
gestorben. Die Musik spielte jetzt in Kalifornien. Los Angeles war neben San
Francisco das neue Zentrum der Szene. Phil war nun häufiger in LA. Er bereitete
sein neues Album "Pleasures Of The Harbor" vor. In Los Angeles hatte
er die Idee für eine Demonstration. Sie sollte unter dem Motto "Der Krieg
ist aus" stehen. Phil schrieb ein überlanges neues Lied dazu. Im Juni 67
trafen sich die Demonstranten in Los Angeles. Noch ehe die Kundgebung richtig
losging, löste die Polizei sie gewaltsam auf. Phil hatte die Anmeldung
vergessen.
Mit seiner vierten LP "Pleasures Of The Harbor" wollte Phil ein ganz
neues Publikum erreichen. Aber seine musikalische Fähigkeiten waren begrenzt.
Die Abfolge von Strophe -Refrain - Strophe - Refrain bot wenig
Abwechslungsmöglichkeiten. Phil war von vielen Leuten angesprochen worden, die
entweder seine Musik, oder seine Texte nicht mochten. Nun wollte Phil
experimentieren. Das lag im Trend der Zeit. Der Produzent Larry Marks tat sein
Bestes. Heraus kamen gesungene Gedichte mit komplizierter instrumentaler
Begleitung. Dabei hatte Marks keine Ahnung, wohin Phil musikalisch eigentlich
wollte. Phil wollte einen Hit, doch die Arrangements entsprachen kaum dem
breiten Publikumsgeschmack. Auf "Pleasures" wurden fast klassische,
kammermusikalische Stilmittel mit Folk- und Popeinflüssen verbunden. Vielleicht
war es Trotz, dass Phil auf Elemente der Rockmusik verzichtete. Als
Liederschreiber hatte Phil in den dramaturgischen Fähigkeiten seinen Höhepunkt
erreicht. Er war kein "topical songwriter" mehr. Er schrieb nicht
länger mit dem Griffel des Reporters. Nun sah er mit den Augen eines Dichters.
Er war kein ungeduldiger Heißsporn mehr, sondern ein Beobachter mit der
Fähigkeit zur Selbsterkenntnis. Über seine Lieder schrieb Phil: "Früher
hab ich geradeheraus journalistisch über bestimmte Ereignisse gesungen. Jetzt
sing ich mehr darüber, was hinter den Kulissen passiert." Er wollte aus
der Zwangsjacke der inzwischen traditionellen "topical songs"
ausbrechen und zu intensiven persönlichen politischen Liedern finden. Den
Dauerprotestierern antwortete er: "In einer hässlichen und brutalen Welt
wie der unseren liegt der wahre Protest in Zärtlichkeit und Schönheit."
Nach den Studioaufnahmen flog Phil zurück nach New York. Ein weiteres Konzert
in der Carnegie Hall verlief zunächst überwältigend. Gegen Ende wandte sich
Phil an seine linken Freunde. Er witzelte über ihre Kritik daran, dass er nun
ins Showgeschäft eingestiegen sei. Phil bat die linken Aktivisten Abbie Hoffman
und Jerry Rubin auf die Bühne. Er wollte sie für ihre Demonstrationen beim
Parteitag der Demokraten in Chicago werben lassen. Rubin fing ganz sachlich an,
als Hoffman das Mikrofon an sich riss und "Fuck Johnson, fuck Robert
Kennedy" hineinschrie. Phil war schockiert und das Publikum erbost. Die
Verwaltung der Carnegie Hall schaltete Licht und Mikros aus und erst wieder ein,
als Rubin und Hoffmann die Bühne verlassen hatten. Phil sagte nur noch
"Gute Nacht" und verließ die Bühne.
"Pleasures Of The Harbor" verkaufte sich längst nicht so gut, wie
Ochs sich erhofft hatte. Trotzdem war es von den Verkaufszahlen die
erfolgreichste Platte. Rundfunkstationen boykottierten das kommerziellste Lied
"Outside of a Small Circle of Friends". Sie hielten es für eine
Aufforderung zum Haschischrauchen. Ein Missverständnis, denn Phil hatte
regelrecht Angst vor Drogen. Abgesehen davon lehnte er sie auch politisch ab. Er
meinte, daß Drogen die politische Linke schwächten. Das Kritikerecho auf
"Pleasures" war verhalten. Das Broadside-Magazine im fernen New York
trauerte dem alten Protest-Ochs nach. Man nahm ihm die verzweifelte Suche nach
kommerziellem Erfolg übel. Phils schriftliche Erklärungsversuche fruchteten
nichts. "Broadside" war beleidigt und warf Ochs vor, er habe den
"topical song" verraten. Dabei stand Phil nach wie vor mitten im
politischen Protest. Im November 67 wollte er die "Krieg ist
aus-Demonstration" in New York wiederholen. Die organisatorischen
Vorbereitungen und die Werbung übernahm er diesmal nicht selbst. Er beauftragte
er eine kommerzielle Werbeagentur. Diesmal verlief auch alles friedlich. Phil
erklärte den Krieg für beendet. Es war eine große Demonstration gegen die
amerikanische Vietnam-Politik. Der Krieg hatte seinen Höhepunkt längst noch
nicht erreicht.
Mit siebenundzwanzig gehörte Phil nun enger zur radikalen Studentenszene. Die
"Yippies" wollten mit ihren Aktionen den Parteitag der Demokraten
aufmischen. Während die Planungen liefen, bereitete der Bruder-Manager Michael
ein Konzert in Los Angeles vor. Phil bestand darauf, als Veranstaltungsort das
beste Haus am Ort zu mieten. Trotz großen Werbeaufwandes blieb der Konzertsaal
zu drei Viertel leer. Dadurch irritiert, war Phil agitatorischer als sonst. Er
vergaß Texte, brach Lieder ab. Es war ein schlechtes Konzert. Das deprimierte
ihn. Phil rief Wickham an, und der nahm sich vor, ihn aufzumuntern. Alkohol mag
manchmal helfen. Er kann viel bewirken. Phil war mittlerweile landesweit in der
Anti-Vietnamkriegs-Szene als Aktivist bekannt. Ebenso kannte man ihn als
Streiter für die Bürgerrechte der farbigen Amerikaner. 1968 war wieder mal ein
Wahljahr. Für Phil sollte es ein Schlüsseljahr werden. Er sang zur
Unterstützung von progressiven Kandidaten. In New York trat er beispielsweise
für Kongressabgeordnete auf, die den Vietnamkrieg ablehnten und um ihre
Wiederwahl fürchteten. Phil war auf einer Bühne mit Barbra Streisand, Leonard
Bernstein, Paul Newman und Harry Belafonte. Sein Manager-Bruder Michael war
glücklich: Endlich wurde Phil vom Establishment akzeptiert. Endlich der
Durchbruch. Die Brüder hielten es für Phils größten Erfolg seit Jahren. So
lange hatte Phil darauf gewartet. Aber sein kommerzieller Ehrgeiz war längst
noch nicht gestillt. Mochten ihn die alten Polit-Folkies verdammen. Er schrieb
nicht mehr für Broadside. Die harsche Kritik hatte ihn verärgert. Und dann
überging man ihn auch noch, als die Liste der Teilnehmer am Woody Guthrie
Gedächtniskonzert zusammengestellt wurde. Es tat ihm weh, dass man ihn nicht
gefragt hatte. Er verstand es auch nicht. Er hatte doch wahrlich mit Guthries
Musik mehr zu tun, als ein Richie Havens...
Michael drängte Phil, ganz nach Los Angeles zu ziehen. Hier war jetzt eindeutig
das Zentrum der Musikszene. Nach anfänglichem Sträuben war Phil bereit. Die
ganze New Yorker Folkszene löste sich sowieso auf. Jerry Rubin übernahm Phils
Wohnung. Für den Übergang kamen Phil und Karen in Kalifornien bei Jim und Jean
unter. Die waren längst an der Westküste. Nach einer Weile zogen Phil und
Karen zu Andy Wickham und dessen Freundin Francis. In LA wurde klar, dass Phil
kein Mann für eine gleichberechtigte Partnerschaft mit einer Frau war.
"Seine" Frau hatte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit auf ihn zu richten.
Traditionelles Familienleben kannte er von früher zur Genüge. Er hatte es
schon in seiner gescheiterten Ehe abgelehnt. Phil war nicht anders als die
meisten amerikanischen Durchschnittsmänner. Auch er hielt sich für den
Mittelpunkt des Haushalts. Er dachte wie die amerikanischen Veteranen des
zweiten Weltkrieges, die sich plötzlich von ihren friedensbewegten Kindern
abgelehnt sahen. Die Wut dieser Männer verstand er nur zu gut. In der Ehe sah
Phil nur eine Falle. Er war froh, dass er mit Alice vereinbart hatte, auf eine
förmliche Scheidung zu verzichten. So konnte er gar nicht erst wieder an die
Kette geraten. Karen musste sich damit abfinden - oder gehen.
Bei seinen Konzerten machte Phil nun zwischen den Liedern Agitation. Er wollte
Leute für die Proteste beim Parteikonvent der Demokraten in Chicago
mobilisieren. Gleichzeitig unterstützte er Eugene McCarthy und dessen Bewerbung
um die Kandidatur für die Demokraten. Trotz aller Vorbehalte seiner linken
Freunde glaubte Phil, Eugene McCarthy könnte mit seinem Charisma das
zerstrittene linke Lager zusammen bringen. Andere Freunde warnten ihn, weder auf
den Verlierer McCarthy zu setzen, noch sich den radikalen "Yippies"
anzuschließen. Es war vergeblich. Michael bemühte sich, Phil im Fernsehen
unterzubringen - genauso erfolglos. Ein Filmprojekt wurde Phil vorgeschlagen. Er
sollte einen Rock’n Roll-Star spielen, der amerikanischer Präsident wird.
Phil las das Drehbuch und lehnte es ab. Er meinte, die amerikanische Jugend
wäre zu armselig dargestellt. Michael war verärgert, aber Phil war sicher, der
Film würde ein Flop. Er wurde dennoch gedreht: "Wild in the Streets",
mit Chris Jones als Hauptdarsteller. Es war laut "New York Times"
einer der zehn erfolgreichsten Filme des Jahres 1968.
Der Präsidentschaftswahlkampf wurde hitziger. Robert Kennedy hatte seine
Bewerbung angemeldet. Phil begann zu grübeln. Er nahm sich vor, Kennedy zu
unterstützen, falls dieser McCarthy bei den Vorwahlen in Kalifornien schlagen
sollte. Vor dem Fernseher verfolgte Phil die Auszählung der Stimmen. Auf dem
Bildschirm sah er auch die Ermordung Robert Kennedys. Er weinte die ganze Nacht.
Die Plattenfirma drängte Phil, wieder ins Studio zu gehen. Wo er ging und
stand, hatte Phil Lieder geschrieben. Er hatte mehr als genug. In ihrer
Zusammenstellung waren es Kommentare zum geistigen Verfall Amerikas. Die
Aufnahmen dauerten eine Woche. Immer noch depressiv nach dem Mord an Robert
Kennedy hatte Phil es eilig. Er wollte dem alten Amerika für eine Weile den
Rücken kehren. Michael sollte eine Tournee durch Europa vereinbaren. In der
Zeit konnte die LP "Tape From California" abgemischt werden. Der
Titelsong deutete an, wie Phil den Zustand der Welt sah und in welcher
psychischen Verfassung er selbst war: ein Musiker mit "Schatten auf der
Seele". Gleich am Tag nach Abschluss der Studioaufnahmen flogen Phil und
Michael nach Europa. Drei Wochen waren sie auf dem alten Kontinent. Sie kamen
auch nach Deutschland zum Pfingst-Festival auf der Burg Waldeck im Hunsrück.
Von interessierten Kreisen wurde Phil begeistert gefeiert. In der Szene fand er
ein gutes Presseecho. Phil und Michael hatten viele Begegnungen mit
verschiedenen radikalen Gruppen. Auch in Europa gab es unruhige Studenten. Die
radikalen Bewegungen in Deutschland und Frankreich beeindruckten Phil sehr. Als
Karen sie bei ihrer Rückkehr nicht vom Flughafen abholte, schäumte Phil vor
Wut. Er rief sie gleich an und riet ihr, besser sofort zu verschwinden, ehe er
sie umbrächte. Als er heim kam, war sie weg.
Seit Robert Kennedys Tod hatte Phil sein Engagement für McCarthy verdoppelt.
Für Phil war McCarthy nun die einzige Hoffnung, die Amerika blieb. In dieser
Zeit hatten viele den Eindruck, Phil und Jerry Rubin wären die besten Freunde.
Dabei verstanden sie sich eigentlich nur auf der Basis politischen Protestes.
Die Freundschaft war mehr symbolisch nachempfunden: Phil war der "Che
Guevara" von "Castro" Rubin. Weil Rubin dafür sorgte, wurde Phil
von den radikalen Studenten akzeptiert. Phil teilte dafür seine literarische
Bühne mit Rubin. So ergänzten sie sich. Rubin stand für den politischen
Ostküsten-Phil, während Andy Wickham der Partner für den privaten
Westküsten-Phil war. Rubin war vom Wunsch besessen, Phils "bester
Freund" zu sein. Er wollte ihn an synthetische Drogen heranführen, sein
Bewusstsein erweitern. Phil weigerte sich. Rubins ersten Entwurf seines Buches
"Do it" las Phil mit offensichtlicher Gleichgültigkeit. Rubin schrieb
daraufhin das ganze Buch um. Es wurde das Szenebuch der "Yippies"
schlechthin.
Dann kamen die Ereignisse von Chicago, die das Jahr 1968 für Phil zum
Schicksalsjahr machen sollten. Das Szenario war ganz simpel: Alles schien
möglich und durchsetzbar. 1962 hatte es an den Universitäten angefangen. Dort
konnte die Redefreiheit erkämpft werden. 1963 wurden mit dem Marsch auf
Washington Bürgerrechte für die afrikastämmigen Amerikaner durchgesetzt, die
damals noch unbedenklich "Schwarze" genannt werden konnten. Von "political
correctness war noch keine Rede. 1964 kam der bürgerliche Protest gegen den
Vietnamkrieg, 1965 die Forderung nach Freigabe weicher Drogen und die
Verharmlosung synthetischer Rauschmittel. Timothy Leary warb offen für LSD.
(Erst später verschwand er im Untergrund.) 1966 gab es dann die Black Panther
und der vereinte Widerstand gegen Johnson und seinen Krieg in Vietnam, 1967
"flower power" und die Kritik der Studenten am amerikanischen
Imperialismus. All das wurde von den "Yippie"-Aktivisten als
Abschnitte einer Kette im Kampf um größere Freiheitsrechte verstanden. Nach
Chicago reisten sie mit der Überzeugung, dass sie gar nichts Falsches tun
konnten. Ihre Feinde waren die Politiker. Die Demonstranten in Chicago waren
überzeugt, dass sie für Amerikas Wohl auf die Straße gingen. Sie rechneten
bestenfalls mit "ein bisschen Gewalt". Es wurde ein bisschen mehr. Aus
dem Wind entwickelte sich ein Hurrikan, und der Freiheitsduft der "flower
power" verwandelte sich in Tränengas. Die friedlichen sechziger Jahre mit
"love and peace" waren in den USA schon wieder ein für allemal
vorbei. Sie wurden gewaltsam beendet von der Demokratischen Partei und ihrem
neuen Führer Hubert Humphrey. Und während auf den Straßen die Gewalt
eskalierte, besah sich Phil Ochs in seinem Hotelzimmer alles am Bildschirm.
Am nächsten Tag teilten sich die Aktivisten in Kleingruppen auf. Es ging darum,
ein lebendes Schwein zu besorgen. Man wollte eine echte Sau zum
Präsidentschaftskandidaten küren. Phil und Rubin mieteten einen kleinen
Lastwagen. Sie fanden ein Schwein und kauften es - während Abbie Hoffmann und
seine Gruppe ihres einfach klauten. Nominiert wurde Phils Schwein, weil es
fetter war. Die Polizei nahm alle Aktivisten fest. Es gab ein Gesetz, gegen das
sie verstoßen hatten. Wer lebendes Vieh in die Stadt bringen wollte, brauchte
eine Erlaubnis, hieß es. Schon am Abend waren alle gegen Kaution wieder frei.
Phil versuchte, junge Polizisten von den Zielen der "Yippies" zu
überzeugen - bis ihm ein junger Polizist erwiderte, seine Freundin habe früher
mal alle Platten von Phil gekauft, und auch er habe sie gern gehört, aber nun
sei er die längste Zeit ein Ochs-Fan gewesen. Phil war wie vor den Kopf
gestoßen. Er war doch so sicher gewesen, dass er recht hatte. Gleich am
nächsten Tag reiste er ab. Er fuhr auf ein Festival. Aber nicht nur bei dem
alten Fan aus den Reihen der Polizei kam er nicht mehr an. Auch bei normalen
Folkfestivals fand er als politischer Agitator nicht soviel Beifall wie früher
der Protestsänger Ochs. Sogar die alten Lieder wirkten nicht mehr. Während
Phil im Sommer 1968 auf der Straße den Revolutionär gespielt hatte, waren
seine alten Kollegen aus der Folkszene wie Dave Van Ronk oder Pete Seeger zu den
Folkfestivals gefahren, um für ihre Lieder Beifall zu erhalten. Mit
achtundzwanzig Jahren begann Phil ernsthaft am Sinn seines politischen
Engagements zu zweifeln. Dabei hatte er doch nur eines versucht: In der
Arbeiterklasse anerkannt zu werden.
Der Orpheus mit dem Januskopf
Phil Ochs und sein Überlebenskampf als politischer Sänger mit Karriereträumen
Teil 2: Abstieg im Showgeschäft und Ausstieg aus der Szene
Phil Ochs ist inzwischen fast 28 Jahre alt. Er hat fünf Langspielplatten auf dem Markt und gilt als der politischste der amerikanischen "singer-songwriter". Er hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, eine Tochter, und einen rührigen Bruder, der sich um das Management kümmert. Phil verdient nicht schlecht. Aber er hat den Traum von der ganz großen Karriere. Er will es wie Dylan schaffen, ein Weltstar zu werden. Als Dylans legitimen Nachfolger hat er sich ohnehin immer gesehen. Seine "journalistische" Phase als "topical songwriter" glaubt er hinter sich. Er hat künstlerischen Ehrgeiz. Aber er hat auch seinen Teil dazu beitragen wollen, dass die USA ein progressives Land werden. Er hat sich der linken Studentenbewegung, den "Yippies" angeschlossen. Als beim Parteikonvent der Demokraten 1968 in Chicago der Protest auf der Straße eskaliert, ist Phil Ochs dabei. Die "Yippies" küren ein Schwein zum Präsidentschaftskandidaten, ein Schwein, das Phil Ochs gekauft hat. Aber er muss erleben, dass früheren Fans sich von ihm abwenden. Phil stößt sie mit seinem politischen Aktionismus vor den Kopf. Er merkt es, und reagiert betroffen. Damit hat er nicht gerechnet.
Völlig niedergeschlagen kam Phil nach LA zurück. Er begann, herumzuspinnen. Er
malte sich seinen eigenen Tod aus und was danach mit ihm passieren sollte.
Verbrannt wollte er werden, und seine Asche sollte in Schottland der Wind
bekommen. Wickham musste es ihm versprechen. Phil war sicher, dass ihn seine
verbliebenen Freunde bald auch noch verlassen würden. Einige frühere Freunde
hauten ihn schon in Zeitungsartikeln in die Pfanne. Andy hoffte, ihn mit einem
Trip nach Mexiko aufzumuntern. Aber Phil interessierte sich dort nur für
Bordelle. Er hielt Huren für die einzigen ehrlichen Frauen. Er wollte Frauen
nicht mehr den Hof machen, auf Verabredungen hoffen und all das Drumherum. Wenn
er Sex suchte, dann wollte er gleich und ohne Umweg, was sein gutes Geld wert
war. Dann aber fühlte er sich in Mexiko von einer Hure übers Ohr gehauen. Um
sich schadlos zu halten, nahm er einfach ein paar Damenschuhe mit. Phil und Andy
gerieten dadurch ernsthaft in Gefahr und mussten sich schleunigst in Sicherheit
bringen. Phil hing total durch. Er schrieb zwar ab und zu an neuen Liedern, aber
seine Karriere schien ihn kaum noch zu interessieren. Seine Lieder spiegelten Hass und Wut auf das amerikanische Gesellschaftssystem wider, aber auch
Enttäuschung. Er begann zu resignieren. Für die durchschnittlichen Amerikaner
und Maulhelden, wie sie auf dem Parteitag und überall zu finden waren, hatte er
nur noch Spott übrig. In seiner Karriere markierte die Zeit nach dem Parteitag
eine Wende. Von einer Zusammenarbeit mit Bruder Michael konnte keine Rede mehr
sein. Als das FBI Phil sprechen wollte, hielt er es für einen Scherz. Es war
aber keiner. Das FBI wollte ihn zu bestimmten subversiven Vorkommnissen in
Chicago vernehmen. Er mochte es nicht wahr haben.
Aber dann wollte Phil doch wieder Karriere machen. Er plante eine neue Platte.
Die Lieder dafür schrieb er innerhalb von zwei Wochen. "Rehearsals For
Retirement" - "Proben für den Abgang" sollte das Album heißen.
Es war sein Schwanengesang: das letzte, vielleicht das interessanteste Phil
Ochs-Album. Larry Marks zögerte. Die neuen Lieder boten zu wenig
Möglichkeiten. Wie sollte er musikalisch über den Entwicklungsstand
hinausgehen, den sie mit den beiden vorherigen Langspielplatten erreicht hatten?
Die LP war Phils letzter großer kreativer Atemzug, ein letztes künstlerisches
Aufbäumen. Sie beschrieb, wie sich eine Gesellschaft von einer Demokratie zur
Diktatur umwandelte. Es ging aber auch um Phil Ochs, um den Troubadour, der zum
Cowboy wurde. Er war nun der König der Cowboys, der im Schattenreich herrschte.
Der verrückte Cowboy, der uns auf die Pelle rückte, war ein anderes Bild für
die politische Wiederauferstehung des Richard Nixon aus der Asche von Chicago.
Und Phil zog einmal mehr einen Schlussstrich unter seine Karriereträume. Seine
Lieder ließen daran keine Zweifel. In LA bestellte Phil für sich einen
Grabstein. Die Aufschrift: "Phil Ochs (Amerikaner), Geboren : El Paso,
Texas, 1940. Gestorben: Chicago, Illinois, 1968." Und darunter stand:
Proben für den Abgang - "Rehearsals For Retirement".
Als Phil seine neuen Lieder in New York vorstellen wollte, war die Carnegie Hall
wieder Wochen vorher ausverkauft. Es war ein toller Erfolg. Phil genoß ihn. In
der Pause steckte er einen Zettel, der ihm in die Hand gedrückt worden war,
ungelesen in die Tasche. Stunden später fand er ihn. Im Zusammenhang mit den
Vorfällen von Chicago bat ihn jemand um eine Zeugenaussage vor Gericht, um die
Angeklagten zu entlasten. "Rehearsals For Retirement" war ein Flop.
Die Platte verkaufte kaum dreißigtausend Exemplare, ehe A&M sie aus den
Läden nahm. Nur in New York fand er den erhofften, wenn auch nicht ungeteilten
Beifall. Woanders kamen die Lieder nicht so gut an. In seinem Drang nach
Bestätigung suchte Phil verschiedene Freunde von früher auf. Sie ließen ihn
abblitzen.
Um so wichtiger nahm Phil die Vorbereitungen auf seinen Zeugenauftritt im Prozess von Chicago. Als es soweit sein sollte,
musste Phil sich mit Valium
beruhigen. Nach und nach war er von Beruhigungspillen abhängig geworden. Bald
anderthalb Jahre nach den Ereignissen von Chicago wurden sie nun vor Gericht
verhandelt. Der Richter war gegen Phils Vernehmung gewesen. Phil war ein Zeuge
der Verteidigung. Der Anwalt wollte beweisen, dass sich die Protestaktionen der
Angeklagten in Chicago nicht von Demonstrationen oder Kundgebungen an anderen
Orten unterschieden hatten. Mit Phils Hilfe sollte der Happening- und
Festivalcharakter der Yippieveranstaltung belegt werden. Im Gegensatz dazu stand
die Behauptung der Staatsanwaltschaft, es habe sich um eine konspirative
Versammlung gehandelt. Natürlich kam auch die Sache mit dem Schwein zur
Sprache. Die Absurdität des ganzen Vorganges war kaum zu übersehen - es sei
denn, man weigerte sich beharrlich wie der Richter und der Ankläger. Die
Verteidigung wollte Phil im Gerichtssaal singen lassen. Es wurde abgelehnt. Phil
durfte immerhin den Text von "I Ain’t Marchin’ Anymore" wie ein
Gedicht aufsagen. Den Gesang holte er nach, als er später vor dem Gerichtssaal
von Journalisten dazu gedrängt wurde. So kam er schließlich doch noch ins
Fernsehen - in die Abendnachrichten. Es war der Jahreswechsel 1969/70. Phil war
gerade neunundzwanzig Jahre alt geworden.
Andy Wickham wollte mit dem "politischen" Ochs nichts zu tun haben. Er
konnte nicht mal Begeisterung über Phils letzte Platte heucheln. Was in Chicago
passiert war, beurteilte Wickham ganz anders als Phil: Die Polizei war gar nicht
weit genug gegangen. Phils neue Platte verkaufte sich schlecht. Andy hatte
dafür eine Erklärung. Phil sollte sich endlich klar werden, wer seine
wirklichen Fans waren. "Sieh mal, Phil, du bist auch kein besserer
Vertreter des linken Lagers als Hubert Humphrey. Im Grunde bist du ein
verkappter Rechter." Ochs sah inzwischen nur noch eine Chance für
gesellschaftliche Veränderungen in den USA: Eine Revolution. Die aber hielt er
für undenkbar, solange nicht Elvis Presley als Che Guevara wiederkäme. Und
leider gab es in den USA zu viele Ches und zu wenig Elvisse. Phil knüpfte an
alte Leidenschaften aus seiner Jugend wieder an. Er ging täglich ins Kino,
schwärmte wieder für den reaktionären John Wayne. Dabei hatte ihn der Vater
seines Freundes Jim während der Studienzeit doch genau über dessen Rolle
während der Kommunistenhatz in den fünfziger Jahren aufgeklärt. Alles
vergessen - oder verdrängt.
Karen war längst zu Phil zurückgekehrt. Sie konnte sich (noch) nicht von ihm
lösen. Bruder Michael besorgte Karten für die Premiere des Comeback-Konzertes
von Elvis Presley in Las Vegas. Elvis war phantastisch. Ob Zufall oder nicht -
einmal kam er sogar an Phils Tisch und sang direkt für ihn. In seinem Beifall
für Elvis ließ Phil sich von niemandem übertreffen. Von da an drehte sich
für ihn wochenlang alles nur noch um Elvis. Den Bühnenanzug von Elvis aus
Goldlamee ließ Phil nachschneidern. Darin wollte er auftreten, begleitet von
einer Rock’n Roll-Band, und Presley-Songs singen. Michael riet energisch ab.
Phil sah in diesem Kostüm lächerlich aus. Er war körperlich schlecht in Form.
Zuviel Fastfood hatte ihn fett gemacht. Dazu kam zuviel Alkohol. Nichts an Phil
erinnerte an Elvis. Als ob er seine Rückkehr auf die Bühne zelebrieren wollte,
entschloss sich Phil, seinen dreißigsten Geburtstag mit einer großen Fete zu
feiern. Er lud Gott und die Welt ein, aus LA, aus New York. Sie kamen in
Scharen: Andy Warhol und sein Hofstaat, Van Dyke Parks, Peter Asher, um nur
einige zu nennen. Statt Alice kam Töchterchen Meegan. Irgendwann am Abend fiel
jemandem auf, dass Phil nicht mehr da war. Man suchte und fand ihn bewusstlos-
am Fuße des Abhangs unterhalb des Hauses. Vermutlich war er dort liegen
geblieben, nachdem er betrunken aus der Haustür gefallen und runter gerollt
war.
Die Band, die Phil zusammenstellte, spielte Rock’n Roll - Elvis-Songs
natürlich, Buddy Holly-Titel. Phil schrieb auch neue Lieder, oder sang alte
eigene neu arrangiert. Von seinem ersten Konzert mit der Band im
"Troubadour" in LA versprach er sich endlich den Durchbruch. Wickham
setzte ihm den Floh ins Ohr, dass er mit der Show auf Tournee gehen sollte.
Jawohl, in der New Yorker Carnegie Hall wollte er wieder auftreten. Auf der
Bühne, wo er doch sein altes "schwerfälliges" Repertoire so oft
gesungen hatte. Und eine neue Platte wollte er auch. Sie sollte rechtzeitig zur
Goldlamee-Tour erscheinen. Die Konzerthallen waren schon gebucht, aber mit der
Platte hatte er von Anfang an Pech. Larry Marks wollte die Studioproduktion
nicht mehr übernehmen. Phil fragte seinen Nachbarn Van Dyke Parks. Der wollte
schon immer mal eine Platte mit ihm machen. Mit Arlo Guthrie hatte er gerade
eine erfolgreiche Produktion abgeschlossen. Van Dyke verordnete Phil einen neuen
Sound: rockiger, fetziger. Das Hauptthema seiner neuen Lieder war
Vergänglichkeit. Phil ließ sein Leben Revue passieren. Er blickte zurück auf
seine Jugendjahre, beklagte das Ende der Demokratie. Mit "Chords Of Fame"
wollte er all denen einen Nachruf schreiben, die er im Laufe seiner
"Karriere" "auf der anderen Seite des Ruhmes" aus den Augen
verloren hatte. Kein Lied hätte sein eigenes Scheitern besser beschreiben
können... Und schließlich: "No More Songs". Phil gestand den Tod der
eigenen Kreativität. Wenn "Rehearsals For Retirement" eine
Beschreibung des Todesaktes war, dann handelten "Phil Ochs’ Greatest
Hits" von der Hölle auf Erden.
Zwei Tage dauerte die Studioarbeit. Was den Verkauf anging, war es ein absolutes
Desaster: Nicht mal die Produktionskosten kamen wieder rein. "Greatest
Hits" weckte völlig falsche Erwartungen. Kein einziges Lied war vorher auf
Platte erschienen. "50 Million Elvis-Fans können sich nicht irren"
hatte mal auf einer Presley-Plattenhülle gestanden. Phils wollte sich auf der
Hülle von den "Greatest Hits" einen Witz erlauben. "50 Phil Ochs
fans can’t be wrong" stand drauf. Welche Ironie, dass es fast der
Wahrheit entsprach...
Zum gewohnten Konzert in die Carnegie Hall kamen viele alte Ochs-Fans. Sie waren
zwar etwas irritiert durch die Band auf der Bühne, aber freuten sich auf ihren
Phil. New York war für Ochs immer ein Heimspiel gewesen. Nach "I Ain’t
Marchin’ Anymore" aber hörte das Publikum von der Bühne den
Conway-Twitty-Klassiker "Mona Lisa". Die ersten Buh-Rufe waren zu
hören, dazwischen die Frage: "Wo ist Phil Ochs?" und die
Aufforderung, die Band zurück nach Kalifornien zu schicken. Phil war hilflos.
Seine Stimme brach. Hier war nichts mehr zu erklären, zum Beispiel von Elvis
Presley und Che Guevara. Die Leute wollten verdammt noch mal ihren alten Phil
Ochs hören. Man riet Phil, auf eine Pause zu verzichten, weil sonst wohl keiner
mehr im Saal geblieben wäre. Das Konzert endete nach weniger als einer Stunde,
weil eine Bombendrohung kam. Phil war maßlos enttäuscht. Mutter Gertrude war
im Publikum gewesen, Schwester Sonny, Jerry Rubin, Andy Wickham, sogar Arthur
Gorson. Nach dem ersten von zwei Konzerten saßen alle in der Nähe in einem
Restaurant. Leute aus dem Publikum kamen an den Tisch und beklagten sich
darüber, dass die Show ihr Geld nicht wert gewesen sei. Phil wollte einen
Zettel mit den Namen der Leute und ihnen das Geld zurückschicken. Aber als Phil
wenige Minuten später hörte, die zweite Show sei ausverkauft, war davon keine
Rede mehr. Es kam auch niemand mehr mit einer Namensliste. Weil es keine Karten
mehr gab, wollte er die Carnegie Hall Verwaltung zu freiem Eintritt drängen. In
seiner Wut zerschlug er ein Fenster am Verkaufsschalter der Eintrittskarten,
schnitt sich so den Daumen blutig.
Seine zweite Abendshow stellte Phil ein wenig um. Er erklärte seine
Liederzusammenstellung und ging vor allem auf Buhrufe und Zwischenrufe ein. Mit
den Liedern von Buddy Holly und Elvis Presley wolle er seinen Fans zeigen, wo
seine musikalischen Wurzeln lägen. Diesmal kam er besser an. Als der
Hausmeister schließlich um drei Uhr den Bühnenstrom abdrehte, hatte Phil
längst noch nicht genug. Es gab einen Tumult, bis der Strom wieder da war und
Phil nochmals spielen konnte. Am Ende, als das Publikum die Halle verließ, rief
jemand laut: "Phil Ochs ist tot". Jerry Moss von A&M Records, der
die Show gesehen hatte, weigerte sich, sie als live-Platte herauszubringen. Er
empfahl Phil, neue Lieder zu schreiben und diese Sache zu vergessen. Aber gerade
das merkte sich Phil. Am nächsten Tag, nachdem die "New York Times"
mit einer Konzertkritik erschienen war, bekam Ochs die Einladung in eine
Fernsehshow - zum ersten Mal. Wenn das kein Erfolgsbeweis war... Die Tournee aber
dauerte, entgegen der Planung, nur noch wenige Konzerte. Dann schmiss Phil die
Brocken hin. Er hatte es eilig, nach LA zurückzukehren. Phil war bitter
enttäuscht über sein Versagen, mit Rock’n Roll ein Comeback zu schaffen.
In LA wurde es für Phil nicht einfacher. Phil und Karen wohnten immer noch
zusammen mit Andy Wickham und dessen Freundin Francis. Als Phil eines Abends bei
einer Fete Trübsal blies, schmiss Andy alle Gäste hinaus. Darüber geriet er
mit Jerry Rubin in Streit, den Andy sowieso nicht leiden konnte. Am nächsten
Morgen zogen Andy und Francis aus. Am gleichen Abend endete ein Streit zwischen
Phil und Karen mit Handgreiflichkeiten. Am Vormittag nach dem Krach hatte Karen
Besorgungen in der Stadt zu erledigen. Phil warf all ihre Sachen zum Abfall vor
die Tür und fuhr weg. Bis Karen wiederkam, war alles gestohlen. Nun war ihre
Beziehung wirklich am Ende. Aber es gab noch mehr schlechte Nachrichten. Das
Management der Carnegie Hall teilte Ochs mit, dass er nach den Tumulten bei den
letzten Konzerten dort nie wieder auftreten dürfte. Phil schien es gar nicht zu
interessieren. Er glaubte nun selbst, dass seine Karriere sowieso vorbei war.
Mit nunmehr dreißig Jahren steckte Phil in tiefsten Depressionen. Seine Freunde
meinten, er sei deprimiert, weil ihm keine Lieder mehr einfielen. Tatsächlich
konnte er keine Lieder mehr schreiben, weil er deprimiert war. An mangelndem
finanziellen Erfolg konnte es eigentlich nicht liegen. Seit ihn sein Bruder
managte, hatte Phil mehr Geld verdient als je zuvor. Zwischen 1967 und 1969 war
es rund eine halbe Million Dollar. Michael hatte politisches Engagement und
künstlerische Ziele sorgsam ausbalanciert, um Phil nicht zu verschleißen..
Doch als Phil nun keine Konzerte mehr gab, verdiente er auch nichts mehr. Phil
unterlag dem Irrtum, er habe schon genug verdient und müsste überhaupt nicht
mehr arbeiten. Jetzt wollte er sein Geld nur noch ausgeben. Bis zu seinem Tode
wollte er jedes Land der Erde gesehen haben. Mit Jerry Rubin machte er sich auf
seine erste Reise. Sie ging nach London.
Phil sah inzwischen gar nicht mehr gut aus. Die anlehnungsbedürftige,
einprägsame Erscheinung eines hoffnungsvollen, jungen Dichters war Schnee von
gestern. Geblieben war ein aufgeblasener, schmieriger Typ mit Übergewicht und
speckiger Kleidung. So traf er in London seine frühere Freundin wieder, für
die er seinerzeit ein Hotelzimmer verwüstet hatte. Mit Rubin flog Phil auch aus
England wieder raus. Rubin hatte bei einem Fernsehauftritt der verbotenen IRA
ein überraschendes Forum geboten. Deshalb mussten sie auch ihr nächstes
Reiseziel Belfast gleich wieder verlassen. So fuhren sie nach Holland. Dort
besuchten sie die dortige Hausbesetzerszene. Wo sie auch hinkamen, überall war
die Protest- und Untergrundszene ihre erste Anlaufadresse. Und immer lehnte Phil
standhaft den Wunsch nach Solidaritätskonzerten ab. Statt dessen ging er lieber
ins Kino. Als Phil Anfang 1971 nach LA zurückkehrte, klärte ihn Bruder Michael
zunächst einmal über seine finanzielle Misere auf. Phils Ersparnisse gingen
zur Neige. Dies deprimierte ihn genauso wie der Gedanke an eine Rückkehr auf
die Bühne. Das hätte bedeutet, dieselben alten Lieder zu singen. Er begann, im
"Troubadour" herumzuhängen. Meistens saß er an der Bar und bekam das
Bühnenprogramm gar nicht mit. Phil war in Endzeitstimmung, geplagt von
Weltschmerz, geschüttelt von Selbstmitleid. Irgendwann packte ihn doch mal der
Ehrgeiz, ein neues Lied zu schreiben. Die ganze Nacht saß er dran. Am nächsten
Morgen gab er es auf.
In der Politik fand Phil einen neuen Helden. Salvador Allende hieß der Castro
der siebziger Jahre. Die ganze Welt blickte auf Chile. Allendes Marxismus war
friedlich an die Macht gekommen. Konnte er sich auch friedlich an der Macht
halten? Phil wollte 1971 mittendrin sein, zumindest einmal dabei. Mit Jerry
Rubin und einem weiteren Freund flog er nach Santiago. Auf der Straße sprach
Phil einen jungen Mann an, der mit Gitarre vorbeilief. Es war Victor Jara. Beide
hatten noch nie voneinander gehört. Jara lud Phil ein, mitzukommen. Er wollte
in den Anden vor Bergleuten der Kupferminen singen. Phil kam mit und sang auch.
Victor Jara war in Chile nicht unumstritten. Den Kommunisten war er verdächtig,
weil er Allende kritisierte. Die Rechten hassten ihn wegen seiner Lieder und
streuten Gerüchte, Jara sei schwul. So wurden die Vorbehalte der Linken
gegenüber Jara noch größer. Nur beim einfachen Volk blieb Jara beliebt. Jara
schaffte es in wenigen Tagen, für sich und Phil eine eigene Sendung im
chilenischen Fernsehen zu bekommen. In seiner Heimat hatte Phil dies nicht
einmal in zehn Jahren geschafft. Für Phil wurde Chile zum Paradies auf Erden.
Aber in anderen südamerikanischen Ländern waren Phil und seine Freunde weniger
willkommen. In Peru konnten sie den Flughafen gar nicht erst verlassen. Man
schob sie in die USA ab.
Immerhin sang Phil Ochs wieder. Er trat nun doch wieder mit den alten Liedern
auf, sogar in New York. War es auch nicht in der Carnegie Hall - sein Publikum
bejubelte ihn als einen alten Freund. Phil selbst sah sich, kaum einunddreißig
Jahre alt, mehr als fleischgewordene Nostalgie. Er sang, weil er Geld brauchte.
Auch in LA ging er wieder auf die Bühne. Im "Troubadour" spielte er
zwei Wochen lang. Ein Kritiker pries die Show in höchsten Tönen. Phil Ochs
habe seit der Tour im Goldlamee-Anzug nichts Besseres passieren können.
Tagsüber war Phil meistens im Kino. Er sah mehrere Filme am Tage. Zur
Abwechslung schlug Andy Wickham einen Italientrip vor. Phil wird von der Reise
kaum etwas mitbekommen haben. Er kam genauso besoffen und verdreckt wieder, wie
er abgeflogen war. Und er ging gleich wieder ins Kino. Nur wenn er Geld
brauchte, unterbrach er diese Gewohnheit. So ausführlich wie dem Kino widmete
Phil sich nur dem Alkohol. Seine Freunde sahen ihn - wenn überhaupt - kaum noch
nüchtern. Ernüchternd aber war seine Antwort auf die Frage, was ihm durch den
Kopf ginge: "Selbstmord". Dann wär’s beinah soweit gewesen.
Sturzbesoffen verschuldete er einen schweren Autounfall. Als Michael ihn gegen
Kaution aus der U-Haft auslöste, grinste Phil ihm zahnlos entgegen. Ein neues
Gebiss war fällig. Aber er hatte Glück im Unglück. Eine Schadensersatzklage
konnte Phils Anwalt abschmettern. Er konnte beweisen, dass auch der Unfallgegner
betrunken gefahren war. Was Phil davon blieb, waren - wie ein Freund meinte -
die schlechtesten falschen Zähne, die er je gesehen hätte.
1972 begann Phil, Schulden zu machen. Und sein Freundeskreis veränderte sich.
Zu seinem Umgang zählte nun Lee Housekeeper. Das war ein richtiger Rechter, der
1964 Barry Goldwaters Kandidatur für die Präsidentschaft unterstützt hatte
und in Kalifornien Ronald Reagans Bewerbung um den Gouverneursposten. Spielen
war Phils neue Leidenschaft: Schach, und Poker. Mit Housekeeper versuchte sich
Phil auch als Testesser von Hamburgern. Jeden Mittag probierten sie woanders.
Housekeeper verschaffte ihm den Auftrag zu einer Filmmusik. Phil hatte Angst vor
dieser Aufgabe. Es war neu für ihn, Lieder "auf Bestellung" zu
schreiben. Heraus kam der Song "Kansas City Bomber". Ehe über dessen
Eignung und Qualität entschieden war, ging Phil mit seinem Freund Ron Cobb auf
eine Reise nach Australien. Eine linke Studentenorganisation hatte ihn
eingeladen. Fast wäre die Reise noch vor ihrer Ankunft wieder geplatzt.
Konservative Regierungsbeamte verweigerten die Einreiseerlaubnis. Eine Woche
saßen sie in Tahiti fest. Phil war überwiegend besoffen.
Schließlich bekamen
sie doch die nötigen Stempel. Auch wenige Stunden vor seinem ersten offiziellen
Termin war Phil noch sternhagelvoll. Die junge Tour-Managerin Robin Love dachte,
alle Musiker seien gleich. Deshalb hatte sie Australiens prominentestes Groupie
verpflichtet, um Phil vom Flughafen abzuholen. Versifft und mit rutschender Hose
stieg Phil unappetitlich aus dem Flugzeug. Er war mehr als eine Zumutung, und das Groupie zog angewidert ab. Phil brachte
die Tour mehr schlecht als recht hinter sich. Er brauchte immer genügend
Alkohol in greifbarer Nähe. Sein Filmsong war im großen und ganzen akzeptiert.
Bloß eine kleine Änderung sei nötig, richtete Housekeeper aus. Phil nahm den
Song in Australien neu auf.
Während Phil soff, begann Robin ein Techtelmechtel mit Ron. Als Phil dahinter
kam, konnte er es nicht verwinden, zweite Wahl zu sein. Von da an wollte er in
jedes Bordell am Straßenrand. Und wenn Phil sich ans Lenkrad setzte, hatten
seine Mitreisenden Todesängste. Ausgerechnet in einer Stadt mit liberalen
Gesetzen zur Prostitution glaubte Phil, er habe sich eine Geschlechtskrankheit
geholt. Als er die vermeintlich schuldige Frau suchen wollte, wurde es Robin zu
bunt. Sie war eine überzeugte Feministin und stritt nun mit Phil für den Rest
der Tour über Frauenbefreiung. Phil meinte, Women’s Lib sei ein Werk des CIA,
um die radikale Linke zu schwächen. Nach dem Ende der Australientour mussten
sie eine ursprünglich länger geplante Rückreise durch Asien in Hongkong
abbrechen. Aus dem Hotelzimmer wurde ihr ganzes Bargeld gestohlen. Phil war
felsenfest überzeugt, dass auch hier der CIA dahinter steckte. Ob sie’s
wollten oder nicht - sie mussten nach Hause.
Wieder in LA erfuhr Phil, dass sich die Filmproduzenten nun doch für ein
anderes Konzept entschieden hatten. Phil blieb das Lied. Er erinnerte Jerry Moss
von A&M Records an sein Versprechen, eine Platte herauszubringen, wenn er
mit einem neuen Lied käme. Nur die treuesten Ochs-Fans bekamen überhaupt mit,
dass die Single erschien. Dieser Misserfolg warf ihn noch mehr aus der Bahn. Nun
verließ er seine Wohnung überhaupt nur noch, um ins Kino zu gehen. Auftreten
wollte er nicht mehr, jedenfalls nicht mit den alten Liedern. Als Phil nach
langem Drängen schließlich doch einem Konzert mit Freunden im
"Troubadour" zustimmte, ging schnell das Gerücht um, Dylan könnte
als Überraschungsgast auftreten. Sofort galt der Termin in der Szene als
"heißer Tipp". Aber es kam kein Dylan. Loudon Wainwright III. war
dabei, Roger Miller, Peter Asher (eine Hälfte des sechziger Pop-Duos Peter and
Gordon) und ein Newcomer namens Jackson Browne. Die Stimmung war ganz gut - bis
Phil Jerry Moss von A&M Records auf die Bühne bat. Phil stellte ihn als den
schuldigen Mann vor, der eine live-Platte vom Goldlamee-Konzert in der Carnegie
Hall verhinderte. Phil drängte Moss vor dem Publikum, die Platte auf einem
Testmarkt herauszubringen. Sollte sie dort erfolglos bleiben, wollte Phil dieses
Thema nie wieder ansprechen. Aber den Testmarkt wollte er selbst bestimmen.
Unter diesem Druck stimmte Moss zu. "Gunfight at Carnegie Hall" mit
wenigen eigenen Lieder und Covermedleys von Buddy Holly- und Elvis-Songs
erschien in Kanada. Phil wusste, dass dort, nach New York, die treuesten
Ochs-Fans zu Hause waren.
Ende 1972 wurde Nixon als Präsident wiedergewählt und Phils Hoffnungsträger
George McGovern scheiterte kläglich. Das weckte in dem zweiunddreißigjährigen
Phil für eine kurze Zeit wieder das Interesse an politischem Engagement. Als
erste Berichte das Ausmaß des Watergate-Skandals andeuteten, aktualisierte Phil
ein altes Lied. Inzwischen war es 1973. Bruder Michael hatte sich mit einem
ordentlichen Managementbüro etabliert. Sein Hauptziel war aber immer noch Phils
Karriere. Michael drängte auf eine neue Tournee. Phil wollte aber erst irgendwo
auf dem Lande seine Bühnenfähigkeiten testen. Als es einigermaßen klappte,
stimmte er einer Tournee zu. Sie sollte in "Gerde’s Folk Club" in
New York beginnen, allerdings in neuen Räumlichkeiten. Nach dem Ende des
Folkbooms hatte "Gerde’s Folk Club" eine längere Durststrecke. Am
Tag des Konzerts ging die Warteschlange der Fans an mehreren Häusern vorbei.
Man hoffte, es werde "wie in alten Zeiten" sein. Die Fans spekulierten,
ob Freunde von Phil kämen, vielleicht sogar Dylan... Am gleichen Abend wollte
Nixon eine Fernsehrede zu Watergate halten. Phil ließ ein Fernsehgerät auf die
Bühne stellen. Er drehte den Ton ab, und während Nixon stumm auf dem
Bildschirm redete, sang Phil sein neues Lied über Watergate. Klar kam das gut
an.
Die beiden Shows waren ausverkauft. Als Freunde beteiligt waren unter anderen
John Hammond, Ed McCurdy, Harry Chapin und Dave Van Ronk sowie Jean Ray, die
sich inzwischen von Phils Studienfreund Jim getrennt hatte. Es war "wie in
alten Zeiten". Die nächsten Tage - oder besser Nächte - trank Phil
reichlich auf die Wiederauferstehung der Folkmusik in Greenwich Village. Dave
Van Ronk nahm ihn mit, als er ein Radio-Konzert gab. Sie waren gut in Form,
unterhielten ihr Publikum prima. Als sie am Ende auf das Thema Watergate kamen,
erhob Phil im Radio Anklage gegen Nixon. Phil sah im Präsidenten den eigentlich
verantwortlichen Hintermann für den Watergate-Einbruch. Das war im Frühling
1973. Keiner ahnte etwas von der Existenz der Nixon-Tonbänder. Sie sollten
später Phils Behauptung bestätigten. Ochs gab im ganzen Land mehrere Konzerte.
Ein Zeitungsreporter fragte nach der nächsten Platte. Wenn er neue Lieder habe,
lautete Phils Antwort. Derzeit sei er aus unerfindlichem Grund blockiert. Die
Zeitung begann deshalb eine Kampagne unter dem Motto "Inspiriert Phil
Ochs!" A&M ließ entsprechende Buttons pressen. Die Inspiration blieb
aus. Statt dessen schrieb Ochs jetzt Artikel für unabhängige, alternative
Zeitungen. Die Watergate-Anhörungen fesselten seine ganze Aufmerksamkeit.
Im September 1973 wollte Phil nach Afrika. Hier vermutete er nun das größte
revolutionäre Potential der Welt. Ugandas Diktator Idi Amin faszinierte ihn. Er
vereinbarte mehrere Konzerte in Ostafrika. Ihm gefielen die afrikanischen
Sprachen. In Kenia nahm er eine Platte auf, gesungen in Lingala. Sein
Hintergedanke war, so die Reise von der Steuer absetzen zu können. Er glaubte
irrtümlich, dass er immer noch genug Geld verdiente. Von Tansania plante er,
nach Uganda zu reisen. Er wollte gerne Idi Amin treffen.
Vor seiner Abreise macht er am Strand des Indischen Ozeans nachts in Daressalam
allein einen Spaziergang. Drei Männer überfallen ihn und wollen ihn ausrauben.
Weil Phil zu schreien anfängt, presst ihm einer der Räuber von hinten den
Unterarm gegen die Gurgel. Sie schlagen noch mal brutal auf ihn ein und lassen
ihn regungslos am Strand liegen. Vermutlich denken sie, er sei tot. Als man Phil
am nächsten Morgen findet, kommt er ins Krankenhaus. Er ist nicht ernsthaft
verletzt. Nur an den Stimmbändern stimmt was nicht. Er kann die für seinen
Gesang so typischen hohen Töne nicht mehr herausbringen. In panischer Angst
will er schreiend diesen Alptraum verscheuchen. Aber aus seiner Kehle kommt nur
heisere Luft. Seine Verzweiflung braucht keine Beschreibung. Er bleibt mehrere
Tage im Krankenhaus. Die Ärzte warnen ihn eindringlich davor, zu früh wieder
zu singen. Doch Phil besteht darauf, dass seine Stimme in Ordnung sei. Er will
seine Konzertverpflichtung in Johannesburg erfüllen. Bier und Eis sollen ihm
während des Konzertes die brennende Kehle kühlen. So ist er schnell betrunken.
Die Zeitungen berichteten davon, wie er besoffen von der Bühne in den
Orchestergraben fiel.
Kurz vor seinem dreiundzwanzigsten Geburtstag kam Phil im Dezember nach New York
zurück. Er wollte über Weihnachten ein Gastspiel geben. Das hatte er schon vor
seiner Afrikareise mit einem Club vereinbart. Es sollte eine gemeinsame,
zweiwöchige Show mit Patti Smith sein. Die Rocksängerin hatte zunächst
abgelehnt. Sie mochte nicht die Bühne mit einem "Folkie" teilen.
Schließlich hatte man sich doch geeinigt. Nun aber war Phils Stimme kaputt. Der
Veranstalter pochte auf den Vertrag. Er glaubte, Phils Zustand sei nicht ernst.
Phil gab nach. Die vierzehn Konzerte waren innerhalb von drei Tagen ausverkauft.
Niemand war überraschter als Phil. Er konnte kaum glauben, dass ihn überhaupt
noch jemand auf der Bühne hören mochte. Man wollte - aber nur mit seinen
bekannten politischen Lieder aus den sechziger Jahren. Sobald er andere Lieder
sang, reagierte das Publikum unfreundlich. Schließlich zog er seine
Gold-Lamee-Jacke an und drohte den Leuten mit Elvis-Liedern, wenn sie sich nicht
benähmen... Seine Gage wollte Phil bar auf die Hand, bloß nicht übers Konto.
Fünftausend Dollar waren vereinbart. Phil bekam sie als bereits
gegengezeichneten Scheck. Man versprach Phil, diesen am nächsten Tag
einzulösen. Phil verlor ihn. Der Scheck musste umständlich gesperrt werden.
Ein neuer wurde ausgestellt - diesmal zur Überweisung aufs Konto.
Der kalte Winter trieb Phil zurück nach LA. Dort suchte er Hilfe bei Frank
Sinatras Stimmband-Spezialisten. Nach der Untersuchung riet dieser, das Saufen
völlig einzustellen. Bei täglichen, mehrere Stunden langen spezielle
Stimmbandübungen gäbe es möglicherweise eine Chance, dass sich seine Stimme
erholte. In zwei, vielleicht auch in drei Jahren... Und dann hörte Phil vom
Putsch gegen Allende, und dass der Präsident Chiles ermordet war. Er mochte es
nicht glauben. Als Tage vorher die Nachrichten aktuell waren, hatte er sie nicht
mitbekommen. Den Putsch nahm er persönlich übel, als ob er das Opfer gewesen
wäre. Voller Erinnerungen an die Zeit in Chile und Victor Jara setzte er sich
in sein Auto. Stundenlang fuhr er ziellos durch LA. Als es Nacht wurde, saß er
wieder im Flugzeug nach New York. Bei der Landung hatte Phil genug getrunken, dass er abhob.
In New York war es sein erstes Ziel, irgendwie an Geld zu kommen. Er plante eine
Großveranstaltung, wie sie es noch nie gegeben hatte. Das Motto sollte lauten:
"Ein Abend mit Salvador Allende". Phil erneuerte die Freundschaft mit
seinem früheren Manager Arthur Gorson. Er brachte Gorson dazu, das
aktualisierte Watergate-Lied als Single herauszubringen. Auf der Rückseite war
ein umarrangiertes altes Lied: "The Power and The Glory". Es war, bei
allem herauszuhörenden Hass auf die amerikanische Gesellschaft, eine
Liebeserklärung an das Land und die Nation. Gorson übernahm auch die
Organisaton der Allende-Veranstaltung. Das war auch besser so, denn Phil baute
sich Luftschlösser: Bob Dylan sollte dabei sein, John Denver, Joan Baez,
Shirley MacLaine... Gemeinsam mit Exilchilenen und mit Deni Frand, einer Freundin
von Arthur, gingen sie an die Arbeit. Phil meinte, es genügten ein paar tausend
Dollar, um die Sache in Gang zu bringen. Er rief jeden an, den er kannte. Er
bettelte bei jedem, dem er irgendwann mal einen Gefallen getan hatte. Phil
versprach das Blaue vom Himmel, um Geld zu bekommen. Manchen Geldgebern
versicherte er, es in zwei Tagen zurückzuzahlen. Bis dahin konnte er es von
jemand anders ausleihen. Um an Geld zu kommen und Werbung zu machen, gab Ochs am
17. April 1974 ein Konzert in der Avery Fisher Hall. Was spielte es für eine
Rolle, dass seine Stimme kaputt war. Er sang eben ein paar Töne tiefer. Hier
ging es doch nur darum, die New Yorker Fans auf die Chile-Veranstaltung
hinzuweisen. Er sang eigene und andere Lieder, die thematisch dazu passten,
über den Verlust der Freiheit. Eigene alte Lieder hatte er mit aktuellen Versen
ergänzt. Zwischen den Liedern war er spritzig und bissig. Phil kam glänzend an
- auch wenn am Ende eine Frau im Publikum aufstand und "Phil Ochs ist
tot" in die Menge schrie. Sein Hauptziel hatte Phil erreicht: Für die
Anfangsfinanzierung des Chile-Abends hatte er die Taschen voller Geld.
Für die Veranstaltung am 9. Mai wurde ein geeigneter Raum im Madison Square
Garden gebucht. Jeden Tag meldeten sich neue Künstler, die dabei sein wollten.
Isabell Allende, die Nichte des Präsidenten bemühte sich vergeblich um eine
Einreiseerlaubnis. Arlo Guthrie und Pete Seeger wollten und sollten bereits
dabei sein, auch Melvin Van Peebles, The Living Theatre, Dennis Hopper und
Dennis Wilson. Phil wollte noch Joan Baez. Als sie absagte, war er wütend. Sie
war ihm doch was schuldig. Schließlich hatte sie doch zehn Jahre vorher mit
seinem Lied "There But For Fortune" einen Hit. Ihr ganzes Gejammer um
das Elend der Welt war doch einen Dreck wert, wenn sie nun kniff. In der ersten
Mai-Woche war weniger als ein Viertel der Karten verkauft. Verzweifelt dachte
Phil daran, Frank Sinatra zu engagieren. Aber der war unbezahlbar. Für die
Hallenmiete waren 18 000 Dollar aufzubringen. Am Wochenende vor der Show ging
Phil persönlich daran, bei verschiedenen Veranstaltungen Karten zu verkaufen
und Geld zu sammeln. Um die Sorgen zu vergessen, nahm er Valium. Natürlich
tröstete er sich auch mit Alkohol. Eine Taxifahrt mit Deni Frand zu einem
Werbetermin für den Allende-Abend endete für Phil auf einem
Universitätsgelände. Deni fand ihn bewusstlos hinter einer steinernen Bank.
Sie hielt ihn für tot. Erst nach Wiederbelebungsversuchen wurde er wach.
Wenige Tage vor dem Konzert lief Ochs Dylan über den Weg. Sie hatten sich seit
Jahren nicht gesehen. Bei einem gemeinsamen Drink schilderte ihm Phil die
Sachlage. Um Dylan für das Konzert zu gewinnen, rezitierte Ochs am nächsten
Abend in Dylans Wohnung auswendig Wort für Wort Allendes Amtsantrittsrede.
Dylan hatte keine Ahnung, was in Chile passiert war. Aber zwischen Dylan und
Ochs gab es wohl doch einen besseren Draht, als viele glaubten. Einen Tag vor
dem Konzert gab Dylan seine Zusage. Viele Beobachter der Szene waren überzeugt,
dass Dylan nur einen Grund hatte, in New York zu sein. Er hatte von Phils
Problemen gehört und wollte helfen. Es wurde ein gewaltiger Abend. Am Schluss
sang Dylan "Blowin’ in the Wind", Seite an Seite mit Phil Ochs und
Dave Van Ronk.
Ein paar Tage später schmiedeten Dylan und Ochs Pläne für eine gemeinsame
Tournee. Phil hatte Dylan von kleineren Hallen und Clubs vorgeschwärmt. Dylan
gefiel auch der Gedanke, die Gagen für zwei oder drei ausgewählte gute Zwecke
zu spenden. So wurde die Saat gelegt für das, was Dylan zwei Jahre später
tatsächlich wahr machen sollte. Es war der Ursprung der "Rolling Thunder
Review"-Tour. Wir erinnern uns: Die amerikanischen Bombenangriffe Mitte der
sechziger Jahre, als der Protestfolk noch boomte, liefen unter dem Codenamen
"Rolling Thunder"...Die Vorbereitungen für diese Tour
verselbständigten sich irgendwann. Jeder wollte dabei sein, und Dylan sagte
jedem zu. Unterdessen plagte sich Phil verzweifelt mit seiner Schreibblockade.
"Was soll ich nur tun? Ich kann einfach nicht mehr schreiben..." Er
sah schon genau vor sich, wie das enden würde: Mit der Schlagzeile
"Folksänger tot aufgefunden! Phil Ochs wurde heute erhängt in seiner
Wohnung gefunden..." Tatsächlich war eines Tages das Treppengeländer in
Phils Wohnhaus an einer Stelle gebrochen. Phil erklärte es jedem, der es
hören wollte. Er habe ein Ende seines Gürtels um den Hals geschlungen und das
andere um das Treppengeländer: "Aber ich bin zu fett. Das morsche Holz ist
gekracht..." Phil grinste - äußerlich...
Watergate und die Aufklärung - davon war der dreiunddreißigjährige Phil nun
besessen. Eine Zeit lang interessierte ihn gar nichts anderes mehr. Dann kam
irgendwann der Zeitpunkt, an dem Phil überhaupt nicht mehr nach Hause wollte.
Er schlief mal hier, mal da, bei verschiedenen Freunden. Alle machten sich
Sorgen um ihn. Phil war versifft, seine Klamotten stanken nach Kotze und Pisse.
Freunde wuschen ihm die Kleidung, während er ratlos in deren Wohnung rumsaß.
Er wusste sich nicht zu helfen, nichts mit sich anzufangen. "Was soll ich
nur machen...?" Er war überzeugt: Er hatte Magenkrebs und musste bald
sterben. Phil klagte über Verstopfung - und aß gleichzeitig enorme Mengen.
Nachdem er schließlich wieder mal zu einem Konzert bereit war, kamen kaum
Zuhörer. Er ging auf die Straße vor der Kneipe und versuchte die Leute zu
überreden, doch hineinzugehen. Nur wenige mochten der Aufforderung folgen.
Seine Show war schlecht. Als Leute vorzeitig gehen wollte, lief er ihnen nach
und hielt sie fest. Sie hätten doch versprochen, bis zum Ende zu bleiben. Noch
am selben Abend, nach seinem eigenen "Auftritt", ging er mit Deni zu
einem Pete Seeger-Konzert. Der redete ihm in der Pause ins Gewissen, er solle
auf sich aufpassen. Es sei politisch unklug, sich so gehen zu lassen. Pete
Seeger empfahl Deni: "Pass auf ihn auf. Er ist sehr krank."
Phil zog es nun doch wieder nach Hause - d. h. nach LA. Noch einen New Yorker
Winter konnte er nicht ertragen. Anfangs schien es ihm auch gut zu tun, wieder
in Michaels Nähe zu sein oder bei Andy Wickham. Aber bald schottete er sich
mehr und mehr in seiner Wohnung ab. Er wollte allein sein, niemanden sehen,
keinen sprechen, auch nicht anrufen. Er wollte nur seine Ruhe. Morgens holte er
sich seine Zeitung und verbrachte den Tag lesend, schlafend, oder vor dem
Fernseher. Eines Morgens lief ihm Lee Housekeeper über den Weg. Der war
inzwischen in ein größeres Haus mit Swimmingpool umgezogen. Dessen Einladung
kam Phil schon am nächsten Morgen prompt nach. Housekeeper bemühte sich gar
nicht erst darum, Phil wortreich Hilfe anzudienen. Statt dessen besorgte er ein
paar Räder. Allein durch sein Vorbild schaffte es Housekeeper, dass ihn Phil
schon bald zu einer täglichen Strecke begleitete. Phil verlor ein paar Pfunde,
kriegte wieder Farbe ins Gesicht und vergaß sogar das Saufen. Am Tag von Nixons
Rücktrittsrede gab Lee ein großes Fest. Er lud sogar Fernsehteams dazu ein,
die Reaktionen einfangen konnten.
Bruder Michael schaffte es noch mal, Phil in einer TV-Show unterzubringen. Es
klappte mit Hängen und Würgen. Housekeeper weckte eine neue Leidenschaft in
Phil: Backgammon. Beim Spiel fand Phil immer mehr Vertrauen zu Housekeeper. Er
gab zu, dass er sich mit seinem Übergewicht nicht wohl fühlte. Phil fand sich
einfach hässlich und fürchtete, daß ihn bestimmt keiner seiner Freunde mehr
mochte. "Scheiß drauf" war Lees Antwort. "Mach was Du willst. Es
ist Deine Sache!" - "Aber ich weiß ja gerade nicht, was ich
will!" Lees Aufforderung, doch wieder für eine alternative Zeitung zu
schreiben, wollte Phil umsetzen. Aber als er daran ging, wurde die gesamte
Redaktion ausgewechselt. Der Herausgeber wollte aus dem Blatt ein Pornoheft
machen. Für Phil wieder ein "Aus-der-Traum".
Auch in LA hielt es Phil nicht lange. Im Frühjahr 1974 zog es ihn wieder
zurück nach New York. Er hatte erneut Probleme mit dem Magen und war immer noch
überzeugt davon, dass er Krebs hatte. Schulmedizinern vertraute er nicht.
Lieber zwang er sich, eine faulig riechende Brühe zu trinken, die ihm eine
Quacksalberin gegeben hatte - solange, bis sein Zustand noch schlimmer wurde. Im
April 1974 war der Vietnamkrieg wirklich zu Ende. Die "Boys" kamen
tatsächlich heim. Phil wollte erneut demonstrieren. Seine dritte sollte die
größte "Krieg ist aus"-Kundgebung werden. Für die Vorbereitung fand
er genügend Helfer. Am Muttertag wollte Phil im Central Park das Kriegsende
feiern. Wieder kamen beeindruckende Zusagen: Pete Seeger natürlich, Harry
Belafonte, und diesmal auch Joan Baez. Mehr als hunderttausend Leute
verwandelten die Wiese in einen Rummelplatz der Freude, um so den nach Amerika
heimgekehrten Frieden zu begrüßen. Mit Joan Baez sang Phil "There But For
Fortune" und fühlte sich wieder jung. Aber auch Nixon war inzwischen
abgetreten. Die revolutionäre Spannung hatte sich verloren.
Im Februar 1975 erschien die neue Dylan-Platte "Blood on the Tracks".
Phil war von ihrer künstlerischen Wucht wie erschlagen. Sie machte ihm klar,
wie wenig er inzwischen noch gute Lieder schreiben konnte. Ein paar Tage später
begann in einer Bar der schreckliche Sommer des "John Butler Train".
Einer der Auslöser war eine verlorene Backgammon-Wette. Danach wurde Phil von
einer Schizophrenie gepackt. Sie ließ jeden Versuch scheitern, sich ihm
vernünftig mit Hilfeangeboten zu nähern. Eine Künstleragentur wollte er
gründen. "Barricade" sollte sie heißen. Und "John Train"
nannte er sich jetzt selbst. John Wayne ließ grüßen. Phil Ochs existierte
nicht mehr. Er war auch nicht mehr in der Lage, eine verlorene Wettschuld - drei
Konzerte ohne Gage - zu begleichen. Statt dessen fiel er wieder als
unberechenbarer Säufer auf.
Ein peruanischer Konzertveranstalter, der sich in den USA aufhielt, wollte die
Aufmerksamkeit auf seine Heimat lenken. Als Phil davon hörte, war er Feuer und
Flamme. Er träumte von einem neuen Großkonzert, diesmal in den Anden
Natürlich sollten alle großen amerikanischen Künstler dabei sein. Was Phil
sich über Peru an Wissen anlas, faszinierte ihn: Hier gab es auch ein
Militärregime - aber im Unterschied zu Chile war es in Peru ein linkes. Arthur
Gorson flog hin, um sich die Sache anzusehen. Arthur war begeistert von den
Möglichkeiten, die sich dort boten. Aber als er nach New York zurückkam, war
Phil nicht mehr wiederzuerkennen.
Phil saß bloß noch in seiner Bleibe, soff und hörte Radio. Einmal hatte er
einen jungen Künstler gehört, der wie der junge Dylan klang. Sammy Walker war
sein Name. Phil wollte unbedingt eine Platte mit ihm produzieren. Bei der
Studioproduktion war Phil - nein: "John Train" - aber so
unerträglich, dass man ihn rausschmiss. Es gab nur noch wenige Bars in
Greenwich Village, wo man Phils Benehmen hinnahm. Eine davon war natürlich
"Gerde’s". Dort fragte Phil völlig überraschend, ob er noch mal
auftreten dürfe. Er habe seine Meinung zwar nicht geändert. Er wolle immer
noch endgültig aufhören. Der nächste Auftritt solle sein allerletzter für
Gage sein, verkündete "John Train". Es war das Abschiedskonzert von
Phil Ochs - gerade hier bei "Gerde’s" , wo einmal alles angefangen
hatte. Phil braucht Geld. Er will eine Kneipe übernehmen. Aber Bruder Michael
hat Phils Geschäftspartner darüber aufgeklärt, dass Phil gar nicht mehr genug
Geld hat. Phil ist außer sich vor Wut. Am Konzertabend verlangt Phil reichlich
eisgekühlten Orangensaft mit Rum, um den Schmerz in seiner Kehle zu lindern.
Sammy Walker darf einen Teil des Abends bestreiten, während Phil sich immer
mehr betrinkt. Die meisten Zuschauer haben Phil wohl nie vorher gesehen. Sie
kennen ihn höchstens von Platten. Sie erleben eine peinliche Show des
"John Train", in der Phil mehr sein Publikum beschimpft und beleidigt,
als Lieder vorträgt. Wenn er singt, dann nicht nur eigene, sondern z. B. auch
Lieder von Johnny Cash. Da muss er nicht so hoch singen. Er krächzt sowieso nur
noch. Er singt "Chords Of Fame", Country und Western-Evergreens. Als
letztes Lied seines erklärten, offiziellen Abschiedskonzertes hat er sich
"Crucifixion" ausgesucht. Nachts um Viertel nach drei ist das Konzert
vorbei. Phil alias "John Train" sagt Adios und sucht sich einen
Penner-Schlafplatz, irgendwo draußen zwischen den Häusern von Soho.
Das alles passierte, während Arthur Gorson in Peru weilte. Er erfuhr es bei
seiner Rückkehr. Phils Bar sollte "Che" heißen. Er wollte gleich am
Tag nach seinem Abschiedskonzert bei "Gerde’s" aufmachen. Arthur war
geschockt. Gleichwohl liefen die Vorbereitungen für das Konzert in Peru an.
Phil bestand darauf, dass die Vermarktungsrechte für Tonträger und Film bei
seiner Firma "Barricade" bleiben mussten. Aber dann wurde die
peruanische Regierung durch einen Putsch gestürzt. Ein Grund mehr für Train,
sich auf sein neues Projekt zu stürzen: die Bar "Che", in der er
selbst Barkeeper und sein bester Gast in einem sein würde. Er randalierte sogar
selbst. Michaels Versuche, Phils Geld in dessen Interesse zusammenzuhalten,
scheiterten. Er hatte keine Befugnis, Phil den Zugriff auf dessen eigenes Konto
zu verweigern. Ein Scheck über 23 000 Dollar wechselte den Besitzer - fast
alles, was Phil noch an Ersparnissen hatte. Aber es war nicht genug. Außerdem
ging die Kneipe schlecht. Schon eine Woche später wurden Gas und Strom
abgestellt, weil die Rechnungen unbezahlt bleiben. Aus war’s mit
"Che". Ein neues Geschäft schien ihm zu winken, als sich im September
ein Kaufinteressent für seine Managementfirma "Barricade" meldete.
Phil hatte brieflich Firmenräume beschrieben, die so gar nicht vorhanden waren.
"Kein Problem" für John Train. "Wir mieten einfach ein Haus, das
wir dann zeigen", schlug er Arthur Gorson vor. Sie fanden ein leerstehendes
Warenhaus, das sie einfach für kurze Zeit mieteten, um es den Interessenten
vorzuweisen. Als diese eintrafen, war Phil mal wieder blau und machte einen
völlig heruntergekommenen Eindruck. Natürlich ging das Geschäft baden.
Einige Nächte später begann er - wieder mal besoffen - einem Freund über den
Tod von Phil Ochs zu erzählen. Es lief sogar ein Bandgerät mit: "Train"
habe Phil getötet, aus Mitleid. Ochs sei ein prima Kerl gewesen, aber zu gut
für diese Welt. So habe er sogar absichtlich schlechte Platten gemacht, damit
die Kritiker über ihn herziehen konnten. "Train" habe Phil mit einer
einzigen Kugel erschossen. Bob Dylan sei zufällig dabei gewesen, sein Feind,
eine eifersüchtige Type, sein dichtender Rivale. "Train" sei Ochs’
letzter Manager gewesen. Weil Phil nicht mehr singen mochte, habe er ihn nun als
Backgammon-Spieler managen wollen. Aber als Ochs auch hier seine Leistung
verweigerte, habe "Train" ihn abgeknallt. Und dann habe "Train"
Dylan am Kragen gepackt und geschüttelt und gesagt: "Hör zu, du
Arschloch, dich kann ich auch abknalln. Du bist der größte Langweiler der
Welt. Mit 25 warst Du mal ein Shakespeare, aber heute bist Du nur noch
Hundescheiße, trotz ‘Blood on the Tracks’". Victor Jara sei Phils
Freund gewesen, der Pete Seeger von Chile, auch wenn er, im Unterschied zu Pete
Seeger oder Phil Ochs, nie Geld für seine Konzerte genommen habe. Und dann sei
Victor Jara nach dem Putsch im Stadion von Santiago brutal ermordet worden - und
als dies passierte, habe er gesagt: "Gut - dann ist das eben auch das Ende
von Phil Ochs..."
"Train" bekam Ärger mit der Polizei, weil er besoffen und ohne
Führerschein am Steuer erwischt wurde. Er hatte mehrere parkende Autos
geratscht. Weil sein Gesicht blutig war, brachte ihn die Polizei in ein
Krankenhaus. Dort wurde Phil gewalttätig und wollte einige Polizisten
niederschlagen. Als er telefonieren durfte, rief Phil bei Deni an, die das
Allende-Konzert mitorganisiert hatte. Sie erkannte seine Stimme gar nicht
wieder. Bis sie ins Krankenhaus kam, hatte sich Phil mit weiteren Polizisten,
Doktoren und Schwestern angelegt. Deni fragte Michael in LA, was sie tun solle.
"Nichts", war die Antwort. "Wenn sie ihn einsperren, geben sie
ihm damit vielleicht die Hilfe, die er braucht..." Aber Phil gelang es,
beim Richter einen guten Eindruck zu machen. Bis er vorgeführt wurde, war er
nämlich wieder nüchtern. Phil erzählte dem Richter von persönlichen
Problemen und er werde selbstverständlich für den Schaden aufkommen. Also
schloss der Richter die Angelegenheit, nachdem er Phil zuvor gewarnt hatte, nie
wieder in New York ohne Führerschein zu fahren. Einen Leihwagen mit Fahrer, den
er orderte, konnte Phil nicht bezahlen. Darüber gab’s wieder Ärger mit der
Polizei. Wieder fand Phil einen Freund, der ihn auslöste. Bruder Michael rief
schließlich bei allen Freunden von Phil an und bat sie, ihn bloß nicht
rauszuholen, wenn er das nächste Mal eingesperrt würde.
Phil hatte keine eigene Wohnung mehr. Jean Ray, die weiter in LA lebte,
überließ Phil ihre Zweitwohnung. Aber damit war das Problem nicht gelöst.
Phil stand abends besoffen vor der Wohnungstür. Unfähig sie aufzuschließen,
weckte er das ganze Haus. Der einzige Gegenstand von Wert, den er noch besaß,
war eine gebrauchte Video-Kamera. Die hatte er sich von seiner letzten Gage
gekauft. Seine Gitarre war ihm inzwischen geklaut worden. Phil war es egal.
Video war das einzige, was ihn noch interessierte. Er nahm die Kamera sogar mit
ins Bett. Schlaf fand er sowie kaum. Mehrmals randalierte er besoffen in der
Wohnung. Um die Wohnung nicht zu verlieren, wollte Jean Ray das Türschloss
auswechseln lassen. Eine Freundin, die in Jeans Auftrag nach dem Rechten sehen
sollte, fand die Wohnung leer. Sie nahm die Videokamera mit, damit sie nicht
gestohlen wurde. Phil war außer sich. Als Jeans Freundin ihm die Kamera
wiedergab, musste sie sich zum Dank Beschimpfungen und Drohungen anhören.
Gleich am nächsten Tag ließ sie das Schloss auswechseln. Phil brach die
Wohnungstür auf, noch während Jeans Freundin da war. Er schlug sie. Sie konnte
sich gerade noch in Sicherheit bringen, ehe Schlimmeres passierte. Wieder wurde
Phil verhaftet. Ausgenüchtert konnte er den Richter erneut milde stimmen. Er
kam wieder frei, aber Jean war ihre Zweitwohnung los.
Phil lief jetzt nur noch bewaffnet herum: mit Hämmern, Messern. Dieser Phil
Ochs machte selbst seinen Freunden Angst. Dabei hatte Phil selbst am meisten
Angst. Deshalb, so analysierte ein enger Freund, hatte er sich hinter der
Kunstfigur "John Train" versteckt. "Train-Wayne" war sein
Schutzschild, hinter dem er sich vor Gefahren versteckte. Natürlich wusste er
die ganze Zeit, dass er in Wirklichkeit nicht "John Train" hieß oder
war. Doch das gab ihm einen weiteren Grund für seine Angst. Phil tat alles, um
nicht allein zu sein - sogar singen. Als er darüber klagte, dass er keine
Lieder mehr schreiben könne, schlug ihm ein Freund vor, gerade darüber zu
schreiben. Es schien zu klappen. All die Jahre hatte Phil Ochs über den König
der Cowboys geschrieben - jetzt sollte "John Train" über Phil Ochs
schreiben. Und Phil schrieb nicht nur, er trat mit den Liedern auch auf. Er
plante sogar schon wieder eine neue Platte.
Jerry Rubin überredete Phil schließlich, einer Entmündigung zuzustimmen. Aber
als die nötige ärztliche Untersuchung auf spanisch geführt wurde, bekam Phil
Panik. Er gab vor, aufs Klo zu gehen und machte sich in Patientenkleidung aus
dem Staube. Bei Arthur fand er eine einfache unauffälligere Arbeitshose. Dann
verbrachte er die Nacht im Heizungskeller eines Hotels. Noch einmal flog er nach
LA. Aber auch hier blieb er unberechenbar und selbst für seine Freunde eine
Gefahr. Wieder musste Bruder Michael alle Freunde vorwarnen: "Wenn er
verhaftet wird, lasst ihn um Gottes Willen im Knast. Da ist er am besten
aufgehoben..." Als Phil dann tatsächlich wieder verhaftet war, trieb er
nüchtern telefonisch einen hilfsbereiten Ochs-Fan auf, den Michael nicht
gewarnt hatte. So kam er wieder raus. Wütend drohte er Michael, ihn für das,
was er getan habe, umzubringen. Dann suchte er nach und nach alle Freunde auf,
die ihm ihre Hilfe verweigert hatten. Er wollte Beweise für Michaels Verrat.
Andy Wickham ließ ihn gar nicht erst rein. Er riet "John Train", erst
wiederzukommen, wenn er als Phil Ochs wieder gelernt habe, sich zu benehmen.
Fast keiner verriet Michael - nur Housekeeper sagte Phil die Wahrheit.
Irgendwie gelang es Phil, bei einer Spedition einen LKW zu mieten. Er wollte
seine Habseligkeiten nach New York bringen. In Arizona ging ihm der Sprit aus.
Er ließ den LKW in einer Garage - und sah seine Sachen nie wieder. Zurück in
LA bettelte er sich bei Freunden durch. Seine neue fixe Idee war, dass er selbst
zum CIA gehörte. Einige frühere Freunde fingen an, zweifelnd daran zu glauben.
War vielleicht so rausgekommen, dass die Alternativzeitung, an der Phil
mitgearbeitet hatte, an einer CIA-Patty Hearst-Geschichte dran war? Und was
hatte Phil Ochs tatsächlich am Strand von Tansania zu suchen... War doch was
dran?
"John Train" packte eine neue Besessenheit. Die "größte Show
der Welt" wollte er veranstalten, zur Rettung der "größten Stadt der
Welt": New York. Frank Sinatra wollte er dafür gewinnen, Barbra Streisand,
Bob Dylan, Carole King, Neil Diamond, John Denver, alle sollten ins New Yorker
Shea Stadium. In einer zweiten Show sollten dann Ella Fitzgerald, Leonard
Bernstein, Liza Minnelli, Arthur Rubinstein, John Lennon und Woody Allen
auftreten. Pläne hatte er - aber nichts im Magen. Dafür trug er eine Machete
im Gürtel. Er wollte sich vor Angriffen der New Yorker Mafia schützen... Als er
sich so wieder Richtung New York orientierte, nahm er von LA Abschied. Langsam
ging auch der "John-Train"-Horrortrip zuende. Im Oktober besuchte Phil
Alice. "Ich habe keine Familie mehr," beklagte er sich. "Alle
haben mich verraten. Ihr seid meine einzige Familie. Alice, mach mir mal eine
Liste mit all den Leuten, mit denen du in den letzten Jahren geschlafen hast.
Die sollen dafür bezahlen. Ich hab gute Beziehungen..." Phil meinte die
Mafia. Eine Waffe wollte er von Alice haben. Sie schlug vor, er solle sich im
Supermarkt eine kaufen. Ein letztes Mal schliefen sie miteinander, waren fast
wie eine richtige Familie. Am nächsten Morgen reiste Phil ab. Er kam nie
wieder.
Zurück in New York spielte Phil im November 1975 doch noch mal im "Folk
City". Die "Rolling Thunder Review"-Tournee, zu der Ochs und
Dylan anderthalb Jahre vorher gemeinsam die Idee entwickelt hatten, stand jetzt
kurz vor ihrem Start. Auf einer privaten Party trafen sich alle, die früher zur
Folk-Szene gehört hatten. Jeder trug etwas zum Musikprogramm bei. Auch Phil
sang, und zwar alte Lieder, die er Jahre lang nicht gesungen hatte. Er bekam
stehenden Applaus. Phil hatte sich Dylans Hut auf dem Kopf gesetzt. Dylan war
drauf aus, ihn zurückzubekommen. Schließlich wollte sich Dylan an der Bar
etwas zu trinken holen. Phil befürchtete, Dylan wollte abhauen. Phil rief ihn
zurück und wollte mit ihm zusammen ein Lied singen. Aber Dylan wollte nicht.
Ochs sang alleine - einen Dylan-Song. Dann nahm ihm jemand den Dylan-Hut weg...
Nach diesem Abend trafen sich Ochs und Dylan mehrmals. Sie sprachen
darüber, ob Phil bei der "Rolling Thunder Review"-Tournee mitmachen
sollte oder nicht. Am Ende waren sie sich einig. Es war für alle besser, wenn
Phil nicht mitkam. Aber Phil war pleite. Er konnte keine Wohnung, kein Hotel
mehr bezahlen. Freunde boten ihm Hilfe an, aber es schien sowieso sinnlos zu
sein. So vollendete Phil sein 35. Lebensjahr als ziemliches Wrack.
Im Januar 1976 steht Phil eines Tages vor der Haustür seiner Schwester Sonny in
Far Rockaway. Er möchte nur ein paar Tage bleiben. Es werden Wochen, in denen
es ihm langsam besser zu gehen scheint. Im Nachbarhaus hatte Phil seine Kindheit
verbracht. Es war fast, als wäre er nach Hause gekommen. Er hört auf zu
saufen. Dafür spielt er mit seinen beiden Neffen Karten. Der vierzehnjährige
David und der elfjährige Jonathan freuen sich. Vor allem David kann nicht genug
von Onkel Phil bekommen. Und wenn sich die Jungs mal wieder zu sehr und zu laut
in die Wolle kriegen, steht Phil einfach auf und geht um den Block. Andy Wickham
im fernen LA hört von Michael, dass es mit "John Train" ein Ende hat.
Er ruft Phil an. Bald telefonieren sie regelmäßig. Diese Anrufe werden für
Phil wichtig im täglichen Einerlei. Im März besucht ihn Wickham ein paar Tage.
Man versteht sich prächtig, wie in den guten alten Zeiten. Andy schlägt Phil
vor, mal wieder für eine Zeit lang nach LA zurückzukommen. Phil will darüber
nachdenken. Bruder Michael ruft ihn einmal pro Woche an. Phil klagt, dass er
kein Geld hat. "Kein Problem," sagt Michael, "du musst bloß auf
Tour gehen. Ich brauch nur einen Monat, um eine Tournee zu arrangieren. Du wirst
sehen: Deine Fans werden da sein. Du bist immer noch gefragt. Was du singst und
wofür du stehst, das ist wichtig, nicht das Wie."
Phil weiß, dass er mit "John Train" zu weit gegangen ist. Er hat
Angst, dass er seine Fans und Freunde zu sehr vor den Kopf gestoßen hat.
Michael versucht, ihm diese Sorge zu nehmen. Es gelingt ihm nicht. David möchte
so gerne von Onkel Phil Lieder hören. Widerwillig nimmt der gutwillige Onkel
Sonnys einfach Gitarre und spielt ein paar Lieder. Es fällt ihm schwer, aber er
mag seinem Neffen nichts abschlagen. Bei einer Mahlzeit hören sie irgendwann
ein Lied von Phil im Radio: "Outside of a Small Circle of Friends".
Früher hatte es auf der schwarzen Liste gestanden. Hatte man nun begriffen, dass es gerade kein Aufruf zum Drogenkonsum war? Phil hört es, aber zeigte
keine Reaktion. Schwester Sonny kann ihn überreden, einen Psychiater in der
Nachbarschaft aufzusuchen. Phil lässt sich sogar einen zweiten Termin geben,
für den 12. April. "Gehst Du auch hin?" will Sonny wissen. -
"Wenn ich grad da bin..." Sonny nimmt ihn mit in ein B.B.King-Konzert
nach Manhattan. Sie geht mit ihm ins Kino. "Einer flog über das
Kuckucksnest", mit einem seiner Lieblingsschauspieler, Jack Nicholson, ist
der letzte Film, den er sieht.
Bei einer kleinen Party, die Sonny am Samstag den 3. April gibt, möchte David
von Onkel Phil wieder ein paar Lieder hören. Phil singt "The Highwayman",
"The Bells", "There but for Fortune" und "Changes".
Die Lieder sind zehn Jahre alt oder noch älter. Es sind alles Lieder aus seiner
erfolgreichen New Yorker Zeit. David ist stolz auf seinen Onkel. Er freut sich
über den Beifall, den sein Onkel findet. "Vielleicht gibt’s ja doch noch
Hoffnung", murmelt Phil vor sich hin, als er mit David allein ist. Am
Montag hegt auch Sonny neue Hoffnung. Es scheint, als ob Phil aus seiner Krise
herausfände. Er möchte sich eine neue Gitarre kaufen. Sonny fährt mit ihm
nach Manhattan, aber Phil kann sich für kein Instrument entscheiden.
Am Dienstag den 6. April rufen Jerry Rubin und Ron Cobb an, sein Freund und
Begleiter von der Australienreise. Sie laden ihn zum Essen nach Manhattan ein.
Beide sind gerade aus Kuba zurück und haben viel zu erzählen. Irgendwann am
Abend geht Phil an ein offenes Fenster. Er klettert auf den Sims, sieht seine
Freunde an und sagt: "Tja, das war’s, Leute." Dann blickt er zwölf
Stockwerke unter sich auf das Pflaster. Er fängt an zu lachen und kommt wieder
rein. Er hat noch Hunger. Aber als er satt ist, mag er die Nacht nicht mehr mit
seinen Freunden durchmachen. Er will nach Hause. Als sie am Bahnhof auf den Zug
nach Far Rockaway warten, will Phil von Ron wissen, wie er sich umbringen
würde. Ron weiß nicht. "Vielleicht vor den Zug schmeißen?" fragt
Phil. "Eher verbrennen", meint Ron. Der Zug hält. Phil steigt ein.
Durch das geschlossen Fenster zeigt er seinen Freunde mit Gebärden, welche Art
er vorzieht: Strick um den Hals, Kopf zur Seite, Augen verdreht und Zunge raus.
So sehen ihn seine Freunde zum letzten Male lebend.
Am Mittwoch den 7. April ruft Wickham früh an. Er muss einen Wochenendbesuch in
New York verschieben. Michael kündigt seinen Besuch für Montag an. Er will mit
Phil Pläne für eine Tournee besprechen. "Wir sehn uns",
verabschiedet sich Michael. "Wenn ich dann noch lebe..." ist Phils
Antwort. "Bring Dich nicht um", bittet Michael. Er bemüht sich, nicht
besorgt zu klingen. "Willst Du etwa auf’s Essen verzichten?" -
"Genau", antwortet Phil und lacht. Nachts um zwei wird Schwester Sonny
wach, weil sie Geräusche hört. Sie findet Phil in der Küche. Er steht vor dem
Kühlschrank. Die Arme hat er oben drauf gelegt. Sein Kinn stützt sich auf die
Handgelenke. Phil starrt auf die Küchenuhr, wenige Zentimeter vor seinen Augen.
Auf Fragen gibt er keine Antwort. Sonny scheint es, als ob sich Phil über etwas
klar werden will.
Donnerstag Nachmittag, den 8. April, geht Phil bei Mutter Gertrude vorbei. Sie
machen einen langen Spaziergang am Strand. Er wirkt ruhiger als in all den
Wochen vorher, fast friedlich. Bis zum Abend erzählen sie sich von früher.
Phil bringt Gertrude nach Hause und macht sich selbst auf den Heimweg. Am
nächsten Morgen, Freitag, den 9. April 1976, dann das Ende, wie am Anfang
beschrieben: Neffe David findet am Vormittag die Badezimmertür verschlossen.
Über der Tür aber sieht er eine eingeklemmte Gürtelschnalle.
Phils Leichnam wird am nächsten Tag verbrannt. Andy Wickham selbst bringt die
Asche nach Schottland. Von einem kleinen Türmchen aus verstreut er sie in alle
Winde. Dudelsackspieler blasen "The Flowers of the Forest." Vorbei.
Vorbei? Für Phil. Aber was für ein Ende... War es der "Tod eines
Rebellen"? Marc Eliot sieht es so. Er schrieb unter diesem Titel eine
Biographie über Phil Ochs, auf die sich dieser Nachruf im Wesentlichen stützt.
Wenn Phil vorher je einer war - am Ende war er längst kein Rebell mehr. Jahre
lang war er ein Überlebenskämpfer in eigener Sache, verzweifelt auf der Suche
nach Erfolg, nach Anerkennung, wohl auch nach Geborgenheit. Was er mitbrachte,
war Begeisterungsfähigkeit, Talent als Künstler und dichtender Agitator, und
ein soziales Gewissen. Damit trat er für die Schwachen und Benachteiligten ein.
Damit ließ sich wohl auch in gewissen Kreisen Anerkennung finden. Aber wer sich
durch Kritik Gegner macht oder sogar Feinde, darf nicht mit Geborgenheit
rechnen, schon gar nicht mit Erfolg. Oder doch?
Als Phil von der Bühne abtrat, hatten Kritiker längst einen anderen Künstler
zum Nachfolger oder Kronprinzen Dylans gekürt. Es war schon eine neue
stilprägende Stimme der nächsten Generation gefunden. Mit seiner dritten LP
"Born to Run" hatte Bruce Springsteen 1975 seinen Durchbruch als
"ehrliche Haut mit proletarischem Schweiß". Auch Springsteen sang und
singt immer noch - oder inzwischen wieder - kritische Songs über
Ungerechtigkeiten, Benachteiligte, über Verlogenheit und Verlassenheit. Aber er
verpackt sie anders: Musikalisch hat Springsteen sich den verdienten Erfolg mit
bodenständiger, populärer Rockmusik erarbeitet. Nun kann er sich auch folkige,
kommerziell "schwerere Kost" erlauben. Außerdem ist "unplugged"
modern. Textlich lässt er seinen Zuhörern die Chance, sich den Sinn der
Inhalte selbst zu erschließen. Er kritisiert nicht mit dem Holzhammer - er
nimmt die Feder. Springsteen kämpft für seine Botschaft nicht beidhändig mit
dem Langschwert, sondern elegant mit dem Florett, wenn auch eher trist und fast
schwermütig und weniger satirisch-bissig und witzig. Aber er stößt damit
weniger Leute vor den Kopf. So erschließt er sich ein größeres Publikum,
findet mehr Zuspruch. So kann er aus seinen Texten Ansichten durchschimmern
lassen, die nicht jeder Zuhörer gut finden muss, um das Lied zu mögen.
Springsteen polarisiert weniger und ist so vergleichbar mit Dylan. So findet er
Anerkennung, Erfolg und sogar Geborgenheit, aus der er künstlerisch Kraft
schöpfen kann.
Politische Songs, engagierte Lieder können sehr wohl ein breiteres Publikum
erreichen. Ihre musikalische Verpackung muss nur dem Zeitgeschmack entsprechen.
Und die Texte dürfen nicht plump den Zuhörern die eigene Denkarbeit abnehmen.
Dann fühlen sich die Leute ernster genommen. Aber wer will sich überhaupt mit
Inhalten auseinandersetzen? Bei Konzerten wird für musikalische Unterhaltung
Eintritt gezahlt. Das Publikum sucht Zerstreuung, sei es im Konzert oder mit dem
Kauf von Studioaufnahmen. Es will lachen oder mitgrölen. Die deutsche Vorliebe
für Folkkonzerte mit Künstlern aus dem englischen Sprachraum erlaubt
Rückschlüsse. Der Erfolg der deutschen Blödelsänger auch. Offenbar wollen
sich nur wenige Zuhörer mit ernsthaften und verständlichen Texten
auseinandersetzen oder gar nachdenken. Die Konzertplaner der Folkclubs bei uns
wissen, welches Risiko sie eingehen, wenn sie deutsche "Liedermacher"
engagieren: Es kommen zwanzig bis dreißig Prozent weniger Leute als zu
Konzerten, bei denen anglo-amerikanischer Folk nachgesungen wird. Auf die Suche
nach Erfolg braucht sich damit gar kein kritischer deutscher Liedermacher zu
begeben. Es sei denn, er verstärkt sich rockig oder er wechselt zu belanglosen
Themen. Comedy ist gefragt. Mit Stammtischwitzen lässt sich Geld machen. Die
Doofen sind ganz schön schlau. Sie haben die Marktlücke gefunden und gefüllt.
Bescheuert ist das Publikum, das dafür Geld hinlegt.
Kritischen deutschen Liedermachern ging es kaum anders als den "topical
songwriter" in den USA. Sie wurden bestenfalls von Gleichgesinnten
anerkannt. Vielleicht waren sie unter Gleichgesinnten auch kurzfristig geborgen.
Aber Erfolg? Vielleicht gar noch auf Dauer? Darauf sollte keiner setzen. Das
macht ja wohl auch keiner (mehr). Wie sollte so jemand auch ein Publikum finden
(geschweige denn sein Auskommen), bei bescheidenen Konzertchancen, ignorierenden
Plattenfirmen, desinteressierten Leuten und unterhaltsamerer Konkurrenz...
"Topical songs" - gesungener Journalismus, ist wohl tatsächlich eine
Falle. Wer sich in ihr verrennt, riskiert ein Ende in der künstlerischen
Sackgasse. Aus der läßt sich nur schwer herausfinden. Phil Ochs sah für sich
keinen Ausweg. Trotz gutgemeinter Warnungen seines ersten Mentors Bob Gibson
schon zu Zeiten seiner frühen Auftritte war Phil in diese Falle gegangen. Der
Zuspruch Gleichgesinnter - so gut ihm dieses "Bauchpinseln" auch getan
haben mag - zog Phil Ochs immer tiefer in die künstlerische Sackgasse. Sein Tod
war der längst zu erwartende, angekündigte Offenbarungseid. Phil Ochs wurde
gerade mal 35 Jahre alt. Jerry Rubin schrieb nach Phils Tod: "Phil Ochs hat
von der Energie der Straße gelebt. Er hat die Energie ihrer Kultur aufgesogen.
Als dann in den siebziger Jahren die radikale Jugendbewegung auseinander fiel,
verlor Phil auch seine Identität. Er konnte sich nicht mehr artikulieren.
Schließlich glaubte er, sich selbst überholen zu müssen. Dabei konnte er nur
der Verlierer bleiben." Phil Ochs war fast pubertär verletzlich. Er zeigte
politische Radikalität mit Blick auf progressive Ziele, aber gleichzeitig einen
konservativen Kulturgeschmack. John Wayne und Che Guevara verehrte er
gleichzeitig. Wenn er ein Rebell war, dann auch ein Konservativer.
Sieben Wochen nach seinem Tod gab es im New Yorker Madison Square Garden ein
Phil Ochs-Gedächtniskonzert mit Pete Seeger, Jack Elliot, Melanie, Tim Hardin,
Tom Rush, Jerry Rubin und anderen Freunden. 5 000 Leute kamen - viele von ihnen
in der Hoffnung, Bob Dylan oder Joan Baez zu sehen. Sie wurden enttäuscht.
Phil Ochs und sein Leben - beide wurden nun selbst in Liedern besungen. Z.B.
setzte ihm Tom Paxton 1978 einen musikalischen Grabstein mit seinem Lied
"Phil" auf der LP "Heroes". Harry Chapin nannte schon 1976
sein Lied "The Parade’s Still Passing By" auf der LP "On The
Road To Kingdom Come" sein Geschenk an Phil Ochs und Lee Housekeeper. In
England sang Harvey Andrews 1980 auf seiner LP "Harvey Andrews in
Concert", Phil Ochs sei sein bester Freund gewesen. Sogar siebzehn Jahre
nach Phils Ende setzt ihm 1993 noch die englische Popgruppe "Latin Quarter"
auf ihrer CD "Long Pig" ein musikalisches Denkmal. Ein singender
Journalist bin ich auch, und so hab ich’s auch versucht: 1979 in einem
zweistündigen, mehr biographischen Gedächtnisprogramm mit Liedern von Phil Ochs auf deutsch, in
dieser Zeitung (Musikblatt) mit dem abgedruckten Nachruf, 2001 mit einem
überarbeiteten Porträtprogramm ("Die
Jagd nach Ruhm und Ehre") und 1979 auf meiner zweiten LP
"Abrechnung" mit folgendem Lied:
Epitaph für Phil Ochs
Ein Freund gab mir die Nachricht, / die aus den Wolken fiel.
Er sprach von Deiner Reise / in endloses Exil.
Du hast die Grenze dicht gemacht. / Den Riegel vorgesperrt.
Den Steg hinter Dir durchgesägt. / Hast Du Dich so gewehrt?
Wie konnte das geschehen? / Wer schuldet Rechenschaft?
Schweres war für Dich Ansporn. / Was ging über Deine Kraft?
Wer hat die Stimme Dir geraubt? / Den Atem Dir gekürzt?
Wer hat den Brunnen leergeschöpft? / Den Felsen umgestürzt?
Sag, was machst Du nun, nach dem Tod? / Viel lässt Du hinter Dir.
Wir müssen damit leben, und wir / brauchten Dich doch hier.
Ich weiß nicht - kannte ich Dich gut? / Du hast mich nie gesehn.
Erfahren hab ich viel von Dir, / sah Dich oft vor mir stehn.
Wenn ich eins Deiner Lieder sang, / dann stellte ich mir vor,
was würdst Du sagen, wärst Du hier, und / ich sänge sie Dir vor.
Warum hast Du den Mut verlorn? / Ich hab mich oft gefragt.
Die Zukunft liegt in unsrer Hand. / Du hast es selbst gesagt.
So viel ist faul auf dieser Welt, / was um uns her passiert.
Doch gibt es nur Veränderung, / wenn keiner resigniert.
Sag, was machst Du nun, nach dem Tod? / Viel lässt Du hinter Dir.
Wir müssen damit leben, und wir / brauchten Dich doch hier.
Gerd Schinkel 1996