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Daumenkritiken -------------------------------------------- Roger
McGuinn Eindrucksvoll, wie der scheinbar ewig jung bleibende Sonnyboy keinen Zweifel daran lässt, dass die Byrds noch Dekaden nach ihrem ersten Erscheinen und Jahre nach ihrem (vorläufigen?) Ende nur von einem verkörpert werden: Nämlich von demjenigen, der in den Anfangszeit auf den Fotos mit seinen schmalen, rechteckigen blauen Brillengläsern auffiel. Auch die Art und Weise, wie er keinen Zweifel aufkommen lässt, ist imponierend. Nicht mit ausdrücklichen oder beiläufigen profilstützenden Bemerkungen. Er redet ohnehin nicht viel, sagt quasi nur die Songs an, die anschließend folgen, und ergänzt sie bestenfalls um einen weiteren Satz zu ihrer Entstehung. Aber dann beginnt er auf der Gitarre, und er spielt die „Byrds“. Der Sound, den er da alleine zaubert, ist so unverkennbar, dass er Gänsehaut auslöst. Und dann folgt seine Stimme – die Stimme der „Byrds“, ebenso unverkennbar. So degradiert man frühere Mitstreiter, so sehr sie sich in der Nach-Byrds-Zeit“ profiliert haben mögen, zu musikalischen Statisten, ob sie nun Crosby, Hillman, Clark, Clarke oder Parsons hießen. Unter der keck geschwungenen Krempe seines schwarzen Schlapphuts blickt er neugierig freundlich ins Arena-Halbrund, mit offensichtlichem Vergnügen an der Nähe seiner Zuhörer, die Mitsinger registrierend, zum Mitklatschen animierend. Er feiert seinen 67. Geburtstag und gesteht, dass er sich kein schöneres Fest vorstellen kann als hier inmitten eines begeisterten Publikums. Happy Birthday als Belohnung, vor der Zugabe. Aber vorher steht ein langes Repertoire, ohne Pause anderthalb Stunden durchgezogen, viele Songs in der für die 60er Jahre typischen Kürze, kaum mal länger als zwei Minuten dreißig. Mehr wollten die Plattenfirmen damals nicht auf einer Single haben. Und so wurde auch gnadenlos gekürzt, als sich die „Byrds“ bei Dylan bedienten. Aus „ihren“ Tambourine Man genügte zweimal der Refrain und eine Strophe vom Original, das Dylan über vier Strophen und fünf Refrains zieht – ein Kürzungs-Verfahren, hinter dem Methode zu stecken scheint, sind doch etliche Dylan Songs an diesem Abend verteilt im Programm, die, hätte er sie hintereinanderweg gespielt, unweigerlich den Eindruck eines Potpourri-Sets vermittelt hätten. Wäre es quasi „Blasphemie“ dem Altmeister gegenüber, an das Sprichwort „In der Kürze liegt die Würze“ zu denken? Dylan selbst scheint ein unverkrampftes Verhältnis zu Roger McGuinn zumindest gehabt zu haben. Er wird wissen, dass die Interpretationen, die sich die Folkrocker unter Verwendung von Beatles-Akkorden haben einfallen lassen, nicht unerheblich zur Steigerung seines eigenen Bekanntheitsgrades außerhalb der Szene beigetragen haben. Sie haben Hits aus Originalen gemacht, die nach den Kriterien der Popmusik seinerzeit chancenlos geblieben wären. Und dass der Easy Rider-Soundtrack nicht aus dem Gedächtnis zu bannen ist, lag gewiss nicht nur an „Steppenwolf“ und „Born To Be Wild“ oder „The Pusher“, war da doch auch „The Ballad Of Easy Rider“ und „The River Flows“… Roger McGuinn schwelgt noch heute in den alten Klängen, dm alten Repertoire, das er nur sparsam mit neueren Titel ergänzt, gemeinsam geschrieben von ihm und seiner Frau, beispielsweise über die Umweltzerstörungswut der Menschen. Politisch im weitesten Sinnen war er wohl immer: Am Abend von John F. Kennedys Tod schrieb er „He was a friend of mine“. Die „Byrds“ hatten nicht nur Dylan-Songs drauf. Und so singt er auch eine Menge eigener, ein Mann und seine Gitarre, die eine elektrisch mit dem Sound, den jeder im Ohr hat, die andere akustisch mit sieben Saiten – die G-Saite mit der Oktavsaite ergänzt, wie bei einer 12er: ein spezielles Martin-Modell, mit dem Effekt, dass die „Siebener“ wie eine „12er“ klingt. Sowas könnte bislang nicht gehegte Wünsche wecken… Fazit: Ein fröhlicher „Oldie“, dem man die 67 Lenze unter dem Hut nicht glauben mag – wäre es anders, würde er den Hut mal abnehmen? Wir wollen es gar nicht wissen, wo wir sein Konzert doch ausgiebig genossen haben.
-------------------------------------------- Aus dem jungen hoffnungsvollen Talent mit der Holzgitarre, die in der zweiten Hälfte der musikalisch so beliebigen und heute gern in Grund und Boden kritisierten Achtziger Jahre überraschend erfolgreich gegen den damaligen Mainstream angetreten war, ist eine respektable Künstlerin geworden. Keine Spur mehr von Unsicherheit – klar, mehr als zwanzig Jahre und ein paar Hits später hat sie an Statur gewonnen. Dies wird ihr auch über boshafte Kritiken hinweghelfen, wie sie beispielsweise der unsägliche Kritiker des "Kölner Stadtanzeigers" meinte absondern zu sollen. Da nun Schwamm drüber? Mal sehen. Weiß ich noch nicht... Suzanne Vega gab mit ihrem Einstiegslied „Marlena On The Wall“ von ihrem ersten Album gleich ihre musikalische Visitenkarte ab, die wohl jedem im Saal hinreichend vertraut war: Ihr einseitiges Zwiegespräch mit der von der Wand schauenden Marlene Dietrich. Souverän ihr Vortrag, Zickig- und Zappeligkeiten hat sie nicht nötig, sie ruht in sich, weiß offensichtlich um die Qualität ihrer Lieder, für die sich jede anpreisende Erläuterung erübrigt. Die beiden Begleitmusiker an der Gitarre und am Bass halten sich wohltuend zurück und verschwinden sogar, wenn sie nicht gebraucht werden. Sie stören nicht, aber ergänzen gekonnt, wenn klangliche Fülle wünschenswert ist. Bei ihrer Auswahl hatte Suzanne Vega offensichtlich ein gutes Händchen. Und so singt sie ihre Songs ohne Attitüde und Getue, löst zwischendurch gelassen das Problem des vom Läppchen gefallenen Ohrrings, zeigt, dass sie auch verkomplizierte Begleitungen für ihre früher mal einfacher gespielten Stücke drauf hat und reiht eine Songperle an die andere: Kleine Miniaturen, wie Momentaufnahmen aus ihrer Heimatstadt New York. So bleibt sie sich selbst treu. Und doch ist sie auch in der Lage, sich selbst und die Unverletzlichkeit des eigenen Werkes nicht so wichtig zu nehmen: „Tom’s Diner“, vor einigen Jahren als à capella-Stückchen geschrieben, wurde in den kunstvollen Klauen der Sampler mit unterlegten Beats zu einem Kultstück in den Diskotheken. Sie mochte offenbar der Versuchung nicht widerstehen, sich mit neuem Arrangement dieser von Technikern geschaffenen „eigenen Coverversion“ anzunähern. Warum auch nicht. Und „Luka“, natürlich, denn wäre der Song nicht gekommen, wie viele wären enttäuscht gegangen. Suzanne Vega hat es im Laufe der Jahre stets verstanden, ihre eigenen Themen zu setzen und auf ihre filigrane Weise umzusetzen – ein Glücksfall für die anspruchsvolle Popmusik. Im Konzert bot sie einen schönen Querschnitt, Interpretationen aus einem Repertoire, das vor mehr als zwei Jahrzehnten von einer jungen Frau begonnen wurde, die heute, mit knapp fünfzig Jahren, gewiss mehr zu sagen und zu singen hat als damals. Und dafür sei ihr ein größeres Publikum zu gönnen. Ach ja: Der Beginn des
Konzerts war vom Veranstalter für 21 Uhr in der Hitze der frühen Nacht
verheißen worden – ärgerlicherweise trat dann jedoch nicht die
erwartete Künstlerin ans Mikrofon, sondern zwischen zwei Begleiter an den
Drums und an der Gitarre huschte ein schlankes Madel nach vorne und durfte
eine halbe Stunde supporten. „Maria“ sei ihr Name, hauchte sie. Das
Internet verriet später die korrekte Schreibweise („Mariha“) und dass
sie aus Hamburg sei. Von so manchem Lied ihres Kurzprogramms wünschte sie
sich, dass es doch der eine oder die andere im Publikum schon kennen möge
– Gründe dafür lieferte sie kaum. Vielleicht lag ihr Unvermögen, das
Publikum tatsächlich zu fesseln, daran, dass doch viele im Saal älter
waren als sie und eher – auch wegen der vorrückenden Uhrzeiger mitten
in der Arbeitswoche – ungeduldig auf die Künstlerin warteten, für die
sie Karten erworben hatten. Und der Hauptakt lieferte dann auch den
Nachweis, dass beide Künstlerinnen nicht nur der Atlantik, sondern doch
Welten trennen. Schade eigentlich – aber so mag es gehen, wenn Kritiker offenkundig ein Problem damit haben, sich mit Künstlern auseinanderzusetzen, deren künstlerische Qualität weit jenseits der Vorstellungskraft des Kritikers liegt, und diese Überforderung den Kritiker zu einer Häme treibt, die nur eines deutlich macht, nämlich den Frust darüber, diese Qualität nie erreichen zu können. --------------------------------------------
Ian Melrose Der Schotte Ian Melrose lebt seit Jahrzehnten in Berlin und bereichert ebenso lange von Deutschland aus die internationale Musikszene. Er hat sich als Gitarren-Solist, aber auch als Multiinstrumentalist in unterschiedlichen Formationen einen Namen gemacht, beispielsweise mit keltisch-nordischer Musik im schottisch-norwegischen Duo Kelpie mit der Gitarristin Kerstin Blodig, oder wenn das Duo zusätzlich ergänzt wird um den Bassisten Urs Fuchs zum Trio „Talking Water“. Auch als Studio-Musiker ist Ian Melrose häufig im Einsatz, um Produktionen von Kollegen musikalisch zu verfeinern. Das Celtic Guitar Festival hat in ihm seinen Dreh- und Angelpunkt. Er holte sich den Waliser Dylan Fowler und aus Speyer Michael Busch, um mit ihnen ein gemeinsam gestaltetes Bühnenprogramm auf die Beine zu stellen. Es ist Gitarrenmusik mit unüberhörbaren keltischen Wurzeln, die da zu Gehör gebracht wird. Eine Musik, die noch vor einigen Jahren längst nicht so selbstverständlich gewesen wäre wie inzwischen heute. Viele Gitarristen haben mittlerweile Kompositionen, die eigentlich für andere Instrumente wie Harfe oder Dudelsack, für Flöte oder Fiddle gedacht waren, für ihr Saiteninstrument umarrangiert. Und es klappt und klingt, wenn auch vielleicht – je nach Talent und geschulten Fähigkeiten – nicht immer so virtuos wie an diesem Mittwochabend in der Petrus-Kirche. Und virtuos war das Gebotene, von jedem auf seine Weise: Die – vergleichsweise – kurzen Stückchen des Saitenakrobaten Michael Busch aus Speyer, der zwischen den Kompositionen launig erzählte, wie es zu den Titeln der Stücke kam: Eindrücke aus dem Alltag, Besonderheiten – was auch immer, unterhaltsam eingestreut, wie um den Hörnerv ein wenig durchzuschütteln, eh wieder volle Konzentration erbeten war und die Finger erneut über die Saiten tanzten. Erzählend unterhalten und spielend beeindrucken war offenbar auch die Devise des walisischen Gitarristen Dylan Fowler, die er konsequent umsetzte und damit sein Publikum zu fesseln wusste: Gitarrenklänge, die zwischenzeitlich so gar nicht nach Gitarre klangen – keltisch eben, aber dann doch wieder anders als „gewohnt“, dann doch wieder nah an häufiger gehörten Gitarrenstilen, auch klassisch verwandten – und doch wieder anders. Für weniger talentierte oder versierte Gitarristen mit erschütterbarem Selbstvertrauen gewiss eine Herausforderung, unmissverständliche Eindrücke, die eigentlich den umgehenden Verzicht auf eigenes Saitenquälen nach sich ziehen müssten, zu ignorieren. Und Ian Melrose, der Souveränste der drei, der es sich – in sich ruhend – auch erlauben konnte, auf die Interpretation eines neuen komplizierten Stücks zu verzichten, nachdem ihm zwei Anläufe nicht zur eigenen Zufriedenheit geraten waren. Na und – andere Stücke waren kaum weniger überzeugend als es wohl das abgebrochene gewesen wäre. Er ist ein Pionier der keltischen Gitarrenmusik und muss weder anderen noch sich selbst etwas beweisen und kann sich an diesem Gitarren-Festival-Konzert sogar erlauben zu singen – und Kerstin Blodig, die diesmal eigentlich nur an den Reglern „mitmischte“, gab quasi vom Sitz aus dem Publikum so ganz nebenbei die zweite Stimme dazu. Ein Erlebnis. Durch die Abfolge der Auftritte – alle drei Künstler jeweils einmal in den beiden Sets – wurde das Programm zwar etwas kleinteilig, aber dadurch auch abwechslungsreicher, weil jeder der drei seine eigene beeindruckende Spielweise hat, sie aber nicht im gefühlten Übermaß ausbreiten, sondern in kleinen Portionen anbieten kann. So macht man Appetit, statt Überfütterung zu riskieren, erst recht mit am Ende gemeinsam gespielten Kompositionen, bei denen dann auch das Keltische durch den Einsatz von zwei Flöten unterstrichen wird, die der verbliebenen Gitarre am Ende vorübergehend die „Grundierungsrolle“ zuweisen. Macht nichts, denn was – keltisch - aus den sechs Saiten herausgeholt werden kann, war ja bereits eindrucksvoll demonstriert. -------------------------------------------- Dota
Kehr und die Stadtpiraten Was für eine Wucht. Sie vermittelt sich nicht nur in Liedern, in Musikalität und Präsentation, sondern genauso aus der Souveränität der Persönlichkeit dieser Sängerin Dota Kehr. Was sie aus ihren Liedereinfällen offensichtlich an Qualität zu stricken weiß, ist beeindruckend. Wie sie mit Sprache jongliert, Inhalte entwickelt, die aus Situationen und Emotionen entstehen, das macht die Lieder zu exquisiten Genussstückchen. Frei von jeder aufgesetzten Attitüde, von großen Gesten oder einstudiert wirkenden Showversatzstücken präsentiert sie sich fast beiläufig, aber ist dafür dann sowas von präsent. Was ihr in den Liedertexten immer wieder gelingt, ist der Ausdruck von überraschenden Selbstverständlichkeiten in so verblüffender Klarheit, dass sie fast erschlägt. Ihre Überzeugungskraft kommt dabei auch aus einer lakonischen Reserviertheit, die selbst dann noch Zurückhaltung signalisiert, wenn Dota die Chance ergreift, auf die mitreißende Musik ihrer Stadtpiraten zu grooven und zu tanzen. Und dann verlassen ihre drei Mann (Jan Rohrbach an der E-Gitarre, Leon Schurz am Bass und Nicolai Ziel am Schlagzeug) die Bühne, "kommen gleich wieder", versichert sie, schiebt aber doch noch ein augenzwinkernd verunsicherndes "haben sie jedenfalls gesagt" nach. Sie füllt die Bühne auch allein, mit ihrer Stimme, ihren Liedern, ihrer Musikalität, ihren Texten, ihrer Person. Dafür reicht Talent allein nicht aus. Sie ist wieder eine von den künstlerischen Juwelen, an denen der "alte" Liederpoet Christof Stählin in seiner Sago-Liedermacher-Schule den einen oder anderen Schliff anbringen konnte. Ich weiß nicht, was sie aus der Sago mitgenommen hat - doch was sie aus all dem macht, was ihr von Anfang an an Talent mitgegeben war und was noch hinzukam, das ist jedenfalls beträchtlich. Ein halbes Dutzend CDs hat sie schon eingespielt - natürlich auf dem eigenen Label "Kleingeldprinzessin". Wie oft kommt es denn schon noch vor, dass sich größere Firmen an Qualität verheben, selbst wenn sie direkt vor ihnen läge. Sei es wie's ist - Hauptsache sie macht so weiter. Irgendwann werden auch einflussreichere Leute sie entdecken, so dass es nichts mehr ausmacht, wenn sie von unwichtigeren ignoriert wird. -------------------------------------------- Manfred
Maurenbrecher 2 Der Berliner Singer/Songwriter an den Klaviertasten gehört für mich zu denjenigen, die so lang spielen können wie sie wollen - und ich hab immer noch nicht genug. Seine eigene Art sprachlicher Miniaturen, mit dem Notwendigsten an musikalischer Ausstattung unterlegt - selten ist es mehr als das - macht ihn zu einem besonderen Exemplar der Gattung Liedermacher. Seit mehr als drei Jahrzehnten macht er "seine Arbeit" und dass er davon Leben kann, das ist - mal unabhängig davon, dass dies auch ein Nachweis der Qualität seiner Lieder ist - schlicht gut so. Er fängt in faszinierender Präzision Stimmungen von Situationen ein, mischt seine eigene Stimmung dazu und gelangt so zu Liedern, die sich in ihrer Güte keinem noch so gewagten Vergleich entziehen müssen. Ich weiß, Schubladen sind öde und blöde, doch wenn Mauri schon selbst durch Übersetzungs- und Übertragungswerke eine Nähe zu Randy Newman nicht scheut, muss ich mir auch nicht verkneifen, sie auszusprechen: Ja, er kann ihm das Wasser reichen, und falls nun ein kritischer Einwand auf Unterschiede verweist und beispielsweise Newmans Potential an Zynismus für ungleich ausgeprägter hält - geschenkt. Dafür findet Maurenbrecher ungleich mehr Kontakt zum Publikum und verwöhnt es mit seinen Songs. Er kann beides bewirken: Lacher, die losplatzen, und solche, die im Halse stecken bleiben. Er kann die Gänsehaut auslösen und die Nackenhaare dazu bringen, sich aufzustellen. Er kann musikalisch nicht nur einen satten Klangteppich aus Tönen zaubern, sondern auch sprachlich mit Zwischentönen jonglieren. Wenns mir noch möglich wäre, Klavier zu lernen - ich würds auf seine Art können wollen... Klasse -------------------------------------------- Ernst
Schultz Der Deutsch-Rock-Saurier aus Nürnberg, der schon bei "Ihre Kinder" mitgespielt hat, hat seine musikerlebenslange Auseinandersetzung mit Robert Zimmermann in ein Konzeptalbum münden lassen, das nun selbstverständlich auch auf die Bühne muss. Und wieder mal erwies sich, dass es nicht nur nicht schadet, sondern durchaus bereichert, wenn sich jeder seinen Bob auf seine Weise erschließt. Allein schon die Auswahl der Stücke, an denen man sich für eine Übertragung versuchen will, ist - zumindest für mich, aber vermutlich für alle, die Dylan spannend finden - interessant. Was Ernst Schultz mit seinen Versionen von Dylan-Songs gelingt, ist immerhin schon mal eine eigene musikalische Färbung, erreicht durch ein brillant gepicktes Five-String-Banjo, gespielt von Obi Barthmann, wobei die Gruppe damit das Wagnis einging, ein ausgesprochen klangprägendes Instrument tatsächlich bis an die Grenzen des - zumindest mir - noch Genießbaren auszureizen. Damit ich nicht missverstanden werde: Ich mag das Instrument und bewundere Obi Barthmanns Fähigkeiten, doch ich bin kein begeisterter Grenzgänger, sodass mir gelegentlich größere Behutsamkeit in der Verwendung des Kessels entgegengekommen wäre. Aber immerhin: Es ist ein eigener Fingerabdruck, zu dem dann in der Bühnenversion auch Bassmann Peter Tobolla beiträgt. Ernst Schultz's Übersetzungen sind so wie auch Dylans eigene Texte selbst: Mal überzeugend, mal auch für ein Stirnrunzeln gut, vermutlich ist dies auch abhängig von der Stimmungslage des Zuhörers. Man muss sich drauf einlassen, sich hineinfallen lassen, dann klappt das schon, vor allem, wenn man dabei keinen Dylan auf dem heimischen "Haus-Sockel" stehen hat, denn da gehört der Altmeister sowieso nicht hin, auch wenn er immer mal wieder für den Literatur-Nobelpreis ins Gespräch gebracht wird. Was Ernst Schultz jedenfalls beeindruckend gelingt ist der Nachweis, dass es nicht des Dialekts bedarf, um Dylan deutsch zu singen, und dafür hat der Nürnberger Liedermacher sogar das Zertifikat des Verlages erhalten, bei dem die Rechte an Dylans Songs liegen. Die dort Verantwortlichen haben sich die Schultzschen Dylan-Übertragungen zurück ins Englische übersetzen lassen und abgenickt. Also - was will man noch mehr... -------------------------------------------- Jean
Faure & Orchestre Vier Jahrzehnte ist es her, dass der Bonner Beute-Franzose, zum ersten Mal am Hauptbahnhof Bonn eintraf. Damals konnte er noch nicht geahnt haben, wie sehr er mal am Rhein Wurzeln schlagen würde. Nun hat er seiner Wahlheimat die zweite Nachhilfestunde in Sachen Chanson erteilt. Nachdem ein halbes Dutzend Mal vor ausverkauftem Pantheon die Frage "Pourquoi pas" gestellt wurde, versprach das neue Programm die französischen Gassenhauer: "Les grands succès". Doch Schängi wäre nicht der eigenwillige Franzose, als der er in Bonn seine Popularität gewonnen hat, wenn er diesen oberflächlichen Erwartungen entsprochen hätte. Jean Faure pickt sich neben manchen, auch in Deutschland beliebten Hits aus der französischen Musikkultur genauso manches Chanson heraus, von dem viele hierzulande noch nichts gehört haben - und das macht sein Konzert erst recht zu Erlebnis. Es ist eine Mischung von Liedern, die manch frankophile Zuhörer mitsingen, zumindest aber mitsummen können, und Chansons, die selbst Franzosen kaum bekannt sind. Boris Vian, Serge Gainsbourgh sind die Autoren, und natürlich Georges Brassens, Jacques Brel, Edith Piaf, Gilbert Bécauds, Georges Moustaki, Charles Aznavour, dazu Barabaras "Göttingen" und Pascal Danels "Kilimandjaro". Sein Ensemble, sein "Orchestre", ist gegenüber dem ersten Programm zur Hälfte umbesetzt, was dem musikalischen Zusammenspiel mehr Harmonie bringt. Es klingt mehr aus einem Guss und besser aufeinander abgestimmt, man spielt mehr miteinander als nebeneinander, als ob es den nun zusammengefundenen Instrumentalisten leichter fiele, sich hinter dem "Schäng" zu sammeln und auf eigene "Nebenshow-Einlagen" zu verzichten. Und Schängi zeigt seine Souveränität ohne Aufdringlichkeit, sowohl im Umgang mit seinen "Jungs", als auch im Spiel mit dem Publikum. Wieder zeigt er, wie leicht er es um den Finger wickeln kann. Höhepunkt des Abends: Eine beeindruckende Interpretation von "Ne me quitte pas", in der Faure klugerweise darauf verzichtet, Brel auch nur ansatzweise zu kopieren, sondern sich darauf beschränkt, nur dessen Lied zu singen, und zwar auf eigene Weise überzeugend. Und dann sind da noch die eigenen Gassenhauer: Berlin s'éveille, Schängs Adaption des Hits von Jacques Dutronc, der in der französisch-deutschen neuen Fassung vom Ende der Teilung in der alten Hauptstadt berichtet, als die Mauer fiel und ein erstaunter Franzose die Deutschen außer Rand und Band erlebte, aber anders als in der Nähe des Bonner Lochs am Karneval... Rundum ist das neue Programm eine Steigerung gegenüber dem ersten, und es wäre schön, wenn die "grand succès", die Jean Faure zusammengestellt hat, auch für ihn und sein Orchestre zu einem großen Erfolg würden. Zu wünschen wäre es nicht nur ihm, sondern auch seinen Musikern.
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Ein Konzert der für mich rätselhaften Art, doch kann es ja sein, dass andere Konsumenten Gefallen an dem finden, was die Künstler zu bieten haben – ist ja alles Geschmacksache, erst recht in der Musik mit ihren vielen Genres, die sich aus der Interpretation der kompositorischen Aneinanderreihungen von Tönen ergeben können…. Es hatte sich schon nach wenigen Takten für mich abgezeichnet, dass dies eher ein musikalischer Konsum der anstrengenden Art - wohl gemerkt: für mich - sein würde. Und so konnte ich mich in keinem der im ersten Konzertteil (den zweiten hab ich nicht mehr miterlebt) gehört Songs gegen Überlegungen sträuben, die sich um die Frage drehten: Was treibt die Interpreten von Kompositionen und Texten nur dazu, bei ihren Interpretationen zielgerichtet nach Arrangements zu suchen, die das Zuhören zur Tortur machen? An mangelnden musikalischen Fähigkeiten wird es nicht liegen, denn wie so oft war es auch hier so, dass sowohl technisch am Gesang der Sängerin Maria Fernandez Alvarez, als auch spieltechnisch an der Flügelbearbeitung von Norman Peplow kaum Kritik zu äußern sein mag – die technischen künstlerischen Fähigkeiten wage ich nicht zu bezweifeln, auch nicht die Fähigkeiten und das Talent zum künstlerischen Ausdruck. Zu beneiden ist sicherlich, wer mit diesen Talenten gesegnet ist. Doch warum nutzen sie ihre in der Weise, wie beide sie nutzen: So, dass im Gesang – beispielsweise des großartigen Liedes „Gracias a la vida“ von Violetta Parra – nichts, aber auch gar nichts von der mutmaßlichen Intention der großen Chilenin, die das Lied verfasst hat, zu retten ist. Einen vielfachen Dank ans Leben soll das Lied ausdrücken, dafür dass man sehen, hören, fühlen, vor allem mit seinen Sinnen die geliebten Menschen wahrnehmen kann. Der Rückschluss, den die eigenwillige „verjazzte“ Interpretation von Maria Fernandez Alvarez nahelegt, besagt, dass das Leben wohl eher aus Pein und Qualen besteht und deshalb eigentlich kaum lebenswert sein dürfte. Wozu dann aber von Dankbarkeit singen? Dann doch lieber aus und vorbei, keinen Ton mehr und Schwamm drüber - das Leben abgehakt… Auch Norman Peplow tastet zielsicher und gewiss absichtsvoll genau zu den Tasten, die Tonzusammensetzungen erzeugen, die – für meine Ohren - eher miss- als wohlklingen, sodass sich fast schon die Nackenhaare aufstellen. Musikalischer Ausdruck von Dankbarkeit für die Schönheit des Lebens und dessen, was es zu bieten hat? Die Interpretation des Duos vermittelt anderes. Auch die weiteren vor der Pause gehörten Songs unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht von der „eigenwilligen“ Interpretation des bekannten chilenischen Lied. Wie gesagt: Nicht weil die Künstler ihre Kunst nicht beherrschen, sondern weil sie sich in einer eklektischen Weise vielleicht zwanghaft um eine eigene künstlerische Darstellung bemühen und dabei verrennen, so aber den verwendeten Kunstwerken (den Kompositionen) Gewalt antun und die Kräfte und Toleranz derjenigen im Publikum überfordern, die in dieser Hinsicht nur begrenzt belastbar sind. Doch mit dem Eintritt erkauft man sich ja auch die Freiheit, ein Konzert vorzeitig zu verlassen. -------------------------------------------- Gianmaria
Testa Lag es am Rahmen im viel zu großen und kaum Atmosphäre bietenden Gloria, lag es an der zu großen Bühnen, vielleicht auch daran, dass sich der Künstler zwischen den Liedern gelegentlich in langatmigen Erklärungen verlor, die an all denen vorbeirauschen mussten, die seine Sprache nicht sprechen – der Auftritt von Gianmaria Teste konnte nur einen Bruchteil der Faszination vermitteln, die er als Cantautore mit rauchiger Stimme und elektrisierenden Liedern ausstrahlt. Gut – Menschen mit Italienisch-Kenntnissen waren im Vorteil und man hätte ja schließlich auch – wie es der in Zürich lebende sizilianische Liedermacher Pippi Pollina beispielsweise bei seinen Auftritten in Deutschland ja auch immer wieder anmahnt und abfragt - inzwischen einen Volkshochschulkurs in Italienisch belegen können, wenn man sich schon für Cantautore (also für die Liedermacher von der Stiefel-Halbinsel) und ihre Botschaften interessiert. Nur stellt das Leben – vor allem das alltäglich – auch noch andere Anforderungen und die nicht immer selbst gewählten Prioritäten lassen nicht zu, dass man sich jeden Wunsch erfüllt. Gleichwohl hätte man gerne mehr verstanden, nicht nur vom Gesagten, sondern auch vom Gesungenen. Und schließlich hatte sich der Maestro doch auch extra einen Dolmetscher mit auf die Bühne geholt, ihm ein Mikrofon überlassen. Und doch erhielt dieser dann nur beschränkte Möglichkeiten, der mutmaßlichen Mehrheit im Saal zu übersetzen, was Gianmaria Testa in seinen Erläuterungen zwischen den Liedern zu erzählen hatte. So aber war es vielleicht zu Beginn noch reizvoll, später aber einfach immer mehr ermüdend, zwischen den Liedern allein dem Klang von Stimme und Sprache zu lauschen, während man auf den Beginn des nächsten Liedes wartete. Die Lieder nämlich hatten mit der ergänzenden Musik immerhin noch eine zusätzliche Dimension, in die man sich verlieren konnte, vor allem wenn zuvor wenigstens ein wenig das Thema angerissen worden war. Flüchtlinge auf Nussschalen im Mittelmeer zum Beispiel, die in Italien anlanden und dort schlimmer behandelt werden als seinerzeit italienische Auswanderer und Gastarbeiter in anderen Teilen der Welt. Auch Testa ist einer der vielen Künstler, die an Berlusconis Italien leiden, sich gewissermaßen von der politischen Wirklichkeit in ihrer Heimat distanzieren, weil sie ihnen peinlich ist. Noch sind diese „Kulturbotschafter“ in ihrer Abgrenzung nicht so weit, dass sie sich - wie seinerzeit manche Künstler aus den USA für die Politik der Bush-Regierung – für das entschuldigen, was sich der semi-kriminelle Medienzar aus Mailand nun im Regierungsamt in Rom so an Peinlichkeiten und Entgleisungen leistet. Aber zu beneiden sind die Italiener derzeit wirklich nicht. Zurück zu Testa und seinen künstlerischen Früchten: Er hat eine ganze Reihe von Gänsehaut-Liedern, die dieses Gefühl durchaus auch in der sparsamst arrangierten Form der solistischen Darbietung vermitteln, auch wenn man die Lyrik nicht versteht. Testa bewegt sich auf einem stilistischen Terrain zwischen Paolo Conte und Lucio Dalla, vermittelt Melancholie, nicht Sentimentalität, bewegt Bauch und Herz und erreicht selbst den Kopf, weil sich die Phantasie - wenn sie in etwa weiß, über welches Thema Testa singt - zur gebotenen Begleitung und der wohlklingenden Stimme ihre eigenen Bilder schafft. Er weckt die Lust auf mehr von sich. Und da ist es dann auch eine angenehme Überraschung, wenn man – anders als sonst häufig erfahren – daheim den Tonträger zur Tour, eine solistisch aufgenommene CD, auflegt und fast genau die Dichte wahrnimmt, die das live erlebte Konzert durch die oben geschilderten Widrigkeiten leidern nicht geboten hat. Nun kann man sich wenigstens daheim „hineinfallen lassen“. -------------------------------------------- Rosanne
Cash Die Tochter, sein erstes Kind, 1955 geboren, in der frühesten Phase seiner Karriere, als er die ersten Aufnahme bei Sun-Records machte und anschließend auf Tour ging – alles plastisch nachzuempfinden, wenn man sich den Film „Walk The Line“ anschaut, auch wenn die Einschränkung gilt, dass ein Spielfilm nie die volle Wahrheit wiedergibt. Aber so ähnlich wird es vielleicht doch gewesen sein. Sie ist die Tochter von Johnnys erster Frau, hat in wesentlichen Phasen ihres Kinder- und Jugendlebens den Daddy mehr auf Abstand als in ihrer Nähe erlebt, was vielleicht auch von Vorteil gewesen sein könnte, wenn man den Andeutungen des exzessiven Drogen- und Tablettenkonsums glauben mag. Heute singt sie selbst, nicht seit ewigen Zeiten, aber immerhin hat es sie irgendwann auch vors Publikum gezogen, mit der Gitarre vorm Bauch und Songs auf den Lippen. Muss wohl doch ein wenig in den Genen stecken. Auch das Genre ist verwandt, wenn nicht gar identisch: Country, Roots – populäre Songs übers Dasein im Hiersein, alte Werke, vom Übervater aufgelistet und heiß empfohlen als Erbgut, gar nicht mal so viele seiner eigenen dabei, und neue Songs, artverwandte, natürlich? – natürlich. Sie hat beileibe keine elektrisierende Stimme, aber sie macht was draus. Sie spielt auch gewiss nicht beeindruckend Gitarre, fühlt sich deshalb wohl auch nicht genötigt, sich ständig selbst zu begleiten, wenn sie doch schon jemanden zur Seite hat, der das besser kann: Ihren Mann, den derzeitigen: John Leventhal, und mit so jemandem neben sich, stellt man die eigene Gitarre leicht ohne zu zögern auf Seite. Es klingt nicht nur gut, was beide bieten, es klingt sogar überzeugend und geht gelegentlich unter die Haut – nicht immer, aber das muss es ja auch nicht. Sie freut sich über den freundlichen Empfang, den begeisterten Beifall: Köln tue ihr gut, lautet ihre Zwischenbilanz zur Konzert-Halbzeit, und zur Belohnung dürfen aus dem Publikum Wünsche zur Bühne gerufen werden: Was wollt ihr hören – und den einen und anderen Vorschlag pickt sie heraus, allzu alte Favoriten werden verworfen. Wenn schon alte Songs, dann sind es die von der Liste, die ihr Daddy ihr hinterließ, dies sie gerade abarbeitet, aus der sie ihre nächste CD bestücken will: „The List“. Und irgendwie scheint sie die Liste für nicht vollständig zu halten. Sie ergänzt sie selbst: „Dieser Songs wäre sicher der nächste gewesen, der drauf gestanden hätte…“: Es handelt sich um Bobby Gentries „Ode To Billy Joe“. Sie singt es als Zugabe, grandios, wie so manches an diesem Abend, in diesem Konzert, das leider nur viel zu kurz war. Nach 75 Minuten hab ich noch nicht genug gehört. Sie sollte sich ein Beispiel an Springsteen nehmen. Der Boss käme nicht auf die Idee, da schon aufzuhören… Fazit: Unbestritten: Eine gute Sängerin in diesem Genre, das aber auch davon lebt, dass die Künstler und Künstlerinnen, die sich hier bewegen, gerade auch mit Authentizität überzeugen und gelegentlich auch mit Virtuosität. Und da fallen mir Namen ein, bei denen ich mehr ins Schwärmen gerate: Allison Krauss, Mary Gauthier, Bonnie Raitt, Mary Chapin Carpenter - diese Liste ist noch erheblich verlängerbar. Diese Damen haben es dann auch ohne eine Liste von Papa geschafft - hätte Rosanne vielleicht auch, klar, aber wer weiß: In diesem Geschäft kommt es ja immer mehr auf Glück als auf Können an... ----------------------------------------------
I
Muvrini Für viele Fans hat die korsische Gruppe Kultstatus, während sie anderen mittlerweile zu glatt, zu kommerziell beworden sein mag. Im Beueler Brückenforum litt die Faszination, die mich noch bei meinem ersten Konzerterlebnis im Kölner Theater am Tanzbrunnen heftigst gepackt hatte, deutlich unter dem miesen Sound, der zumindest am Anfang dem neuerlichen Hörerlebnis den Genusscharakter nahm. Das besserte sich zwar im Laufe des Abends, weil sich beides einander annäherte: Der Sound wurde ein wenig erträglicher, der Ärger über den zunächst nur breiigen Klang und die zu schrillen Höhen geringer, die Enttäuschung über den ausbleibenden Zauber ebenfalls. Aber es war eben wie so manches Mal, wenn man sich eben zu Beginn einer Fahrt auf dem falschen Gleis wiederfindet: Man kann es schlecht wechseln, indem man einfach auf ein anderes springt. Und die Weiche kam eben recht spät... Eigentlich nämlich ist die Musik der Brüder Jean-Francois und Alain Bernardini und ihrer Mitstreiter ja elektrisierend: Der beim ersten Zuhören archaisch anmutende mehrstimmige Gesang, der in die tiefste Faszination der Weltmusik entführt, die dann früher oder später einsetzenden sparsamen - oder auch wuchtig eingesetzten - instrumentalen Ergänzungen, die deutlich machen, dass sich I Muvrini nicht modernen Klangeinflüssen verschließt - für Puristen gewiss ein Schritt, der verräterische Züge hat, die Tradition verwässert und zur Unterstellung von rein kommerziellen Interessen führen kann. Aber mir gefällt das durchaus, zumindest im Prinzip und wenn die Abmischung stimmt... Jean-Francois, der zwar bescheiden auftritt, aber weiß, dass er der unbestrittene Frontmann des Ensembles ist und hinter dem die Bandmitglieder in ihrer eigenen Bescheidenheit zurücktreten, hat auch zwischen den Liedern durchaus Hörenswertes mitzuteilen, was er dann auch fürs Publikum übersetzen lässt. So erfährt man mehr über die Hinter- und Beweggründe der Gruppe und ihrer zentralen Figur und kann so auch ein wenig mehr verstehen, woraus sich - mal abgesehen von der ja eigentlich faszinierenden Musik - der Kultstatus dieser Band speist... ------------------------------------------- Christoph
Sieber Christoph wer? Wartet nicht auf eine tiefschürfende Antwort - einfach hingehen, nein: dringend hingehen. Der Mann ist gut, weil er tatsächlich was rüberbringt und nicht so flach ist wie leider viel zu viele, erstaunlicherweise auch noch über Jahre hinweg erfolgreiche Comedians. Er ist - für mich jedenfalls - auch keiner dieser Zunft, selbst wenn man ihn, bei beschränkter Konzentration auf knappe Passagen seines Programms natürlich auch in die Comedian-Schublade pressen könnte. Aber was soll er da. Christoph Sieber ist ein Kabarettist, ein politischer sogar, wenn auch nicht von der Hardcore-Sorte, der sich eben auch komödiantischer Mittel bedient, um seine zentrale Botschaft an die Leute zu bringen, nämlich sich des eigenen Glückes zu bemächtigen, statt an seinem Unglück zu verzagen. Da setzt er dann auch schon mal alle Mittel ein, die er auch handwerklich gelernt hat: Nicht nur Sprache und Witz, sondern auch Grimassen zu schneiden, mit dem ganzen Körper auszudrücken, was er sagen will - zu seiner vierjährigen Schauspielausbildung gehörte eben auch Pantomime, und warum soll er nicht zeigen, dass er sie beherrscht. Christoph Sieber kann die Leute zum Lachen bringen, tut es auch, aber eben nicht aufdringlich und unaufhörlich. Zwischendurch vernimmt man auf einmal - nicht nur einmal - leisere, nachdenklichere Töne von ihm, die um so eindringlicher nachwirken und die an dieser Stelle, nach dem vorher Gehört- und Belachten, Bejohlt und Beklatschten nicht mal ernüchternd wirken, sondern erholsam. Der Mann tut einfach gut. Christoph Sieber reiht
nicht einfach endlos Pointe an Pointe, bis die Lachmuskulatur um Gnade
winselt und die Ohren sich abklappen, weil das Hirn beim Verzehr von
ach-so-lustigem Fastfood nicht mehr nachkommt. Dahinter steckt bei ihm
Sinn und Verstand, ein Konzept, das sich nicht verbirgt, sondern erschließt,
nicht nur bei gutem Willen. ------------------------------------------ Tony
Joe White Trio An einem Konzertort, an dem ich in den seltensten Fälle erlebt habe, dass ein „Support“ der Hauptattraktion des Abends vorausgeschickt wird, um in dessen ohnehin schmalen Zeitbudget zu wildern (diesmal durfte ein junger Schweizer seinen anglofizierten Alpenpop präsentieren, ohne dass dies nachhaltigen Eindruck hinterließ), traf mich an diesem Abend doch manches relativ unvorbereitet: Der Support als solcher, der mich einmal mehr über die Frage sinnieren ließ, wie wohl so eine „Kombination“ aus Haupt- und Nebenkünstler zustande kommt, und ob sich irgendjemand vielleicht irgendwann mal was dabei denken könnte…; die „Umbaupause, als es darum ging, nach der ersten, vergeudeten halben Stunde 1 (in Worten: ein) Mikrofon abzubauen und ein (1) Kabel aufzurollen, und dies dann noch mal annähernd eine (gefühlte) halbe Stunde dauern musste. Musste? Und schließlich der Schlapphut-Swamper, bei dem den ganzen Abend nicht so ganz klar wurde, wie ernst er eigentlich das nimmt, was er da auf der Bühne treibt. Überanstrengt hat er sich wahrlich nicht in seinen 70 Minuten, die er mit reichlich ausgedehnten Takten füllte, und anstatt froh zu sein, dass von ihm tatsächlich eine Zugabe gewünscht wurde (na ja, Polk Salad Annie ist eben ein Klassiker, der taktisch geschickt gegen Ende im Programm immer durch Wiedererkennung entsprechende Begeisterung auslösen kann), ließ er gefühlte zehn Minuten auf sich warten, eher er sich herabließ. Mag sein, dass ich empfindlicher werde, mag sein, dass ich bislang in der Harmonie bei der Auswahl meiner Eintrittskarten Glück gehabt habe. Es ändert nichts am dicken Hals, der wiederum, sagen wir mal, die positive Grundstimmung beim Konzerterlebnis nachhaltig eintrüben kann. Am besten haben mir im Rückblick – nein, nicht die Support-Songs - außer dem erwähnten Klassiker noch die beiden solistisch dargebrachten Eingangssongs gefallen. Danach hieb dann der Drummer mit der bemerkenswerten Präzision eines Uhrwerks zu (wobei es eigentlich ein abwechselndes Stampfen mit beiden Füßen doch auch getan hätte...), während sich DER Swamper „schlecht“hin (hier stimmt’s) im Herunterspielen seiner Songs beim Wiederholen von „Lehrtakten“ ewig Zeit ließ. Auch so lässt sich eben, ohne ausufernde Solis, Zeit schinden. Nun gut, die Stimmung um mich herum schien unbeeinträchtigt, das will ich nicht verheimlichen. Doch auch in manchen zuvor noch freudig erregten Gesichtern zeigte sich ein Enttäuschungsschimmer, als sich der Mann unterm Schlapphut zum ersten Mal verdünnisierte und es dann so lange dauerte, bis er wiederkam und noch zwei Songs dranhängte, unter anderem „Steamy Windows“, ein Song aus seiner Feder, den immerhin Tina Turner weltbekannt gemacht hat. Dass er selbst nicht mehr als den einen grandiosen Hit zustande brachte (besagte Polk Salad Annie) fand für mich in diesem Konzert zumindest ansatzweise eine Erklärung. Und wenn ich's recht überlege, ist er mit zwei Querdaumen noch verdammt gut weggekommen... -------------------------------- Klaus
Lage Das Savoy-Theater in Düsseldorf ist fast voll, alle sitzen, bis es einige nicht mehr aushalten: Monopoly, Faust auf Faust - Klaus, der Kumpel vom Tresen, er sieht aus, als ob er im selben Sparverein wäre, mit auf Kegeltour und samstags ins Stadion kommt, Taxi fährt oder Brummi, aber Rockstar...? Er ist in die Jahre gekommen, der Klaus Lage, und es will bei mir nicht so recht "zoom" machen, auch wenn nahezu alle um mich herum so tun, als hätte Klaus den Magnetsong tausendmal für tausend verschiedene Polterabende geschrieben. Inzwischen tappt er wie ein Tanzbär zwischen seinen Musikanten herum, erzählt von welchem Album das nächste Lied stammt und dass man ja alles positiv zu sehen gewillt ist. Jau, gib ihnen Saures, den Bonzen und denen aus der Schlossallee. Lage ist ein Phänomen - auf seine Art. Nicht so verschroben wie manchmal Panik-Udo, dafür aber berechenbarer, phantasieärmer, geradeaus - langweiliger. Nie im Verdacht, der Schlagerwelt entkommen zu sein - eine ehrliche, unrasierte Haut, auch wenn sie inzwischen unter dem Gürtel ein wenig "gespannt" sein dürfte. Aber sie ist ja dehnbar. Äh.... wie macht das eigentlich Mick Jagger, der älter als Lage sein dürfte, dass er immer noch so flott über seine Bühnen toben kann, während andere sich gewichtsmäßig diesbezüglich selber ausbremsen? Den Fans ist es eh Bratwurscht. Sie bejubeln ihren Klaus, sind mit ihm in die Jahre gekommen und viele eben genauso in die überzähligen Pfunde. Sowas verbindet ja schließlich auch - Pfundskerle eben, Mädels und Muttis jetzt einfach mal mit erfasst. Da kann man eben nicht mehr locker wie Mick von links nach rechts über die Bühne joggen - bestenfalls andeuten, wie man den Elfer versiebt hat. Nicht schlimm, Klaus, haben wir ja alle, irgendwann mal... So ist die Lage. Und da kommen wir auch durch. -------------------------------- Terry
Lee Hale Er macht mehr als nur wohlklingende Songs, die eine Botschaft transportieren, unabhängig davon ob Botschaft und Musik überhaupt aufeinander passen. Und Wohlklang ist auch als solcher für ihn kein Wert an sich – abgesehen davon, dass es sich sowieso ja um eine recht subjektive Einordnung handelt. Für seine Konzerte ergänzt Terry Lee Hale sein Instrument – wenn er die Möglichkeit hat, gönnt er sich den Genuss, mehrere Gitarren zu verwenden – durch diverse technische Apparätchen, die den Sound per Fußdruck verändern, aufpeppen, voluminöser machen. Folkpuristen mögen sich mit Widerwillen abwenden, aber Terry Lee Hale ist schließlich auch kein Folksänger, auch wenn er als Solist mit einer Gitarre vor dem Körper auftritt, sondern ein Sänger eigener Songs, die er so arrangiert, wie es ihm gefällt. Dies muss dann nicht zwangsläufig in eines der gängigen Genres passen. Folk, Blues, Grunge, Rock, Country – weiß der Geier was noch alles dabei ist, wenn Terry Lee in dem herumrührt, was ihn beeinflusst, um dann abzuzapfen, was er dann in eine eigene Klangform gießt. Heraus kommt jedenfalls ein eigener Stil, mit Liedern, die gelegentlich mit eingängiger Rhythmik und sparsamer Melodie nahezu meditativ unterstützend wirken: Sie ziehen den Zuhörer mit, saugen ihn an, vielleicht sogar auf, ohne dabei jedoch einen auf Distanz bedachten Zuhörer penetrant zu behelligen. Genau dies ist Terry Lee Hales Weg unter die Haut. Ein kaum merklicher – man spürt nur plötzlich, dass „da was ist“. Eindrucksvoll. -------------------------------- Steve
White Genau – mehr setzt Steve White auch nicht ein… er macht es nur gekonnt. Aber es stimmt nicht ganz. Denn was bei dem Kalifornier dazu kommt, ist die Bein- oder besser „Fußarbeit“: Beschuht mit Holzpantinen hat er seine Füße auf einer unterschiedlich bebretterten Holzplatte gesetzt, die mit einem Tonabnehmer versehen ist. Darauf bewegt er die Füße unterschiedlich und minimalst im Takt und erzeugt so eine rhythmische Begleitung, die in Ergänzung zu seinem ohnehin recht perkussiven Gitarrenspiel die gesamte Performance verblüffend abrundet. Setzt Steve White zusätzlich auch noch die Harmonika ein, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass da eine komplette, wenn auch spar-, dafür aber äußerst wirksam aufspielende Band zu hören ist. Steve White stellt seine „Sidemen“ in einem eigens dafür von ihm geschriebenen Song vor: Die linke Hand, die rechte, verkörpern die Melodie- und Rhythmusgitarristen jeweils aus Ost und West (sie erzeugen übrigens alle Töne nur mit Fingern, an denen die Nägel normal kurz geschnitten sind…), der „Holzschuh-Drummer“ am Boden aus dem Süden, und der Harpspieler aus dem Norden setzt seine Lippen ein. Wer nun erwartet hätte, so besetzt hätte die „Band“ nur den Blues im Repertoire, täuscht sich. Steve White genießt es sichtlich – wenn er die entsprechende konzertante Atmosphäre vorfindet -, filigrane Balladen und melodische Kompositionen zu spielen, bei denen die Vielseitigkeit seines Könnens erst so richtig zur Geltung kommt. Wer das Glück hat, auch diese Seite des Künstlers erleben zu können, kann sich gratulieren. Nur zu verständlich, dass er an dafür weniger geeigneten Spielstätten eher zögert, ein weniger interessiertes Publikum damit zu überfordern. Fazit: Ein beeindruckender Singer/Songwriter, den man nicht verpassen sollte. ---------------------------------- Thomas
Felder (2) ---------------------------------- Amber
(2) ---------------------------------- Marcus
Schinkel Marcus Schinkel zelebrierte sein 25jähriges Bühnenjubiläum und hatte dazu gewiss nicht alle, aber viele seiner Weggefährten eingeladen, um mit ihm - auch ein wenig nostalgisch, schien mir - Wegmarken in Erinnerung zu rufen, die man gemeinsam passiert hatte. Als Conférencier in eigener Sache gab der Namensvetter - gemeinsame verwandtschaftliche Wurzeln ließen sich bei einem kurzen Plausch nicht erkennen: Seine Familie stammt vom Niederrhein, meine aus Schleswig-Holstein - Erläuterungen zu seinem Werdegang, um die präsentierten Mitmusiker und ihre Relevanz fürs eigene musikalische Dasein vorzustellen. Natürlich stand der Jazz im Mittelpunkt, ein Genre, mit dem ich ähnliche Berührungsprobleme habe wie Santino de Bartolo, der sein eigenes Annäherungszögern an einem Vergleich verdeutlichte: Es sei wie bei einer wunderschönen Frau, der man sich einfach nicht zu nähern wage, weil es an Mut fehle... Als musikalischer Laie und Autodidakt fehlen mir die ausreichenden Kenntnisse, um sachkundig mitreden zu können, wenn es darum geht, Fähigkeiten und Qualitäten von Kompositionen oder bei der Beherrschung eines Instruments beurteilen zu können. Vielleicht aber kommt es ja auch gar nicht darauf an, sondern nur darauf, ob man angesprochen wird, ob man Zugang zu Klängen, zu Rhythmen, zur Musik findet, die so völlig anders ist als die, die man sich selbst musikalisch dilettierend erschlossen hat. Beethoven ist offenbar ein Komponist, an dem sich Marcus Schinkel nicht links liegen lassen kann, ohne sich intensiv mit ihm zu beschäftigen. Was er mit einigen Kompositionen des tauben Genies (sitzen deshalb die Tauben so gern auf seinem Standbild auf dem Bonner Münsterplatz, weil sie den grandiosen Ludwig als einen der ihren begreifen wollen...), ist beeindruckend: Ein Versuch, Beethoven als Popstar seiner Zeit zu begreifen, der auf Zeitläufte zu reagieren wusste (Napoleon beim Komponieren wenn nicht ihm Ohr, dann immerhin im Blick), ist in Beethovens Geburtsstadt nicht ohne Risiken. Aber im Hinterland des Alten Zolls gibt man sich ja gerne modern und aufgeschlossen - ein schöner Schein, mit dem sich trefflich trügen lässt... Marcus Schinkel macht nicht den Eindruck, dass er sich durch stilistische Bedenkenträger abhalten ließe, das zu tun, was er selbst musikalisch für richtig hält. Und seine Fähigkeiten sind so solide, dass er "spielend" jedes Genre seiner Wahl bereichert - ein Mann, der seinen eigenen Spaß an der Musik zu vermitteln versteht, auch und insbesondere im Zusammenspiel mit anderen Musikern, die eigene Gattin Birgit Schinkel (Querflöte) inbegriffen. Interessant allemal, für Kenner gewiss mit Genussfaktor, und für Laien wie mich beeindruckend, auch wenn die Dimension ein wenig zu kurz kommt, die mir in meiner "musikalischen Existenz" die wichtigste ist: Der Inhalt der Texte... Aber letztlich ist ja nicht entscheiden, sagt Marcus Schinkel, in welchem Genre man sich bewegt, sondern ob es gute oder schlechte Musik ist. Doch wie schon angedeutet: Die Schnittmenge der Szenen, in denen wir uns bewegen, scheint nicht groß zu sein. Ich sah in der vollen "Harmonie" kaum ein bekanntes Gesicht. Doch allein die Gleichheit der Nachnamen genügte schon, um von Seiten der Veranstalter aus in der Vorankündigung des Konzertes Verwirrung zu stiften, war doch tatsächlich Wochen vorher in einem Flyer mit der Übersicht über die Konzertvorhaben für den 13. Oktober ein Konzert angekündigt von Gerd Schinkel, Genre: Jazz. Sorry, Leute, da kann ich nicht mitmischen. Ich bleib bei meinen Liedern. Auf dem Terrain fühl ich mich heimisch und muss nicht befürchten, dass ich stolpern könnte. Und vor Ausflügen in angrenzende musikalische Bereiche habe ich die selbstschützende Scheu des Dilettanten... ---------------------------------- Paul
Millns (2) Paul Millns hatte zwei Begleitmusiker dabei, langjährige Weggefährten, die ihn schon häufiger auf Touren und bei Aufnahmen für Tonträger begleitet haben: Bassist Ingo Rau und Drummer Vladi Kempf. So war es für diejenigen, die bislang nur oder längere Zeit nur den Solisten Paul Millns erlebt hatten, eine quasi vom Sitz hebende Show. Wobei die Bezeichnung "Show" im Zusammenhang mit dem sympathischen Pianomann gewiss ihre Fragwürdigkeit aufweist. Aber im Grunde war es ja doch eine Show, selbst wenn dort kein "Showstar" über die Bühne gehampelt ist, sondern ein grundsolider und unglaublich inspirierter und inspirierender Künstler Kostproben seines Schaffens aneinanderreihte und selbst dann noch Lust auf mehr machte, als der vorgesehene Zyklus längst abgehakt war. Diese Mischung aus Balladen und fetzigem Blues, diese stetig wiederkehrenden Zwischenspurts und Erholungsphasen, die mal den Rhythmus in die Beine zwingen, mal die Wärme in den Bauch, geben dem Konzert, den Konzerten von Paul Millns ihren eigenen, einzigartigen Drive, der doch so perfekt dem Lebensrhythmus entspricht. Dies wird auch noch angereichert, gewürzt mit wirklich geistreichen Liedertexten und Zwischenbemerkungen, aus denen immer wieder klar wird, dass dieser Mann nicht nur was zu singen, sondern auch was zu sagen hat. Die Begleitung mit Ingo Rau am Bass und Vladi Kempf gab dem Konzert eine rhythmische Grundierung, die direkten Zugang in die Beine fand. Einfach Klasse. ---------------------------------- Mike
Brosnan Der in Darmstadt lebende Neuseeländer ist ein Singer/Songwriter der Güteklasse A. Seine hervorragenden Songs singt er bemerkenswert unprätentiös und spielt dazu beeindruckend Gitarre, mal diese, mal jene, aber nie überflüssig ausufernd, sondern stets so, dass es dem Song gut tut. Die verschiedenen Auszeichnungen und Preise, die er für sein künstlerisches Schaffen bislang einsammeln konnte, sind allemal verdient. Seine Musik füllt keine klaffende Lücke, das nicht. Aber sie schafft sich mit ihrer außerordentlichen Qualität auf selbstbewusste Weise Platz in einem Genre, das irgendwo zwischen Rock und Folk, zwischen Country und Blues angesiedelt ist und durchaus auch eine Eingängigkeit aufweist, die eher im popmusikalischen Bereich zu finden ist. Insgesamt gesehen drängt sich hier die Verwendung des Begriffs "roots music" regelrecht auf. Mike Brosnan schreibt Songs, die mit aufwendigerer Produktion und gefälligeren Arrangements, als sie einem Solist selbst mit allerbesten Fähigkeiten und Ausrüstungen möglich sind, durchaus das Zeug zu kommerziell erfolgreichen Kompositionen haben. Doch das Show-Biz hat ja seine eigenen Regeln, und die setzen zusätzlich auch noch gewaltiges Glück voraus, ehe ein Roots-Musiker von Brosnans Qualität selbst einen Hit landet. Mutmaßlich sind derartige Qualitätssongs in den Charts gar nicht gefragt und gewollt, schon gar nicht von Interpreten, die nicht den gängigen Klischees entsprechen und somit auch nicht beliebig austauschbar sind. Doch Brosnan erweckt nicht den Eindruck, er ließe sich vom Mainstream von seinen eigenen Qualitätsmaßstäben abbringen. Seine Songs, die er in einer entspannten Kette wie Perlen aneinanderreiht, sind von gleichbleibender Klasse und seine Performance dazwischen ist kurzweilig. Sein Konzert bringt jedem Liebhaber dieses Genres einen sinnvoll genutzter Abend. Sowas mag man gerne wiederholen. ---------------------------------- Sabine
van Baaren Die Einstimmung ist schon sinnvoll. Wer als Mensch mit solider Bodenhaftung ohne diese in ein Konzert der sympathischen Sängerin gerät, könnte sich schnell überfordert fühlen. Hier wird Musik nicht nur als Unterhaltungserlebnis angeboten, sondern auch als therapeutisches Mittel zum Zwecke, Hörerinnen und Hörer mit geneigten offenen Ohren in einen angenehmen Zustand des Wohlbefindens zu versetzen. So gesehen, kommt die Eingangsfrage der Künstlerin nach dem Entern der Bühne: „Geht’s Euch gut?“ nicht von ungefähr. Denn dies ist das Ziel – falls nicht schon der Weg dorthin es sein sollte… Sabine van Baaren braucht geneigtes Auditorium, offene Herzen und Seelen, die sich erreichen lassen möchten, berühren lassen wollen – sonst kann die ganze Chose nicht funktionieren. Man muss oder sollte es mögen, wenn die Improvisationen ihrer durchaus angenehmen Stimme in das Programm hineinzuziehen versuchen. Sie weiß vorher selbst nicht, was sie dann singt, sagt sie, und man möchte es ihr glauben. Was folgt sind weitgehend eher getragene, von ihr selbst am Klavier oder von Mark Joggerst an den Keyboards begleitete Songs in englischer Sprache oder Phantasielauten, gelegentlich als Gebet abgekündigt, in Komposition und Arrangement allerdings deutlich den Popsongs einer Carol King oder Carly Simon, mehr vielleicht auch noch den elegischen Gesängen einer Joni Mitchell angelehnt, was ja nicht schlecht sein muss. Sabine van Baaren kann im Vergleich – wenn man mal den oberflächlichen Höreindruck nimmt, ohne auf inhaltlichen Tiefgang zu achten – durchaus standhalten, und je lebendiger der Song rüberkommt, umso leichter schmiegt er sich ins Ohr. Das gelingt der Sängerin mit den weniger „süffigen“, eher spirituellen Sängen und Klängen nur in bescheidenerem Umfang – es sei denn, Ohren und Herz (Seele?) sind gerade dafür weit offen. Als „Marien-Kind“ versucht sie sich in Publikumsanimation: Mal nur Kammerton A singen und halten bis die Luft ausgeht, und dann mit frischer Luft immer weiter, mal nachsingen, was die Gesangs-Schamanin vorgibt. Das hat Unterhaltungswert, für den der es schätzt – auch für die Künstlerin selbst. Wer da Distanz wahrt, bleibt eben für sich – das muss gar nicht allein sein. ---------------------------------- Annette
Degenhardt Man kann es und sich auch zum Kult stilisieren. Nicht dass ich dies Annette Degenhardt unterstellen möchte, doch kann ich mich von diesem Verdacht nicht ganz frei machen. Sie spielt beeindruckend Gitarre, hat damit sicherlich auch völlig zurecht Erfolg und ihren Platz auf den Bühnen, die derartige Kunst präsentieren. Doch wer sich so beharrlich jeder nachvollziehbaren Publikumserwartung verweigert, die gebotene Kunst doch bitte auch wenigstens rudimentär ansprechend mit verständlichen Erläuterungen zu begleiten, darf sich nicht wundern, wenn er – oder sie – in Verdacht gerät. Warum macht die Künstlerin überhaupt Ansagen, wenn sie nicht sicherstellt, dass sie über die erste Zuhörerreihe hinaus verstanden werden. In solchem Falle verwirren oder verärgern sie sogar mehr, als dass sie überhaupt in irgendeiner Weise dienlich sind. Annette Degenhardt hat ein ansprechendes musikalisches Programm, auch wenn man darüber hinweg sehen sollte, dass manche Werke doch vielleicht einen Schwierigkeitsgrad haben, der offenbar zumindest vormittags – wenn nicht gar zu jeder Tages- und Nachtzeit die Künstlerin technisch überfordern könnte. Auch die individuelle Interpretation kommt manchmal neben der nachgewiesenen Technik zu kurz – zumindest wird sie nicht mit Herz und Leidenschaft erkennbar präsentiert und gibt deshalb bestenfalls Rätsel auf. Für ein leises Konzert in leisem Rahmen zur Einstimmung auf folgende Bühnenhöhepunkte sicher keine schlechte Besetzung, gleichwohl aber auch unter dem Gesichtspunkt zu verstehen, dass es ja noch Steigerungen geben soll. --------------------------------- TOKK Der erste Eindruck: In Ermangelung einer Sambagruppe haben sich fünf Sozialarbeiter in anderer Weise zusammengetan, um ihren Rhythmustrieben trommelnd und ergänzend musizierend nachzukommen. Dass dies auch wenigstens den Musizierenden Spaß machen sollte, kommt nicht bei allen und auch nicht immer rüber. Gelegentlich hat man den Eindruck, es handelt sich um wirklich harte Bühnenarbeit, zu der man dienstverpflichtet worden sei. Dies gilt insbesondere für das Trommel-Trio, die zeitweise eher verbissen als musikalisch bewegt bei der Sache zu sein scheinen. Warum macht man dann Musik, wenn es so anstrengend ist? Im unübersehbaren – und wohltuenden - Kontrast dazu die Bühnenpräsenz der Sängerin und Gitarristin Ruth, die von der Gruppe als einzige Vollblutmusikerin hervorgehoben wird. Sie gibt der Band Stimme und Faszination, Bewegung und Ausdruckskraft, manchmal sogar schon ein Tokk mehr als gut tut, doch dies sei im Ausgleich für andere Defizite toleriert. Lutz, der Kompo- und Gitarrist der Gruppe wird von Ruth gekonnt in die musikalische Führungsarbeit eingebunden, macht seine Sache solide und nicht ganz so technisch konzentriert, dass der Glaube an die spaßbringende Funktion der Musik nicht ins Wanken gerät. Der Höhepunkt: Die Verwendung des alten Miriam Makeba-Hits Pata pata als Kanon für das mitsingbegeisterte Publikum. Da kann TOKK sogar mitreißen. --------------------------------- Klaus
der Geiger (2)& Sascha Loss Klaus von Wrochem hat sein Repertoire, seine Texte und Lieder, seine Mitspieler und Fans, seine Sicht der Dinge in der Welt und zieht sein Ding unbeirrt durch, mag da kommen was will – egal ob im eigenen, exklusiven Bühnenprogramm, oder ob beim enthemmten Gefiedel im fröhlicher Lagerfeuerrunde. Er zieht sein Ding durch, auch wenn damit zeitgleich der ehrbare Versuch anderer zum Scheitern verurteilt ist, vielleicht mal Vertreter der jüngeren Generation beim sonntäglichen Pfingstgespräch für die Gefahren der rechten musikalischen Rattenfänger zu sensibilisieren, die sich mittlerweile dreist im Repertoire linker Liedermacher bedienen. Schade eigentlich, wenn progressiver Anspruch und kultur-anarchistisches Auftreten so kontraproduktiv wirken… Die Lieder des Fidel-Freaks sind holzschnittartig simpel: Die Guten stehen hier, die Bösen stehen da, gut dass wir unter uns sind, denn die anderen woll’n wir gar nicht dabei haben – und schön dass wir uns einig sind. Der Boss ist immer der böse, die Stechuhr des Teufels, der Malocher immer gelackmeiert, und Solidarität ist, wenn man keine Kompromisse macht. Mal provokant skeptiziert: Wie viele Lieder von Klaus ließen sich wohl ganz ohne Veränderung – oder bestenfalls geringfügig „bearbeitet“ – problemlos von rechten Liederpiraten in ein eigenes Repertoire mit Holzschnitt-Liedern rechter Gesinnung einfügen… Wäre eine interessante Untersuchung, dessen Ergebnis den frohgemuten Singsang zum fröhlichen Fideln doch im Halse stecken lassen könnte … Vielleicht wäre ab und an ein wenig mehr Differenziertheit in Analyse und lyrischer Schlussfolgerung kein Fehler – zumindest könnte es den Rechten Liederräubern die Arbeit erschweren. Von Sascha Loss blieb im Grunde nicht mehr hängen als seine dünne Schlabberhose... --------------------------------- Joana
Emetz Joana ist – Pardon, es ist nett gemeint – ein Fossil der altvorderen Festivalgeneration. Damals kann sie eigentlich zwischen den „großen“ Degenhardts, Süverkrüps, Mossmanns und Co eigentlich nur deshalb aufgefallen sein, weil sie „ein singendes Mädchen“ war, das auch der eine oder andere Produzent gerne „produziert“ gehabt hätte. Doch im Rückblick singt sie inzwischen in einem bissigen Liedchen ihre Sicht auf die Ereignisse von damals und deren Folgen: Als eigenständige Liedermacherin, mit Anspruch und Ehrgeiz, die ernst genommen werden will – auch damals schon ernst genommen werden wollte – musste sie den Geldhaien unter den Liedermacher- und Schlagerproduzenten einfach zu unbequem sein. Versucht haben sie’s, sie kleinzukriegen, geschafft haben sie’s nicht, und das ist auch gut so. Und so ist sie eben immer noch da, singt was sie kann wo sie kann – und hat dabei den persönlich mehr als wohl verdienten Erfolg, dass ihr die Leute nicht nur gut unterhalten zuhören, sondern ab und an sicher auch staunen, dass es „so was noch gibt“. Ja, sie ist da, und dabei noch aktuell, beschreibt was sie erlebt, erlebt nicht alles, aber manches, was Menschen ihres Alters eben erleben, reflektiert über die gleichen Themen und bietet so genauso Identifikationsmöglichkeit und Reibungsfläche zugleich. Mit Witz und Charme und vor allem gelassener Souveränität überzeugt sie nicht nur diejenigen, die sie „von früher her“ kennen, sondern auch deren Nachkommen und die Neuinteressenten an deutschsprachigem Liedgut, das neben Schlagern, volkstümlichen Gesangsblasen, Rocksongs und Ballermanngebrülle leider mühsam gesucht werden muss, aber doch zum Beispiel bei Joana zu finden ist. Dass sie in der Art ihres Singstils, im Einsatz ihrer Stimme nicht jedermanns und jederfraus Geschmack entsprechen kann – geschenkt. Wer gefällt schon allen… --------------------------------- Michael
Z. & Klaus Gutjahr Künstler wie sie, die nicht nur gutes Hand- bzw. Mundwerk zu bieten haben, sondern inspirierte Wort- und Musikkunst, gibt es vermutlich mehr als man sich vorstellen mag – und das liegt nicht zuletzt daran, dass zu viele Möchtegern-Künstler mit mehr Rückenwind-Publicity die Bühnen verstopfen und Publikumsinteresse ablenken und die Qualitätsmaßstäbe nach unten verschoben haben. Michael Z. bereichert seit Jahrzehnten Niveau hebend die Berliner Kleinkunstszene mit seinen einfallsreichen Liedern und pointenreichen Kabarett-Kabinettstückchen. Im Programm mit dem begnadeten Bandoneonisten Klaus Gutjahr tritt der Kabarettist in der Hintergrund, doch auch als Chansonier ist Michael Z. eine Offenbarung. Seine Lieder sind musikalisch originelle und textlich überzeugende Genusshappen für Liebhaber des Genres. Sie gibt sie noch, die Qualitätsliebhaber, auch wenn sie in den Feuilletonseiten der gedruckten und in den Massenprogrammen der elektronischen Medien nicht mehr vorkommen – sei es, weil man sie für irrelevant hält oder absichtlich totschweigen will. Bühnenpartner Klaus Gutjahr füllt seine Hälfte des Programms mitnichten begleitend. Er offeriert seine solistischen Preziosen mit einer Beiläufigkeit, die sowohl sprachlos machen, als auch lautstarke Begeisterung auslösen kann. Was ihm aus den Finger fließt sind zum Beispiel Stücke von J. S. Bach und Scarlatti, die so klingen, als wären sie von den Komponisten nicht nur speziell für dieses Instrument, sondern auch noch für dieses Instrumentalisten geschrieben worden. Man hätte sich gern ein komplettes abendfüllendes Programm der beiden Künstler gewünscht. --------------------------------- Liederjan
(2) Was soll man über ein Konzert schreiben, von dem man – selbst bei sehr begrenzten, kaum die Erinnerung beeinträchtigendem Alkoholkonsum - nicht viel mehr behalten hat als die tierisch geblasenen Töne? Gelegentlich mehrstimmiger Gesang, kurzweilige, aber auch nachdenkliche Lieder, professioneller Auftritt – aber irgendwie nicht mehr identifizierbar – so ähnlich wie bei Methusalems der Beat-Ära, die immer noch unter altem Band-Namen auf Tour gehen, obwohl sich die Besetzungen so oft geändert haben, dass mittlerweile mehrere Generationen gleichzeitig auf der Bühne stehen. Soweit mag es bei Liederjan noch nicht sein – doch was nicht ist, kann ja noch kommen. Folk-Recycling könnte man so was nennen… und es kann ja auch durchaus kurzweilig und eindrucksvoll sein. --------------------------------- Barberazzi Barbershop-Chöre oder Ensembles, die sich in der Tradition dieser Gruppen sehen, gibt es vermutlich mittlerweile in nahezu jeder Stadt, die mehr als ein Gymnasium und eine Volkshochschule hat. Das ist ja auch gut, denn Singen macht Spaß und hält dadurch sicherlich auch gesund. Klar, dass die Ensembles auch vor Publikum drängen und selbstverständlich sei es ihnen gegönnt – nur nicht jede Formation hat schon den Grad an Professionalität erreicht, der mit der Fähigkeit verbunden ist, die Grenzen der eigenen Leistung realistisch einschätzen zu können. Gesang, der Spaß macht und machen soll, sollte auch erkennbar Vergnügen bereiten – und zwar nicht nur den Konsumenten, sondern auch den Akteuren. Da reicht es nicht, die Intonation von Noten und Worten mit ein paar einstudierten Handbewegungen oder Schrittfolgen zu ergänzen. Alles, was erkennbar einstudiert aussieht, bleibt im Bereich des Amateurhaften und damit eigentlich im Rahmen dessen, was auf Stadtteilfesten gut aufgehoben, doch für überregionale Konzerte eigentlich noch nicht reif ist. Dies gilt auch für Barberazzi, denen noch deutlich die unverzichtbare Leichtigkeit abgeht, die das Zuhören und vor allem Zusehen erst zu einem Genuss macht. Da hat der Chorleiter noch eine Menge Arbeit – aber ich bin sicher, dass alle Akteure dabei ihren Spaß haben. Wenn denn dies bei einem Konzert auch alle im Publikum miterleben und glauben können, dann könnte man daran denken, mit den – ebenfalls nicht wenigen – überregional erfolgreichen Formationen zu konkurrieren. --------------------------------- Bernd
Köhler alias Schlauch Muss er ihn bekommen, den Bonus für diejenigen, bei denen man über eine mäßige künstlerische Leistung hinwegsehen will, weil man die grundsätzliche Einstellung dieser Künstler zur Welt und ihren Ungerechtigkeiten grundsätzlich mal für richtig hält – oder halten will? Wen belügt man da mehr mit Lobhudelei: Sich selbst oder die so beweihräucherten Künstler? Hat er es nötig, sich bauchpinseln zu lassen? Ja gewiss, er ist engagiert. Und sicher, er ist voll von seinem Engagement. Und solidarisch auch. Und bringt seine Kumpel mit. Und singt auch vor Streikenden, gelegentlich. Und war auch schon früher dabei, und immer auf der richtigen Seite. Echt? Warum wird seine Konzert dann – pardon – zum Schlauch? Zur akustischen Herausforderung an die Geduld und die Belastbarkeit. Bernd Köhler kommt nicht nur mit einem oder mit beiden Zeigefingern – er schafft es, gleich alle übrigen sechs Finger plus die beiden Daumen zu Zeigefingern umzufunktionieren – und an den Zehen arbeitet er vermutlich auch noch. Nein – es ist kein Vergnügen, ihm zu lauschen, aber wenn ich ihn richtig verstanden habe, soll es ja auch kein Vergnügen sein. Der Mann hat eine Botschaft, und die ist bitterernst wie das Leben derjenigen, die nicht zu lachen haben. Doch gerade die haben kein geringes Bedürfnis, mal wieder lachen zu können. Klar kann es Lieder geben, bei denen das Lachen im Halse ersticken soll – aber das sind kaum Lieder, bei denen man am liebsten weggehen würde um all denen recht zu geben, die schon vor langer Zeit erkannt haben, dass die Zeit solcher Liedermacher längst vorbei ist. Mit Konzerten sollte man sich – als Konsument – nicht quälen lassen. --------------------------------- Monsters
of Liedermaching Sechs muntere Knäblein, die sich mit einer Kaltschnäuzigkeit präsentieren, als ob sie sich für die Creme der deutschsprachigen Liederschreibfähigen hielten. Dabei kann ihr fröhliches Geschrammel nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es mit einem Bardentyp zu tun haben, der sich in Substanzlosigkeit suhlt und dies für einen Reinigungsvorgang hält. Sie machen keinen Hehl aus ihrer Anspruchslosigkeit, was Inhalte angeht. Sie wollen abfeiern und ihre Fans abfeiern lassen. Die Show wird zum eigenen Bühnenbesäufnis, die „feel good“-Zutaten sind in greifbarer Nähe – ein Spielverderber, der nach dem Sinn im Unsinn zu fragen wagen würde. Schließlich heiligt der Zweck hier die Mittel: Kein Gag ist zu billig, als dass er sich nicht bekifft und besoffen verkaufen ließe. Damit verorten sich die "Monsters" selbst irgendwo zwischen Ballermann und Bernd Stelter. Ein halbes Dutzend Klampfenheinis mit ihren Instrumente, wobei immer nur der sich die sechs Seiten unter die Brustwarzen klemmt, der auch gerade mit Singen dran ist. Und dann legen sie los: Musikalisch durchaus ansprechend, Post abschickend, aber inhaltlich stilsicher geschmacklos, tabulos, niveaulos – wenn auch nicht immer auf gleichbleibend unterirdischem Level. Es sind ab und an schon Wellen erkennbar, denn nicht alle sind gleich schlimm. Aber sie haben die Bühne gemeinsam geentert, bilden sitzend eine Phalanx der Provokation, gegen die an sich nichts zu sagen wäre, wenn denn wenigstens ein bisschen Erträglichkeit überzeugen könnte. Aber muss man sich wirklich von einem mental in den Anfängen der Pubertät steckengebliebenen Hanswurst anhören, was er über die Menstruation zu singen hat, während die anderen fünf dazu angetörnt im Takt schunkeln? Gewiss, es gibt das eine oder andere Verslein mit harmloseren Gags, so wenn der „Flotte Totte“ – der Zappeligste und Pubertärste, gleichwohl Fetzigste des Sixpacks – von seiner Leidenschaft für Türen singt. Na klar – auch beim bunten Abend auf der 11er Fahrt in der Sek 2 dreht sich nicht alles um die Region unterhalb des Gürtels. Doch die Bürschlein scheinen nur eins im Sinn zu haben: Sich und ihr Publikum in genau der Stimmung zu halten, die ihren Siedepunkt in überdrehter Atmosphäre nach zuviel Alk und Shitkonsum zu erreichen pflegt, kurz bevor der Vertrauenslehrer sich angesichts der ihn fassungslos erwischenden Verbalexzesse angewidert abgewendet hat. Wie viele Jahre kann man sich konstant in der Gülle tummeln? Genau diese Zeit muss erst hinter ihnen liegen, eh man überprüfen sollte, ob man sie ernst nehmen könnte... und diejenigen, die ihnen auch noch zuklatschen, gleich mit. Aber was will man von den Zöglingen der (B)anal-Comedy, wie sie in Waschsalons oder Privatkanälen gepusht wird, auch schon erwarten. Da hilft nur Augen und Ohren zu und durch. --------------------------------- Trio
Fado & DAS Überraschungs-Erlebniskonzert auf der diesjährigen Wandeck. Fado so ganz anders als gewohnt, und zwar gleich mit einer ganzen Fülle neuer Nuancen, die eine eher melancholisch anmutende und melancholisch stimmende Musik in einen faszinierenden Zauberklangteppich verwandeln: Akustisches Patchwork in bester Ausstattung. Eine tolle Sängerin, die es schafft, in ihrem Fado trotz auch hier unverkennbarer Melancholie mitreißende Lebensfreude zu vermitteln. Maria Carvalho kann ihr Publikum auf einzigartige Weise fesseln – um dann selbstverständlich nach hinten zu treten und die Aufmerksamkeit ihren Instrumentalisten zu überlassen, die beweisen sollen und können, dass sie mehr sind als Begleiter. António de Brito entfaltet mit seiner rauchigen Stimme nicht weniger Bannkraft. Er singt den portugiesischen Blues mit soviel Faszination und Leidenschaft, doch genauso wie Maria Carvalho ohne falsches Pathos und hinabdrückende Morbidität, dass genügend Genussmöglichkeiten bleiben, sich wegen ununterdrückbarer Lebensfreude nicht zu schämen oder zu grämen. Die zwölfsaitige portugiesische Gitarre spielt Daniel Pircher – ein Satz, der sich so nüchtern dahinschreiben lässt und doch weitaus mehr ausdrücken muss, soll er erfassen, was da auf der Bühne passiert. Ist es dieser eigene Klang, erzeugt in eigener Spielweise, der – gepaart mit unsentimentaler Präsentation der beiden Sänger – dem Fado à la Trio Fado die Schwermütigkeit nimmt und statt dessen melancholisch angehauchte Leichtigkeit hineinzaubert? Daniel Pircher kann mehr und macht auch mehr in diesem Trio Fado: Er singt Oberton, öffnet damit das musikalische Spektrum auf überraschende Weise, erhöht damit die Faszination des Trios, das gar keins ist. Denn zusätzlich bevölkert Benjamin Walbrodt mit seinem Cello die Bühne, um die Band bei ihrem Versuch zu unterstützen, die Werke bekannter Fado-Komponisten, aber auch eigene Kompositionen auf fado-untypische Weise zu interpretieren. Es ist ein rundum gelungener Versuch, der den Fado aus einer für viele eher unzugänglichen Ecke herausholt und weltmusikalisch zu einem schillernden Ausflugsziel macht. --------------------------------- Einstürzende
Heuschober So macht Musik Spaß, ohne dass sich dabei Niveauebenen verschieben müssen. Es handelt sich um eine Kombo, die nicht damit hinterm Berg hält, dass sie ein Bühnenspektakel veranstalten und sich dieses Vergnügen durch nichts und niemanden nehmen lassen will. Zu diesem Zwecke bearbeitet sie ihre Instrumente, das Publikum über die Mikrofone und sich selbst gegenseitig mit zuvorkommender Zuwendung, holen alles aus sich heraus was drinsteckt – und geben es ungefiltert und ungeschmälert weiter, ohne ihren Eigenbedarf zu unterdrücken. Insofern uneigennützige Gute-Laune-Musik, von der es für gehobene Ansprüche eben viel zu wenig gibt. --------------------------------- Dr.
Lutz Neitzert Ein beeindruckender Vortrag eines offensichtlichen Fachmannes zu einem bedrückenden Thema: „Ob wir rote oder braune Kragen“ – Die neue Rechte und die alten linken Lieder. Was der Referent an Beispielen mitgebracht hatte, an Informationen und Erkenntnissen darzulegen wusste, war ernüchternd und erschreckend zugleich. Ein wachrüttelnder Vortrag, der den Anstoß geliefert haben sollte, diese kulturelle Bedrohung ernster zu nehmen als dies bislang offensichtlich der Fall ist. Dies gilt insbesondere auch für Künstler, die sich gelegentlich gedankenlos in Krawall-Lyrik ergehen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie beliebig Krawall ausgeschlachtet werden kann. Auch Hooligans singen gelegentlich... wieso dann nicht auch Rechtsextremisten und Faschisten. Und dass es gelegentlich keine Hemmungen gibt, Tabus zu brechen, ist hinlänglich belegt. ----------------------------- Nils
Lofgren Der Mann darf beim Boss neben Little Steve die Gitarre bedienen und versucht, auf der Bühne auch schon mal mit einem Flick-Flack zu überzeugen. Hat eigentlich nicht nötig, auch wenn er als Solist den ganz großen Sprung in die Top-Arenen noch nicht geschafft hat. Er war bei Neil Young im Ensemble, bei Ringos Allstars dabei und hat ein paar schöne Schmusesongs geschrieben, die Ohrwurmqualitäten haben, auch wenn sie keine Tophits geworden sind. Im Stollwerck haben sich seine Fans gesammelt – es sind schon ein paar hundert – und die haben ihren Spaß an seiner Fingerfertigkeit und der offenen Freundlichkeit des „kleinen Mannes“. Er zeigt beiläufig spielerisch, was in Griffbrett und Saiten so alles drinsteckt, vor allem, wenn man sich auch mal auf Berührungen mit den Fingerspitzen beschränkt, holt Töne in affenartiger Geschwindigkeit aus den Drähten dass man vom Höhen schon schwindelig werden könnte. Doch er zeigt seine Virtuosität bei dieser Solo-Tour – der ersten in den letzten Jahrzehnten, wie er sagt – nicht nur auf der akustischen, sondern auch – verspielt wie ein Papa am Trafo der elektrischen Eisenbahn – am Synthesizer, mit dem er einen synthetischen Klangteppich legt, auf dem er sich als Sologitarrist austoben kann – quasi die Klangakrobatik dieses Abends. Es ist ein gelungener Abend, auch wenn der eine oder andere Schmusehit ungespielt bleibt („Shine Silently“ kann wohl selbst nicht mehr hören…), der dem Publikum Vergnügen bereitet und den Künstler gewiss zufrieden stellen kann – die Lust auf Zugaben war auf beiden Seiten kaum zu befriedigen, die Nachfrage nach Autogrammen hat unzweifelhaft belegt, wie populär er ist, zumindest bei seinen Fans… --------------------------------- Yannick
Monot & Nouvelle France Nicht immer, aber gelegentlich passiert es ja, dass Erwartungen übertroffen werden. Hier haben wir so einen Fall der angenehmen Überraschung. Yannick Monot, ein Pionier in Sachen Cajun, zumindest was die Verbreitung diese Musik in Mitteleuropa angeht, versucht sich zunächst als Dämpfer: Es gebe in der Cajun-Musik nur drei unterschiedliche Texte, verkündet er augenzwinkernd, die eben unterschiedlich vertont und interpretiert würden. Das mag Erwartungen an klangliche Monotonie wecken - und dann fächert der Bretone mit seinen deutschen Mitmusikern einen Variantenreichtum innerhalb dieses Genres auf, der staunen lässt. Selbst auf verschiedenen Akkordeon und Gitarren den Gesamtklang bereichernd, singt Yannick Monot die traditionellen Lieder der französischen Auswanderer, die es über Kanada nach Louisiana verschlagen hat, beleuchtet kulturelle Hintergründe und gibt verschmitzt Erklärungen für Eigenarten, die diese Musik so besonders macht. Dass mehr drin steckt als zum Hüpfen verleitende Tanzmusik wird deutlich, wenn Yannick Monot und Nouvelle France" zu leiseren Arrangements finden, die nicht weniger gute Laune verbreiten, aber eben mehr zu Herzen als in die Beine gehen. Die musikalische Abwechslung wird noch gesteigert mit Abstechern in die Zydeco-Musik kreolischer Einwanderer, die aus der französischsprachigen Karibik nach Louisiana kamen und Verwandtschaft zum Blues aufweist. Mit Ekkehardt Limberg an der Geige und Klaus Noll am Bass, Patrick Leuchner am Schlagzeug und Fred Böhle an der Gitarre wird Yannick Monot von einem Ensemble unterstützt, das gut eingespielt ist und mitzureißen versteht. Ein beeindruckendes Projekt musikalischer Entwicklungshilfe in deutschen Landen. --------------------------------- Klaus
der Geiger Ein außergewöhnliches Konzerterlebnis, denn der Straßenmusik-Meister des Rundbogens versuchte sich an der g-moll-Sonate von Bach und an Paganini - dem Komponisten, dem er in gewisser Weise seinen eigenen Beinamen "Asphalt-Paganini" verdankt. Mit seinen Kompositionen übt er immer, vertraute Klaus von Wrochem seinem Publikum an. Früher sei das Üben lästig gewesen, doch heute habe er Spaß dran - und die Zuhörer hatten ihren Spaß an seinen Klassik-Interpretationen, auch wenn Puristen möglicherweise hier und da Sensibilität und Präzision in der Umsetzung vermisst haben sollten. Klaus sucht als Interpret die Nähe zu seinem Publikum - ganz gleich ob auf der Straße oder in geschlossenen Räumen, die er als Konzertmusiker füllt. Und er füllt sie nicht nur mit den Tönen, die er seinem Instrument entlockt, sondern genauso mit sich als Person, die sich an die Musik verliert, an ihr abarbeitet, an ihr leidet, sich an ihr ergötzt. Und so wird das Erleben von Klaus dem Geiger zum lustvollen Musikspaß, den er auch vermitteln will, den er auch abfragt, bestätigt bekommen möchte. Bachs g-moll-Sonate ist kein leichtes Fiedelstück und eine schweißtreibende Herausforderung, der sich der studierte Sinfoniker und Komponist stellt, der längst seine Lebenserfüllung in der Straßenmusik gefunden hat. Im zweiten Teil des Konzertes bekam Klaus von Wrochem die Unterstützung von Christoph Boll an der Violine und von Markus von Wrochem, seinem Sohn, der gelernter Geigenbauer ist und sich seit Jahrzehnten dem Saxophon verschrieben hat. Auch dies ein selten vermittelter Hörgenuss: Abwechselnd hatten sich die Musiker die Aufgabe zugewiesen, als "Komponisten" musikalische Themen vorzugeben, aus denen sich dann Improvisationen ergaben, bis der jeweilige "Komponist" signalisierte, dass nach seinem Eindruck die Komposition erschöpft hatte. Zwei verschiedene Instrumente, drei unterschiedliche Stilvorlieben brillanter Musiker, die sich zu harmonischem Zusammenspiel begegneten, einfingen, mitnahmen, beflügelten, während das Publikum gebannt an ihren Fingern hing, möglicherweise nicht ermessend, dass sich ein derartiges Konzerterlebnis wohl kaum wiederholen lässt. --------------------------------- Dieter
Hildebrandt Der Altmeister der kabarettistischen Wortgewalt mag auf seine alten Tage gemächlicher geworden sein - erbarmungslos in seinem Spott ist er immer noch und das tut gut. Und dass man als Zuschauer und -hörer immer noch die Aktualität aus der zuletzt gehörten Nachrichtensendung wiederentdecken kann, ist immer wieder verblüffend. Nicht dass Mitleid mit Bayerns Mini-Sterpräsident Stoiber oder seinem Bonsai-Pitt Bull Markus Söder angebracht wäre - wer sein Fett weg bekommt, hat es nicht anders verdient. Sogar in diesem Programm, das als Lesung aus seinem neuesten Buch "Ausgebucht - mit dem Bühnenbild im Koffer" angekündigt ist, läst es sich Dieter Hildebrandt offenbar nicht nehmen, das Tagesgeschehen aufzugreifen, um dann, über kurze Schlaglichter auf seinen Alltag mit seiner Frau Renate, zu seinen mehr persönlichen Beobachtungen des deutschen Alltags zu gelangen. Mit der Bahn unterwegs, sieht er deutsche Seiten, die mitnichten verborgen sind, auf die man aber trotzdem mit der Nase gestoßen werden muss, um sie in aller Schärfe wahrnehmen zu können. Er erweist sich als pointierter Erzähler, auch wenn - anders als man es vielleicht aus Kabarettprogrammen gewöhnt ist - nicht die Erwartung so hochgeschraubt sein sollte, nach jedem zweiten Satz einen Gag zu erhoffen. Dieter Hildebrandt gewährt Einblicke in seine Gedankenwelt, in seine Art der Wahrnehmungen und lässt uns mitleiden, wenn er mit den Widrigkeiten zu kämpfen hat, denen ein "Prominenter" gelegentlich ausgesetzt ist. Die Kostproben, die der Autor aus seinem Buch liest, empfehlen das Werk gleichermaßen für kurzweilige Minuten vor dem Einschlafen oder - noch besser - zur Überbrückung einer langen Bahnfahrt. Dieter Hildebrandt schildert einschlägige Erfahrungen, die jeder Bahnkunde teilen kann. --------------------------------- David
Crosby & Der Blick war ernst und entschlossen, mit dem Graham Nash auf die Bühne schritt, bis zum Rand vorging und klarstellte, was ihm und seinem jahrzehntelangen Partner David Crosby wichtig war: Sie haben ihn, nämlich den gewissen Herrn im Weißen Haus, nicht gewählt. Sie stünden für die andere Hälfte der USA, der die Wiederwahl von George W. Bush peinlich sei. Man könnte dies als überflüssiges Lippenbekenntnis eines auf billigen Beifall hoffenden Popsängers abtun, wenn sich nicht ein Programm angeschlossen hätte, das gespickt war Lieder, deren Aussagen unmissverständlich waren. Graham Nash und David Crosby sind immer noch das, was sie schon von Anfang an waren – Exponenten des topical song, einer Musik mit politischen Aussagen. Freilich, nicht jedes Lied hat die Botschaft eines Transparentes, das sich bei Demonstrationen schwenken ließe, doch es sind genug Lieder, die mit einfachen und klaren Aussagen Position beziehen und eine Sortierung nach Gut und Böse vornehmen – Protestsongs, aber eben nicht folkig gerührt, sondern rockig geschüttelt. Der Nash-Song Military Madness, mit dem sie das Konzert beginnen, ist in seiner schlichten Gradlinigkeit, sowohl inhaltlich, als auch musikalisch ein erster Abräumer, dem eine ganze Reihe weiterer folgen sollen. Nash wirkt weitaus verbissener als er mutmaßlich ist, der smarte Brite mit der Pop-Vergangenheit bei der Brit-Beatband „The Hollies“. Sein Auftreten als zorniger grauer Panther des Rock n Roll wirkt zunächst neben dem stets versöhnlich schmunzelnden Lebemann Crosby etwas nervös. Doch nach wiederholten Beifall für die beeindruckenden Songs spiegelt sich auch die Spielfreude in Graham Nashs Gesicht wider. Er ist in diesem Duo eher der Lieferant der eingängigeren, „schöneren“, eben aber auch glatteren Songs, die geradeaus zu spielen und zu singen sind und auf rhythmische oder harmonische Umwege verzichten. Ganz anders sieht das bei David Crosby aus. Der Ur-Byrd weiß um sein Talent, sich in ewiglangen Balladen zu verlieren, die er auch noch mit schiefen Akkorden und Texten unterlegt, die kein Mensch verstehen kann. So beschriebt er selbst und bittet um Nachsicht: Er müsse schließlich genauso mit sich leben. Aber er fühlt sich wohl dabei, dass er „den schrägen Scheiß“ zum gemeinsamen Repertoire beisteuert, während Nash der Hitschreiber ist. Elektrisierender sind die Crosby-Lieder immer noch, und dass Graham Nash diese kaum nachsingbaren Melodien auch noch mit einer zweiten Stimme versehen kann, belegt eindeutig, dass er wirklich singen kann. Sie beweisen es immer wieder, auch mit einem Gesangsstück, das jedem Gregorianerchor gut gestanden hätte, und doch auch in diese Liederfolge passte. Neben die beiden liebenswerten Rock-Senioren ist als dritter Songschreiber James Raymond, der Sohnemann des einen, getreten. Er sitzt an den Keyboards und Vater Crosby ist mächtig stolz auf den Filius, der in der Tat gute Songs in der Tradition von CSNY geschrieben hat und mit zu interpretieren weiß. So erweist sich, dass Crosby und Nash nicht mal im Ansatz der Gefahr unterliegen, sich als nostalgisches Duo aus der Hippiezeit mit dem absingen der eigenen Volkslieder zu begnügen. Sie haben sowieso neue Songs, gute Songs, und zu sagen haben sie auch noch was, auch wenn sie es singend erledigen. Hut ab, Herrschaften. Mit den beiden würde man auch gern mal so zusammen sein. Es ließe sich manche Scheibe abschneiden: Bei Crosby von der schnauzbärtig-grinsend vermittelten Lebensfreude, und bei Nash von der engagierten und klaren Gewissenhaftigkeit. Auch so kann man im Showgeschäft existieren – wenn auch vermutlich nur, weil man es sich durch vorausgegangenen Ruhm leisten kann. --------------------------------- Finsbury
Park Zu Anfang kein leichter Tobak, den das Trio anbietet: Erdelezi - ein Roma-Lied, gewiss nicht einfach zu singen und zu spielen, nicht einfach zu konsumieren, und damit sicher auch nicht der einfachste Weg, um ein Konzert zu beginnen, wenn man es weder sich noch dem Publikum leicht macht. Dabei überwiegen doch im Gesamtprogramm der Gruppe die gängigen Harmonien. Warum dann der schwere Einstieg? Was die Sängerin Ines Caffier gemeinsam mit Volker Hauswald an der Gitarre und Volker Müller an den Keyboards auf die Beine gestellt hat, ist ein irisch beseeltes Songprogramm, das mit häufigen Folkpassagen und gelegentlichen Popanklängen am Rande des Mainstream Eigenständigkeit sucht - und schwer findet. Die Fahrrinne mag breit sein im Mainsteam - aber es sind auch zu viele dort unterwegs, so dass die Herausforderung ungleich größer ist, den berühmten "Funken" überspringen zu lassen. Nun muss es nicht notwendigerweise eine Hypothek bedeuten, wenn man überwiegend eine Musik spielt, die eher wenig gegen den Strich gebürstet ist und bei der eine Verwandtschaft zu den Geschwistern Oldfield aus vielen Klangeindrücken durchschimmert, mag diese bewusst gesucht worden sein oder sich unbewusst Bahn gebrochen haben. Wer diese "Richtung" nur in feiner Dosierung hören mag, kann über die Länge des gesamten Programms der Band Konditionsschwierigkeiten bekommen. Gewöhnungsbedürftig ist auch der Versuch der Gruppe, sich mit elektronischen Möglichkeiten einen breiteren Klangteppich auszurollen, als ihn die agierenden drei Musiker knüpfen können. Programmierte Beats und Basslinien mögen dem musikalischen Zeitgeist entsprechen und sind sicherlich auch eine Versuchung für diejenigen, die auf Erfolg spekulieren, um jene zu erreichen, die offenbar ohne derartige Aufmotzung schon nicht mehr hinhören können - aber überzeugend ist das Experiment nur begrenzt. Mehr als gelegentlich kommt die Erkenntnis in Erinnerung, dass weniger eben mehr sein könnte. Was man sich wünschen möchte, ist statt beigemixter Klang-Ergänzungen mehr Intensität und Unverwechselbarkeit in der Interpretation - im Gesang und an den handgespielten Instrumenten, mehr Transparenz in den Harmonien, und im Gesang mehr Verständlichkeit, die es auch erlauben könnte, neben den gesungenen Tönen auch die Inhalte der Texte besser zu verstehen. Sonst fällt es schwer, einen tieferen Eindruck vom Können der Band zu bekommen, der über die leicht und flüchtig gewonnenen Oldfield-Impressionen hinausgeht. --------------------------------- Aldona
Watolla Es ist die Mischung, die das Programm der jungen polnischen Schauspielerin Aldona Watolla hörens- und sehenswert macht. In ihr verschmilzt die jugendliche Leidenschaft mit polnischem Lebensgefühl, das für Freude und Traurigkeit weit weniger Ausdruckshemmnisse kennt als das deutsche. Dass sie die Darstellungskunst gelernt hat, ist nicht zu übersehen. Und doch – oder gerade deshalb? - agiert sie auf der Bühne behutsam und übertreibt nicht in der (Selbst-) Darstellung bei der Interpretation der in polnischer Sprache gesungenen Lieder. Was andersherum gesehen die Feststellung erlaubt: Da wäre noch mehr drin. Aldona Watolla bietet ohnehin schon mehr als ein reines Gesangsprogramm, denn sie greift immer wieder zu Büchern, um ihr Programm mit Lesungen in deutscher Sprache zu bereichern – und es ist eine Bereicherung, denn die kurzen Satiren und Geschichten lassen aufhorchen. Ebenso gelingt es der jungen Künstlerin, mit ihren Übertragungen der Liedertexte zu fesseln. Sie erschließt ihren Zuhörern im nötigen Umfang die Lyrik der Chansons und stimmt sie auf den Gesang ein, so dass man der Interpretation folgen kann, auch wenn man den gesungenen Text nicht versteht. Da ist es dann doppelt ärgerlich, wenn sich einmal mehr ein Konzertveranstalter im eigenen Laden verhält wie der bekannte Elefant im Porzellangeschäft. Wenn man schon Kultur unters Volk bringen will – und diese Absicht ist ja durchaus löblich – sollte man auch konsequent die Rahmenbedingungen so setzen, dass es für Künstler und Gäste ein Genuss wird und nicht zum Ärgernis. Das fängt damit an, dass man pünktlich zur angekündigten Zeit anfängt und erst dann, wenn die Bestellungen an die Küche aufgenommen sind. Es sei auch die Frage erlaubt, ob es wirklich sein muss, dass Konzerte an Werktagen erst um 21 Uhr oder sogar noch später anfangen müssen, wenn doch am nächsten Tag für die meisten Menschen ein normaler Arbeitstag mit frühem Aufstehen folgt. Was spricht gegen die Anfangszeit 20 Uhr? Lästig sind auch die andauernden Vortragsstörungen durch das ununterbrochene Servieren von Speisen und Getränken, - wenn es denn wenigstens dabei bliebe. Doch wenn auch das Abräumen leerer Teller und Gläser nicht bis zur Pause warten kann, wird es wirklich unangenehm. Klar – der Wirt muss sehen, dass der Rubel rollt, doch wenn er damit gerade den Kunstgenuss verdirbt, für den er erst nach Beginn – und dann während – des Vortrags beim Gang von Tisch zu Tisch Eintritt nimmt, sind bei mir die Grenzen des Verständnisses erreicht. Dies kann man vor Beginn des Konzertes machen und dann ein störungsfreies Programm sicherstellen, für das sich der Eintritt auch lohnt. Dieses Fingerspitzengefühl kann man offenbar nicht bei jedem Veranstalter voraussetzen, und beim Wirt im Boudoir fehlt es offenbar. Schade eigentlich. --------------------------------- We
Will Rock You
Nur gut, dass der Bahnhof nebenan steht, der selbst
Krach genug macht. Niemand wird sich beschweren können über eine Musik,
die laut ist, weil sie laut sein muss. Aber sie ist nicht nur laut,
sondern auch gut - man Macht aber nichts. Wenn die Post abgeht, der Bass sein Körpergefühl durch Magen und Bein vermittelt und manche sich ärgern mögen, weil sie ihre Ohrstöpsel vergessen haben, dann wird schnell klar, dass hier niemand kopiert werden soll. Es ist ein völlig neues Queen-Feeling, das da rüberkommt und klarmacht, dass die vier Bombastrocker aus England einfach gute Musik gemacht haben, damals, als Freddy noch lebte. Um sie auch ohne Freddy live auf die Bühne zu bringen, ist der Umweg über ein so genanntes Musical zwar nicht genial, aber immerhin legitim. Die etwas dümmliche Story ist aus der Notwendigkeit heraus entwickelt worden, dass man die Songs nicht einfach so einen nach dem anderen herunterspielen wollte. Der "rote Faden" ist manchmal dünn, mitunter dünner, manch Darsteller in den Zwischenhandlungen gelegentlich doch etwas zu zappelig, aber was soll's. Man hat sich bemüht, aus Songs, die einer früheren Show mit anderen Darstellern entnommen sind, eine neue Show mit anderen Darstellern zu machen. Dass es gelungen ist, kann ja Freude machen. Die im Dunkeln weit über dem Bühnenhintergrund aufspielende Band ist klasse und hat den Queen-Sound drauf. Kein Wunder, wird doch Queen-Gitarrist Brian May die nötigen Tipps gegeben haben, damit das Spektakel nicht zur Enttäuschung wird. Wie sollte es auch, läuft es doch bereits in einigen europäischen Metropolen erfolgreich. Wie lang, wird sich zeigen.
Verdient haben es die jungen - und die wenigen alten -
Künstler jedenfalls, die sich ins Zeug legen, damit die geballte
Queens-Entladung über die Rampe kommt. Ein gelungenes Vergnügen - ich würd's
mir wieder ansehen.
Wise Guys Das Genre mag nicht jedermanns- und -fraus Sache sein. A-capella-Gruppen gibt es schließlich mittlerweile in nahezu jeder Stadt. Doch nicht jede macht ihre Sache so (gut) gekonnt wie die Wise Guys aus dem Kölner Südwesten. Und erst recht ist nicht jede Gesangsgruppe derart erfolgreich. Dafür kann man Erklärungen suchen. Da wäre erstens die Präsentation. Was und wie es die fünf Männer auf die Beine stellen, ist beeindruckend. Zunächst das perfekte Verzahnen der unterschiedlichen Stimmen. Man hat den Eindruck, da ist genau bemessen, wie viel sein muss und wie wenig sein darf. Kein Schnörkel überflüssig: Eben gerade so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Nicht alle Stimmen transportieren Text. Der "Vorsänger", klar, ist vorrangig für die Übermittlung des Inhalts und der Hautmelodie zuständig. Der Bassist macht das mit dem Munde, was in anderen Bands zupfend aus dem Kontrabass herausgeholt wird. Ebenfalls mit dem Munde sorgt bei den meisten Liedern einer aus dem Quintett für die "Percussion". Nichts klingt aufdringlich, überdreht, alles bleibt wohl dosiert. Wessen Stimme so noch nicht nutzbringend eingepasst ist, singt zweite oder dritte Stimme, wenn sie denn erforderlich ist, um ein harmonisches Gesamtklangbild zu erstellen. Dazu kommt die Action. Im Grunde sind die "Herrschaften" ständig in Bewegung, tauschen ihre Plätze, drehen sich umeinander, doch nie hat man den Eindruck, sie wüssten nicht wohin. Ist es Teil einer Choreographie? Mag sein, doch bleibt sie natürlich, verlangt keine gekünstelten Schrittfolgen, die eher albern als attraktiv wirkten. Zweitens sind es die Lieder, die die Wise Guys auszeichnen. Ihr Repertoire ist dem Sagen nach sagenhaft. Sie können stundenlang singen, ohne sich zu wiederholen, haben das auch schon gemacht. Im WDR hatten sie eine Stunde Zeit und sangen vor allem Lieder von der neuesten CD. Es sind vorwiegend eigene Songs, die sie singen, Lieder, die mitten aus dem leben gegriffen sind, mit Witz und Augenzwinkern, vor allem wenn sie mitten aus dem Leben der Wise Guys gegriffen sind. Und dann ist da drittens noch was: Die Wise Guys sind - anders als manche Konkurrenten - eine organisch gewachsene Gruppe, in der es lediglich eine Nachbesetzung gab, als ein neuer Bassist nötig wurde. Die Vier von der Urtruppe kennen sich aus Schulzeiten und haben ein Händchen dafür bewahrt, sich im bekloppten Biotop des Showgeschäfts die spitzbübische Natürlichkeit zu bewahren, die ihren Auftritten den umwerfenden Charme geben. Nie hat man den Eindruck, die Wise Guys könnten mit dem einen oder anderen Lied auf Teufel komm raus in die Charts drängen, als würden sie mit Gewalt kommerziellen Erfolg suchen. Der Spaß, den sie selbst beim Singen haben, überträgt sich unverringert aufs Publikum. Alle Achtung. --------------------------------- TIKK
Einen Brettlkünstler zu würdigen, der seine Spuren vor allem in den
zwanziger Jahren gelegt hat, ist das Anliegen der vier Künstler, die ein
Programm mit Lieder, Texten und Zitaten zusammengestellt
haben.
Zunächst als Pianist aufgefallen,
gelangen ihm bald musikalisch-literarische Kabinettstückchen, die
vereinzelt auch über
den Tonfilm verbreitet wurden. Wohl am bekanntesten: Marlene Dietrichs „Ich
bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" aus dem Film „Der blaue Engel"
mit Emil Jannings.
--------------------------------- Schonzeit
In der mehr mit klassischer Musik befassten Szene kennt man sie. Harald
Schoneweg als Professor für Kammermusik an der Musikhochschule Köln, mit --------------------------------- Klaus
Hoffmann & Begleitung
Ein Satz mit "X": "Das war eher
nix." Der ewig junge Sunnyboy aus Berlin, der als Schauspieler
Liedermacher-Karriere machte - lange bevor die Schauspieler Herbert Grönemeyer
und Marius Müller-Westernhagen anfingen, ihre ersten Plattenerfolge
einzuheimsen - hat den Ehrgeiz, sich auch als "Vorlesen" zu präsentieren
und dabei aus eigenen Werken zu zitieren. Dagegen ist grundsätzlich
nichts einzuwenden, wenn denn das geschriebene Werk tauglich und der
Vorleser zu ertragen ist. --------------------------------- Tina
Häussermann (2) & Fabian Schläper Wer sich in diesen Tagen anschickt, Kabarett zu machen und dabei klar signalisiert, dass nicht die Absicht besteht, die Grauzone zur Comedy auch nur zu betreten, mag vielleicht nicht ganz den Erwartungen des Zeitgeistes entsprechen, aber dafür gibt es meine Sympathie und einen Bonus bei der Daumenbewertung. Mir sind sensible Zwischentöne lieber als Brachialhumor, bei dem eher die Verletzung der Geschmacksgrenzen riskiert als auf einen Gag verzichtet wird. Was die beiden Kleinkünstler aus Stuttgart auf die Brettl bringen, ist eine Abfolge von Liedern mit Zwischentexten, die – mal mehr, mal weniger – inszeniert werden. Mitunter fragt man sich, warum Tina Häussermann, die am Klavier begleitet, überhaupt ihren Sitz verlassen hat, wenn die Zwischeninszenierung schon nach wenigen Sätzchen oder gar nur Worten bereits wieder überstanden ist. „Sie liebt ihn – er liebt halt was anderes…“ Diese Botschaften mögen für ein halbes Dutzend Überleitungen genügen – dann beginnen sie jedoch zu ermüden, auch wenn sich die Songs inhaltlich um Liebe zu diesem und jenem drehen mögen. Die Lieder stehen im Mittelpunkt, die meisten aus eigener Feder, wobei die Talente unterschiedlich verteilt sind. Tina Häussermann ist da eindeutig besser ausgestattet, bringt sie doch doppelte Fähigkeiten ein: Von ihr stammen die meisten Kompositionen und auch die stärkeren Texte, selbst wenn es nicht mal die Hälfte der Songs ist, für die sie getextet hat. Beeindruckend vor allem ein Lied, das eher melancholisch stimmt, auch wenn es humorvoll auffängt: Wie wird’s sein, wenn man denn alt geworden ist… Fabian Schläper wirkt neben Tina Häussermann, die auch als Solokünstlerin und im Gesangsquartett „Salt Peanuts“ auftritt, zwar nicht direkt blass, aber doch blässer. Dabei hat er es auch – zugegeben – schwerer, wenn er sich eben nur als Interpret eigener Texte profilieren kann und dazu von Tina an den Tasten begleitet wird. --------------------------------- Christof
Stählin (2) Wie schon bei seinem Dandyprogramm „Die Kunst der Herablassung“ ist die Versuchung groß, die Parallele zu ziehen, liegt liegt sie doch einfach auf der Hand: Christof Stählin in der Rolle seines Lebens, die er sich selbst auf den Leib geschneidert hat? In die er geschlüpft ist wie in eine zweite Haut?
Anders als beim Dandy bleibt er im „Casanova“ in
der Rolle des Erzählers, der aus der Literatur zitiert, aus Memoiren,
Briefen, Beschreibungen von Zeitgenossen, subjektiv sortiert hat und so
dem Publikum seine Sicht auf den berühmten Herzensknicker eröffnet. Und dieses Konzept passt. Was Christof Stählin so geschaffen hat, ist ein literarisches akustisches Bild der Barockzeit, in der Schöngeister zu leben wussten, und diejenigen in den Niederungen des einfachen Volkes, die den Schöngeistern nicht nahe kamen, genug damit zu tun hatten, ihr Leben zu fristen. Es wurde französisch gesprochen – am Hofe und bei den feinen Leuten des Adels. Dem einfachen Stadt- und Landvolk war Casanova genauso entrückt wie Stählin der großen Masse des Publikums, das sich bei Trivial- und Vulgärcomedy vor Vergnügen bepinkeln möchte.
Ein Poet wie Stählin aber greift nicht unter die Gürtellinie
– da kann man lange drauf warten. Und falls es doch mal erotisch werden
sollte, dann hat es zumindest Stil. Seine Casanova-Geschichte, mit deren
Hilfe uns Stählin in die Barockzeit entführt, spickt der Künstler mit
sprachlichen Kabinettstückchen, wie man es von ihm gewöhnt ist: Längere
Gedichte in feinster Wort- und Satzdrechselung, aphorismenartige
Vierzeiler, die, kaum dass man sie als solche wahrzunehmen beginnt, schon
verklungen sind. Dazu Lieder neueren Datums, zu denen sich der
„Liedermacher“ auf der Vihuela begleitet, einem spanisch-arabischen
Lauteninstrument mit zwölf Saiten, das aus der Renaissancezeit stammt und
das mit seinem spärlichen klanglichen Volumen in einzigartigem Gegensatz
zur sprachlich-barocken Opulenz steht, mit der Stählin seine Zuhörer zu
beeindrucken und zu begeistern versteht. --------------------------------- Pigor
und Eichhorn Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn haben klar definierte Rollen: Pigor singt - und Eichhorn muss ihn begleiten, wobei er einen teil dieser last auf Ulf abwälzen kann, der die elektronischen Perkussionsgeräusche steuert. Diese Arbeitsteilung funktioniert schon eine Weile und schabt sich offenbar nicht ab. Dabei ist das Endprodukt, mit dem Pigor und Eichhorn - egal ob mit Ulf oder ohne - über die Bühne kommen, ein zwar kurzweiliges Programm, doch hat es auch seine klangästhetischen Widerhaken, die es nicht leicht machen, sich das Duo als Lieblingskünstler vorzustellen. Woran liegt's, dass die Kurzweiligkeit nur relativ kurz vorhält? Ist es die immer gleiche Masche in der Interpretation, die nur selten durchbrochen wird - und selbst wenn, kaum einen nennenswerten Unterschied erkennen lässt. Pigor singt zwar, doch seine Stimme ist gewöhnungsbedürftig - vor allem, wenn mehr als drei Lieder aufeinander folgen. Kann man sein Gehampel auf der Bühne verfolgen, bieten sich immerhin optische Ablenkungen, doch wenn die fehlen, gerinnt der akustische Reiz leicht zur Tortur. Gewiss - sie haben witzige Texte und pfiffige Ideen und sind in ihrer Art in der deutschsprachigen Kabarett-Szene sicherlich einmalig - doch macht dies den Konsum ihrer Lieder nicht einfacher. Einmal hören und man hat seinen Spaß, sofern keine Überdosis verabreicht wird. Doch wie so häufig bei Witz- und Spaßliedern: Wenn die Pointe gesessen hat und die Humordosis verbraucht ist, was bleibt dann vom Lied... Es ist eben nicht leicht, über bekannte Witze mehrmals zu lachen. Und wenn man Pigor Gesang seiner Clownerie und seiner Scherze beraubt, bleibt kaum noch was übrig. Ein Programm mit kurzer Halbwertzeit. --------------------------------- Konstantin
Wecker
Er singt, weil er "ein Lied" hat, lautet die
einfache Erklärung, die Konstantin Wecker dafür gibt, dass er es nicht
lassen kann. Warum sollte er auch. Er kann es schließlich - und er kann
es offenbar immer besser. Ich gestehe, ich hab ihn eine Weile schwer
ertragen. Zu nah war die akustische Verwandtschaft zu Zarah Leander, zu
manieriert sein Vortrag, zu eitel schien mir sein Geschwätz. --------------------------------- Achim
Amme
Die Neugier, die ein Kleinkünstler auffangen könnte,
der sich einem mutmaßlich frischen Publikum gegenüber sieht, bleibt
eigenartig stiefmütterlich behandelt. Achim Amme und Andi Nock bedienen
sich aus ihrem "Werkzeugkasten" und greifen auf die Mittel zurück,
die ihnen zur Verfügung stehen. Und die sind, mit Verlaub, nicht
umfangreich. Es fehlt an Esprit, an Witz, an Spritzigkeit, wirkt dafür aber genötigt und gedrängt, dass die oben angesprochene Neugier sich bald verflüchtigt und einer Demut Platz macht, die geduldig auf das Ende der Vorstellung wartet. --------------------------------- Ärnschd
Born Es ist für ihn ein fremdsprachiges Programm, seine Lieder, seine Zwischentexte auf hochdeutsch zu präsentieren. Aber sich dieser Herausforderung zu stellen, war wohl fällig. Und was er zu sagen hat - in diesem Programm, nicht im gleichnamigen Programm für schwyzer Publikum -, soll ja auch von denen verstanden werden, die davon profitieren sollen / könnten. Es geht um ein Coaching, um eine Beratung in kabarettistisch-musikalischer Weise für diejenigen, die sich mit dem Gedanken tragen, in die Schweiz überzusiedeln. Sie sollen nicht unvorbereitet ins Heidiländ einreisen und wissen, was auf sie zukommt - viel wichtiger noch: was dort von ihnen erwartet wird. Ärnschd Born holt die Leute da ab, wo sie sind und gibt sein Bestes: pfiffige Lieder, garniert mit gepfefferten Texten und überraschenden Pointen, wohltuend unangestrengt, beiläufig, mit dem richtigen Wechsel im Tempo: mal erfrischend kurz und kurzweilig, mal mit der nötigen Auslotung des Gedankenganges, die eben ihre Zeit braucht. Was auffällt - aber bei Ärnschd Born nicht überrascht -, ist der runde Gesamteindruck des Programms, selbst wenn er es in diesem Auftritt nur in gestraffter Fassung präsentieren konnte. Nicht jeder wird es schätzen, aber manche genießen gerade dies: Man wird thematisch an die Hand genommen und unmerklich dabei gelenkt, den Ideen des Künstlers zu folgen. Gute Unterhaltung bleibt kein bloßer Wunsch - hier wird er erfüllt. --------------------------------- Kieran
Halpin & Chris Jones
Donnerwetter. Mit welcher Spielfreude, mit welcher
Power rocken da zwei Gitarristen ab, das eigentlich die Saiten glühen müssten.
Kieran Halpin, ein exzellenter Songschreiber aus Irland, der mit dem
Amerikaner Chris Jones einen Gitarristen an seiner Seite hat, bei dem man
sich scheut, ihn als "zweiten" zu beschreiben. --------------------------------- Schiffer
(Ruth) & Beckmann (Barbara) Es ist immer schwierig, die Rolle des
Eisbrechers zu übernehmen, quasi den Teppich auszurollen für all
diejenigen, die danach noch die Bühne betreten. Gut - Dieter Nuhr hatte
bereits den Boden bereitet - aber das war schließlich auch seine Rolle
als Conferencier an diesem Abend -, als das Duo sich am, um und auf dem Flügel
gruppierte, um daselbst humoristisch zu wirken. Das Herz fehlte, auch wenn es beispielsweise beim Thema Herzkreis eine nicht unwichtige Rolle spielte. Es ist die einzige Nummer, die sich nachhaltig ins Gedächtnis eingeprägt hat. Keifig nett, harmlos gemein, quasi herzlos nach Art der gebremsten Stutenbissigkeit, wenn man doch noch gelegentlich weiter miteinander Kaffee trinken will. "Fette Beute" und "Geht
spielen" heißen ihre aktuellen Programme. Sie zu sezieren und dann
mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gerissenen Nummern die gleiche
Faszination bewirken zu wollen, die mit einem --------------------------------- The Beez Spaß hat es leichter, sich zu
vermitteln, wenn diejenigen, die ihn verbreiten sollen, selber erkennbar
daran Spaß haben. Daran ließen "The Beez" keinen Zweifel. Das
gemischte Quartett aus Berlin nennt, das, was es macht, Kitsch-Pop. Ganz
klar: es handelt sich um eine Band, die Musik macht, und nicht um eine
Kabarett- oder Comedy-Gruppe, bei der die Musik nicht mehr wäre als ein
gelegentliches Transportmittel für dünne Witzchen, die es in unvertonter
Form nicht bis zur Aufführung geschafft hätten. Danke. Mehr davon. Äußerst Appetitanregend. --------------------------------- Die
Missfits Kurz vor dem selbstgesetzten Schlusspunkt
hinter der gemeinsamen Karriere hat das Oberhausener Zicken-Duo im
Pantheon noch mal seine herausragenden Qualitäten aufblitzen lassen, als
ob es Gerburg Jahnke und Stefanie Überall ein diebisches Vergnügen
bereitet, sich künftig als Doppelpack aus dem verkehr zu ziehen, sich
quasi ihren Fans vorzuenthalten. --------------------------------- Dieter
Nuhr Er ist mehr als nur ein
Alleinunterhalter. Nuhr so zu sehen, würde ihm nicht gerecht. Doch was er
selbst begonnen hat - um und mit seinem Namen wortspielend zu jonglieren -
ist zu verführerisch, als dass man sich dem verweigern könnte. Für eine
Kritik bringt es allerdings zu wenig. Deshalb mal "nur"
soviel... --------------------------------- Harvey
Andrews Es liegt nahe, dass das Erlebnis mit Herzklopfen verbunden ist, wenn man sich den Auftritt eines Künstlers ansieht, den man vor Jahrzehnten für herausragend hielt und verehrt hat. Dies mag dann auch die Wahrnehmung trügen und anfällig machen für subjektive Nachsichtigkeit in der Kritik - aber was soll's: Kritik ist sowieso subjektiv, und aus welchen Gründen sie beim Blick auf manche Kritisierten wohlwollender ausfällt und bei manchen erbarmungslos bleibt, kann dem Kritiker letztlich egal sein - so sehr es jemanden ärgern kann, der sich zu Unrecht kritisiert sieht. Von Harvey Andrews, einem
"Liedermacher" aus der Zeit des britischen Folk-Boom Mitte der
sechziger Jahre, als es auf der Insel noch 800 Folkclubs gab und ein
hoffnungsvolles Talent schnell in der Lage war, durch Und hier sind wir bei einem bemerkenswerten
Talent angelangt. Harvey Andrews, rein äußerlich eher der Typ eines
pensionierten Oberstudienrates, der sich wenig um Moden und Trends schert,
aber sich die Fähigkeit zur Kommunikation bewahrt hat, übermittelt sich
selbst glaubwürdig und faszinierend. Die Exotik, die ihm äußerlich fehlt -
ein Mangel, der ihn wohl nicht erst an der Schwelle zum Rentnerdasein
charakterisiert - spritzt Man kann sich vorstellen, dass ihm dies
auch als Lehrer hätte gelingen können, aber letztlich ist es gut, dass er
den Lehrerberuf rechtzeitig gegen den des Liedermachers eingetauscht hat. Denn
so hat er vermutlich weitaus mehr Zuhörer erreicht. --------------------------------- Fred Ape Was er besingt sind mitnichten, wie weiland in bardischen Urzeiten der zornigen Protestsänger, nahezu ausschließlich wütende Hymnen auf die Schlechtigkeit der Zeiten und Weltläufte, sondern Abbildungen von Lebenssituationen eines Menschen, der mit beiden Beinen im Überlebenskampf steht und dabei unterschiedliche Herausforderungen zu meistern hat - die besonderen Anforderungen pubertierender Töchter nicht ausgenommen. Fred Ape macht vielleicht nicht aus allem, aber doch aus vielem Liedertexte, vermutlich bereits mit der Ohrwurm-Melodie im Kopf, die ihm als Transportmittel gerade recht ist. Er erzählt mir von sich selbst und bietet mir Anknüpfungspunkte, um mich in seinen Texten wiederzufinden. Dass dazu die musikalische Umsetzung mitunter arg spartanisch daherkommt - geschenkt. Die Einfälle, die Fred Ape so transportiert, belegen, dass der Liedermacher Kabarettisten-Qualitäten hat, ohne dass er darauf angewiesen ist, einen flachen Gag nach dem nächsten zu verpuffen, um die Schenkelklopf-Süchtigen zu bedienen, die immer noch Comedy nach Art der Appelts und Mittereggers für das Maß aller Kabarett-Dinge halten. Es ist eben doch ein Unterschied zwischen Witzbolden, Scherzkeksen, Blödelbarden und Liedermachern - und das ist auch gut so. --------------------------------- Ron
Sexsmith Manchmal lohnt sich der zweite Zugriff.
Das gilt sowohl für den Künstler, der mich bei einem ersten
Konzerterlebnis im Rahmen einer "Rolling Stone-Tour" noch nicht
so ganz überzeugen konnte, aber auch für die Lokalität "Gebäude
9", die mir bei einem ersten Besuch eher abstoßend vorkam.
Wahrnehmungen - akustische und optische - hängen offenbar auch von
Faktoren ab, die in der eigenen Befindlichkeit liegen. Vielleicht war ich
bei den früheren Erlebnissen mit diesem Künstler und dieser "Location"
einfach nur nicht gut rauf. Kann ja vorkommen. --------------------------------- Wolf
Biermann Lebende Legenden, die höchste literarische Weihen erhalten haben (Büchnerpreis) und deren künstlerischen Werdegang man aus der Distanz mit viel Sympathie mitverfolgt hat, sind rar. Infolgedessen ist der Elektrisierungsfaktor - zumindest bei Langzeitfans - nicht zu unterschätzen. Man lässt dem verehrten Künstler duldsam durchgehen, was man sich von anderen schwerlich bieten lassen dürfte. Wolf Biermann in Köln - 28 Jahre nach dem denkwürdigen Konzert in der Sporthalle, das den panischen Meinungsunterdrückern im "real dahinvegetierenden Sozialismus" den Vorwand bot, sich des "bösen Wolfs" zu entledigen - ist sicher sowohl für den Sänger als auch für viele im Publikum ein Erinnerungsmoment. Wer war dabei - oder andersgefragt, angesichts der ergrauten Mehrheit im Publikum: Wer von den Anwesenden war damals nicht dabei? Ein paar junge Menschen zwischen den betagten Zeitzeugen waren damals sicher noch nicht mal angedacht. Zu unterstellen, gerade diese Jungfans wären die Hauptadressaten des Konzertes für Kids, führt sicherlich auf die falsche Fährte. "Hänschen klein ging allein" war ein Programm für Kindermenschen und Menschenskinder. es war ein Konzert denjenigen zuliebe ohne Gage, die sich im Kölner Kinderschutzbund für das Wohl kleiner Menschen einsetzen, und denjenigen zum Gefallen, denen der Anlass egal ist, wenn er nur Gelegenheit bietet, ihrem Wolf lauschen zu dürfen. Wölfisches im Rudel genossen schweißt doch allemal zusammen... Altes und Neues kombinierend, wie gewohnt mit biographischem Drumherum und Erkenntnissen aus dem immerwährenden Weisheitsgewinnungsprozess erzählend angereichert, blieb Biermann sich einerseits in der Weise treu, dass er sich kaum geändert hat: Schwere Kost zwar, doch nichts völlig Unverdauliches, mit Höchstanforderungen an Konzentration und Langmut, wenn er mal wieder weitschweifig aus dem Ruder lief. Wenn er doch wenigstens das weglassen würde, was auf der Hand liegt, was man schon miterzählen könnte - mindestens die Hälfte der Detailerläuterungen, die den Erkenntnisgewinn auch nicht mehr wesentlich bereichern, weil es darauf doch auch gar nicht ankommt. Gelegentlich möchte man ihn schütteln, die Finger auf der Tischplatte tanzen lassen und ihm ein "Wolf, komm auf den Punkt" zuraunen und leidet still vor sich hin, kämpft mit dem Schlaf, um sich, sobald man es merkt, irgendwohin zu kneifen, denn Biermann verschlafen? Das hat er nun wirklich nicht verdient - aber wenn es sekundenweise dann doch passiert, hat er es sich selbst zuzuschreiben. Er kann es nicht gewollt haben... Das Dilemma: Wenn sich Wolfscher Narzissmus mit einer Spur missionarischem Belehrungseifer und großväterlichem Mitteilungsdrang mischen, haben die Lieder als vertonte Kabinettstückchen für sich gesehen keine Chance. Da ist er sich andererseits durch Änderung treu geblieben: Es ist schlimmer, weil anstrengender geworden, ihm zuzuhören. Schade eigentlich. Denn auch die Lieder sind ja keine leicht konsumierbare Kost für Hörer, die den klebrigen Klangbrei aus medialer Berieselung gewöhnt sind. Die Biermannsche Musik ist moderne Klassik, umgesetzt auf der Gitarre, also kein eingängiger Pop oder Rock, kein Folk, kein Chanson, nicht leicht zum Mitsummen, zum Mitsingen schon gar nicht. Die Klänge sind kratzig, legen sich quer ins Ohr, stellen Beinchen und schubsen auf Seite, wenn man gerade endlich einen Weg gefunden zu haben glaubt, auf dem man den Liedern folgen könnte. Man muss schon selbst was leisten, wenn man seinen Biermann genießen will. Und dass man das immer noch kann, ist unbestritten, ebenso wie die herausragende literarische Qualität seiner Texte, eingeschränkt durch die Selbstverständlichkeit, dass sie nicht alle gleiches Niveau erreichen. Geschenkt. Sein unüberhörbarer, wenn auch unausgesprochener Anspruch, in eine Riege mit den großen politischen Lyrikern deutscher Zunge zu gehören, lässt ihn mitunter in eine selbstgefällige Präsentation hineingleiten, die hart bis an den Rand des Unerträglichen geht. Wo sind die guten Freunde, die ihm dies endlich mal mit dem Vertrauensvorschuss engster Verbundenheit nahe bringen? Oder merkt er es selbst - und liegt darin der Grund für gelegentliches Herumkaspern, das genauso peinlich daherkommt wie die Pose des großen Poeten in Heines Nachfolge. Was beim Wolf fehlt - und es fehlt wirklich - ist einmal die Beiläufigkeit der Gelassenheit im Auftritt, die aus Souveränität erwächst und die dem Künstler die Selbstsicherheit geben könnte, das Licht nicht auch noch selbst anknipsen zu wollen, in dessen Schein er sich präsentieren möchte. Eigentlich seltsam, dass der so selbstgewiss auftretende Biermann sein Defizit in dieser Hinsicht nicht ausgleichen kann.
Zum anderen fehlt es ihm - immer noch - an
verantwortungsbewusster Verwertung des Zeitbudgets, das ihm an einem
Konzertabend zur Verfügung steht. Es ist schlicht erbarmungslos, wenn man
sein Publikum bis an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit festhält und so
eine Gutwilligkeit ausbeutet, die ihresgleichen sucht. Ein bisschen mehr Rücksicht
wäre eine Gnade. Shania
Twain Was für eine Show, was für eine sympathische Frau. Kaum war der Auftakt mit den ersten Takten verhallt, hielt es kaum noch jemandem auf seinem Sitz. Shania Twain, kanadischer Wirbelwind im mainstream- tauglichen Country-Rock, ist nicht sonderlich groß gewachsen, aber ihr knalliges Outfit half mit, dass sie niemand übersehen konnte. Und so wirbelte sie mitten in der Köln-Arena über eine mehrstufige Rundbühne, umkreist von ihrer Band, die sichtlich Spaß dabei hatte, einem begeisterten Publikum Zucker zu geben. Klar dass sie in dieser erwartungsfroh aufgeheizten Stimmung eher auf ihre Kracher zurückgriff und nur sparsam Balladen dazwischen setzte. Die Leute wollten und sollten mitklatschen, was die Patschhändchen hergaben - und falls jemand in Bühnennähe Ermüdungserscheinungen zeigte, sollte sich gleich das schlechte Gewissen melden. Wir sind doch nicht zum Vergnügen hier, sondern um gute Laune zu zeigen - bis die Handflächen wehtun und die Arme schwer werden. Bleiben wir gerecht: Die Show war spitze, wäre es auch ohne Feuerwerkskracher gewesen, und ihre Suche nach Nähe zum Publikum beeindruckend. Plötzlich saß sie mittendrin, zwischen ihren Fans, irgendwo im Rang, begleitet von einem Gitarristen, und schmachtete eine ihrer älteren schaumgummiweichen Balladen, gelegentlich mehrstimmig unterstützt aus der Arenamitte, aber im Grunde allein: "The Woman In Me". Kein einziger Versuch, sich anders zu geben als lieb und nett, nichts Verruchtes oder Cooles, sondern Herzlichkeit pur, wenn auch gelegentlich etwas klinisch, wenn sie - den Fans sei es gegönnt - zum Gesang gleichzeitig Autogramme gab. Sicher - es war nur Gekrakel, das jeder sich selbst aufs Programmheft, die Eintrittskarte oder die Baseballkappe hätte kritzeln können, aber dass die Interpretation der Texte darunter nicht gelitten hat, soll mir keiner behaupten. Nebenbei perfekt sein, geht nicht. Spendensammlung für ein Kinderprojekt in Köln, Foto auf der Bühne mit ausgesuchten Fans, jede Menge Blumen, Händeschütteln, beeindruckend überzeuge Art, die einzelnen Bandmitglieder vorzustellen - all dies spricht für sie. Warum aber mag sich die Begeisterung nicht so einstellen, wie man es sich vor diesem Hintergrund für die sympathische Frau wünscht. Sie macht keine Musik für den Kopf. Bauch und Beine (und Patschhändchen) werden gut bedient - aber warum kommt keine Gänsehaut, warum dringt sie nicht unter die Haut, erreicht nicht die Seele? War die Show zu perfekt, nahezu aseptisch clean? Man könnte sich aber auch damit zufrieden geben und sich über die gute Show ganz einfach freuen. Verdient hat sie unsere Zufriedenheit allemal. Die Nörgelei über die Restmängel ist vielleicht auch nur übertrieben... --------------------------------- Hannes Wader Wenn er augenzwinkernd die vier großen "H" unter den deutschen Dichtern und Denkern heranzieht, die ihren Humanismus alle im antiken Hellas verwurzelt hätten, ohne jemals selbst in Griechenland gewesen zu sein, und wenn er sie dann aufzählt: Hölderlin, Hegel, Heidegger und Hannes, dann nachschiebt, dass er auch gar nicht dahin will, damit er nicht enttäuscht wird, dann unterstreicht dies seine Selbstironie im Umgang mit Gegenwart und Vergangenheit, mit der Selbstverortung seines Stellenwertes. Er kündigt damit ein Lied an, dessen Melodie er aus dem Griechischen entlehnt hat, ein Mitbringsel von Oss' Kröhers Motorradreise nach Indien, Anno 53. Das Lied ist im ungewohnten 7/8 Takt, bei dem die Konzentration dann doch mehr herausgefordert ist als beim gewohnten 4/4-Gepicke. Hannes Wader zeigt sich aufgeräumt und souverän, ruht in sich selbst und freut sich sichtlich über den breiten Zuspruch, ja die Zuneigung, die ihm entgegenwogt. Er gastiert erstmals im Bourbonensaal der Burg Satzvey - und doch bietet das Konzert Assoziationen von Heimspiel. Der Saal ist rappelvoll, der Beifall wohlwollend, fast liebevoll, man will ihn genießen, "unsern Hannes". Und Hannes mischt Altes und Neues, Ureigenes und Bearbeitetes, Lieder, die seit mehr als 30 Jahren zu seinem Repertoire gehören, ihn profiliert und bekannt gemacht haben, eigene Lieder zur persönlichen Vergangenheitsbewältigung oder in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart, deutschen Texte auf vorhandene Melodien von Alex Campbell, Colin Wilkie oder Eric Bogle, oder neuere Texteinfälle auf "Ohrwürmer" z. B. von Phil Coulter. Dazwischen Lieder auf Texte hoffnungsloser Romantiker wie Eichendorff oder Dichter wie Nietzsche, lebensfroher Lustbarden wie Bellmann - sein Repertoire ist nicht nur weitgefächert, sondern auch noch vielschichtig. Seine offensichtlich "gesetztere" Persönlichkeit tut seiner Selbstsicherheit in der Präsentation gut. Kaum einer seiner früher berüchtigten "Texthänger", kurze Zwischenphasen zum Nachstimmen, was früher kaum ein Ende fand und mit dem man sich als "Fan" eben abzufinden hatte. Hannes Wader steht allein auf der Bühne, eine Gitarre zu Wechseln neben sich, die andere umgehängt, per Kabel angeschlossen - der Mixer regelt den Sound, nur singen und Akkorde spielen muss er noch selbst: wie hoffnungslos veraltet - oder doch nicht? Singer/Songwriter, unplugged, Gitarre pur - ist doch eigentlich wieder gefragt Er braucht ein wenig, bis der Funke tatsächlich überspringt, auch vor dieser wohlmeinenden Gemeinde. Das Fehlen eines zweiten Gitarristen ist unüberhörbar, aber "fehlt" er wirklich? Man will schließlich Hannes hören - und der steht ja da und singt. Zwischendurch eher wortkarge Erläuterungen der Lieder, sparsame Erklärungen, keine Angaben zu den zeitgenössischen Komponisten der fremden Melodien, die er sich angeeignet, behutsam, aber vorsätzlich mit seinen eigenen Kompositionen gemischt hat. Vorwerfbar? Wenn ein Rock- oder Popstar Fremdmaterial singt, sagt er auch in den seltensten Fällen dazu an, aus wessen Feder der Song stammt. Wer's genau wissen will, kann ja im Booklet nachlesen. Sein Antrieb ist - neben dem einfachen Wunsch, "schöne Lieder" zu singen und damit die Menschen zu erfreuen - die Rückgratstärkung bei denjenigen, die's nötig haben und sich nicht dagegen sperren. Seine persönlichen "Wünsche" - mehr Mut, mehr Nachsicht - wer nickt sie nicht auch für sich selbst ab. Seine persönliche Stellungnahme zum unglaublichen Missbrauch seiner Lieder durch Neonazis - die Rechtsradikalen haben sich offenbar seiner Bogle-Bearbeitung "Es ist an der Zeit" für ihre Zwecke bemächtigt - zeigt den sprachlosen Zuhörern, dass man nicht alles widerspruchslos hinnehmen kann und muss. Und dass zwischen Rattenfängern und "dem Rattenfänger" Unterschiede bestehen, macht er immer noch eindrucksvoll mit einem alten Lied über die couragierten Hamelner Kinder deutlich, in seiner Version der alten Sage vom betrügerischen Magistrat an der Weser. Was viele seiner Lieder aufweisen, sofern sie nicht im intimen, persönlichen Kontext bleiben, ist ein satter Schluck Pathos und gelegentlich etwas dick aufgetragene Zuversicht, dass alles besser wird - zumindest werden könnte - wenn nur alle dran glauben und mit zupacken. So gesehen gesteht er diesen Liedern immer noch eine gewisse Mobilisierungsfunktion zu, die angesichts von Fremdenfeindlichkeit und Neonazi-Unwesen legitim bleibt, auch wenn sie gelegentlich nostalgisch anmutet. Doch damit kann er leben, als altmodischer Romantiker und Volkssänger, der die Vergangenheit differenziert sieht und manchen Verlust bedauert: Dass die Lust am gemeinsamen Gesang wirklich noch nicht völlig abhanden gekommen ist, mag ihm wohltun. Sein Konzert - ein Entspannungsabend für die Seele. --------------------------------- Barbara
Willms Sie muss sich nicht verbiegen oder verstellen - sie ist so: eine eigenartige Mischung aus Spontaneität und Selbstzweifeln, mit offenen Augen für den Aberwitz des des organisierten Daseins, ob im Supermarkt, im Finanzamt oder im Wartezimmer des Arztes. Wenn andere zwischen den Zeilen von schriftlichen Botschaften lesen können - sie liest aus den Zwischenzeilen des Lebens, erkennt Schachstellen, Gemeinheiten, Frechheiten und leidet an ihnen. Sie liest ihre Geschichten - noch - ein wenig zu schnell, huscht über manche Pointe, gewinnt aber nach und nach Sicherheit und Selbstvertrauen aus dem Zuspruch des Publikums. Anders als in den ursprünglichen Entwürfen verknüpft sie die Gischten miteinander, als ob sie Zäsuren fürchtet, als ob die Zuhörer ihr davon laufen könnten. Doch keine Sorge: man hört ihr zu, will mehr hören, denn ihre Sicht der Dinge - direkt auf schräg - ist fesselnd. Im Grunde erzählt sie von sich, von eigenen Erlebnissen, Erfahrungen, Erkenntnissen, deckt ihre Ursprünge auf, lässt uns am Prozess teilhaben, der am Ende in die skurril Geschichte mündet, die sie zu berichten hat, aus dem Erlebnispark des Einkaufswunderlands in der Servicewüste Deutschland. Sie ist noch neu in der Konkurrenz der "Vorleser" und Geschichtenerzähler, die vor ein Publikum treten, um mit kurzen Texte kurzweilig zu unterhalten. Manchen gelingt's besser, manchen schlechter, sich in diesem Grenzbereich zwischen Solo-Kabaretts und der Kleinkunst, zwischen Schriftstellerei und Dichterlesung überzeugend zu präsentieren. Manchen gelingt die Präsentation auch besser als mancher Text. Barbara Willms kann locker mithalten. Sie muss sich weder mit ihren Texten, noch mit ihrer Präsentation verstecken. Sie hat nämlich mehr zu bieten: Sie ist eine Type, die sich selbst präsentiert, die sich nicht darstellen muss, sondern so ist, wie sie ist. Und die Texte sind unverkennbar Stücke von ihr. --------------------------------- Frauke
Uerlichs und das Forellen-6-tett Ein Abend der besonderen Güte, der die Erwartungen mancher Gäste deutlich übertroffen hat. Musik, wie sie vor vielen Jahrzehnten, als noch keine elektronischen oder mechanischen Gerätschaften zum Abspielen konservierter Musik zur Verfügung standen, ab und an in "Wohnzimmern" zu genießen war: Kammermusikalische Stücke von Schubert und Brahms, komponiert für kleine Besetzungen, die gleichwohl in der Lage waren und sind, über Zimmerlautstärke hinaus zu gehen. Deren Funktion darin bestand (und besteht), zu erbauen, Vergnügen zu bereiten, eben zu unterhalten - so gesehen leichte Muse älterer "Bauweise", die ergänzt wird durch jüngere und zeitgenössische Kompositionen aus dem Genre der "Unterhaltungsmusik". Das Ensemble "Forellen-6-tett", das die Pianistin Frauke Uerlichs zusammengestellt hat, ist exzellent: An der ersten Geige beeindruckt - nicht nur bei Schuberts Forellen-Quintett - Birgit Stahl, Helga Wolfshöfer spielt ebenfalls Violine und Viola, gelegentlich dritte Geigerin an diesem Abend: Anne Uerlichs, die bereits mit einem Kurzen Auftritt bei einem Konzert von Paul Shigihara und Harald Schoneweg auf sich aufmerksam machen konnte, am Cello überzeugt - vor allem bei den Kompositionen von Charles Chaplin und beim "Schwan" aus Camille Saint-Saens "Karneval der Tiere" - Regina Stein, Esther Beyer am Kontrabass bringt Camille Saint-Saens "Elefanten" zum Tanzen und setzte einen imponierenden Höhepunkt mit "Kicho" von Astor Piazolla, alle Stücke immer einfühlsam am Piano begleitet von Frauke Uerlichs. Und schließlich der Gesang: Maria Arentz fächert ein breites Spektrum auf, um ihr Können unter Beweis zu stellen: Von Schuberts "Forelle" über das Gute Nacht-Lied von Brahms, Friedrich Hollaenders Klassiker "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt", den Marlene Dietrich im "Blauen Engel" gesungen hat, "Mackie Messer" und "Die Seeräuber-Jenny" aus der "Dreigroschenoper" bis zu den Gerhard Winklers/Ralph Siegels "Wenn bei Capri..." Ein ausgesprochen kurzweiliges und begeisterndes Konzert mit einer Musik, die von der traditionellen Klassik aus Randbereiche mit einbezieht und unterhaltsam so aufbereitet, dass das Publikum kaum genug bekommt. Die Komponisten hätten ihren Spaß dran gehabt.
--------------------------------- Gaby Borgardts Was Gaby Borgardts an Routine und Coolness, an Lässigkeit und Souveränität im Jonglieren mit den Tönen noch an Defiziten aufweisen mag, ersetzt sie durch Wärme in ihrer Stimme und Unaufdringlichkeit in der Präsentation, die sich wohltuend abhebt von aufgesetzter Überinterpretation. Dass Sänger dieses "amerikan Songbooks" einer solchen Gefahr leicht erliegen, macht die Beschäftigung mit diesem Repertoire so riskant. Es sind im wesentlichen Balladen, die Gaby Borgardts aneinander reiht, weniger up tempo-Stücke, und zwischen die Klassiker streut sie auch Songs neueren Datums, die sie im Stil der Klassiker interpretiert. Am Klavier begleitet wird sie von Martin Rixen, einem neunzehnjährigen (!) Ausnahmetalent, der aus den einfachen Noten mit den Gesangslinien erstaunliche Improvisationen herausholt, und mit dem sie gemeinsam schwierige Klippen umschifft, vor denen das "richtige musikalische Fahrwasser" noch nicht hundertprozentig ausgelotet scheint. Gaby Borgardts singt Teile dieses Songprogramms auch in anderem akustischem Gewand, begleitet nur von Stefan Neldner am bundlosen E-Bass - und bewegt sich in dieser Begleitung deutlich souveräner und spielerischer. Der klangliche Reiz dieser ungewöhnlichen Kombination (Sängerin plus Klavier hört man oft, Sängerin plus Bass seltener...) ergibt sich aus dem Eindruck, dass Gaby Borgardts' warme Stimme eine zweite "Singstimme" zur Seite gestellt wir, die allerdings durch Stimmbänder im menschlichen Kehlkopf, sondern durch Bass-Saiten erzeugt wird. Hier stellt er sich ein, der Staun- und Zauberfaktor, der bei der Standardbegleitung am Klavier nicht so recht herauskommen mag.
--------------------------------- Santino
de Bartolo Einen Tag nach den Terroranschlägen von Madrid hatte Santino seine ursprüngliche Programmplanung völlig verworfen und in einer neuen Zusammenstellung auf zum Teil deutlich ältere Lieder zurückgegriffen, die nach seiner Ansicht besser zur aktuellen Situation passten. Auch wenn er nicht jeden Text übersetzte, die Stimmung der Lieder, des Programms ließen keinen Zweifel, wie nahe ihm das Leiden der Opfer ging. Dieses "Sonderprogramm", das sich im Grunde spontan entwickelte, ist verhaltener, leiser als es vermutlich ohne die Anschläge gewesen wäre. Doch es ist nicht getragener oder schwergängiger, sondern vermutlich politisch akzentuierter. Für Santino gibt es eine einfach Erklärung für die gewalttätigen Abscheulichkeiten, die nicht nur im Zusammenhang mit den Anschlägen in der spanischen Hauptstadt zu beklagen sind, und diese Erklärung ist einleuchtend: Die Täter, die Verantwortlichen solcher Abscheulichkeiten - gleich an welchem Ort - ließen sich zu wenig von ihrem Herzen und zu sehr von ihrem Kopf steuern. Wie wichtig Santino die Stimme des Herzens, der Liebe nimmt, klingt aus seinen Liedern heraus, ohne dass er sich in Schmalz ergeht. Santinos Lieder - alte wie neue - zeichnen sich aus durch unaufdringliche Kompositionen, die ihren vollen Reiz in der unprätentiösen Interpretation des Künstlers entfalten. Er singt sie. Punkt. Kein Schmachten, kein Schmettern - einfach Gesang, ungekünstelt, unverbogen. Aufwendigere Arrangements, wie sie in seinen Studioproduktionen auf Tonträgern zu hören sind, mögen die Lieder noch gefälliger machen, werden in seinem Solo-live-Konzert nicht vermisst. Es geht nicht nur ohne - es klingt auch noch gut. Auch instrumental bietet Santino de Bartolo mehr als der Durchschnitt: Interessante Ergänzungen seiner Gitarrenbegleitung durch Harmonikas, gelegentliche Verwendung einer Gitarre in Nashville-Tuning. Auch dies erhöht das Hörvergnügen. Ein Sänger, an dem man sich schwerlich "überhören" kann. --------------------------------- Haugaard
& Höirup Mag sein, dass dies Beweggründe sind, dieses Genre zu meiden - sicher bin ich allerdings nicht. Ich kann auch nur versuchen, mich in eine mögliche grundsätzliche Ablehnung hinein zu versetzen. Nachvollziehen kann ich sie schwerlich. Erst recht nicht, wenn wir konkret werden und am Beispiel Harald Haugaard und Morton Höirup bleiben. Ich könnte es mir einfach machen und aufzählend darauf
verweisen, was sie schon alles an Auszeichnungen eingeheimst haben, mit
denen ihr künstlerisches Wirken gewürdigt wurde. Aber was sagen schon
Branchenpreise tatsächlich aus. Sind es nicht nur zusätzliche Etiketten,
die ein Produkt für die Konsumenten interessanter machen sollen, damit es
sich besser verkaufen lässt? Dies gilt allerdings nicht für das gesamte Programm, denn auch Morton Höirup steuert seine Highlights bei: Lieder, die er unspektakulär, aber warm zu Gehör bringt. Und in der Kommunikation mit dem Publikum steht er seinem Partner, auch wenn dieser sich hier weitaus mehr profiliert, in nichts nach. Fazit: Haugaard und Höirup sind Könner ihres
musikalischen Fach, Spezialisten in Sachen amüsantes Folk-Entertainment
und Garanten für ein amüsantes Konzerterlebnis allemal. --------------------------------- Andreas
Rebers Es gibt sie doch - die gelungene Gratwanderung zwischen Kabarett und Comedy. Andreas Rebers, angepriesen als Vertreter der "Neuen Deutschen Kabarettschule" - wo immer diese auch ihre Klassenräume haben mag - kann über gängige Schubladisierungen gelassen hinweggrinsen. Er ist gut, und Qualität ist eben eine andere Kategorie, die sich von allein würdigt, unabhängig davon, ob man nun als Stand-Up-Comedian oder Kabarettist einsortiert wird. Andreas Rebers erleichtert einem angegrauten Liebhaber des alten deutschen Kabaretts das Zugeständnis, dass es - anders als bei den selbsternannten Nachfahren auf modisch abgefahrenen Comedy-Gleisen - sehr wohl möglich ist, Kabarett ohne harte Politik, aber auch ohne tumbe Witzchen auf Kosten von Minderheiten oder geschmacklose Gags aus Regionen unter der Gürtellinie auf die Bühne zu bringen. Dafür allein muss man ihm schon dankbar sein. Die Lachmuskeln kommen kaum zur Ruhe und riskieren kein Gefrieren über Kalauer, die im Halse stecken bleiben. Was so leicht dahin gespielt aussieht, ist das Ergebnis penibler Beobachtungen und gekonnter sprachlicher Umwälzungen, auf die man dann kommt, wenn man Fragezeichen dort setzt, wo sie keiner vermutet. Das Probleme ernst, aber Lösungen falsch sind, ist ein Alltagsphänomen, dem man immer wieder begegnet - Rebers überzeugt uns davon, dass die Lösung gut, aber das Problem falsch ist. Das glaubt man gern, denn es weckt Hoffnungen auf kreative Geistesblitze, die nicht enttäuscht werden. Er zündet ein wahres Feuerwerk an Einfällen, präsentiert sich als verschmitzter Lausbub mit Lieblings-Schwiegersohn-Outfit, dem das Hemd genauso leicht aus der Hose rutscht wie der gelungene Witz über die Zunge. Dazu spielt er gelegentlich gnadenlos auf dem Strapsmaus-Akkordeon quälende Akkorde aus der Volksmusik und findet für das Gitarrenspiel Trittin-schnauzbärtiger Liedermacher den Vergleich, dies sei doch wie Onanie, ohne dass dabei was raus kommt. Leider gut - nicht nur weil es bei vielen Liedermachern zutrifft und kein Witz auf Kosten wehrloser Minderheiten ist, sondern diejenigen auf den Boden der Tatsachen holt, die abgehoben haben. Andreas Rebers setzt Maßstäbe, die
jenseits der Reichweiten, ja Horizonte hochgelobter und privatmedial überstrapazierter
Witzbolde liegen. ---------------------------------- Gilla
Cremer "Meeresrand" ist von der Vorlage her kein Stück, sondern ein Roman. Schon die Geschichte allein erschüttert: Eine Frau fährt mit ihren beiden Söhnen (über deren Väter man nichts erfährt) ans Meer. Es ist ihr Versuch, der Ausweglosigkeit und Einsamkeit zu entrinnen, in der sie sich und ihre Kinder gefangen sieht. Sie erzählt ohne Pathos die Geschehnisse der beiden Tage, ohne zu entschuldigen oder um Verständnis nachzusuchen. Gilla Cremer gibt der Liebe und der Verzweiflung dieser Mutter Stimme und Gesicht. Sie steht da und erzählt, nicht als Erzählerin, sondern als die Mutter, die ihr Schicksal mit seinen Untiefen ausbreitet, die in ihrer Hilf- und Ratlosigkeit für ihre Kinder die einzige Chance sucht, die sie erkennen kann. Man leidet mit ihr, sieht sie vor sich, hört sie selbst, ist mit ihr verzweifelt, sieht die entsetzliche Seelen- und Existenznot - und ist am Ende doch schockiert von der offenbar unausweichlichen Konsequenz, die in die Katastrophe führt. Gilla Cremer lasst vergessen, dass es nicht ihr Schicksal ist, dass sie "nur" eine Rolle spielt. Die Beklemmung, die man als Zuschauer am Ende des Stückes spielt, ist fast erdrückend. Beifall zu geben fällt schwer, und doch haben ihn Gilla Cremer und ihr Cellist Patrick Cybinski mehr als verdient. Sie schaffen es nämlich, dass man sich bei dieser Gelegenheit mal wieder Gedanken darüber macht, ob diese Welt, diese Gesellschaft, so menschenverachtend bleiben kann wie sie ist, und was es für andere bedeuten kann, wenn sie sich nicht ändert. Darüber wenigstens gelegentlich nachzudenken, ist ja kein Schaden... Danke, Gilla. ---------------------------------- Lisa Politt Sie kommt nicht ohne aus, deshalb kommen wir nicht drum herum, es zu erwähnen: Ohne Not spielt sie die Frauenkarte, kokettiert - jawoll, kokettiert! - mit ihrer Weiblichkeit, um damit ihren Anspruch auf Anerkennung als politische Kabarettistin zu untermauern. Oder sollte sie es doch anders gemeint haben? Falls nicht, war es überflüssig wie ein Kropf. Schlechtes politisches Kabarett wird nicht dadurch besser, dass es von einer Frau gemacht wird, und gutes politisches Kabarett sollte es nicht nötig haben, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Lisa Politt macht beides in einem Programm: gutes und weniger gelungenes politisches Kabarett. Das ist völlig normal, ist doch ein durchweg gutes Programm eher die Ausnahme als die Regel. Sie hat als erste Frau den deutschen Kleinkunstpreis erhalten, und der sei ihr gegönnt, versehen mit der Unterstellung, dass sie auf Dauer mehr auf der Pfanne hat als die drei Themen Frauen, Militär und Gott. Ab und an gelingt ihr zumindest die Andeutung, aber nicht der Absprung. Woran mag es liegen, dass ihr löbliches Unterfangen, sich der Hausausforderungen zu stellen, ein mit hohen Erwartungen versammeltes Publikum allein über die zwei-Stunden-Runden zu unterhalten, doch nicht so ganz gelingen will. Da machen sich Längen breit, wo keine hingehören, da fehlen mitunter Pointen, die wenigstens das Lachen im Halse ersticken sollten, wenn sie schon nicht zünden wollen. Aber man muss mitunter geduld haben, bis man wieder lachen darf. Was fehlt? Es ist der ätzende Sarkasmus, die Leichtigkeit des Kabarettisten-Daseins, auch des politischen. Er fehlt nicht gänzlich, aber er macht sich rar, und wenn er sich mal wieder verdrückt hat, möchte man ihr am liebsten über die Hürde zum nächsten Anlauf helfen. Und manche führen ja auch zu gelungenen Absprüngen. Dann trifft sie den Balken wie ein guter Weitspringen - und manchmal tritt sie eben auch über, gelegentlich auch breit und lutscht wieder eines ihrer drei Lieblingsthemen in neuer Variante aus, bis die Wangen hohl werden und die Tube nichts mehr hergibt. Es sollte sich jemand intensiver um Dramaturgie und
Regie kümmern und im Blick behalten, wann Längen gekürzt und
Breitseiten gesetzt werden müssen. Denn ich unterstelle mal, dass Lisa
Politt - trott aller Koketterie rund um ihre Weiblichkeit - kaum zufrieden
sein kann, wenn ihr nur der Frauen-Bonus zu freundlichem Beifall oder
renommierten Preisen verhilft. ---------------------------------- Raed
Khoshaba Was schwerer ins Ohr findet, weil es aus einem anderen Kulturkreis kommt, benötigt zunächst einmal die Neugier des Konsumenten, sich darauf einzulassen. Für Veranstalter ist es allemal ein Wagnis, mit einem Angebot außerhalb der gängigen Programmofferten konkurrenzfähig bleiben zu wollen. Musik aus dem Irak - in der Reihe "Musik in den Häusern der Stadt" hat der Kunst-Salon den Mut bewiesen, den Kulturereignissen für das Bildungsbürgertum einen kantigen Brocken hinzuzufügen, der eher Krokant als trockene Brotrinde war. Raed Khoshaba interpretierte auf der arabischen Laute traditionelle irakische Volkslieder, Folklore aus seiner Heimat und eigene Kompositionen und Werke seiner Lehrer. Man brauchte nicht viel Phantasie, um nachzuspüren, wie sich musikalische Einflüsse aus dem Orient über die Jahrhunderte hinweg auf Europa ausgedehnt haben. Die arabische Laute, behutsam gespielt, als wenn schon das Instrument ein Kunstobjekt wäre, das einen ruppigen Umgang wie mit einem Gebrauchsgegenstand nicht verträgt, erinnert mit ihrem Klang an die klassischen Werk der spanischen Gitarrenmusik. Doch irgendwann muss in der Überlieferung - vermutlich nach der Methode der "stillen Post" - die rhythmische Vielfalt der arabischen, iranischen, indischen Musik verloren gegangen sein. Wie kommt es sonst, dass wir uns mit vergleichsweise einfältigen Rhythmen zufrieden geben und die Vielfalt normalerweise eher als akustische Herausforderung, wenn nicht gar Belästigung empfinden? Raed Khoshaba testet sich behutsam durch Tonfolgen und Melodiebögen, lässt einzelne Töne stehen, erlaubt sich den Luxus der leisen Töne und gibt selbst ihnen noch Platz zum Nachklingen. Mag sein, dass manche Improvisation sich beim ersten und einzig möglichen Vergleich im Konzert kaum von anderen folgenden unterscheidet, mag sein, dass sich die Nuancen im Unterschied den ungeübten Zuhörern nicht auf Anhieb erschließen. Doch es verblüfft, dass die Kompositionen auch für europäische Ohren in ihrer harmonische Vollkommenheit überzeugen, selbst wenn sie fremd klingen.
Georges
Moustaki Der siebzigjährige "Barde" mit den Wurzeln im östlichen Mittelmeer hat mit seinen Liedern in französischer Sprache einen einzigartigen Erfolg erzielt. Seine Lieder sind von eher melancholischer Grundstimmung, geben mehr Hoffnung als die eher tristen frühen Songs von Leonard Cohen, mit denen man sich vor mehr als drei Jahrzehnten so schön in eigenen Depressionen suhlen konnte. Moustaki gibt mit seinen Chansons Sehnsüchten den nötigen Freiraum, sich zu entfalten. Dies mag daran liegen, dass er mit gelegentlichen Ausflügen in die musikalische Buntheit Brasiliens Rhythmen von einer Lebendigkeit aufgreift, die der Melancholie Grenzen setzt. Er wird wissen, dass er keine Stimme hat, nie hatte, und doch ist er als Sänger in einem Atemzug zu nennen mit Brassens (von dem er den Vornamen entlieh), oder Brel, selbst wenn es ihn an Leidenschaft im Vortrag mangelt. Doch als musizierender Sänger, der auch nicht darauf verzichten mag, den eigenen Gesang selbst am Instrument zu begleiten, hat er kaum die Ganzkörper-Möglichkeiten zur Interpretation wie Brel. Moustaki begleitet sich unspektakulär vornehmlich an der Gitarre, aber auch am Flügel und am Akkordeon. Er setzt mit seinem Instrument knappe Akzente, fügt sich meistens ein in einen behutsam gewobenen Klangteppich, für den ein Gitarrist, ein Bassist und ein Multiinstrumentalist an Blasinstrumente wie Klarinette, Saxophon und Flöte sorgen, alle drei Begleitmusiker weiß gewandet wie der Großmeister selbst. Gelegentlich schiebt sich eine portugiesische Sängerin durch den schwarzen Vorhang, um Moustaki stimmlich zu unterstützen - nur sie darf auf schwarzem Kleid leichte farbliche Akzente setzen, doch bleibt sie genauso im Hintergrund wie die drei anderen Begleiter. Nicht mal bei Solos suchen die Scheinwerfer nach ihnen. Moustaki bewegt sich mit einer Souveränität, die klar signalisiert, wie stoisch er in sich selbst ruht. Hier weiß ein Künstler um seine Bedeutung. Er muss nichts und niemandem etwas beweisen, was nicht längst bekannt wäre. Sofern man ein bestimmtes Alter hat, sich in einer bestimmten Szene bewegte, kennt man seine Lieder, auch wenn man sie nicht mitsingen kann - mitsummen geht allemal. Und er weiß auch, wann und wie er der Souveränität noch polierten Glanz geben kann: Ma Solitude, Joseph, Le Métèque: Er singt die Klassiker am Ende ganz allein, geht von einem Lied ins andere über, löst Gänsehaut auch bei denen aus, die sich bis dahin dagegen zu stemmen wussten. Aber war es nicht die Sehnsucht gerade nach diesem schönen nostalgischen Schauder, die alle an diesem Abend in die Tonhalle führte? ----------------------------------
Mischi
Steinbrück (2)
Es hat ein wenig im positiven Sinne Entführungscharakter, das Programm
"Kurz ist der Sommer - unendlich lang die Winter". Die Kölner Sängerin
Mischi Steinbrück, die den Spagat zwischen Kabarett und Weltmusik,
zwischen Theater und Volksmusik wagt, nimmt die Zuhörer mit in eine
exotische Welt, die neu und speziell ist, und die sich von allein wohl nur
Eingeweihten erschließt. Dies gilt sowohl für die Musik als auch für
die Thematik der Lieder - und nicht zuletzt auch für Mischi Steinbrücks
andersartige künstlerische Umsetzung, begleitet nämlich am Klavier, an
diesem Abend von der exzellenten Almut Mayer.
Die Künstlerinnen stellen keine geringen Ansprüche an ihr Publikum.
Einfach zurücklehnen und sich mit Wohlklang berieseln lassen, ist nicht.
Und deshalb muss man sich schon, aber man sollte sich auch drauf
einlassen, dass man entführt wird in diese fremde Welt, die im Laufe des
Programms vertrauter wird. Man wird zupackend an die Hand genommen und
nicht losgelassen, selbst wenn man zögern sollte. Nach und nach rückt diese
fremde Welt näher und erschließt sich auch musikalisch so, dass aus der
für diese Musik eher ungewöhnlichen Klavierbegleitung wirklich
Bouzouki-Klänge herauszuhören sind - so faszinierend, dass man am Ende
zustimmen kann: Es geht auch so, ohne Bouzouki, nur mit Piano, und der
Abend wird rund.
Rund wird das Programm durch den Wechsel aus Liedern und Erklärungen, aus
Gesang und rezitierten Nachdichtungen und Übertragungen, aus einer
lebendigen Interpretation, wie sie eben nur denjenigen möglich ist, die
ihren Vortrag nicht selbst am Instrument begleiten müssen. So kann Mischi
Steinbrück mit ihrer ganzen Person, mit Körper und Seele in den Gesang
eintauchen und die Lieder in ihrem Kontext so zum Leben erwecken, dass wir
uns mitten drin fühlen. Man (und frau auch) fühlt umgeben von den
starken Frauen, die sie genauso besingt wie die "Manges",
eben jene Antihelden aus der Zeit lange vor und während der Entstehung
des Rembetiko, als sich Griechen und Türken in nationalchauvinistischem
Amoklauf gegenseitig verjagt haben und die ihnen zugewiesenen
Staatsgebiete "ethnisch zu säubern" bestrebt waren.
Echte "Manges", die ohnehin am Gesellschaftsrand ihre Eigenständigkeit
zu wahren verstanden, hatten nichts gemein mit dumpfem Nationalismus. Sie
ruhten in sich selbst und waren sich wohl auch selbst genug. Da sie den
Frauen Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung zugestanden, taugen sie
sogar für Mischi als fast kuschelige Outsider mit Revoluzzertouch für
nahezu romantisierende Schwärmereien. Ach ja, das müssen Kerle gewesen
sein... (im Gegensatz zu den angepassten Grünen der heutigen Zeit
mit Bauchansatz und abgehakten Utopien)
Mischi begnügt sich nicht mit einfachen Übertragungen der Liedinhalte,
sondern stellt sie in Zusammenhänge, erlaubt uns ein besseres Verstehen
dieser Lieder, wobei sie Verständnis und Offenheit für ihre eigene
Begeisterung voraussetzt. Wir hören, phasenweise wie in einem
Kulturfeature, Wissenswertes über das soziale Klima und die Widrigkeiten
des Lebens, denen sich damals die dortigen Vertriebenen in ihrer neuen,
vermeintlichen Heimat ausgesetzt sahen, wo sie niemand haben wollte.
Gut, dass neben den "Manges" auch "Mangas" erwähnt
werden können. Mischi wäre nicht "die Steinbrück", wenn sie
die Chance ausließe, genussvoll feminin zu spötteln und zu sticheln.
Dass sie keine feministischen Breitseiten vom Bühnenrand schubst, stimmt
versöhnlich und erlaubt es auch den unvollkommenen Geschlechtsgenossen
der "Manges" im Publikum sich willkommen zu fühlen. Mag sie
auch ihr Kostüm in der Pause wechseln - Mischi bleibt sich treu und macht
aus ihrer eigenen Position, ihrer Welt-, Geschichts- und Geschlechtssicht
kein Geheimnis, verweist auf möglichen Parallelen zwischen der hiesigen
Gegenwart und der dortige Vergangenheit, über die sie dann eben auch
nicht distanzlos hinweg singt.
Doch es ist sicher, mit Verlaub, ein Wunschdenken der Künstlerin, wenn
sie den Rembetiko als eine Liedgattung beschreibt, die uns in ihrer
heutigen Form "vertraut" sei. Da muss man doch schon allerhand
spezielles Interesse entwickelt haben, um keine Neulandempfindung zu spüren,
wenn man sich in dieses künstlerisch gekonnt präsentierte
weltmusikalische Programm mit seiner Mixtur aus Lied, Kabarett und
Volkshochschule hineinziehen lässt.
Was ist da noch schade? Dies: Die Pause nach dem ersten Teil kommt rasch,
nahezu plötzlich. Ließe sich dieser Teil nicht etwas strecken,
vielleicht instrumental, damit dann auch die reizvollen Piano-Arrangements
die verdiente Chance erhalten, ein wenig mehr zur Geltung zu kommen? Es würde
den Genussfaktor erhöhen.
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Blue Oyster Cult War es ein absichtliches Kontrastprogramm
zum Happy-Rock-Auftritt von Uriah Heep, der die Supporter im Zaum
hielt? Wie anders soll man es sich erklären, wieso es vier von fünf
Leuten der Blue Oyster Cults nicht schaffen, bei allem handwerklichen Können
an ihren Instrumenten, auch nur den Funken von Spielfreude zu vermitteln.
Gehört es zum Image dieser Band? Muss das so sein, wenn man einen Sound
abliefert, der bestenfalls dazu taugt, aufgestauten Aggressionen ein
Ventil zu bieten?
Nur der Bassist Danny Miranda schien zu
deutlichem Spaß am Spiel und Zusammenspiel, vor allem an non-verbaler
Kommunikation mit dem Publikum aufgelegt zu sein. Der hochgelobte
Gitarrist Buck Dharma schien ob der ihm gewährten Möglichkeiten zur
Saitenquälerei eher verlegen denn entzückt zu sein. Der gelegentlich
Keyboard spielenden zweite Gitarrist Allen Lanier - oder war er ein
gelegentlich Gitarre spielender Keyboarder - lief streckenweise auf der Bühne
herum wie Falschgeld. Der einzige, der sich zur verbalen Kommunikation mit
dem Publikum hin und wieder aufzuraffen bereit zeigte, war der Sänger
Eric Bloom, soweit die Pendelei zwischen Gitarre und Keyboard ihm
dies erlaubte.
Ein weiteres Rätsel: Woran lag der
grottenschlechte Sound? Hatte der Mixer einen Hörschaden oder
Streikgelüste? Gab es keinen Check? Was die Halle aus den Boxen füllte,
war akustischer Brei, der keine Chance bot, an solistischen Details
Gefallen zu finden. Fazit: Ein überflüssiger Support.
Udo Jürgens
Werfe mir niemand vor, ich verunglimpfe hier jemanden, der es nicht verdient habe. Wer so offen seine "Läufigkeit" thematisiert, dass der Schlitzreißverschluss kaum je geschlossen scheint, darf sich nicht wundern, wenn wir die Sache zielstrebig vom Schwanz her aufzäumen... wenn er auch schon so raushängen lässt, wie schön sich doch schwanzgesteuert das Leben lieben lässt. "Es lebe das Laster" und "Schöne Grüße aus der Hölle" klingt für brave Muttis mit Ausflipp-Gelüsten verführerisch verrucht und weckt Träume vom Ausbruch aus dem herben Alltagseinerlei mit einem Gatten, der sie kaum noch begattet - und wenn doch mal , dann längst nicht mehr nach ihren Vorstellungen. Was den einen früher ihr Hans Albers, den späteren ihr Peter Alexander, ist den anderen inzwischen "ihr" Udo - wobei von manchen auch Udo Lindenberg gemeint sein mag. Dabei aber lässt Udo Jürgens auch immer wieder durchschimmern, dass es bei der selbstverliebten Selbstbefriedigung zwischen der Verwöhnung von siebzehnjährigen Blondinen und rotgetönten Siebenundsechzigjährigen aus seiner eigenen Generation auch noch einen anderen Ehrgeiz gibt: Den des musikalischen Entertainers, der so gern in gleicher Liga neben Aznavour, Belafonte oder dem verblichenen Sinatra mitmischen würde. Zugestanden - ein paar eingängige Ohrwürmer hat er hinbekommen, und seine durchaus noch knackige Erscheinung macht auf der Bühne schon noch was her. Kamera und Großleinwand zeigen nichts Abstoßendes, wenn sie ihm nahezu auf die Poren rücken, und doch ist die Souveränität eine andere als die von Aznavour oder Belafonte. Bei beiden internationalen Stars schimmert eben nicht mehr der Anspruch durch, in die Weltliga der Entertainer zu gehören. Dass sie dabei sind, ist eben selbstverständlich - während Udo immer noch bemüht scheint, seinen Anspruch untermauern zu wollen. Und dabei stellt er sich mit seinem schlüpfrigen Populismus selbst ein Bein. Dabei hat er auch seit Jahrzehnten andere Themen, die dieser Gesellschaft, die sich so typisch gemischt in den Sitzreihen vor ihm wiederfindet und nach der Pause sogar an den Bühnenrand vorstürmt, Wahrheiten zumutet, die beachtlich sind. Aber das beschimpfte bigotte Volk merkt es vermutlich nicht mal, wenn ihm der Spiegel vorgehalten wird. So kann Udo Jürgens singen was er will, wenn er nur ab und zu den Schamlosen durchblitzen lässt, der es sich leisten kann, den verklemmten Zeitgenossen liederliche Luderträume zu verkaufen... Fazit:
Selbst wenn unübersehbar ist, dass Udo Jürgens älter wird, kann er
offenbar nicht alt werden. Das mag für manche was Sympathisches haben -
ist aber auch der Schlüssel zur Antwort auf die Frage,
was eigentlich fehlt, um bei ihm die künstlerische und menschliche Souveränität
zu finden, die Weltstars wie Belafonte oder Aznavour nicht mehr
demonstrieren müssen, aber doch ausstrahlen.
Was hatte er zu Anfang den mitgeschleiften Skeptikern an ihrer Seite
selbstbewusst versprochen? Wenigstens einen schönen Abend. Kurzweilig war
er allemal, auch wenn er sogar vergleichsweise lang wurde...
Angelo
Branduardi
Daumenkritik: staunend und beeindruckt beide Daumen hoch Ein Magier, ein fideler Fiedler, eine wuschelköpfige Diva - aber guuut. Diven als solche mögen nicht nur gelegentlich schwer verdaulich sein - doch hier haben wir die regelbestätigende Ausnahme (soweit sich dies aus dem Bühnenwirken erschließen lässt).Der ergraute Meister neo-barocker Romantik, der sich gut als Spielmann, Troubadour und Hofnarr in einer Person an florentinischen, venezianischen oder römischen Höfen vorstellen ließe, entert die im Hintergrund verschleierte Bühne wiegenden Schrittes im Outfit eines esoterischen Gurus, um sich im Schneidersitz auf einem weichen Kissen nieder und den Bogen auf den Saiten tanzen zu lassen. Wer ein Haar in der Suppe sucht, könnte sich hier bedienen: Ein geringfügiges Nachjustieren der Saiten hätte der Stimmung gutgetan... Aber das kann man auch als Mäkelei abtun. Was bleibt, ist der Eindruck des gesetzten Souveräns, der schon allein dadurch die Ohren öffnet, dass er nicht nur deutsch spricht, sondern auch noch gewinnend zu parlieren versteht. Der Mann kann offenkundig nicht nur geigen, er hat auch noch was zu sagen. Eine neue Erkenntnis für denjenigen, der ihn bislang nur auf italienisch singend wahrgenommen und nicht verstanden hat. Und überdies
geigt er nicht nur, sondern zupft zur Begleitung seiner Lieder
gelegentlich die Gitarre. Einer der Begleiter schnallt sich ein Akkordeon vor den Bauch und gibt der instrumentalen Begleitung das Volumen, den Teppich, der auf dem die Saitentöne tanzen und die Stimme sich entfalten kann. Die drei anderen Begleiter trommeln diese sensiblen Lied-Kleinodien nicht kaputt, sondern geben ihnen Akzente, vermitteln ergänzend zum Schneidersitz-Geiger die unübersehbare Botschaft, dass Musizieren Spaß macht, wiegeln das Publikum zum Mitmachen auf. Magier brauchen die Bestätigung, dass ihr Wirken Wirkung zeigt, und dieser hat es sich wahrlich verdient. Vor der Pause kündigt er für nach der Pause den Heavy-Metall-Branduardi an - macht damit zumindest augenzwinkernd neugierig. Und dann sind die Schleier über den "Schießbuden" gelüftet, Pauken und Trommel-Batterien sind enttarnt, der Akkordeonmann wird zum Keyboarder, ein Standbass-Skelett kommt zum Einsatz und die Geige, nun vom befrackten Künstler befiedelt was das Zeug hält. Und das
Zeug hält und bezeugt: Grandiose Bühnenpräsenz, perfekte Show und
obendrein sympathische Erscheinung. Hat man nicht alle Tage. ---------------------------------- Wizz
Jones
Daumenkritik: hochgereckt und hochgestreckt - beide Daumen nicht versteckt... Er ist einer der Akustik-Gitarristen, die durch ihr beindruckendes Können eine verschwindende Minderheit unter den Freizeit-Klampfern zu unglaublichem Übe-Eifer anstacheln können, eine große Mehrheit der Saitenzupfer aber hilflos und schwer beeindruckt zurücklä sst: Um die Gitarre einfach zu verschenken, weil man diese Fähigkeiten doch nie erreichen dürfte - dafür ist so eine Gitarre dann doch zu teuer... Also stellt man das Instrument halbfrustriert eine Weile in die Ecke und nimmt es erst wieder heraus, wenn man eingesehen hat, dass es eben doch nicht jedem gegeben sein kann, derartig mit bloßen Fingern zu zaubern.Wizz Jones braucht weder Plekton noch Picks noch Fingernägel. Er spielt mit den bloßen Fingerkuppen und nötigt den sechs Saiten Tonfolgen ab, von denen Koryphäen nur träumen können. Er hat seine eigene Spielweise, wie er über die Saiten jucket und dazu den Hals, den ganzen Gitarrenkorpus wiegt und biegt wie ein Tangotänzer seine Partnerin - wenn auch der Rhythmus ein anderer ist. Wizz Jones singt Songs, längst nicht nur, aber auch seine eigenen. Er hat nicht viele eigene Stücke, die ihn selbst in ihrer Qualität so überzeugen, dass er dafür auf gute Fremdkompositionen verzichten mag. Und so ist sein Repertoire, ist sein Programm gespickt mit akustischen Kleinodien, die er sich aus vorhandenem Material entnommen hat: „Hey hey, Woody Guthrie, Bob Dylan wrote you this song“, andere sind von Mississippi John Hurt, es sind Blues-, Folk- und Country-Standards, die aber nicht nach Cover klingen, sondern nach Wizz Jones, denn er macht mehr aus ihnen, als einfach nur nachgesungene Lieder. Seine Spieltechnik mit der rechten Hand erlaubt es ihm, die Songs mit einem Beat zu unterlegen, den kein Schlagzeug besser akzentuieren könnte. Aber er widersteht der Verführung, zu häufig auf dieses Stilmittel zurück zu greifen: Wenn’s denn dem Song zugute kommt, dann ja - wenn nicht , dann eben nicht. Er kann es sich leisten, darauf zu verzichten, denn er hat ein schier unerschöpfliches Reservoire an Stilmitteln zur Verfügung. Dazu singt und spielt er nicht nur verhalten mit den dafür unbedingt nötigen Körperteilen, sondern entwickelt eine Energie, die sich über seinen ganzen Körper entlädt. Er tanz zur eigenen Musik auf dem Stuhl mit einer Power, die manchen jungen selbsternannten Power-Rockern abgeht, die nur ein Drittel oder ein Viertel so alt sind wie er. Beeindruckend. So möchte man seine Kräfte auch bewahrt wissen. ber Colin Wilkies Qualitäten als Solo-Folk-Entertainer hab ich an anderer Stelle bereits geschrieben. Tritt Colin mit Wizz Jones auf, nutzen beide souverän ihre Möglichkeiten als Solisten, aber auch die vielfältigen Chancen als Duo, um ihr Publikum einerseits mit situativen Gags und witzigen Liedern zu unterhalten, und andererseits mit wunderschön arrangierten, zweistimmig gesungenen Songs zu verzaubern. Mit einer Mischung aus traditionellen und eigenen Songs fesseln sie ihre Zuhörer von der ersten bis zur letzten Minute, setzen immer noch einen drauf, schaukeln sich höher und höher und genießen selbst den Genuß, den sie bereiten. Onzerte, die Spaß machen – sowohl dem Publikum, als auch den Künstlern – was will man mehr...
---------------------------------- (Frau) Müller
Konzert am 25.6.2003 im Cafe "tiferet" in Bonn Daumenkritik: da ist noch erheblicher Spielraum nach oben - nach unten aber auch: beide quer
Man muss wohl schon ein dickes Fell haben, um als Künstler auf der Bühne
des esoterisch- kommerziellen Cafes „Tiferet“ in Bonn nicht die
Instrumente wieder einzupacken. Schließlich könnte man es ja auch den hörwilligen
und unbestritten interessierten Zuhörern überlassen, die erheblich störenden
lautstarken Quasseler zur Ruhe zu bringen - wenn es schon die Wirtin nicht
für nötig hält... Doch wenn schon die Musiker kein erkennbares
Interesse an zuhörfreudiger Atmosphäre haben... Da ist nämlich von „engagierter
Performance“ des Trios die Rede – und man fragt sich, wo diese
stattgefunden hat... Sind da die mitunter sehr introvertiert
zwischengestreuten Soli der Begleitmusiker gemeint? Oder der – vor allem
wenn die Sängerin das Mikrofon in die Hand nimmt - doch noch recht schüchtern
wirkende Gesang? Selbst bei der eigenen Begleitung am Keyboard wünscht
man sich Frau Müller mitunter sowohl an den Tasten als auch an den Stimmbändern
und in der rhythmisch darstellbaren Körpersprache doch deutlich
spritziger – die Songs gäben es ja her... Kozmic
Blue
Daumenkritik: zwei Tramperdaumen hoch - man wird mitgerissenEs ist zu offenkundig, als dass man es unerwähnt lassen könnte - jeder würde sich fragen, ob man's überhört haben könnte.... Wer die Augen schließt und sich in die Stimme von Maggie McInthun fallen lässt - und rudimentäre Kenntnisse des Musikrepertoires aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren hat -, landet unweigerlich in Janis Joplins Schoß, auf angenehme Weise und wohl geborgen. Beim erstmaligen Hören könnte man Zweifel daran bekommen, ob man seinen Ohren noch trauen darf. Diese Ähnlichkeit ist verblüffend - doch keinesfalls störend. Die Assoziation wird von der auch gesucht, stammt doch der Name des Trios erkennbar aus dem Repertoire der großen Sängerin, die sich ums Leben gelebt hat. Wer nun annimmt, Kozmic Blue gibt sich damit zufrieden, die Songs der alten Dame zu covern und so als musikalisches Recycling-Unternehmen zu wirken, hat sich wieder getäuscht. Die drei Musiker - neben der bühnenbeherrschenden Sängerin sorgen ihr Mann Gerhard Sagemüller als Gitarrist am Schlagzeug beziehungsweise drummender Gitarrero sowie Cläusel Qietschau für den unnachahmlichen Sound - machen "ihre" Musik, und dass sie uns bekannt vorkommt, ist eine Erklärung dafür, dass sie direkt ins Mark geht. Donnerwetter, die Frau kann singen - dies schreib ich weniger für diejenigen, die sie kennen, als für diejenigen, die bislang nicht den Weg in ein Konzert oder zu einer CD von Kozmic Blue gefunden haben. Sie röhrt und schreit, wispert und haucht nahezu ihre Töne, holt sie tief aus dem Körper und lässt sie tanzen - nicht nur mit Hilfe des Mikrofons, sondern auch mitten im Publikum, fern der Bühne, wo sie ihre Zuhörerschaft dazu zwingt, hautnah gebannt zu lauschen. Und sie singt nicht nur, sondern ergänzt die Instrumentierung der Songs mit Harp und Querflöte, setzt so in gleicher Weise bluestypische und -untypische Akzente. Gerhard Sagemüller spielt dazu eine sehr rhythmische Gitarre, die sowohl mit Griff-, als auch mit Anschlagtechnik einen soliden Klangteppich auslegt, den Cläusel Quietschau mit kräftigen Grundierungslinien durchzieht. Sie "covern" auch, natürlich, aber geschickt ausgewählt, interessant verfremdet und eigenständig interpretiert, ohne den Kompositionen Gewalt anzutun. "Here Comes The Sun" von George Harrison ist darunter, und - ebenso natürlich - "Me And Bobby McGee", als Zugabe, auf die schon viele gewartet haben. Eine Huldigung an Janis, die ihr die Würde lässt, und der Interpretin Maggie McInthun eigene Aura verleiht. Super. ---------------------------------- Grün
und Huth
Daumenkritik: einen lass ich rauf - den anderen klemm ich ein Es mag an den Genen
liegen oder am Wetter. Ich stehe zu meinen Zugangsproblemen, wenn mir
Comedy geboten wird oder Ansätze vergleichbaren Bühnenwirkens. Da
können sich von mir aus die Leute um mich herum vor Lachen bepieseln -
ich muss mit meiner Hilf- und mitunter sogar Verständnislosigkeit ob all
des schenkelklopfenden Frohsinns zurecht kommen. Leicht ist das zwar
nicht, aber man gewöhnt sich dran. ---------------------------------- Marili
Machado Konzert am 18.5. in der "Harmonie" in Bonn-Endenich Daumenkritik: Daumen
hoch bis zur Decke und dann noch dadurch... Sie ist in der Tat eine ganz große
Stimme, aber eben nicht nur Argentiniens oder allein der Hauptstadt Buenos
Aires, wie sie oft genannt wird, sondern ganz Lateinamerikas.
siehe auch frühere Daumenkritiken Marili
Machado 1 sowie Marili Machado 2
---------------------------------- Inti Illimani Support:
Marili Machado
(2)
Daumenkritik: beide
ohne Zögern rauf 15 Jahre dauerte ihr Exil in Italien - eine Zeit, in
der sie sich zu einem festen Bestandteil der "weltmusikalischen"
Szene entwickelten, noch ehe diese Begrifflichkeit gefunden wurde. Zu
ihrem Repertoire gehören Lieder von Victor Jara und Violetta Parra, sie
haben Gedichte unter anderem von Pablo Neruda vertont und damit
signalisiert, dass sie nicht nur Musik wegen der Musik machen, sondern
auch etwas mitteilen wollen, was darüber hinaus geht. Fazit: Ein Erlebniskonzert höchster Qualität für Bauch, Herz und Hirn.
---------------------------------- Etta
Scollo Daumenkritik: es
fällt mir schwer, beide Daumen zu strecken, aber einer soll es dann
sein... Sie macht schon beeindruckende Musik, die zierliche Person aus Hamburg, und man glaubt ihr die Freude über das gefüllte Haus und die Gelegenheit, dort auch neue Stücke zu präsentieren. Sie hat Charme, mädchenhafte Liebenswürdigkeit und eine tolle Stimme. Sie singt nicht nur mit den Stimmbändern, sondern interpretiert ihre Songs mit ganzem Körper. Sie gibt alles - und vielleicht ist genau dies zumindest bei manchen Liedern zuviel... Überzeugend sind die leiseren Lieder. Diese sind es, die Gänsehaut auslösen, die in die Poren dringen und es inwendig kribbeln lassen. Ihre Begleitband ist üppig, die Fülle der Instrumente ebenso. Das aber verführt, das gerät zur Falle - und in genau diese tappt sie auch hinein. Manches Stück gerät so zum allzu opulenten akustischen Brei, der es nicht mehr zulässt, dass sich die einzelnen Musiker mit ihren Instrumenten transparent ergänzen können. Das ist schade und schmälert den Genuss. Auch den nicht sprachkundigen Zuhörern versucht sie die Inhalte ihrer Lieder nahe zu bringen. Sie macht dies mal knapp, mal ausgedehnt - es hat den Anschein, als wenn alles spontan passiert, nichts gedrechselt, nichts lang gefeilt ist - und das ist kein Nachteil, bietet sich so doch die beste Voraussetzung, das Publikum um den Finger zu wickeln. Es gelingt ihr mit einer Leichtigkeit, die man manchen Liedern wünschen möchte, die sich kaum auf Anhieb einprägen. Vermutlich muss man sie mehrmals hören, um den Zauber wirken zu lassen, der ganz offensichtlich die große Mehrheit des Publikums in den Bann gezogen hat. ---------------------------------- Peter
Zudeick Daumenkritik: kein
Zweifel - die Daumen können gar nicht hoch genug gehen Klar ist jedenfalls nach diesem Abend eines: Peter Zudeick gehört auf die Bühne. Das Hörerlebnis am Radiolautsprecher ist zwar schon von beträchtlicher Güte, doch dies lässt sich live in Farbe und zum Anfassen noch toppen - und deshalb sollte man es einem ebenfalls live und in Farbe vorhandenen Publikum nicht vorenthalten. Er kann es - davon hat er sich selbst überzeugen können. Nun liegt es nur noch an denjenigen, die über taugliche Bühnen verfügen, diese Peter Zudeick schnellstens zu öffnen. Dann haben die Kabarettfans, die des Überangebots an dünnster Comedy mit ihren Flachwitzchen überdrüssig sind, bald einen neuen Liebling. Sicher doch.
---------------------------------- Arik
und Timna Brauer Daumenkritik: für
jeden einen: der für Arik rauf, der fürs Töchterchen quer Sie war eben nicht immer gut, die gute alte Zeit im Vierer-Haus, auch wenn es im Rückblick viel zu schmunzeln und zu lachen geben mag. Skurriles amüsiert eben und der Faschismus ist ja so weit weg. Doch Arik Brauer lässt als Wiener keinen Zweifel daran, dass der Wiener als solcher schwerlich zu den per se sympathischen Zeitgenossen zählt, die vor Herzlichkeit überschwappen. Fremde habens schwer in der Donau-Metropole, nicht nur gehabt, und man mag an seiner Expertenkenntnis nicht zweifeln. Und Rassismus ist äußerst haltbar. Die Lieder des Arik Brauer kommen musikalisch mit einer schlichten Süßlichkeit daher, die zunächst klebrig wirkt. Im Text erschließt sich allerdings dann die Bitternis, das Kratzbürstige, die Sperrigkeit aus Themen und Wortwahl. Sicher - er ist ein Zeitgenosse des Faschismus gewesen, sicher auch einer, der nichts damit zu schaffen und statt dessen dran zu leiden hatte, aber es fällt auf, wie frisch seine Erinnerung noch sein muss, dass sie ihn nicht loslässt - ähnlich wie bei Väterchen Franz (-Josef) Degenhardt, dem es auch nur schwer zu gelingen scheint, der geschichtlichen Hypothek thematisch zu entfliehen. Doch Arik Brauer selbst wirkt nicht verbittert. Er zupft augenzwinkernd seine Gitarre, auf die er eine interessante Drahtkonstruktion geschraubt hat, um die Mundharmonika zu befestigen. Mit ihr bereichert er seine Begleitung, wenn er gerade nicht singt, ansonsten überlässt er die musikalischen Akzente einem Pianisten an Keyboard und Melodika. Dramaturgisch sicher nicht ohne Absicht spart er sich die Höhepunkte für das Ende des Konzertes auf. Hier singt er die lebendigsten, gefälligsten Lieder und erntet den verdienten Zuspruch. Zuvor hat er seiner Tochter Timna die Bühne überlassen, die sich vom selben Keyboarder sowie einem Cellisten und einem Geiger begleiten lässt, alle drei herausragende Instrumentalisten. Sie hat sich Lieder von der Piaf, von Brassens, von Brel ausgesucht, ein rumänisches Volkslied, das sie mit eigenem neuen Text - in französischer Sprache - versehen hat. Es sind Lieder dabei, die sicher gewaltige Herausforderungen an jeden Interpreten stellen, weil die Originale Maßstäbe gesetzt haben, die nur schwer aus dem Kopf zu bannen sind. Damit liegt die Latte eben auch hoch - zu hoch für Timna, nicht in der sicher perfekten gesanglichen Interpretation, sondern darin, den Erwartungen an die emotionale Stärke der Präsentation zu entsprechen. Statt Herz und Leidenschaft erkennen zu lassen, wirkt Timna mitunter seltsam überdreht, dann wieder unverständlich unbeteiligt - für mich ein Zeichen dafür, dass ihr selbst klar sein müsste, um wie viel die Schuhe zu groß sind, in denen sie sich zu laufen bemüht... Nett ist ihre Darbietung, so wie ihre Erscheinung, aber keine Offenbarung, die mitreißt oder ins respektvolle Staunen versetzt. Am Ende erfreut sie als Duettpartnerin den stolzen Papa
und vermag den musikalisch schlichten Liedern des Arik Brauer den einen
oder anderen Pfiff zu geben - verständlich, dass ihr diese Aufgabe im
Hintergrund, auch wenn sie neben Papa steht, auf Dauer nicht genügen kann
und der Vordergrund reizvoller ist. Doch um dort fesseln zu können, muss
sich noch etwas an sich arbeiten. ---------------------------------- Django
Asül Daumenkritik: einer rauf, einer quer Einfach ist es ja nicht, sich allein vor ein Publikum hinzustellen und mehr bieten zu wollen als eine Aneinanderreihung von zusammenhanglosen Witzchen - alles in dem Bemühen, sein Publikum so gut zu unterhalten, dass sich daraus ein Wachstumsschub für das eigene Profil als Kabarettist ergeben könnte. Irgendwas muss ja dran sein, an dieser Herausforderung - würden sich sonst so viele mehr oder minder begabte Solisten dieser Aufgabe freiwillig stellen? Auch wenn Geiz ja angeblich geil sein soll - allein die Überlegung, die Gage nicht mit einer ganzen Truppe oder einem Kompagnon teilen zu wollen, kann ja wohl kaum das entscheidende Motiv sein, es mutterseelenallein zu versuchen. Und so gibt es inzwischen ja eine ganze Reihe solistischer Witzbolde, die sich zwischen den Qualitätspolen "begnadet" und "unsäglich" bewegen. Django Asül gehört sicherlich eher zu den positiven Erscheinungen mit relativ stabiler Geschmackssicherheit - wenngleich mit latenter Blackout-Gefahr. Seine Art der Präsentation "allein gegen den Rest" macht aber einmal mehr die Grenzen der Faszination einer einzelnen Person deutlich, die auf der Bühne doch nur irgendwas erzählt. Wer sich so vor ein Publikum traut, gibt dem vorgetragenen Text ein noch größeres Gewicht - und damit steigt der Anspruch an die Qualität des Inhaltes und der sprachlichen Brillanz, und je länger der Abend und das Programm dauern, desto ermüdender wird es, das Gebotene aufzunehmen und zu verdauen, insbesondere wenn's denn doch ab und zu an der herausragenden Qualität hapert. Das aber ist eher ein grundsätzlicher Einwand. Es ist auch mein eigenes Mäkeln und Rätseln, warum bloß so viele Solokabarettisten nicht mehr aus der Tiefe des Bühnenraumes machen und sich - von mir aus mit Hilfe eines Regisseurs - sinnvoll mehr bewegen, um beim Publikum nicht nur die Ohren, sondern auch das Auge mit mehr Abwechslung zu versorgen. Sage keiner, das ginge nicht - Matthias Richling macht es vor. Es erfordert halt mehr visuelle Phantasie, um den Gags und Pointen einen überzeugenden Handlungsrahmen zu geben, der nicht nur erzählend vermittelt wird. Django Asül tritt uns in nur wenigen "Rollen" gegenüber. Meistens bleibt er der Kabarettist, der versucht, sein Publikum auf seine Weise "autark" zu unterhalten und der leutselig offenlegt, welche Gedanken er sich um die Entstehung seines Programms gemacht hat. Zur Abwechslung schlüpft er in die Rolle eines sonnenbebrillten Fitnesscenter-Asis, der kaum mehr in der Birne hat als Klatsch, Tratsch, Lifestyle und Muskelaufbau. Überzeugender ist er als deutsch verorteter Türke mit seinen Fragen an deutsche Eigenartigkeiten in Gesellschaft und Politik und mit seinen Zweifeln an manchen Fragwürdigkeiten einen Spiegel vor, der uns dicke Klöße in den Hals schiebt. Mit ergänzenden Anmerkungen zum derzeitigen Wahnsinn im internationalen Rahmen entlockt er Beifall um Beifall. Unbestritten - ein Könner seines Genres, allerdings einer, bei dem das Potential sicher noch nicht ausgeschöpft ist. Kann ja noch kommen.
---------------------------------- Harry
Belafonte Daumenkritik: beide überzeugt nach oben Harry Belafonte auf der Bühne zu erleben, das ist schon ein "Ganzkörper-Kulturereignis" erster Güte. Beeindruckend seine Bühnenpräsenz, seine Freundlichkeit, seine beiläufig wie selbstverständlich und dann noch allgegenwärtige Souveränität. Da hat es einer längst nicht mehr nötig, mit Allüren seine Reputation als Star zu untermauern. Er ist bereits zu Lebzeiten längst Legende, nicht nur als
"Calypso-King", sondern auch als sozial engagierter Künstler.
Er muss niemandem mehr etwas beweisen, ruht in sich selbst und vermittelt
die Botschaften, die ihm wichtig sind. Fazit: Respekt und tiefste Verehrung - das hat er sich verdient. ---------------------------------- Steve
Earle Daumenkritik: hab keine Wahl: beide Daumen senkrecht - aber abwärts Kaum etwas schmeckt bei der Suche nach Kulturgenuss bitterer als enttäuschte Vorfreude. Verwöhnt durch exzellente Tonträger begibt man sich fröhlich pfeifend mit frühzeitig erstandener Eintrittskarte freudig erregt zum Konzertort - und kriegt einen vor den Latz geknallt, dass einem schier Hören und Sehen vergeht. Ein Bonus sei ihm gegönnt: Der des mutigen Kriegs-Widerständlers, der sich einen feuchten Kehricht um die veröffentlichte Meinung in seinem Lande zu scheren scheint. Als seine jüngste CD mit dem eindrucksvollen Song über den sogenannten amerikanischen Taliban John Walker erschien, hatten ihn die patriotischen Talkmaster und Kommentatoren in den USA nahezu einhellig geschlachtet. Ihn aber schien das nicht zu irritieren - oder war es nur eiskaltes Kalkül, eine berechnende Provokation zur gewinnorientierten Profilierung nach nüchterner Marktanalyse... Es wäre eine Ernüchterung sondergleichen. Der Malus folgt gleichermaßen direkt: Der Sound war eine Frechheit und grenzte an zumindest fahrlässige Körperverletzung. Wer immer dafür verantwortlich zeichnet - er gehört nicht nur entlassen, sondern auf Dauer aus dem Geschäft verbannt. Aber auch hier lässt sich ein Verdacht nicht verdrängen, dass der Künstler selber seine Hände im Spiel hatte und es genau so gewollt haben könnte, wie es aus den Boxen dröhnte. Darauf lassen zumindest mehrfache Versuche des Songwriters schließen, seiner Gitarrenbox durch Rückkopplung bei vorgehaltener Gitarre Pfeiftöne abzunötigen, die die Schmerzgrenze überschritten. Was immer ihn getrieben haben mag - Frust, Wut, Enttäuschung, Experimentierlust, Langeweile, Liebeskummer - es war ein unsäglicher Antrieb. Lediglich in einer knappen Handvoll seiner Songs, die sich offenbar selbst durch den Dilettanten am Mischpult nicht verderben ließen - darunter auch der oben erwähnte Taliban-Song - , klang ein Rest der Faszination durch, die die Tonträger versprochen hatten - zu wenig allerdings, um den Gesamteindruck zu verbessern und den Abend zu retten. Was Steve Earle - warum auch immer - über weite Strecken des Konzertes von der Bühne in den Saal absonderte, konnte bestenfalls mit den Probeergebnissen einer mittelmäßigen und übungsfaulen Garagenband konkurrieren. Dabei wollen wir mal den Gesang so hinnehmen, wie er ja vielleicht nach des Künstlers eigenen Vorstellungen sein sollte: krächtzig und unverständlich, rotzig und ohne erkennbare Neigung zur Professionalität. Streckenweise grenzte die Darbietung an Qualitätsverweigerung. Dies allerdings ist gegenüber Zuhörern, die für den Abend einen Haufen Geld hingelegt haben und möglicherweise auch noch eine ziemliche Strecke gefahren sind, schlicht eine Unverschämtheit. Entweder schien es ihn einen Dreck zu kümmern, was für die zahlenden Gäste aus den Boxen dröhnte, oder er hat selbst bereits einen solchen Hörschaden, dass es ihm nicht mehr möglich ist, Klangbrei von gutem Sound zu unterscheiden. Dies jedoch könnte nur den miesen Tonmix entschuldigen - nicht allerdings die rücksichtslose Enttäuschung gutgläubiger Hoffnungen, wenigstens in etwa das geboten zu bekommen, was man erwarten durfte. Fazit: Ein Schuss in den Ofen - aber Volltreffer! PS: Mich beschlich am Ende das ungute Gefühl, dass ich wohl mit meiner eigenen Rockformation "Krise" vor zwanzig Jahren für diejenigen ähnlich schlimm geklungen haben könnte, die ein "Krisen"-Konzert mit der Erwartung besucht hatten, verständliche Lieder des Liedermachers Gerd Schinkel geboten zu bekommen... Sorry für damals... bitte seid nicht nachtragend....
---------------------------------- Art
Garfunkel Daumenkritik: beide flach, mit Nägelkauen Legenden können sogar schon
lebendig ganz schön tot sein, selbst wenn sie alles dransetzen, frisch
und knackig wie im dauerhaften Frühling zu wirken. Es liegt eben ne Menge
Tragik darin, wenn ein Veteran längst vergangener Epochen sich vergeblich
um Anschluss an die Gegenwart bemüht. Warum haben sich Simon &
Garfunkel seinerzeit überhaupt getrennt, greift er eine Frage auf, die für
manche offenbar ein Rätsel bleibt. Wer später hört, was Garfunkel aus
Simons erstem kreativen Ausflug in die Weltmusik macht, wie er "El
Condor Pasa" erbarmungslos verhunzt und zwischen Keyboardtasten
verklappt, könnte Verständnis für Simons Befreiungsschlag aufbringen.
("Bridge Over Troubled Water" dreht er genauso hemmungslos durch
den Klangwolf - hat er denn keine musikalischen Berater?) Wenn Garfunkel
den armen Simon in diese Richtung hatte drängen wollen, war der Schlussstrich
zur künstlerischen Überlebenssicherung des Komponisten Simon mehr als
zwingend. ---------------------------------- Stunksitzung
2003 Daumenkritik: beide Daumen rauf, wenn auch nicht mit ganz sauberen Nägeln... Es ist wieder bestes Entertainment aus der Kostüm-Kabarett-Ecke, was die Stunker von Köln mit ihrem 19. Programm für die Session 2003 auf die Bühne gebracht haben. Licht und Schatten - wie eben gewohnt -, aber als Gesamtkunstwerk rundum genießbar und kurzweilig. Anders als im traditionellen Sitzungskarneval, der mit seinen Längen zu kämpfen und mit seinen spärlichen Talenten und ihren dümmlichen Witzchen zu leben hat, ist man im Kölner E-Werk seit Jahren ein anderes Feuerwerk gewöhnt. Wer sich den Tort antut und stundenlang vor geschlossener Tür auf den Einlass wartet, um ein gutes Plätzchen zu ergattern - auch wenn massenhaft vorab eingeschleuste "gute Bekannte" die besten Tische zu reservieren versuchen - , der lässt sich von seinem Vergnügungsvorsatz auch nicht so leicht abbringen. Garant für absolutes Vergnügen pur ist zunächst die Hauskapelle "Köbes Underground" - es ist nun mal DIE Kultband überhaupt in der Kölner Alternativ-Karneval-Szene. Ihre Bearbeitungen bekannter Songs aus dem Pop- und Rock-Repertoire seit Beginn des Rock 'n Roll sind vom Feinsten, sowohl in den eingekölschten Varianten, als auch im eigenen musikalischen Arrangement und der Präsentation. Es ist eine Showband in besten Sinne des Wortes, mit der Fähigkeit, die Leute von den Bänken zu reißen und auf die Tische steigen zu lassen. Mag manches Lied auch die Funktion eines Pausenfüllers haben, um die nötigen Umbauten der Kulissen auf der Bühne zu überbrücken - es gibt keinen einzigen Ausfall, und eine "Überdosis Köbes" ist schlicht nicht vorstellbar. Da hat es das schauspielernde Ensemble schon schwerer, durchgängig den Qualitätslevel so hoch zu halten, dass der Blick nie verlegen oder peinlich berührt nach unten oder betreten zur Seite wandert. Das Sketch-Programm hat seine Durchhänger, die aber auch individuell unterschiedlich ermittelt werden: Was die einen Zuschauer zum Schenkelklopfen bringt, muss nicht auch andere zu Lachsalven animieren. Das war auch immer so. Und wenn dem einen - beispielsweise bei gnadenlos antiklerikalen Attacken - die Luft wegbleibt und der Kloß im Hals zu drücken beginnt, kann sich der andere gerade über die respektlose Behandlung von Tabuthemen köstlich beömmeln: Priester, Amtskirche und der Umgang mit der Sexualität - es ist eben ein weites Feld mit entsetzlichen Wahrheiten, auch wenn sie nicht jeder gerne hört. Genialität findet sich auch diesmal im Programm, um deretwillen sich allein schon das lange und frustreiche - zugestanden: manchmal auch amüsante - Anstehen lohnt. Diesmal ist es eine Nummer über ein im Hochwasser versunkenes Köln, von dem nur noch die Domspitzen aus den Fluten herausragen: eine trickreiche Verzauberung, die selbst abgebrühten erwachsenen Zuschauern ein kindliches Staunen erlaubt - im Grunde durch einfach Mittel, nämlich Rollbrettern und Spiegel. Mehr sei nicht verraten. Ich erspare mir Detailkritiken
an weiteren Nummern, die alle neben diesem Glanzlicht abfallen. Statt
dessen eine Anregung, doch neben den Namen der unersetzbaren Helfer im
Hintergrund am Ende auch mal die Namen derer zu nennen, die neben der Präsidentin
Biggi Wanninger auf der Bühne zu sehen sind, oder die Anonymität dieser
Mitspieler in anderer Art zu lüften. Nichts dagegen, dass Ehrenpräsident
Olaf Kuhn immer Erwähnung findet - doch andere haben es nicht weniger
verdient - dies gilt auch für Ecki's Mitmusiker im Köbes' Underground...
---------------------------------- Ted
Herold Daumenkritik: Daumen rauf, ohne Altersschwäche Das Auditorium war überschaubar - er könne jeden Gast mit Handschlag begrüßen, witzelte der in jungen Jahren von phantasievollen, aber hoffnungslos angepassten Feuilletonisten gnadenlos gescholtene Sänger. Sein Song "Ich bin ein Mann" wurde seinerzeit im Radio wegen angeblicher sexueller Anzüglichkeiten nicht gespielt. Heute fragt man sich, wo diese wohl gewesen sein mögen. Udo Lindenberg sei Dank - er hatte Ted Herold Anfang der achtziger Jahre wieder vor ein Publikum geholt, zurück aus dem erlernten soliden Brotberuf des Radio- und Fernsehtechnikers, in dem er es inzwischen bis zum Meister gebracht hatte, zurück auf die Bühnen der Rockmusik, wo er längst als Altmeister nahezu in Vergessenheit geraten war. Zu Unrecht, wenn man Vergleiche bemüht mit Peter Kraus, dem ewig jungen Sunnyboy, der in den Fünfzigern Schwiegermamas Liebling sein durfte, während Ted Herold mit dem Schmuddelimage leben musste - was erst später für einen Rockmusiker ja nicht von Nachteil war. Doch während die Rolling Stones noch Anfang der sechziger Jahre mit einer entsprechend gesteuerten Strategie ihres Managers erfolgreich vermarktet wurden und sich beim Pinkeln an Tankstellen fotografieren ließen, war Teddy Herold, der "fleischgewordene Schüttelfrost" und "Zitteraal" , längst auf dem absteigenden Ast. Nach der unausweichlichen Zeit beim Barras war auch das wilde Image korrigiert und Ted Herold schmachtete mit softer Stimme "Moonlight". Er hat das Singen nicht verlernt und klingt mit seiner Begleitband heute - trotz seiner sechzig Jahre - streckenweise wie eine deutsche Variante von "Status Quo". Da geht die Post ab und lässt Oma und Opa auf den Stühlen rocken und rollen, dass die Rückenlehnen knarren. Und während die meisten seiner Generation mit schütteren oder ergrauten Haaren sich gerne über WDR 4 ("Schönes bleibt") "auf den Flügeln bunter Träume" in bessere, längst vergangene Zeiten ohne Altersgebrechen entführen lassen, schüttelt Ted Herold "wie einst im Mai" vor 45 Jahren seine Schultern und ist immer noch "Dein kleiner Bruder". Sein Publikum hat Spaß dabei, er hat Spaß dabei - was will man mehr? Bestenfalls eine etwas leisere Begleitband. Dies hätte den Genuss noch mal um ein Mehrfaches erhöht...
Nick
Nikitakis (2) Daumenkritik: Es reicht aus für Gänsehaut spezieller Art, hört man diesen Griechen vom Rhein auf seine besondere Weise kölsche Ävvwergriens interpretieren, arrangiert mit Bouzouki und erläutert mit Distanz und Respekt. So erhalten diese Liedern den Stellenwert, der ihnen gebührt. Nick Nikitakis sorgt zunächst einmal für ein Minimum an Wohlfühl-Atmosphäre - für sich selbst auf der Mini-Bühne und für das Publikum letztlich auch, denn was der Künstler nicht abkann, ist Distanz. Er schirmt sich die Augen gegen grelle Scheinwerferbeleuchtung ab. "Mach dat Licht aus - isch will die Lück sinn!" Bei Nikitakis klingt das echt, sowohl sprachlich, als auch vom Herzen kommend. Nikitakis sieht sich "irgendwie" als griechischer Mutant, der am Rhein zum "kölsche Jung" assimiliert ist. Und er singt dieses Lied, das in gewissen Kreisen untrennbar mit Big Willy Millowitsch verbunden wird, mit einer Intensität, die ihresgleichen sucht: leise, unaufdringlich, verletzlich, nahezu hilflos, dass es einem die Sprache verschlägt. Die Lieder, die Nick Nikitakis mit seinen "Fründen" zusammengestellt hat, bleiben nicht ohne Erklärungen. Sie erfahren so eine Aufwertung, die das kölschdurchtränkte Mitgrölen sonst nicht zulässt. Von Willy Ostermann - dem Mann mit dem Parteibuch, das damals viele hatten, ohne es haben zu müssen - die Liebeserklärung "In Kölle am Rhing bin isch jebore", sentimental, aber ohne Schmalz. Um "Hei-dewitzka, Herr Kapitän" zu singen, dazu gehörte 1936 nicht nur Schlitzohrigkeit, sondern auch Mut, und G. Jussenhoven, der Sänger des Liedes "Die hinger de Jadinge ston und spinxe" war im Gestapo-Reich nahezu tollkühn. Vermutlich war die Zahl der kölsch sprechenden oder zumindest verstehenden Nazis doch nicht so groß... Nikitakis ist in das kölsche Liedgut eingetaucht und hat sich um mehr gekümmert als bloß um Noten und Texte. Natürlich war er nicht der erste Feldforscher auf diesem Gebiet. Auch die Bläck Fööss und andere haben in selbiger Grube schon gebuddelt. Aber Pionier ist Nikitakis in der Erschließung dieser Lieder mit dem Bouzouki. Damit öffnet sich gewissermaßen eine mediterrane weltmusikalische Dimension. Wenn Nikitakis diese Lieder singt, ist es mal distanziert mit nahezu dokumentarischer Präsentation, aber mal auch mit einer Gefühlsfülle, zu der nur jemand fähig ist, der gar nicht anders kann. Er liebt sein Köln und weiß diese Liebe mit Lieder, die nicht seine eigenen sind, auch über griechische Arrangements auszudrücken, die ihm ähnlich wurzelhafte Bodenverbindung gewähren. (So gesehen hätten wir griechisch-kölsche Roots-Musik ...) Er ergänzt diese Liebeserklärung mit Komplimenten, denn Köln sei doch ganz anders als andere Städte wie Solingen oder Essen, wo man doch häufiger auf "Glatzen" treffe. Dies merke man vor allem bei der Rückkehr an den Rhein. Und doch hat es mit den Komplimenten seine Grenzen: Immer noch hat das Lied "Arsch huh, Zäng ussenander", für das er die Melodie und Wolfgang Niedecken den Text schrieb, seine Berechtigung. Seit der ersten großen Präsentation am Chlodwigplatz seien die ausländerfeindlichen Übergriffe sind nicht weniger geworden - im Gegenteil. Die Dunkelziffer sei um das Zehnfache höher als die zugegebene Zahl. Also: Arsch huh und Zäng ussenander! Das gilt unverändert. Aber für die Erinnerung braucht Nikitakis keinen Holzhammer. Aber Spaß gehört auch dazu: Beim Besuch im Zoo, beim Rumflaxen mit den "Fründen", dass den Zeugen im Publikum vor Lachen die Tränen in die Augen steigen, beim Genuss kölscher Geborgenheit und diebischer Freude darüber, dass niemand aus Düsseldorf dabei ist - wenigstens hat sich niemand geoutet. ---------------------------------- Ulla
van Daelen Daumenkritik: Es war ausgesprochen eingängiger und kurzweiliger Wohlklang, der da im Rundbau des Müngersdorfer Nobel-Sportvereins serviert wurde. Im Festival "Musik in den Häusern der Stadt" des Kölner KunstSalons spielte die Harfenistin Ulla van Daelen, Mitglied des WDR-Rundfunkorchesters, mit zwei Kollegen aus diesem renommierten öffentlich-rechtlichen Musikensemble: Hiroaki Mizuma und Andree Schmid. Die Präsentation war - mal solistisch, mal im Duett und mal als Trio - ein amüsanter musikalischer Trip um den Globus und durch die musikalischen Epochen, von Japan - der Heimat des Mundharmonika-Virtuosen Mizuma, der im richtigen Orchestermusikerleben Fagott spielt - über China, den vorderen Orient bis in unsere Breiten, von Bach über Bizet und Scott Joplin bis zu einer Reihe von Eigenkompositionen und Bearbeitungen zwischen Jazz und Weltmusik, die in dieser Besetzung Erstaufführungen waren. Harfe - mal mit Saxophon oder Klarinette, mal mit Fagott oder mit Mundharmonika. Die Möglichkeiten der Kombination wurden ausgeschöpft und sorgten für Heiterkeit, Überraschung und Genuss. Fast beiläufig lässt Ulla van Daelen ihre Perfektion durchschimmern. Sie erweckt aber nie den Eindruck seelenloser Präzision, sondern streichelt die Harfensaiten mit Feingefühl und Dynamik, lässt ihre Finger gelegentlich dazu trommelnd und klopfend übers Resonanzholz tanzen und vermittelt schlicht im Gesamteindruck in ihrer sympathischen gewinnenden Art gute Laune. Was will man mehr. Ebenso unterhaltsam die Ergänzungen durch Andree Schmid am Sopran- und Altsaxophon. Er spielt sein Instrument angenehm zurückhaltend in der Lautstärke, bleibt unaufdringlich im Zusammenspiel. So entsteht ein rundes komplettes Klangbild trotz Schnupperausflüge in die Klassik und in den Jazz. Man konnte sich zurücklehnen und sich fallen lassen, unbedroht etwa durch schräge, bewusst gesetzte Misstöne, die ein ungewolltes Aufschrecken hätten bewirken können. Auch wenn kein Akkord gegen den Strich gebürstet war, entstand kein zuckriger Einheitsbrei, der lediglich beschränkten künstlerischen Konsumansprüchen genügt hätte. Die drei Solisten, die sich
aus dem großen WDR- Orchester zusammenfanden, haben erkennbar selbst
ihren Spaß am Zusammenspiel und überraschen sich sogar gegenseitig mit
unerwarteten Talenten. Andree Schmid konnte die Mundharmonika-Künste
seines Kollegen kaum fassen. "Da spielen wir seit zehn Jahren
zusammen, sitzen sogar nebeneinander - aber dass der so was kann, hab ich
nicht gewusst..." Fazit: Ein rundum gelungener
Abend, der uneingeschränkt Vergnügen gemacht hat. Den Künstlern und dem
Kunstsalon genauso Dank wie dem Tennisclub.
---------------------------------- Pippo
Pollina Daumenkritik: Die noch frische Erinnerung an dieses Konzertereignis verklärt den Blick. Was Pippo Pollina in der "Harmonie" an Hörgenuss bot, entschädigt für manchen verplemperten Konzertabend mit akustischen Zumutungen, über die wir gelegentlich auch hier berichtet haben. Pippo Pollina ist ein begnadet trittsicherer Gratwanderer zwischen den Genres Pop, Rock, Chanson und Weltmusik, allesamt italienischer Prägung, wobei er anders beheimatete musikalische Einflüsse nicht verleugnet und auch die sprachliche Grenzüberschreitung nicht scheut. Er ist ein sympathischer Sänger, der unmissverständlich klar macht, dass er "sein Ding durchzieht", was auch immer kommerziell aktuell angesagt sein mag. Mit seinen Kompositionen, seiner Interpretation eigener Lieder knüpft er nahtlos an die Qualität an, mit der Fabricio de Andre oder Lucio Dalla schon vor mehr als zwanzig Jahren ihr Publikum zu begeistern verstanden. Einflüsse beider lassen sich kaum überhören, aber sie werden nicht kopiert. Pippo Pollina weiß auf seine eigene Art zu überzeugen, mit im besten Sinne sentimentalen Liedern, die er solistisch am Keyboard präsentiert, oder mit in sich stimmigen, auch stimmungsvollen, mal fetzig-rockigen, mal schwungvoll folkloristischen Werken, bei denen er sich an der Gitarre begleitet, während seine Kombo, die Palermo Acoustic Band, einen soliden Klangteppich zaubert, der Inspirationen aus der eigenen heimatlichen Musik, aber auch aus dem internationalen Vorrat an Tönen, Klängen und Takten durchschimmern lässt. Warum auch nicht - es hilft dabei, sich trotz einer fesselnden Exotik sofort geborgen zu fühlen. Er versteht es, nicht nur Wohlgefühl hervorzurufen, sondern auch Gänsehaut - beispielsweise mit seiner emotionalen Interpretation des alten Kampfliedes "Bella Ciao", an der sein eigenes Leiden an aktuellen politischen Entwicklungen Italiens klar wird. Grund für Optimismus mag es derzeit nicht viel geben, doch entmutigende Bestätigung, Zuspruch für Resignation, weil sich ja eh nichts daran ändern ließe dass Berlusconi die Macht scheibchenweise an sich reißt und die Demokratie zerbröselt, muss man bei Pollina auch nicht befürchten. Seine gebrochene Moll-Interpretation der alten Marschhymne unterstreicht im Gegenteil den eher verzweifelten Schrei nach einem trotzigen "Jetzt erst recht". Überraschend auch Pollinas italienische Version des Brel-Klassikers "Port d'Amsterdam" - eine griffsichere Liedauswahl, die vor allem durch die gelungene Interpretation staunen lässt. Ebenso aufhorchen lassen Texte oder Textpassagen, die Pippo Pollina auf englisch, französisch, spanisch hochdeutsch und auch auf schwyzerdytsch singt. Er hat Europa mit Rucksack und Instrument bereist, ist vor vielen Jahren in der Schweiz "hängen geblieben", nicht zuletzt wegen kaum aufzubrechenden mafiösen Strukturen in seiner sizilianischen Heimat. Erst langsam nimmt man ihn nun offenbar südlich der Alpen zur Kenntnis, während er in Deutschland immerhin schon mal mit Konstantin Wecker auf Tour war. Doch mit dem robusten bayerischen Tastenvieh und seinen maßlosen Gefühlseruptionen wollen wir ihn nicht vergleichen - Pippo Pollina setzt eine eigene, weitaus weniger aufdringliche Kategorie, mit jeder Note, die er spielt, jedem Lied, das er singt. Man sollte, nein, man muss ihn gehört und gesehen haben. ---------------------------------- Still
Collins Daumenkritik: Im Grunde haben sie ja, wenn sie gut sind, leichtes Spiel: das Repertoire ist weitgehend - zumindest unter Fans - bekannt und garantiert Anerkennung. Ist die Auswahl der Songs gelungen, ist gute Laune des Publikums im Grunde gewährleistet. Und so ist Beifall kein Wunder, wenn zuvor das Vergnügen bereitet wurde, die Songs so mitsingen zu können, wie man es von der heimischen Tonträgerbegleitung gewöhnt ist Und doch ist Begeisterung längst nicht selbstverständlich. Da muss schon mehr geboten sein als einfaches Covern, denn das kann schließlich auch in die Hose gehen. "Still Collins" schwappt die Euphorie ein ums andere Mal entgegen. Zu recht. Die Leute sind von der Qualität der Show überwältigt. "Still Collins" geht den gleichen Weg wie zuvor die "Beatles Revival Band" oder seit Jahren auch "Mayqueen", "Regatta de Blanc", Exile On Mainstreet" und wie sie alle heißen mögen. Sie miteinander zu vergleichen bringt im Grunde nichts. Sie mit den Originalen, den Beatles, Stones, Queen oder Police zu vergleichen, drängt sich auf - und macht auch Spaß. Diese Vergleiche zieht jeder im Publikum, denn die Werke des Meisters Phil Collins sind schließlich in allen Köpfen, wenn nicht gar Herzen. "Still Collins" kann sich diesen Vergleichen selbstbewusst stellen. Wer die Augen schließt und vergisst, wo er sich befindet, wähnt sich im Konzert des genialen Briten. Die Perfektion der Kopien ist verblüffend. Doch "Still Collins" beschränkt sich mitnichten auf das bloße Kopieren. In der Präsentation des Sängers, die eigenen Stil hat, in seiner Mimik und Gestik, in den beeindruckenden Solis der Instrumentalisten, in der gesamten Show bündeln sich Spielfreude und Spielwitz, die mit glänzenden Augen im Publikum belohnt werden. Wozu den Großveranstaltern der Konzertevents mit den Superstars einen Haufen Euros für teure Karten Monate vor den Terminen in den Rachen schmeißen, für Konzerterlebnisse womöglich weitab von der Bühne auf oberen Rängen, wenn es doch die Alternative der Coverband gibt, die hautnahen Hörgenuss und außerdem Spaß fürs Auge bieten kann. Kommen wir schließlich zu einem akustischen und optischen Genuss, den der "echte" Collins" nicht zu bieten hat: Caren Schweitzer-Faust - eine Sängerin mit gigantischer Ausstrahlung, die im Background im Grunde nichts zu suchen hat. Sie gehört nach vorne, ganz nach vorne. Kann ihr denn niemand mal die richtigen Songs anbieten, damit sie den Erfolg findet, den sie verdient hat?
---------------------------------- Andrea
Badey &(special guest)
Manfred Maurenbrecher Daumenkritik: geteiltes Programm - geteilte Daumen: für den "special guest" steil hoch, vor der Gastgeberin versteckt sich der Daumen (quasi Daumendrücken für mehr Qualität und Substanz) Es war ein Wechselbad zwischen Begeisterung und Ernüchterung. Wäre nicht der Gastkünstler dabei gewesen. Er setzte an diesem Abend die Maßstäbe. Seine Qualitäten als Komponist, Pianist, Texter und Sänger ließen in dieser Kombination der Bühnenkollegin wenig Raum, um selbst zu überzeugen. Maurenbrecher kreiert Stimmungen, in denen man sich fallen lassen kann. Seine Lyrik ist haltbar, schnörkellos und doch fein gedrechselt. Kombiniert mit seinem Klavierspiel entstehen Songs von bleibender Güte, die ihn in der Tat zu einem Songpoeten machen, der auf Sichtweite mit Randy Newman und Tom Waits bleibt. Wie fern dagegen die Bemühungen der Diseuse. Sie hat Stimme - aber warum muss sie so laut sein. Ihre Lieder haben ein paar gute Ideen - aber warum diese Effekthascherei. Weshalb bremst sie niemand, wenn sie mit großen Gesten um sich wirft und dabei nur aufgeblasen und affektiert wirkt. Ihr musikalischer Strip zum Totensonntag? Sie wäre besser eingemummelt geblieben. Ihr Vortrag erinnerte an die aufdringlichen Bemühungen einer verblühten Intellektuellen im dritten Frühling aus der Schicki-Micki-Szene, die nunmehr "auf Kultur" machen will, weil sie sonst nicht mehr auffällt. Schade um die Zeit - wenigstens in diesem Teil des Programms. Hätte es doch mehr von Maurenbrecher gegeben. ---------------------------------- Marili
Machado (1) Daumenkritik: zwei Daumen hoch Ungläubiges Staunen und Rätselraten allenthalben - wie kommt eine Künstlerin dieser Qualität und diesen Formats, die weltweit Konzerte gegeben hat und gibt, zu einem Konzert in ein Wohnzimmer... Es war eine Sternstunde der Besenkammer, als Marili Machado hier ihre Lieder sang und einen nachhaltigen Eindruck von lateinamerikanischer Leidenschaft bot. Sie gilt in ihrer Heimat als die Stimme Buenos Aires. Sie ist gegenwärtig eine der bekanntesten und meist gehörten Stimmen des Tangos in Argentinien, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen und Ehrungen. Marili Machado, in diesem Jahr 2002 Kulturbotschafterin Argentiniens, schlug überdies mit ihrer Ausstrahlung das Publikum vom ersten bis zum letzten Takt ihres Vortrages in den Bann. Ihre einzigartige Stimme, ihr variantenreiches, rhythmisch und solistisch beeindruckendes Gitarrenspiel und ihr unter die Haut gehender Vortrag machten dieses Konzert zu einem Genuss erster Güte. Mit Charme und Perfektion, mit Herzlichkeit und Geschick in der Liederauswahl fächerte sie einen musikalischen Bilderbogen auf, der nicht nur Einblicke in die Vielfältigkeit der argentinischen Musik bot, sondern auch in Ansätzen die Vielfalt der lateinamerikanischen Liederkultur erkennen ließ. Sie singt beileibe nicht nur Tango, auch wenn sie allein damit schon abendfüllend faszinieren könnte. Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme nimmt sie jeden mit in die tiefen Herzkammern der Gefühle, die in Liedern auszudrücken offenbar Künstlern anderer Nationen in ungleich größerem Maße gegeben ist als deutschen Sängerinnen und Sängern. Sie entführt ihr Publikum in die Atmosphäre der Hinterhöfe und Kaffeehäuser der Hafenstadt Buenos Aires und lässt einen Hauch des Lebensgefühls erahnen, aus dem der Tango entspringt. Unvergleichlich und unglaublich. +++ Konzert am 20. November 2002 in Düsseldorf, Freizeitstätte Garath Nur wenige Tage nach dem privaten Hauskonzert in der "Besenkammer", bei dem wir Marili Machado als Solistin erlebt hatten, trat sie in kleiner Besetzung, begleitet von einem Gitarristen, einem Pianisten und einem Bandoneonspieler auf. Es war Argentinien pur. War Marili allein in der Besenkammer genötigt, sich selbst auf der Gitarre zu begleiten, war sie nun in der Lage, ihre Lieder weitaus mehr zu interpretieren, aus sich heraus zu gehen, sie nicht nur zu singen, sondern zu präsentieren. Was vorher sich nur in Ansätzen abzeichnen konnte, die unglaubliche Bühnenpräsenz der Künstlerin, wurde nun überdeutlich. Insbesondere allein begleitet vom Bandoneon tauchte sie tief in den Tango und gab eine Kostprobe der geballten Ladung Emotionen, die in diesen Liedern, in dieser Musik steckt. Variantenreich in ihren stimmlichen Ausdruckmöglichkeiten, mal hell und klar, mal samtig- weich, mal rauchig-verrucht. Marili Machado hat offenbar alle Fähigkeiten, ihre Stimmbänder nach Belieben einzusetzen. Ihr Lohn war ein begeistertes Publikum in der vollbesetzten Freizeitstätte - keine schlechte Bühne, aber sicher ebenso wie erst recht ein privates Wohnzimmer wie die "Besenkammer" kaum das verdiente Forum für eine Künstlerin ihres Formats. ---------------------------------- Klaus
Grabenhorst Daumenkritik: solidarisches und freundschaftliches Hochrecken beider Daumen, ohne Nägelkauen Allein schon seine Lust über den Tellerrand zu schauen und aufzulöffeln, was daneben an Kostbarkeiten angeboten wird, ist bemerkenswert. Klaus Grabenhorst, in früheren Zeiten in Frankfurt rotzfrecher Straßenmusiker mit anarcho-chaotischen Qualitäten, hat sich eine Neugier bewahrt, die ihn zum Besessenen in Sachen Lieder und Liedermacher-Biografien macht. Und das Schöne daran: Er bewahrt seine Erkenntnisse und Arbeitsergebnisse nicht für sich, sondern lässt uns teilhaben. Im Düsseldorfer Kleintheater „Flin“ gastiert er nicht oft, aber regelmäßig. Außer George Brassens und Bob Dylan - und demnächst auch Woody Guthrie - hat er sich selbst und seine Begeisterungsfähigkeit Bulat Okudshawa gewidmet. Sich selbst ausgeliefert wäre vielleicht treffender. Wenn sich Klaus Grabenhorst einer selbst gestellten Aufgabe verschrieben hat, taucht er bis weit über seine schwarzen Locken ein. Er ist stimmlich kein Caruso und auf der Gitarre kein Peter Finger. Doch das ist kein Grund, wegzuhören, denn er hat ein Programm, das weit über die Lieder hinaus interessant und fesselnd ist. Dabei stellt er nicht sich in den Mittelpunkt, sondern die Personen seiner Forschungen und versucht, uns mit seiner Bewunderung anzustecken. Grabenhorst erzählt von seinen Recherchen, plaudert von Begebenheiten und Erlebnissen, die sich am Rande ergaben und setzt so nicht nur den von ihm beschriebenen Künstler und dessen Wirken und Umfeld ins Licht, sondern auch sich selbst an einen Katzentisch daneben. Das stört nicht, denn schließlich: ohne ihn bliebe uns das Vergnügen des gesamten Programms vorenthalten. Doch er drängt sich nie auf und bleibt ein Medium, freut sich liebenswürdig-kautzig, dass er die unverzichtbaren Helfer an seinem Okudshawa-Werk zu sich auf die Bühne holen kann. Elena und Slawa Zharowsky aus Kiew singen mit auf russisch, nachdem Klaus Grabenhorst den Inhalt der Lieder, die er nicht selbst auf deutsch singt, erläutert hat - auch dies hat Unterhaltungswert, genauso wie die Anekdoten, die er beiläufig zum Besten gibt, auf eigene, eher verhaltene leise, aber schmunzelnde Art. Grabenhorst kann kein Russisch, und doch ist er das Wagnis eingegangen, aus Prosaübersetzungen neue Liedertexte zu schreiben, die den Geist des Originals bewahren - ein Versuch, den er auch in seinen Programmen zu Georges Brassens und Bob Dylan unternimmt. Durchaus gelungen und sympathisch präsentiert. Da lohnt sich der Weg, sogar von Köln nach Düsseldorf... -------------------------------- Stefan Stoppok Daumenkritik: beide Daumen tendieren hoch, haben aber seitliche Zuckungen Mag sein, es ist unwichtig - mir ist es zumindest aufgefallen, und vielleicht ist der Zusammenhang, den ich vermute, doch nicht so abwegig. Es gibt Konzerte, die geschlechtsspezifisch keinen Unterschied aufweisen, in andere wiederum ergeben sich Mehrheit und Minderheit eindeutig mal in die eine, mal in die andere Richtung. Bei Stoppok waren eindeutig Frauen in der Minderheit, während aus der Mehrheit diejenigen erkennbar am meisten Spaß an der Show hatten, die mutmaßlich beim Buhlen um weibliche Gefährten den kürzeren ziehen. Hier also genießt man(n) die Geborgenheit im Kumpel-Rudel und lacht sich schepp über erklärtermaßen frauenfeindliche Sprüche, genuschelt, gesungen oder hingerotzt. Dazu oder dabei mitzupöbeln bereitet einer bestimmten Sorte Mann eben Vergnügen. Stoppok setzt sich da allerdings Risiken aus, mit denen Goethes Zauberlehrling schon nicht klar kam. Dabei hätte Stoppok, da bin ich mir sicher, es gar nicht nötig, auf die plump-derbe Tour zu kommen - doch das ist eine Geschmacksfrage, und wenn ich hier andere Erwartungen hege als der Großteil seiner Fans, kann ich’s nicht ändern. Mag sein, dass Stoppok, um des Erfolges Willen, eher seine treue Klientel bedienen will, und dann soll er eben. Dabei hat er wunderschöne Balladen und ein Talent für geniale Einfallsblitze, die zu Textzeilen führen, um die ich ihn wirklich beneide. „Viel zu schön auf dieser Erde - viel zu schön für ein Leben in der Herde“. Es gibt mehr von dieser schlichten Brillanz - aber manches geht auch im Dumpfbackensound unter, der vieles platt macht und Zwischentönen kaum eine Chance gibt, zumal es diese in der typisch Stoppokschen Nuschelei ohnehin schwer haben, sich Gehör zu verschaffen. Er ist beileibe nicht nur Texter, Komponist und Sänger. Dass er fähig ist, den Rockteppich seiner Band mit eingängigen Soli zu schmücken, demonstriert er eindrucksvoll. Dass seine Band mitunter eher Krach als Wohlklang erzeugt, mag auch kalkuliertes Geräuschchaos sein, um diejenigen zu verwöhnen, die genau dies erwarten. Mich kann er am meisten beeindrucken, wenn er leiser bleibt. Mich hat sein akustischer Set begeistert, seine Fähigkeit auf der „Gitarre pur“ Klänge zu zaubern, die in der deutschen Musikszene - dazu noch gepaart mit deutschen Texten - ihresgleichen sucht. Bedauerlich allerdings das regelmäßige Abgleiten in textlich-inhaltliche Niederungen, die dem Dumpfbacken-Level entsprechen. Schön - und schade. Daher eigentlich mehr schade als schön. -------------------------------- Michelle Shocked Daumenkritik: ein Daumen zappelt sich hoch, der andere mault Gründe wird es immer geben, wenn der Konzertbeginn von der angegebenen zeit abweicht. Werden Gründe genannt, mögen sie die wahren sein - oder auch nicht. Wer kann das erkennen. Probleme mit dem Auto sollen es gewesen, die den Auftritt von Michelle Shocked uns ihrer drei Begleitmusiker um mehr als eine Stunde verzögerten. Ein ohnehin für einen normalen Wochentag schon später Anfang verschob sich weiter und weiter. Der Sängerin war es peinlich, als sie schließlich mit ihrer Band die Verstärker im Eiltempo aufbaute, die Gitarre umschnallte und loslegte. Wir wollen ihr glauben. Sie wolle sich Mühe geben, um mit einer guten Show den schlechten Eindruck wieder wett zu machen. Das vergleichsweise unscheinbare Persönchen, das zuvor selbst mit anpackte, um das wartende Publikum nicht noch mehr zu vergrätzen, ist mit Beginn der Show wie verwandelt, auch wenn sie sich nicht mal umgezogen hat. Kein Zweifel: Sie ist der Boss. Ihr Auftreten zeigt, dass sie in sich ruht und ihre Kraft kennt. Und sie hat nicht nur Kraft, sondern auch Charisma. Es sind keine weichgespülten Schmusegesänge, die sie anstimmt, kein Mainstreampop träufelt ins Ohr, sondern Songs mit Ecken und Kanten, die sogar Widerhaken erkennen lassen. Laut ist sie, zeitweise, und sie singt selbstbewusst und locker, wirft das enge Korsett eines Arrangements einfach über Bord, wenn sie es will. Sie fasziniert mit jedem Lied mehr. Umso bedauerlicher der späte Beginn. Vermutlich ging ihr Konzert noch eine ganze Weile - aber zu spät ist zu spät, wenn man im Kampf gegen die Müdigkeit auf verlorenem Posten steht. Dass man als Zuschauer vorzeitig geht, ist auch ein Risiko der Bühnenkünstler und Veranstalter, wenn sie meinen, mögliche berufliche Verpflichtungen der Konzertbesucher am nächsten Morgen einfach ignorieren zu können...
---------------------------------- Peter
Finger Daumenkritik: beide Daumen senkrecht - ganz nüchterne Feststellung Als Meistergitarrist vom Veranstalter angekündigt, lag es an Peter Finger, die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen. Locker, ganz locker löste er die Versprechungen ein. Er ist ein begnadeter Instrumentalist, der sich mit schlafwandlerischer Sicherheit durch unterschiedliche Stile pickt und zupft, schlägt und - ja was weiß ich, wie man das sonst nennen soll. Peter Finger ist ein Gitarrist jener Sorte, die es anderen, weniger virtuosen Gitarristen schwer macht, auch nur daran zu denken, jemals eine vergleichbare Perfektion zu erreichen. Die eigene Gitarre daheim, ob im Kasten oder an der Wand, mutiert zum Möbelstück, wenn man gedanklich seine eigenen Fingerfertigkeiten an denen misst, die da auf der Bühne demonstriert werden. Ob er nun Bilder in Töne umsetzt, Liebeslieder ohne Text als "Sinn ohne Worte" zu Gehör bringt oder Gedichte so vertont, dass man ohne die Sprache auskommt - es ist schlicht so, dass einem die Spucke wegbleibt. Eine Komposition für seinen größten Fan ist eine Liebeserklärung, die ohne Worte auskommt - Adressat die Mutter, die jede Veröffentlichung und jede Zeitungsnotiz aufgehoben hat. Schicht grandios aber ist die Umsetzung des Gedichtes "Totentanz" von unserem nationalen Dichtergiganten Johann Wolfgang von Frankfurt. Bevor er in die Saiten greift, um mit Akkorden und einzelnen Tönen die Phantasie mit auf reisen zu nehmen, gibt Peter Finger kleine Interpretationshilfen. Schon sie allein lassen aufhorchen und wecken Neugier auf das Kommende. Und dann geht's zur Sache - eine Suite, komponiert und gespielt in beeindruckender Brillanz, die ihresgleichen zwar suchen mag, aber sicherlich kaum findet. Donnerwetter.
---------------------------------- Georg
Kreisler & Barbara Peters Daumenkritik: ein Daumen rauf, und wo der andere abgeblieben ist, weiß ich nicht - wäre er da, ginge er vermutlich runter... Gesang gab's nicht - nur gelesene, unvertont gebliebene Texte. Muss ja auch nicht sein, dass jeder Vers beklimpert wird. Zwar hat der Altmeister des schwarzen Humors schon vor Zeiten mit bitterbösen Liedern zuckersüße Laune verbreitet - doch diese Texte des aktuellen Programms sind nicht auf Melodien angewiesen. Georg Kreisler hat mit seiner Dauerpartnerin Barbara Peters das zwanzigste gemeinsame Programm erarbeitet - erst sie mit roter Jacke und er in schwarzer, und nach der Pause umgekehrt. Als ob es nur auf den Blazer ankäme... Man merkt halt doch, wer seinen eigenen Text vorträgt, und wer mutmaßlich nicht (und sollte sie tatsächlich ein paar Zeilen selbst gestrickt haben, hat sie's gut überspielt...) Gehen wir also davon aus, dass Kreisler halt nicht auf weibliche Bühnenbegleitung verzichten mag. Gönnen wir ihm das Vergnügen und finden uns damit ab, großzügig darüber hinweg sehend, dass eigentlich "zuviel" geboten wird. Der Zugewinn an Vergnügen hält sich bei den Konsumenten eher in Grenzen. Der Weaner Schmäh des Altmeisters trifft voll auf die Zwölf: den Klerus, die Politiker insbesondere, gereimt was das Zeug hält und manchmal auch so gedrechselt, dass der heraus gekitzelte Lacher im Halse stecken bleibt: so böse, so abgründig, so respektlos. Aber - und hier liegt ein entscheidender Unterschied zu viel beklatschten Gegenwarts-Komikern jüngerer Generation - Kreisler ist gemein, aber er wird nie flach, nie vulgär, verirrt sich nie unter die Gürtellinie. So tief, wie sich die Herrschaften Appelt und Mittermeier bewegen, kann ein Kreisler gar nicht sinken. Kreislers Wortkaskaden verleiten zunächst zum Lacher auf dem ersten Verständnis - mit gelegentlichem Lachnachschlag beim zweiten Nachklang, der vorausgegangenes Verdauen des Gehörten voraussetzt... Nicht nur die Mächtigen kriegen ihr Fett weg, auch die Stammtischbrüder und -schwestern in ihrer mit Vorurteilen voll geproppten Welt. Man kann sie nicht leugnen, bestenfalls wider besseres Wissen bestreiten, diese Peinlichkeiten der Gegenwart, die wir uns genauso wie unsere Zeitgenossen leisten. Mit Kreisler haben wir einen gnadenlosen Chirurgen, der mit seinen Schnittfertigkeiten tief unter unsere Haut dringt. Dass manchmal das Messer zu tief geht - nun ja - dann tut's halt weh, aber dann merken wir auch, dass wir nicht schon in der Pathologie sind und es immerhin noch kein Seziervorgang ist.
-------------------------------- britische Singer/Songwriterin Woran kann es liegen? Die Lieder sind eigentlich prima, die Stimme ist eigentlich klasse, die Bühnendarbietung nicht übel - aber irgendwas fehlt. Wo ist der Funke? Er will nicht so recht überspringen. Kommt sie einfach zu normal daher? Das kann's eigentlich auch nicht sein, denn "normal" kommen eigentlich viele daher, die auf der Bühne plötzlich ganz anders rüberkommen. Sally Barker hat ein erstaunliches Spektrum: Sie singt Lieder wie Joni Mitchell und verblüfft damit. Sie hat Songs, die klingen wie von den Indigo Girls und sind sicher nicht weniger mitreißend und fetzig. Sie mischt ihr Programm mit eigenen Werken, die im a-capella-Vortrag wie Traditionals klingen. Prima, möchte man meinen. Diese Vielseitigkeit, diese Abwechslung, die Bandbreite - aber sie klingt doch streckenweise beliebig und bisweilen belanglos, und das ist bedauerlich. Ihr begleitender Gitarrist mag den Sound etwas aufpeppen - seine Notwendigkeit hat sich mir nicht erschlossen. Gut - das Klangerlebnis war runder - aber nicht prickelnder. Hinzu kam, dass die Verstärkeranlage nicht optimal ausgesteuert war. Unser Genuss war - auch wenn es andere anders gesehen haben mögen - geschmälert, weil es einfach zu laut war. Bei einem Publikum, das locker in ein etwas größeres Wohnzimmer gepasst hätte, muss man nicht aufdrehen, als ob man in einer Mehrzweckhalle bis in den hintersten Winkel zu verstehen sein muss. So tat es eben weiter vorn vor der Bühne an den Ohren weh und man war von der Qualität der Songs - die unbestreitbar vorhanden ist - abgelenkt. Richtig klasse wurde es dann, wenn Sally Barker den Blues rausließ, mit Power gepusht, packend in Text, Melodie und Begleitung. Davon hätte ich gern mehr gehört, doch mehr davon viel wohl der eigentlich verständlichen Programmplanung unter dem Gesichtspunkt "stilistische Vielseitigkeit" zum Opfer. Schade eigentlich.
-------------------------------- Charles
Aznavour Daumenkritik: die Daumen aber sowas von oben Vorweg: Der Musikstil ist nicht der, den ich mir unbegrenzt anhören könnte. Das soll aber die Begeisterung über das Erlebnis "Aznavour live" nicht schmälern. Man kann ja auch durchaus gut finden, was man im Grunde gar nicht so sehr mag (genauso wie man schlecht finden kann, wofür man sich sonst begeistern könnte). Ich versuche es jedenfalls, um nicht in Schablonen gefangen zu bleiben. Der Aznavour - welch eine Bühnenpräsenz. Unglaublich diese Ausstrahlung, diese Souveränität. Da weiß einer genau um seine Wirkung, um seine Lebensleistung im Showgeschäft. Der kleine große Armenier mit dem Rieseneinfluss auf die französische Chanson-Kunst zelebriert seine "Last Tour" offensichtlich ganz nach der Vorgabe, rechtzeitig abzutreten, solange es die Leute bedauern. Sein Programm ist gespickt mit "Evergreens" (sind das auf französisch "toujours verts"?), die niemand so singen könnte wie der Maitre selbst. Keine Theatralik, aber wohl dosierte Akzente: keine Geste zuviel, kein Schritt überflüssig. Seine Mimik unterstreicht die Inhalte, seine Chansons sind Inszenierungen, die trotz der anderthalb Dutzend Begleitmusiker in sich geschlossene Ein-Personen-Stücke bleiben. Seine Augen blitzen - für Feuerwerk ist er alleine zuständig... Billige Effekthascherei, Koketterie vor begeisterten Fans hat er nicht nötig. Erst am Ende erlaubt er sich eine direkte Ansprache des Publikums, genießt die Zuwendung, sammelt gerührt die Blumensträuße, die ihm vom Bühnenrand entgegengestreckt werden. Und das soll nun alles gewesen sein? Letzte Tournee? Man mag es kaum glauben und hofft, dass es nicht so ist.
-------------------------------- Andy Irvine Daumenkritik: die Daumen tendieren hoch und sind ungebremst Er ist irisches Folk-Urgestein. Sweeny's Men und Planxty sind markante Stationen des Singer/Songwriters. Er singt zur Bouzoukibegleitung eigene Songs und traditionelle Lieder, die er in seiner eigenen Interpretation zu einem Hörerlebnis werden läßt. Er singt wunderschöne Balladen, faszinierend umschmeichelt von Tonfolgen, die neben den Gesangsmelodien ihre eigenen Schönheiten entfalten. Er erzählt Geschichten aus Irland und Amerika, aus Neuseeland und Australien, die voller Witz sind, aber auch anrühren, aufrütteln, zufrieden machen. Andy Irvine steht in bester Tradition der topical singer/songwriter, die den Zuhörern das Angebot machen, aus Liedern Lehren und Erkenntnisse zu ziehen. Der irische Sänger steht in der Nachfolge eines Woody Guthrie oder Phil Ochs, ein Wachmacher vom Schlage eines Dick Gaughan oder Billy Bragg, der mit Liedern auf politische Entwicklungen reagiert. Aber nicht nur. Traditionelles Liedgut findet sich genauso in seinem Repertoire, aber eben anders dargeboten, als man es sonst kennt, nicht zuletzt durch Bouzouki und Mundharmonika - beides Instrumente, die weniger in Irland daheim sind. Aus den Bouzouki-Klängen ist immer wieder der Balkan-Einfluss heraus zu hören. Andy Irvine hat in dieser Region eine längere Zeit gelebt und daraus die Inspiration gezogen, das musikalische Erbe seiner irischen Heimat mit anderen Prägungen zu einer, eben zu seiner Weltmusik verschmelzen zu lassen. Und dies einem interessierten und begeisterungsfähigen Publikum zu präsentieren, macht ihm erkennbar Vergnügen. Er genießt das Konzert, aber auch die Pause dazwischen, den unmittelbaren Kontakt zu seinem Publikum, der es ihm erlaubt, in der zweiten Konzerthälfte noch vertrauter mit den Zuhörern zu kommunizieren. Ein beeindruckendes Erlebnis. -------------------------------- Jürgen Becker
Daumenkritik: Jürgen Becker gehört zu der Sorte Solokabarettisten, die eindeutig regionale Wurzel haben und daraus ihre Kraft ziehen. Wie sie außerhalb ihrer weitläufigeren Heimat ankommen, lässt sich schwer einschätzen - man muss es wohl erleben, um Zweifel zu zerstreuen. Doch in der heimischen Region ist jeder Auftritt gewissermaßen ein Heimspiel. Man ist quasi unter sich und kann seine Zusammengehörigkeit genüsslich zelebrieren. So kann allein schon die Verwendung des Wortes „Westfalen“ für Heiterkeit sorgen. Rheinländer sind humoristisch durchaus genügsam, wie im Sitzungskarneval (egal ob alterna-tief oder -flacher) immer wieder zu erleben ist... „Kabarett? Schön und gut - aber man muss ja auch ma ‘n Witz machen...“ Jürgen Becker hat das Possenreißen gelernt und hätte die tauglichen Qualitäten eines scharfzüngigen Hofnarrs zu Füßen des Kardinals, wenn denn Joachim Meissner für die besondere Spezies des rheinischen Humors empfänglich wäre. Das aber scheint Jürgen Becker - zu Recht - selbst zu bezweifeln. Für ihn ist der aus dem deutschen Osten importierte Kirchenfürst und Papstvertraute ohnehin eine Fehlbesetzung: Im Grunde nämlich sei "der Meissner" der einzige Protestant, der in Köln noch zu finden ist, wo selbst alle anderen Protestenten früher oder später quasi katholisch (geworden) sind. Die Kirche, der Klüngel, der Kölner, der Kardinal - Becker arbeitet sich an den zentralen K-Themen der Domstadt ab und schubst sein Publikum immer wieder in ausgelassenen Frohsinn. Er kennt sich aus im Innenleben des Rheinländers. Er stellt als Prototypen sowohl unbekannte Eingeborene (Hausmeister) als auch namhafte historische Gestalten der Region (Adenauer) vor, die mit ihrer Schlitzohrigkeit das Profil des „Rheinländers“ schlechthin geprägt haben. Und es sind beileibe Ausnahmetypen. Von schrägen Typen gibt es mehr. Gerade im Rheinland - wo sonst - verselbständigen sich die Wurzeln und dringen nicht nur nach unten, sondern greifen auch nach oben, wenn es darum geht, Imis zu assimilieren. Das wird spätestens dann überdeutlich, wenn das Publikum bereitwillig und schunkelfreudig in Karnevalslieder einstimmt, die außerhalb der fünften Jahreszeit längst die Qualität von Heimatliedern aufweisen. Do laachße disch kapott... Es tut doch so gut, wenn man dazu gehören darf... So gesehen wird man - ob man möchte oder nicht - eingefangen und eingebunden in die tiefschürfenden Abräumarbeiten der rheinischen Philosophie, die schon mit der „Idee“ als solcher zufrieden ist, und die deren Umsetzung in die Wirklichkeit (ob sie erfolgt oder nicht) als „Müßterium“ begreift („müsst isch?“ oder „müsst ma einer...“). Jürgen Becker genießt seine Expertenrolle vor einem fachkundigen Publikum und schwimmt in einer Welle von Zustimmung wie der Lachs im Rhein. Das darf keinen verwundern. Eine Überraschung gelingt ihm jedoch am Ende der Vorstellung - die eben genau damit einen weiteren rheinischen Akzent erhält: Er dirigiert den Publikumschor nicht nur zur rheinischen Mentalitätshymne „Drink doch eeine met“, sondern gönnt sich selbst am Ende das Vergnügen des spendablen Freibieranbieters: „Hässte och keei Jeld, dat is janz ejal - drink doch met un kömmer disch net dröm...“ Wer da immer noch keine gute Laune bekommen hat, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen... -------------------------------- The
Blues-Band Daumenkritik: Auch wenn wir nur denn zweiten Teil des Konzertes erlebten (Anka Zink hatte ihr Kabarett-Programm am selben Abend eher angefangen als die Blues-Band mit ihrem Konzert und war glücklicherweise auch eher fertig), nutzten wir die Chance einer Hörprobe, die uns nun Gelegenheit gibt, unsere Begeisterung über diese Alt-Herren-Mannschaft zu dokumentieren. Schließlich ist es nicht das erste Konzert, das wir erlebten, und der Eindruck hat sich lediglich verfestigt. Die britische Senioren-Truppe erheischt erkennbar alles andere als Respekt vor ihrer ruhmreichen musikalischen Vergangenheit. Dafür bieten sie zu großen gegenwärtigen Hörgenuss. Zwar haben die Mitspieler klangvolle Namen, weil sie schon in den sechziger Jahren in erfolgreichen Beat-, Rock- und Bluesformationen mitgemischt haben, und diese Namen haben nichts von ihrem Zauber eingebüßt. Doch mit ihrer Spielfreude erinnern die altgewordenen, gleichwohl junggebliebenen Burschen an Newcomer, die heiß auf Beifall und Erfolg sind. Dabei müssen sie sich und niemandem sonst noch etwas beweisen. Was sie können, wissen sie selbst und ihr Publikum längst. Natürlich nehmen sie die Strapazen einer Tour nicht nur zum Spaß auf sich - Kohle will verdient sein, wenn es mit den Tantiemen vielleicht doch nicht so üppig läuft. Aber den Spaß, den sie selbst erkennbar an ihrer Show - die nichts anderes ist als solider Blues - haben, geben sie ungefiltert an ihr Publikum weiter. Danke. Und wiederkommen. Unbedingt. -------------------------------- Nick
Nikitakis & Band Daumenkritik: Nick Nikitakis entert die Bühne wie ein Freund das Wohnzimmer seines Kumpels, pflanzt sich hinter das Mikrophon, umgeben von seinen Bandkollegen und Instrumenten und ruht dort - egal, was auch kommen mag - in sich selbst wie wohl weiland Diogenes in seiner Tonne. Er weiß, was er will, was er macht, was von ihm erwartet wird, und er stellt mit jeder Pore seiner Person klar, dass er sich durch nichts und niemanden von dem abbringen lassen will, was er sich selbst vorgenommen hat. Schon dies ist beeindruckend. Seine Art der Begegnung mit seinem Publikum, mit seinen Fans - seine gewinnende Art lässt niemanden entkommen - ist verblüffend. Er stellt Nähe her, ohne dabei auch nur einmal plump vertraulich zu werden. Er gewinnt durch eine Freundlichkeit, die nie verlogen oder aufgesetzt wirkt. Ihm gelingt es, die Aufmerksamkeit zwischen den Lieder stets auf neue in anderer, überraschender Art zu fesseln, als er es mit seiner Musik kann - und er kann es genauso mit seiner Musik. Seine Musik ist an diesem Abend Theodorakis - jedenfalls überwiegend, aber er zeigt auch, wo Theodorakis seine musikalischen Wurzeln hat, und wo die musikalischen Wurzeln von Nick Nikitakis sind, und das alles aus einem Guss: Auch Blues muss sein und soll sein. Und wenn sich die Stile kreuzen, welcher Songs passt da besser als "Crossroads". Der griechische Bouzouki- Bluesmann mit seiner unverfälschten kölschen Prägung, die auf der "schäl Sick" ihre Überlebensfähigkeit bewiesen hat, eignet sich Theodorakis und seine Kompositionen so an, dass jeder Sockel des großen Griechen seine Berechtigung verliert, weil er sie ja auch nicht nötig hat. Nick Nikitakis spielt Theodorakis ohne Bombast und Pathos, ohne den Bedeutungsballast eines Kulturereignisses oder eines in Nachschlagewerken sezierten Kunstwerkes (ganz gleich, ob sie nicht tatsächlich Anspruch darauf hätten, als solche bewertet zu werden) - dafür aber mit Herz und Spaß. Er spielt die Lieder wie Folkrocksongs aus Griechenland, genießbar und einschmeichelnd selbst für anglo-amerikanisch verklebte Gehörgänge und doch eigenständig auf seine eigene Weise, dass niemand auf die Idee kommen kann, hier bediene sich ein auf kommerziellen Erfolg schielender Gebrauchsmusiker bekannter und gängiger Klischees aus der Pop-Rock-Kiste, um Kohle zu machen. Er hat keine Scheu, ganz einfach Lieder zu spielen, weil sie "schön" sind, weil sie ihm gefallen und weil ihm gar nicht in den Sinn käme, sie könnten anderen nicht gefallen. Und er hat recht: Sie sind schön, selbst wenn man von diesem oder jenem Lied andere Versionen (von Vicky Leandros, Milva, Melina Mercuri) im Ohr haben sollte, die in ihrer erinnerten "Schönheit" seinerzeit nur übermäßig geschminkt waren. Auch diese Lieder recykelt er so, dass sie wieder genusstauglich werden. Sein "Verzell" aus seiner Jugend, wie bei ihm daheim Theodorakis als Thema immer wieder diskutiert wurde, genauso wie die Junta oder wie der ganz normale Alltag am Rhein oder die Besuchserinnerungen an Begegnungen in Griechenland, dies alles bringt den Menschen Nick Nikitakis zwischen seinen Liedern herznah an sein Publikum, so dass dieses gebannt an seinen Lippen hängt, und wenn er wieder seine Finger über das Griffbrett des (jawoll, es heißt DAS B.) Bouzouki fliegen lässt, folgen ihnen die staunenden Blicke auf dem Griffbrett. Ein Erlebnis, und das meine ich so. Noch ein paar Zeilen zur Band. Sie spielt mit, aber deckt Nick Nikitakis nicht zu. Sie ergänzt ihn so, wie es nötig ist, und kein Ton mehr, und das ist überzeugend. Schier unglaublich der Mann am Schlagzeug: Endlich mal jemand, der hinter seiner Batterie nur soviel an Ergänzungen zum Rhythmus beisteuert, wie es unbedingt nötig ist und kein Phon mehr, und trotzdem noch unüberhörbar, ohne die Mitmusiker dazu zu nötigen, die Regler mehr als erforderlich aufzudrehen. Klasse. -------------------------------- Tina Teubner Daumenkritik: Ich traue mich kaum, bin eingeschüchtert wie die Maus angesichts der vor dem Loch lauernden Katze. Schüchtern taste ich mich behutsam an erste Formulierungsversuche. Ich will ja nicht in die Schablonen tappen, auf den Klischees ausrutschen, die die Chansonette und ihr kongenialer Pianist so hinterfotzig grinsend ausgebreitet haben. Mit einer Zitatennummer aus Zeitungskritiken voller nichtssagender Floskeln haben sie Hohn und Spott über die Kaste der Kritiker gekübelt, zum Gaudi des Publikums - aber auch zur Abschreckung gefährdeter Nachahmungstäter? Mein Gott, wie fang ich bloß an, um nicht als einfallsloser Schmierpinsel durchzufallen und ebenso wieherndes Gelächter auszulösen. Schließlich hat man ja auch seinen Stolz. Jedes Lob klänge nach feiger Ranschmeiße, jede Boshaftigkeit nach beleidigter Leberwurst. Beides liegt mir fern. Na denn - sollen's die Bühnenpartner nehmen wie's mir kommt... Erguss - ob ergötzend oder nicht. Sind Chansons, klassisch präsentiert von Diseusen oder Chansonetten, von Flügelbetastern klimpernd unterlegt, eigentlich überhaupt mein Ding? Der Anfang des Programms bestätigt mich zunächst in Zweifeln. Ich merke kribbelnde Haut unter sich verhärtenden Nackenhaaren und wachsende Distanzierung angesichts theatralisch inszenierten Liedgutes, wobei mir egal ist, wer es verfasst hat oder vorträgt. Doch ich zwinge mich zur Konsumdisziplin und Toleranz gegenüber Artenvielfalt - schließlich komme ich vom Folk, den andere wiederum von der Kleinkunst noch weiter weg ansiedeln mögen als das Chanson. Also empfehle ich mir latente Sympathie, gehören wir doch schließlich alle zusammen, irgendwie. So eingestimmt bin ich leicht zu erobern - aber bedarf es dieser Zugangserleichterung? Denn (Achtung: Schablonengefahr) die beiden Akteure sind klasse und haben Klasse. Preise und Kritikerlob kommen nicht von ungefähr. Ben Süverkrüp - um zur Abwechslung mal mit dem Pianisten zu beginnen - spielt seinen Part als musikalischer Teppichknüpfer genauso perfekt wie den des nützlichen Ping-Pong-Partners in Dialogen, die ja eigentlich keine sind und keine sein sollen. Wird er verbal, reagiert er bescheiden aufs Stichwort und eröffnet der Primär-Künstlerin in der Bühnenmitte amüsante Einstiege in einzelne Nummern - das ist sicher nicht neu, legitim allemal. Vorwerfbar? Wieso sollte es? Dann die Teubner. Ach wie gut, dass sie Chansonette geworden ist und nicht etwa Mathelehrerin. Glück für sie, Glück auch für uns, ihr Publikum. Sie weiß es zu locken, zu necken, zu pieksen und sogar verhalten zu schocken - mit der nötigen Schüchternheit, mag die Verlegenheit auch gespielt sein, wenn es denn eine war, als sie vom "Fickenfickenficken" spricht. Macht nichts - es kam gut an, und es geht - rutsch - in die nächste Lach-Herausforderung, die mitunter auch makabere Klöße in den Hals schieben kann: Die Depression als besten Freund zu besingen hat Morbides. Kreisler hätte seine Freude. Und sich jemanden aus dem Leben zu lachen, oder die Pferde ziehen zu lassen, wenn's gar zu hart scheint, das sind Empfehlungen, die fast zu sehr unter die Haut gehen, als dass sie für eine schnelle Abfolge in einem Nummer-Programm einer Künstlerin mit der Lizenz für die Auslösung von Lachsalven tauglich wären. So gibt es auch Programmteile, die ohne Comedy-Tauglichkeit auskommen, und die sind besonders genießbar. Sie kann auch ernst, kann behutsam, hat auch Fingerspitzen - und das beeindruckende Talent, von einer Stimmung in die andere zu lotsen, ohne dass man sich verloren oder überrumpelt vorkommt. Respekt. Ebenso vor ihrer Vielseitigkeit als Instrumentalistin: auf der Geige, der Ukulele, dem Akkordeon und auf der Säge. Sie macht nicht den Eindruck, als käme es ihr darauf an, ihr Publikum zu verzaubern - aber sie tut's. Vielleicht ist das die Erklärung für ihre unglaubliche Bühnenpräsenz. Es ist mittlerweile ihr achtes Programm, das sie in den Rahmen ihres eigenen Geburtstagsfestes stellt. Herzlichen Glückwunsch. Die Künstlerin heißt Tina Teubner - Künstlername? Ich empfehle "die Teubner". Wär' wohl schon angebracht. Alle Achtung. -------------------------------- Lokua Kanza Daumenkritik: Ich bin kein Fachmann für die Bewertung von Weltmusik - aber ich will auch nicht kneifen. Also bleibt mir nur der Weg, mich aus dem Bauch heraus festzulegen, ob mir das Konzert gefallen hat oder nicht. Und selbst das fällt nicht leicht, wenn ich dem Künstler gegenüber gerecht sein will, denn schließlich ist Lokua Kanza offenbar nicht irgendwer, sondern in der entsprechenden Szene ein ganz Großer. Dass ich vor diesem Auftritt noch nie von ihm gehört hatte, mag gegen mich sprechen. Ich kann es nicht ändern und stehe dazu, Mut zur Lücke zu zeigen. Auffällig ist zunächst eine ungewöhnliche Besetzung der "Big Band", wie Lokua Kanza sie selbst ironisch nennt. Er ist der Singer/Songwriter und der einzige Gitarrist. Sein Instrument ist akustisch. Gesanglich unterstützt wird er von einer Senegalesin und seinem Bruder, der ab und an percussionistisch hilft, und ab und zu auch den Bass zupft. Und dann gibt es noch zwei weitere Percussionisten, die diese Musik offenbar auch benötigt. Es ist eine zugleich fremd und interessant, ebenso aber immer wieder auch eingängig einschmeichelnde Musik - eine exotische Popmusik, die mit Wohlklang ihren eigenen Reiz entwickelt. Lokua Kanza bereitet dafür geschickt mit entwaffnendem Charme den Boden. Seine Bemerkungen zwischen den Liedern sind sympathisch und herzlich. Man merkt, er mag sein Publikum und mag es auch, wenn er gemocht wird. Wer mag ihm da mitunter allzu plumpes Anbiedern vorwerfen, vergisst er dabei doch nie das Augenzwinkern. Aber er muss sich vorsehen, nicht den öligen Charme eines schmierigen Charmeurs zu versprühen, auf dem sich leicht ausrutschen lässt. Doch Fans haben ohnehin ihre eigenen Zugänge, um ohne Abstriche zu genießen, was ihnen gefällt. Wer will da mit distanzierten Kriterien eine Objektivität versuchen, die nicht zu gewährleisten ist. Lokua Kanza gelingt es, eine Stimmung, eine Atmosphäre zu erzeugen, die letztlich ihn selbst war umschließt. Da ist er geborgen, da kann er sich entfalten. Und auch imponieren. Vor allem sein Gitarrenspiel wird wohl jeden verblüffen, der es zum ersten Mal hört. Es ist anders, als man es sonst in der Pop-, Rock- oder Folkmusik hören kann, und dies fesselt - zunächst. Nach dem dritten, vierten, fünften Song hintereinander aber mit gleichklingender Gitarrentechnik hat sich die Überraschung verbraucht, der Reiz nutzt sich nach und nach ab und man beginnt zu warten. Worauf eigentlich? Auf Abwechslung im Neuen? Als Wirkung einer Überdosis? Paul Simon hatte sich vor zwanzig Jahren durch afrikanische Musik inspirieren lassen. Sie hat was, irgendwie, irgendwo. "Graceland" war Paul Simons beachtliches künstlerisches Folgeprodukt. Peter Maffay hatte sein auch bemerkenswertes und beeindruckendes "Begegnungen"-Projekt mit Musikern verschiedener Kontinente. Auch Lokua Kanza war dabei und ist so einem größeren Publikum in Deutschland als "Weltmusiker" mit formatradio-tauglichem Ethno-Pop bekannt geworden. Warum auch nicht. Wenn's denn dem Wohlbefinden dienlich ist. Und gute Laune verbreiten kann er - mit und ohne Musik. -------------------------------- Willy DeVille Daumenkritik: Willy DeVille im Bar-Sound. Zwei Begleitmusiker sind ihm genug: Pianist und Bassist rollen ihm einen sparsamen Klangteppich aus, den er gekonnt stimmlich und gelegentlich auf der Gitarre mit Ornamenten versieht. Mehr hat er gar nicht nötig, diesmal jedenfalls. Natürlich freut man sich, in Erinnerung früherer Konzerte, auch über mehr, aber man sieht, dass auch Minimalismus befriedigen kann. Willy verzichtet auf jeglichen Klang-Schnickschnack. Er nuschelt seine Zwischenansagen ins Mikrofon, als ob sie bestenfalls an seine Bandkollegen gerichtet wären. Publikum? Dass es da ist, scheint er gelegentlich doch zu genießen. Er hat Spaß an seinem Konzert, genießt die Musik genauso wie den Wein und seine eigenen, aus guter Laune entstandenen Einfälle. Er ist einfach gut drauf - und das überträgt sich auf die Bühnen-Kollegen und aufs Publikum. So macht Willy Spaß. Seine Stimme reibt und röchelt, krächzt und krümelt, dass es Gänsehaut auslöst. Er schmalzt und rockt, reiht offensichtlich Lieblingslied an Lieblingslied in einem Programm, das er offenbar wohl immer schon mal genau so zusammengestellt haben wollte. Schade nur, dass er sich für eine Zugabe zu schade war. So erkältet schien er jedenfalls nicht gewesen zu sein, als dass nicht noch ein oder zwei Songs mehr möglich gewesen wären. Der Preis hätte es allemal gerechtfertigt... +++ frühere Daumenkritik 29.7.2001 Konzert im E-Werk in Köln Daumenkritik: beide Daumen quer Mein drittes DeVille-live-Erlebnis. Die Bühne ist eng gestellt, die Band übersichtlich: neben dem Chef noch Git., Kontrabass, Drums sowie zwei Sängerinnen im Hintergrund. Die Töne sind halt doch manchmal arg hoch für einen Mann in fortgeschrittenem Alter. Aber er hat sich gut gehalten. Der Meister ist erkennbar gut drauf, wenn auch offenbar tourmüde. Darf er sein, denn es ist, so sagt er, das letzte Konzert der Tour. Und eigentlich will er nach Hause. Den zuvor übel traktierten Fans (s.u.) bietet er in bartlosem, morbidem Outfit (schwarz, Mantel, lange Mähne) mal schwarzen Deltablues, mal soften Texmex-Schmuse-Fox, häufig akustisch instrumentiert. Wer’s mag (wie ich), kam auf seine Kosten, vermisste bestenfalls mehr davon und hätte auf manches andere, darunter manche Saitenquälerei in überlangen Solis, verzichten können. Doch wenigstens Willy DeVille schien ab und an seinen Spaß daran zu haben, was aus seinem übermütigem Taktstampfen mit dem Fuß zu schließen war. Gut ein Viertel der Songs waren gut gecovert, darunter „This Is The Way We Make A Broken Heart“ von John Hiatt, aber auch Dylan und Elvis wurde ins Repertoire gegriffen - und zwar gekonnt. Die Stimmung war nicht so überschwänglich begeistert wie noch vor Jahren, aber vielleicht waren die Leute auch zu erschöpft, wegen der Hitze und dem sonstigen Beiwerk... Am Schluss zieht er den Mantel jedenfalls doch noch aus und hat bis dahin manchen erhofften Hit gebracht. Ist der Funke auch bis dahin nicht so recht übergesprungen, der Zugabenteil versöhnt: Er ist lang und vermittelt ungeteilte Spielfreude aller Musiker. Da klatscht man gerne. Bliebe der vermasselte Auftakt. Wer im Tourmanagement hat da versagt? Hört sich niemand mehr die Support-Acts an, ehe man sie der Meute zum Fraß vorwirft? Wenn jemand nicht singen kann, sein Instrument bestenfalls bescheiden beherrscht und als Textautor die frühpubertäre Phase kaum überwunden hat, muss das doch auffallen. Zumindest sollte dies bei Berücksichtigung einfachster Qualitätskriterien auch für Produktmanager der Musikindustrie erkennbar sein, selbst wenn sie auf Teufel-komm-raus jemanden pushen wollen. Die Platzierung der Mädels vor Willy war mehr als eine Zumutung - es war eine Frechheit gegenüber dem Publikum, und gegenüber den „Künstlerinnen“ eine Gemeinheit. Soviel Grausamkeit haben selbst Suzanne und Constanze nicht verdient. -------------------------------- Richard Bargel Daumenkritik: Natürlich bin ich nicht objektiv - wie sollte ich auch, wenn Richard Bargel, der als Blues-Sänger schon im Herbst 2000 unser "Besenkammer"-Gastkünstler war, erneut unsere Wohnzimmer-Spielstätte beehrt. Diesmal hatte er ein anderes Programm zu bieten: Der "Werwolf" hockte bei uns auf anderthalb Quadratmetern Bühne, heulte aber mitnichten "leise blaue Lieder", sondern offenbarte in schonungsloser Ehrlichkeit seine Säuferkarriere. Er hat sich seiner Sucht gestellt, hat seine Sucht gestellt und stellt sich mit dem, was ihm in der Folge dieser Auseinandersetzung mit sich und seiner Sucht künstlerisch-kreativ gelungen ist, erstmals einem Publikum, das nicht "vom Fach" ist und keine hinreichenden einschlägigen Erfahrungen gesammelt hat. Richard Bargel ist Alkoholiker, und seine Art mit diesem Thema umzugehen und es für seine Mitmenschen - egal ob "fachkundig" oder nicht - aufzubereiten, ist imponierend. Da sitzt kein versoffener Penner oder zerknirschter Kleinbürger, der mit sich und seiner Krankheit hadert, sondern ein Künstler, der aus der Anstrengung, die der Kampf mit der Flasche unweigerlich erzwingt, noch genügend Kraft für Kreativität schöpft. Richard Bargel setzt sich auseinander: mit Fragen, Gedanken, Blicken, mit Verwunderung, Neugier, Unsicherheiten und Dummheiten - nicht nur von anderen, sondern auch den eigenen. Es ist der andauernde Versuch einer Positionsbestimmung und -bewahrung angesichts anhaltender Herausforderungen. Und die gelingt ihm mal in einer Direktheit, die sprachlos macht, und mal mit einem Augenzwinkern, dass man sich als betroffener Zuhörer sogar traut, über ein ernstes Thema zumindest zu schmunzeln. Blues singt er auch noch. Und wie. Als wenn er den Deltaschlamm nicht von den Stiefeln bekäme. Wer die Augen zu macht und sich ganz auf das Gehörte konzentriert, wahrt seine Chance auf einen Film im Kopf, der sicherlich nicht seinen Handlungsschauplatz in Köln am Rhein hat. Eine "schwarze Stimme", die bluesiger nicht sein kann, ergänzt sich mit einem Gitarrenspiel, das den Saiten Stimmungen entlockt, die jeder Blues-Legende entsprechen. Mit Bottleneck oder nicht - wenn Richard dazu stampft, gibt es kein Halten. Doch er fächert ein breites Spektrum des Blues auf - nicht nur laut und kratzig, auch leiser, den empfindsameren Themen entsprechend, die er in den Texten aufgreift. Er hat eine ganze Reihe eigener Songs im Repertoire, die den Klassikern in Nichts nachstehen. Mit ihnen und mit den übernommenen Songs beweist Richard Bargel eindrucksvoll, dass Blues nicht zwangsläufig heißen muss, mit unendlichen Solis auf wehrlosen Saiten das sparsame Zwölf-Takt-Schema phantasielos zu quälen. Richard Bargel konzentriert den Blues auf das Wesentliche, und er bringt ihn akustisch. Schlicht: Ein Erlebnis. homepage: hier -------------------------------- Margaux und die
Banditen Konzert am 1.3.2002 im Theater am Sachsenring in Köln Daumenkritik: Margaux Kier entert die Bühne, als ob sie nie woanders gestanden hätte. Sie singt, tanzt und könnte - wenn sie wollte - ihre drei Musiker locker im Nichts verschwinden lassen, aber sie lässt sie nicht fallen oder abtauchen. Ihre drei Männer - an der Gitarre, am Bass und am Klavier - machen mehr als Musik. Diese ist zwar etwas zu laut, aber Margaux hat damit einen Soundteppich, über dem sie schweben kann. Margaux Kier ist eine faszinierende Frau mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz. Man möchte ihr glauben, dass sie nie etwas Anderes getan hat und tun wird: Ein Publikum mit ihrer Ausstrahlung, ihrer Stimme, ihrer Mimik und Gestik so zu fesseln, dass der Rahmen kaum mehr existiert. Da sitzt jede Bewegung, jede Kopfdrehung, jeder Augenaufschlag und verspricht Leidenschaft. Ob im Scheinwerferkegel oder nicht, versprüht sie Erotik pur, ohne auch nur einmal ins Vulgäre oder Ordinäre abzugleiten. Den obersten Miederknopf, die Reißverschlüsse der Ärmel - sie öffnet sie, bewegt sich im Gesang, dass Inhaltsangaben des Liedtextes nur bestätigen können, was man vermutet hat. Margaux singt nicht nur ihre Lieder - sie inszeniert sie, aber ohne daraus oder drum herum ein Zuviel an Theater zu machen. Wohldosiert schafft sie die schwierige Aufgabe, einem hierzulande vermutlich überwiegend sprachunkundigen Publikum mit ihren polnischen Liedern soviel Emotionen zu erschließen, dass man nicht umhin kann, mit zu fühlen, mit zu leiden, mit zu sehnen. Mal knapp, mal so ausführlich wie nötig, doch immer in poetischer Form, entschlüsselt sie die Inhalte, ergänzt sie sparsam mit deutschen Liedern, die in den Rahmen, in das Konzept passen, fügt eins harmonisch zum anderen. "...und ewig wollen wir tanzen" heißt ihr Liederabend. Er wird angekündigt als Begegnung des polnischen und deutschen Chansons, als Programm voller übermütiger Lebensfreude, durchdrungen von dem Schauer der Vergänglichkeit. So ist es - und das ist beeindruckend. Die Schauer der Vergänglichkeit - musikalisch verschwenderisch mit Moll ausgestattet - kommen im ersten Teil vielleicht ein wenig geballt, doch ehe man sich so tief in ihnen verliert, dass ein Entkommen nicht mehr gelingen will, weist Margaux der melancholischen Stimmung den Weg in die verheißene Lebensfreude. Und dort anzukommen, ist Zufriedenheit satt. -------------------------------- Franz
Josef Degenhardt Konzert am 26.2.2002 im Pantheon in Bonn Daumenkritik: Franz-Josef Degenhardt ist schlicht eine, wenn nicht die deutsche „Liedermacher-Legende“ (auch wenn nicht er, sondern Biermann diesen Begriff „erfand“) - und er wäre nicht der, der er ist, wenn er dies nicht wüsste und zeigte. Schlicht, aber souverän bewegt er sich auf der Bühne, begleitet von seinem Sohn Kai, der längst die musikalische Regie übernommen hat, ohne dem Vater nach außen hin die Führungsrolle streitig zu machen. Der inzwischen betagte Künstler bleibt sich treu in einem Umfang, der zugleich beeindruckt und ratlos macht. Die ausgetüftelte Begleitung auf den sechs Saiten seiner Gitarre steht in krassem Gegensatz zum spartanischen Klangbild, das in Kombination mit dem knarrzig-knurrigen Textvortrag entsteht. Gesang? Wer definiert, wann der beginnt und wo der aufhört... Es ist ja nicht die Musik, die bei Degenhardt die Musik macht - es sind die Inhalte der Texte. Das ist so selbstverständlich, dass er sich nicht mal mehr die Mühe zu machen scheint, die Worte verständlich über die Lippen zu bringen. So bleiben viele Mosaiksteinchen des Inhalts irgendwo zwischen den gefletschten Zähnen des alten Bärbeißers und dem Mikrophon auf der Strecke. Akustische Silbenrätsel, die der Zuhörer selbst lösen muss. Er spricht mehr als er singt, doch anders als die amerikanischen Folkies oder der von ihnen eher beeinflusste Hannes Wader greift Degenhardt nicht zum musikalischen Transportmittel Talking Blues. Er bleibt dem verhaftet, was ihn wohl immer geprägt hat: Mehr dem französischen Chanson als dem Folk, mehr dem Jazz als dem Blues. Väterchen Franz(-Josef) Degenhardt macht als Chronist beileibe keinen versoffenen - dafür aber über weite Strecken seines Konzertes einen unversöhnlichen, ja nahezu verbitterten, gnadenlosen Eindruck. Dies aber steht in eigenartigem Gegensatz zur Milde, die in neueren Liedern durchschimmert, in denen eher gegenwartsbezo- gene, altersgeprägte Themen dominieren. Diese Lieder sind seine stärksten, beweisen sie doch seine Gegenwärtigkeit und seine Offenheit für das, was noch kommt - eben die Zukunft. Doch wie wohl häufig bei Menschen älterer Generation (und er hat immerhin die siebzig überschritten) klebt auch Degenhardt so wie die von ihm besungenen Typen - ob sie nun „Väterchen Franz“ heißen oder „Senator“ sind - an und in der Vergangenheit. Es muss was dran sein, dass Kindheit und Jugend nur schwer aus dem Gedächtnis zu tilgen sind, dass Erlebnisse und Eindrücke aus dieser Zeit den Rest des Lebens prägen. Zu jung gewesen für den Fronteinsatz, knabbert Degenhardt wohl bis ans Ende seiner Tage an den Verbrechen der Nazizeit - jener Ära, in der die Generationen seiner Eltern und Großeltern so viel Schuld auf sich geladen haben. Hier bleibt der Liedermacher ein nahezu traumatisierter Antifaschist, der offenbar nicht anders kann als in mindestens drei von vier Liedern früher oder später irgendwann bei seinem Thema zu landen: Den alten und den neuen Nazis, den erschossenen Deserteuren, eingemauerten Juden, gemordeten Partisanen, verfolgten Kommunisten, bei seinen Helden der Gegenwart, die trotzig die Stirn bieten und ihre Wurzeln im Klassenkampf nicht verleugnen. Überraschend eigentlich die Selbstironie, mit der er sich dann doch in einem Lied dem Spott einer jungen Französin stellt, die seine „Geschichten aus der Zeit von Asterix - macht ja nix“ bestenfalls als Folklore wahrnimmt. Was den einen die Kameraden-Erlebnisse aus den Schützengräben („weißt Du noch, damals, siebzig/einundsiebzig“), sind für andere eben die Kumpanen-Gelage mit kollektivem Abscheu über vorangegangene Verbrechen, ganz gleich ob die Becher auf der Waldeck, beim Pressefest der UZ oder wo auch immer rundgingen, um die Scham zu ertränken. Degenhardt bleibt ein Kriegskind, das sich in der Apo-Zeit mit der Vorgängergeneration überwarf und - dies nun sein individueller Weg, den zwar viele andere auch gingen, der gleichwohl aber nicht zwangsläufig war - letztlich bei der DKP landete. Dies blockiert ihn und verstellt ihm wohl bis heute noch den Blick auf gegenwärtige, erstaunlicherweise weder von Deutschen noch von Amis oder Kapitalisten verübte Scheußlichkeiten. Bin Laden und sein Netzwerk - für Degenhardt offenbar mitnichten eine neue Dimension, sondern der Nachfolger des schon von Karl Mai beschriebenen fanatischen Schurken Mybarek. So what... Degenhardt war und bleibt nicht nur ein politischer Sänger - er ist ein parteiergreifender Künstler ohne Polarisierungsscheu, der keine Zweifel daran lässt, dass seine Sache die gute Sache ist. So ist er - so muss man ihn zu nehmen wissen und nehmen: Mit Gelassenheit und Nachsicht für den Meister der scherenschnittscharfen Schwarzweiß-Malerei. Anders ist er nicht genießbar. Doch wollen wir nicht so gnadenlos sein wie er selbst: Er verblüfft tatsächlich mit seinen Ansätzen zur Nachsicht, wenn er sich als alter Mensch mit Gegenwart und Zukunft auseinandersetzt. Die ehemalige Partnerin aus grauer Vorzeit, mit der er sich so weit auseinandergelebt hat, dass nur die Vorliebe für Schalke als Gemeinsamkeit geblieben ist - beim zufälligen Wiedersehen nach Jahrzehnten und gemeinsam bilanzierten Unvereinbarkeiten umarmt er sie am Ende doch. -------------------------------- Gisbert
Haefs: "Roma - Daumenkritik: Gisbert Haefs ist ein vielseitiger Autor und Übersetzer, der neben (Matzbach-)Krimis und Science Fiction-Stoffen auch das Genre der historischen Romane süffig zu beackern weiß. Sein Erstling dieser Gattung, "Hannibal", ließ 1989 eine historisch verbürgte Gestalt lebendig werden und nahm die Leser mit über die Alpen auf dem legendären Feldzug gegen Rom. Mit dem Doppelschlag "Alexander", dessen zweiter Teil mit plastischen Schlachtengemälden gegen den lebendigeren ersten etwas abfällt, jonglierte er 1992 gekonnt weiter in diesem Metier. 1997 setzte er mit "Troja" ein absolutes Glanzlicht, ehe Haefs 1999 mit "Hamilkars Garten" eine in Karthago angesiedelte Alternative zu den Rom-Krimis anbot, mit der er nicht weniger zu fesseln vermag als die Autoren John Maddox Roberts oder Lindsey Davis. Doch wenn Roberts seine Handlungen den bekannten Überlieferungen aus der Kriminalgeschichte der Epoche von Caesar, Cicero und Catilina entlehnt, Lindsey Davis ihre Handlungen mehr als hundert Jahre später zu Zeiten Vespasians geschehen lässt, taucht Gisbert Haefs in das alte Rom des Philosophen auf dem Kaiserthron. Dort spinnt er eine Geschichte, die nicht Geschichte ist, aber Geschichte hätte sein können. Ein Mordanschlag auf den Kaiser, weil dieser eben anders ist als seine Vorgänger, mit Verstrickungen von erfundenen Hauptakteuren und historisch belegten Gestalten, soll verhindert werden. Gisbert Haefs schwelgt in satten Handlungseinfällen und sprachkulinarischen Kabinettstückchen der Formulierungskunst, dass es eine Lust ist, seinen Zeilen zu folgen - bis, ja bis er sich ab und an soweit in die Vertüftelung verliert, dass man als Leser den Absatz noch mal beginnen muss. Dann ist der Faden eben weg. Es ist kein Lesestoff, der mit leichter Hand vorlegt, was müde Feierabendleser ohne große Anstrengung konsumieren können. Ein wenig Aufmerksamkeit muss man schon aktivieren, um den kompletten Genuss an der Lektüre zu erleben. Dann aber wird das kaiserliche Rom, werden die rechtschaffenden Hauptfiguren - ein junger Wachoffizier und eine Schauspielerin, die einander näher kommen - , die schurkischen Hofschranzen und unentbehrlichen Randfiguren quicklebendig. Für diejenigen, die sich gern in die Vergangenheit führen lassen, ein Schmökervergnügen. -------------------------------- Stunksitzung
2002 Programm am 8.2.2002 im E-Werk, Köln Daumenkritik: Hebt man sich den Besuch auf für einen Abend in der Nähe der heißen Phase, gibt's vorher Verwirrung gratis dazu. "Nicht so gut wie letztes Jahr", "mir hat sie gut gefallen", "nicht so gut wie sonst", "einsame Spitze". Über die Jahre konstant bleibt - darauf kann man sich einstelle - nur der Frust über die vielen vorab besetzte Plätze im Saal, wenn man sich, nach mehr als halb so langer Anstehzeit wie die gesamte Vorstellung dauert, doch wieder auf einer der hinteren Bänke wiederfinden kann. Aber ein paar Jahre haben wir auch zu den Auserwählten gezählt - deshalb halten wir unser Meckern im Zaum. Konstant ist und bleibt auch noch mehr - soviel Ehrlichkeit muss sein. Zunächst und vor allem die grandiose Qualität der Showband "Köbes Underground". Allein sie rechtfertigt das lange Anstehen. Wie auch immer die Auswahl der Songs vonstatten geht: Es ist die halbe Miete, denn die Stimmung wird im guten Sinne zum Brodeln gebracht. Die kölschen Texte mögen zwar dazu gehören, sind aber nicht so entscheidend wie der perfekte Köbes-eigene Sound, der sich musikalisch nicht auf eine gelungene Coverversion beschränken lässt, sondern ein Knaller eigener Art ist. Und dann ist da noch eine besondere Begabung des Ensembles. Unter den einzelnen Sketchen, deren Niveau mitunter extremen Schwankungen unterworfen sein mag, sind immer wieder Nummern, die emotionalen Schauer auszulösen vermögen, die schlucken lassen und ans Herz greifen. Sie bewirken eine eher sentimentale Gefühlsregung, mit der man gerade hier im Zentrum des gegen den Strich gebürsteten Frohsinns genauso wenig rechnen muss wie im Auge des jecken Wahnsinns beim Sitzungskarneval traditioneller Art oder im Rosenmontagszug. Solange dies den Stunkern immer wieder gelingt, sind sie unschlagbar. Dafür bin ich bereit, über offensichtliche Unterschiede in den schauspielerischen Talenten der Darsteller oder über Geschmacksverirrungen in der Nummerngestaltung oder über Pointen, die treffsicher unter der Gürtellinie landen, hinwegzusehen. Ärgerlich ist der Verrat guter Pointen in den lokalen Printmedien. Man merkt, das Vergnügen ist deutlich geschmälert, wenn man über den Witz schon am Frühstückstisch gefeixt hat. Deshalb hier keine Aufzählung von Einzelheiten - mit einer Ausnahme, denn da liegen die Stunker einfach falsch, auch wenn das zunächst ausgelöste Gelächter das Gegenteil nahe legt: Otto Schily ist kein Schläfer der CSU. Mag sein, daß er CSU-Politik betreibt, doch sammelt er damit eher Pluspunkte für Schröder als für Stoiber. Die Schläfer der CSU sind eher auf Referentenebene in den rot-grün geführten Ministerien geparkt oder verdeckt aktiviert worden, wo sie ihren Schwachsinn verzapfen, der die Wähler in Scharen ins klerikal-konservative Lager treibt - beispielsweise im Familienministerium, aus dem nun der Vorschlag kommt, den Jugendschutz so aufzuweichen, dass 14jährigen Zugang zu Diskotheken gewährt werden soll. Aber damit sind wir auf einer anderen Baustelle... siehe meinen Kommentar vom 9.2.2002: Aufgeweichter Jugendschutz? Doris, nu sach Du ma was! -------------------------- Fatal Banal Programm am 26.1.2002 im Bürgerzentrum Ehrenfeld, Köln Daumenkritik: Den beste Spruch vorweg verraten: „Mir ham auch ohne Schpass Alkohol!“ Jawoll. Was im Bürgerzentrum Ehrenfeld auf die Bühne fand, war amüsantes Amateur-Kabarett zum Karneval, das sich natürlich nicht an der Professionalität der Stunksitzung messen lassen darf. Man soll ja nicht Birnen veräppeln. Die einzige formelle Gemeinsamkeit dieser Alternativ-Karnevalssitzungen ist das Schema eines Nummernprogramms anlässlich der 5. Jahreszeit, bei dem die Sketche voneinander abgesetzt werden durch die fröhliche Livemusik einer auf Stimmungserwartungen eingestellten Band. Aber auch den "Trauzeugen" täte man bitter Unrecht, wollte man sie an Qualitäten von Köbes Underground messen. Der Rahmen für die Herausforderer im BüZe ist deutlich intimer und macht das Ereignis im Grunde genießbarer als die Herausforderung im E-Werk. Gleichwohl hat man die Erwartungen gebremst zu halten, denn „Fatal Banal“ ist nicht nur der Name, sondern streckenweise auch das Programm in seiner Qualität. Macht aber nichts, denn die gute Laune hat man sowieso schon mitgebracht, der Frohsinn bleibt vorsätzlich nicht an der Garderobe und - wie gesagt - kommt es schlimmer, haben wir „auch ohne Schpass“ zu trinken. Ein Oberjeck führt mit eigener Liebenswürdigkeit durch den Abend und balanciert sich amüsant über kleine Vergesslichkeiten, die dem Programm eher Charme geben, als dass man sich daran stören könnte. Das erkennbare Vergnügen der Mitwirkenden, gesteigert durch situationsbedingte ungeplante Zuspitzungen, steckt an und gleicht aus, was durch Schwächen der „Trauzeugen“, vor allem bei der Titelauswahl, an Stimmung verloren geht. Was fehlt, aber auch erst im Rückblick vermisst wird, ist die Sprachlosigkeit angesichts genialer Einfälle, an die man sich als regelmäßiger Konsument der Stunker nur zu gerne gewöhnt hat. Doch wir haben versprochen, nicht unfair zu werden. „Fatal Banal“ hat „Schpass“ gemacht und rechtfertigt Zeit und Geld allemal - mit oder ohne Alkohol. ---------------------------- Ariane
Baumgartner Konzert am 25.1.2002 im Rundbau des Tennis- und Hockeyclubs Rot-Weiß Köln Daumenkritik: Klassische Singer/Songwritertradition der siebziger Jahre hatte der organisierende KunstSalon versprochen, in dessen Programm „Musik in den Häusern der Stadt“ dieses Konzert eingereiht war. Ariane Baumgartner wurde mehr als vollmundig als nahezu geniale Tastenkünstlerin und Vokalartistin angekündigt - womit man weder ihr als Künstlerin, noch sich selbst als Veranstalter einen Gefallen tat. Die Qualitätsmeßlatte wurde dadurch in Höhen gepuscht, die für Ariane Baumgartner fern jeder Erreichbarkeit lagen. Zu klischeehaft die Harmonien, zu hausbacken-poppig die manierierten Interpretationen der eigenen Mainstream-Lieder oder der Fremdkompositionen wie „Every Breath You Take“ von Sting, die eher die Grenzen der Künstlerin aufzeigten als ihr Können unterstrichen. Die kaum beeindruckende Präsentation stand in eigenartigem Kontrast zum Getue an den Tasten und vor allem zwischen den Songs. Da vor allem wurde die Peinlichkeit schier unerträglich und ließ Zweifel an den Kriterien wachsen, nach denen der KunstSalon sich sein Programm zusammenstrickt. Selten hat mich dilettantischeres Gestammel und belästigenderes Gelaber zwischen einzelnen Songs fassungsloser gemacht. Hat Ariane Baumgartner nicht mehr zu ihren Liedern zu sagen als nichtssagendes Geblubber? Hier sind Erwartungen enttäuscht worden. Heftigst nach unten gestreckte Daumen für die Organisatoren und ihre vollmundigen Verheißungen, die jedes Augenmaß vermissen ließ. Schlimmer kann man keine Hypothek aufbürden. Und dann noch der Alptraum für Künstler schlechthin: Ein nicht zu bändigendes quengelndes Kind aus der Gastgeberfamilie während des Vortrages. Das ist auch einer Ariane Baumgartner nicht zu wünschen. -------------------------- Sammy Vomácka
- Konzert am 5.1.2002 im Cafe "Kram" in Köln-Deutz Daumenkritik: Er war weiß Gott nicht zu beneiden, der Ragtime-Gitarrist der deutschen Gitarrenszene schlechthin. Sammy Vomácka, seit Anfang der siebziger Jahre in Deutschland und auf den Bühnen überall zu Hause, hat schon bessere Arbeitsbedingungen vorgefunden als in diesem Cafe auf der Kölner "schäl Sick": Es war offensichtlich zu eng, deshalb vermutlich zu klein, gewiss aber zu laut - nicht die Musik, nicht etwa Sammy, sondern die Leute, was den Tresenmann und seine Gäste gleichermaßen einschließt. Nur dies begutachtet, gäb's für die Rahmenbedingungen glatt beide Daumen runter. Aber wir bewegen die Daumen schließlich für die Kunst, nicht für den Rahmen. Was Sammy Vomácka zu bieten hat - "das geht so ungefähr": Er klemmt sich hinter seine Gitarre, macht eine launige Ansage - und spielt dann diejenigen, die sich darum bemühen seinen Fingern zu folgen, allein schon optisch schwindelig. Seit er die berühmt-berüchtigte "Berliner Szene" bereicherte und seinerzeit Konkurrenten und Publikum beeindrucken konnte, hat er seinen Stempel weg - und was bleibt ihm nun übrig, als die daraus erwachsenden Erwartungen zu erfüllen, zumindest zu einem nennenswerten Teil des Gesamtprogramms. Seine Finger juckeln flink wie Mäusebeine übers Griffbrett, und wenn er Scott Joplin zum werweißwievielzigtausendstenmal von den Pianotasten auf die Saiten verlagert, hat das schon was. Aber Sammy Vomácka selbst lässt Bitterkeit durchschimmern, wenn er darüber witzelt: "Einmal Ragtime - immer Ragtime". Er will gern zeigen, dass er mehr drauf hat - und besteht darauf, dass eben jeder Künstler seine "Message" habe. Und so verzichtet er nicht darauf, sein Publikum auch mit dem zu konfrontieren, was ihm inzwischen wesentlich näher liegt als der totgepickte "Entertainer": Jazz nämlich. Auch das kann er auf der Gitarre spielen. Und wie. Mag sein, dass es Nichtgitarristen weniger beeindruckt. Schließlich pickt dann nämlich nicht jemand maschinengleich seine Töne runter, sondern kann Akzente setzen, rhythmisch phrasieren, improvisieren. Mag der Wiedererkennungswert der Kompositionen auch geringer sein, Sammy Vomácka lässt sich Gott sei Dank dadurch nicht davon abhalten, "sein Ding" durchzuziehen - in eben dem Stilmix, den er für richtig hält - "...und der geht so ungefähr...": ein bisschen Blues, ein bisschen mehr Jazz und, weil's ja doch sein muss, eben auch ein paar Happen Ragtime. Aus allen dargebotenen akustisch-kulinarischen Offerten fühlen sich die Ohren verwöhnt. Und Spaß macht es obendrein, zwischendurch ihn selbst mit Stimme zu hören, nicht nur wenn er singt (was er eigentlich nicht kann, aber das macht gar nichts), sondern gerade wenn er kurzweilig ins Plaudern gerät. Wie gesagt, zu beneiden war er nicht: Kurzfristig eingesprungen auf dieser zweifelhaften Bühne für Roger Sutcliff, wehrte sich Sammy Vomácka tapfer gegen das mehrfach vorgetragene Ansinnen, doch den Verstärker lauter zu drehen: "Mach ich lauter, werdet Ihr lauter". Den Teufelskreis hat er nicht nur sich erspart, sondern auch allen, die ihrerseits redlich bemüht waren, sich den Hörgenuss nicht durch den Lärm drumrum vermiesen zu lassen. Helmut Pinckert
ist der Wirt des Cafe Kram -------------------------- Konrad
Beikircher am 24.11.2001 in der Tonhalle Düsseldorf Daumenkritik: Das war sie also, die sechste Versuchung der rheinischen Trilogie des Lingu-Kabarettisten Konrad Beikircher. Immer noch gilt und sei so gegönnt: Er füllt die Hallen und erfüllt die Erwartungen. Die aber orientieren sich halt stets - wie wohl immer bei angesagten Fortsetzungsgeschichten - an den bekannten und gut im Gedächtnis bewahrten Vorläufern. Und da liegt ein Problem. Wer im Grunde kennt oder zu kennen glaubt, was ihn erwartet, erwartet nur noch eine Bestätigung seiner Erwartungen. Wenn er das dann auch kriegt, ist er zufrieden - aber begeistert? Irgendwie sitzt man am Ende in den Sesseln, fühlt sich zwar gut gesättigt - aber grübelt doch darüber, was da jetzt gefehlt hat, weil der Erstgenuss in der Erinnerung "irjenswie" deutlich größer war. Dä! Der rheinischen Frohnatur zu Leibe zu rücken, ist ein durchaus kurzweiliges Unterfangen und lässt auch für Nicht-Rheinländer ein paar genussvolle Lacher abfallen. Er, der Import-Südtiroler, der wie kaum ein anderer in die Verwerfungen der sprachlichen und menschlichen Eigenarten der Eingeboren hineingetaucht ist, geht ja herzlich, sogar liebevoll mit jener Spezies um, die in der Köln-Bonner-Bucht, der "Nuss" des Rheinlandes ihr Zuhause sieht. Aus sprachlichen Kuriositäten schließt er rasiermesserscharf auf kuriose Charakteristika, beleuchtet nicht nur die Erkenntnisse eigener Exkursionen in die Untiefen der rheinländischen Seele, sondern spiegelt sie von allen Seiten in das humorvoll therapierte Publikum zurück, sei es nun in genau der erforschten Region, den benachbarten Randbezirken ("Düsseldorf!") oder dort, wo man die Menschen aufgrund ihrer rheinlandfernen Daseinsumstände nur noch bedauern soll ("Bielefeld"!). Lacher garantiert das allemal. Doch ist es nach mehrfachem Konsum dieser Art Annäherung an Typen und Traditionen, an Schwächen und Stärken, an Liebenswürdigkeiten und Eigenarten wie häufig nach kulinarischen Genüssen, die aus Großküchen kommen: Man verklärt die längst vergangenen Urreize, die ersten Gaumenfreuden, die aus nicht erwarteter positiver Überraschung erwachsen waren. Oder mit einem anderen Bild: Schien die erste Folge noch maßgeschneidert, wirkt spätestens der dritte Anzug wie Konfektionsware von der Stange. Und dann fallen doch auch Längen und Wiederholungen auf, die den Abend länger als nötig dehnen. Es ist doch, bei aller Professionalität des begnadeten Alleinunterhalters mit imponierender Bühnenpräsenz auf Dauer nicht mehr als Wortgeklingel, auch wenn Beikircher den Mikrophonständer umtänzelt und sich stimmlich, mimisch und gestikulierend ins Zeug wirft. Und damit sind es harte Nüsse, die da geknackt werden. Wer ein langen Arbeitstag hinter sich hat, rutsch dann schon mal von einer Pobacke auf die andere. Der große Wurf auf Wolke sieben der Begeisterung will eben nicht mehr klappen. Man geht mit weniger nach Hause - nicht gerade enttäuscht, aber auch nicht mehr taumelnd vor Begeisterung. -------------------------- Ina
Deter Ina Deter - ach ja, die Göre mit der Röhre? Die Rock-Feministin mit Bedürfnissen nach neuen Männern für's Land? Schnee von gestern, und der war im Grunde schon vorgestern Matsch. Heute kommt diese quirrlige Künstlerin uns als Inkarnation der Piaf. Sie bringt selbst denen die große Chanteuse nahe, die nichts über sie wissen, bestenfalls ein paar Melodien wiedererkennen. Milord, na klar, Padam padam, und was noch? Man hat dies und das gehört: Klein war sie und doch ganz groß. Verlottert, verludert, vergöttert und verloren. Ina Deter hat sie sich - für sich und für uns - angeeignet und läßt nun ihr eigenes Publikum erahnen, was für ein Vulkan die Piaf gewesen sein muß. Grandios - gestern die Piaf, heute die Deter. Aber Ina Deter versteckt sich nicht als bloße Interpretin hinter einem übergroßen Monument. Sie verschwindet nicht hinter den Liedern, die sie der Piaf entwendet und mit eigenen Worten zu ihren höchst persönlichen Liedern gemacht hat. Sie singt sich mit ihren selbst geschriebenen Sätzen und mit ihrer eigenen gewaltigen Stimme unter die Haut - eindringlicher als wohl je zuvor in ihrer Karriere als rockende Lieder- und Powerfrau. Sie findet elektrisierende Textpassagen, die wie Messerstiche tief ins Innere dringen - dort aber keine Wunden hinterlassen, sondern größtmögliche Nähe schaffen. Da wirkt etwas zusammen. So holt "die Piaf" aus "der Deter" vermutlich mehr raus, als Ina je geglaubt haben mag, in sich zu tragen. Danke, Edith. Oder hat sie es geahnt? Schon 1982, als Ina Deter die Piaf besungen hatte, die Rockerin die Chansonsängerin. Wahrscheinlich braucht so ein Vorhaben seine Reifezeit, und daß sie damals - mitten in der neuen deutschen Welle - keinen oberflächlichen Schnellschuss zur Würdigung und Verehrung der Französin losgelassen hat, der nur Gefahr gelaufen wäre, zum Rohrkrepierer zu werden, sei heute mit Erleichterung vermerkt. So fügte und fand sich eines zum anderen: Die gewachsene eigene künstlerische Reife, wohl auch teuer bezahlt über Jahre hinweg als Darling der Feministinnen, die aus dankbarem Jubel über die richtige Aussage den Bruch zwischen Lyrik und voller Klangdröhnung gar nicht bemerken. Nun die kongeniale Combo zur zeitgemäß recycelten Musik, die das Spektakel zum Erlebnis und Hörgenuss werden läßt. Lapidar stellt Ina Deter gleich nach dem ersten Chanson fest, es gebe immer zwei Zeitpunkte, den richtigen - und den falschen. Sie selbst habe das Gefühl gehabt, in der Vergangenheit immer den richtigen Zeitpunkt verpaßt zu haben, immer zu spät dran gewesen zu sein. Nun aber fühle sie erstmals, der Zeitpunkt sei richtig. Stimmt. Er passt, wie aufs Fingerschnipsen. Sie verschafft von der Bühne aus ihrem Publikum - geschlechterübergreifend - Glücksgefühle, die passend beglichen werden: Langanhaltender Beifall, stehend, mit Blümchen. Einziger Einwand: Warum nicht mehr Blumen? Am 13. Juni 2002 ist sie im Pantheon in Bonn. Nicht verpassen! Auf keinen Fall! Vormerken!!!. -------------------------- Rainer Pause und Martin
Stankowski: Daumenkritik: Die Idee hat was, sich gerade in diesem Thema mit Witz und Lust zu suhlen, über das gemeinhin die trübe Decke des (Ver)Schweigens gezogen wird: Der Tod. Solange kein trauriger Anlass gegeben ist, sich unfreiwillig damit auseinander setzen zu müssen, ist leichter lachen und kann man auch der Vorstellung Sympathie entgegen bringen, sich gerade in Trauerhallen gut unterhalten zu lassen. Der Tod als volkskundliches und kulturhistorisches Phänomen von nahem beleuchtet, um ihn kabarettistisch zu sezieren. Wie gesagt: gute Idee. Wenn da nicht die tot gerittene Masche des einfach nur noch nervigen Vereinspräsidenten Fritz Litzmann wäre, der für Rainer Pause so sehr zum alter Ego geworden zu sein scheint, dass er diese Rolle offenbar nicht mehr abzuschütteln vermag. Rainer - es reicht. So langsam - nein, schon zu lange - nimmt Dir der Rahmen, den Dir diese Kunstfigur am Anfang vielleicht noch zum Füllen bereitgestellt hat, jeden neuen Handlungsspielraum für inhaltliche und darstellerische Überraschungen. Man stöhnt auf, denn es bzw. er wird zur Tortur: Nicht schon wieder. Nicht immer noch mal. Gnade. Schick ihn ins Hospiz, den Fritz. Wenn das Lachen aus Mangel am Spaß nicht mehr aus dem Hals kommen mag, hat der Alte seine Schuldigkeit getan. Laß ihn ruhen - in Frieden. Zugestanden - wer die Figur noch nicht kennt, dem sei der Spaß an den sinilen Ausfälligkeiten des rheinisch-peinlichen Frohsinns-Funktionärs gegönnt - ebenso wie Rainer Pause der im zustehende Beifall der darob Begeisterten. Nur - im Ärger, den die geschundene Kleinkunst-Konsumenten-Kreatur befällt, wenn sie sich nun schon seit Jahren den immer gleichen Sermon anhören soll (und bald mitsingen kann) bitte ich um Nachsicht für das heftige Schwenken der weißen Fahne. Nicht zuletzt auch im Interesse der guten Idee und mancher Goldkörnchen, die einfach im Frust vom Tisch und durch die Ritzen fallen. Stankowskis trockene Heimatkundelei hat ihren Reiz - nicht zuletzt in den ausgefallenen Lokalitäten wie Kirchen oder Aussegnungshallen. Aber - wie eingangs gesagt: der Tod darf halt nicht gerade mal um die Ecke oder noch in der Nähe sein, wenn man über ihn lachen soll. Doch vermutlich wird sich eh niemand, der in Trauer ist, dieses Programm reinziehen. Und damit kann’s ja eigentlich auch egal sein. Es ist halt ein wenig Volkshochschule, garniert mit Humor - schwarzem eben. Links:
-------------------------- am 30.10.2001 im Pantheon, Bonn Daumenkritik: Sie sind schon ein skurriles Quartett, die drei schweizer Damen plus der süddeutschen Ergänzung. Irgendwo zwischen den Missfits und Ars Vitalis präsentieren sie mit „Die Homestory“ ein schräges Programm in derart schriller Weise, dass zwischendurch die Luft knapp wird. Klamauk und Komik finden durchaus zeitkritische Ergänzungen, die den Draht zum Kabarett (nicht zum Cabaret) sichtbar halten, und das ist wohltuend. Wenn sie singen - und sie singen wohl dosiert - blitzen stimmliche Fähigkeiten auf, die hinter der komödiantischen Perfektion fast überhört werden. Mimik und Gestik, gepflegte Schrulligkeit, gepaart mit einem Schuß zickenhafter Stutenbissigkeit ist einfach zum Brüllen. Die Wäscheleine quer über dem Hintergrund der Bühne füllt sich mit grellen Kleinodien aus der Requisite in gleichem Takt wie sich Brüller an Brüller reiht. Und dazu noch Espresso aus der Reisemaschine des integrierten Einkaufswagen-Klapp-Stuhls. Da muss man erst mal drauf kommen. Was ist das Besondere dieser bewußt auf Schreckschrauben getrimmten Artistinnen? Sie scheuen sich nicht, ihre komischen Talente mitunter bis hart an die Grenzen zur Nervigkeit auszuloten. Auch in der Nähe der Geschmacksgrenzen beginnt man mitunter für sie zu bangen und zu zittern. Man sollte nicht fürchten müssen, sie könnten auf ihre Weise dazu beitragen, dass nur um billige Lacher zu provozieren, Tabus gebrochen werden, die vor psychischem Schmerz schützen. Nicht jedes Tabu muß zwangsläufig wie ein weißer Fleck auf der Landkarte zur Erschließung und Erstürmung herausfordern. Menstruationswitze haben ihr Niveau genauso unter der Gürtellinie wie sogenannte Herrenwitze an Strammtischen. Sie sind nicht nötig, denn schließlich haben sie’s nicht nötig - eigentlich. Was die Acapickels von anderen Kleinkunst/Kabarettkünstlern unterscheidet und ihren Reiz ausmacht, ist die Scheckigkeit ihres Programms: Es ist spritzig und grell, überraschend und gagig, mitunter aufdringlich , aber gerade noch erträglich, und damit herausfordernd. Man sieht sich im Publikum im Grunde unablässig mit der Frage konfrontiert, was man eigentlich von dem Dargebotenen halten soll. Dies nimmt ein wenig die volle Lust, sich ungebremst fallen und vom prallen Charme der vier abschreckenden Grazien auffangen zu lassen. Sie unterhalten gekonnt, aber sie sind nicht ohne Eigenleistung zu genießen: Phasenweise sind sie auch anstrengend, aber gerade dies mag ihre Absicht sein. Und vielleicht ist genau das ihr Erfolgsrezept. -------------------------- Christof
Stählin, Die Bitte um Nachsicht vorweg: Christof Stählin gastiert im Oktober (27. und 28.) zweimal in unserer „Besenkammer“ - insofern mag ein Mangel an Distanz vorliegen. Er sei mir verziehen. Verwöhnen tut gut. Streicheleinheiten, Zuwendungen, Liebkosungen - Leib und Seele fühlen sich geschmeichelt und danken es auf vielfältige Weise, nicht zuletzt mit Wohlbefinden. Was wir Herz und Haut zugestehen, sollten wir auch unserem Hirn nicht vorenthalten. Sich mit Christof Stählin „in den Schluchten des Alltags zu verlieren, ist nichts Anderes als Genuss für den Kopf und Labsal für die Seele. Er nennt es Kabarett, und zwar philosophisch-literarisches. Es ist mehr. Es ist die Entkalkung des Kopfes, die Reinigung von gemeinen Brachial-Humor-Rückständen. Der württembergische Lieder-Poet versucht nicht, als ein Witz-Hans-Dampf mit der Comik-Brechstange unsere Lachmuskeln zu vergewaltigen. Er will uns nicht unter Verhöhnung von Minderheiten und Schwachen zum Schenkelklopfen nötigen. Bei ihm sind wir sicher: Kein Lacher bleibt im Halse stecken. Er will uns nicht ans Johlen bringen, sondern wir dürfen uns glucksend in Heiterkeit fallen lassen. Aber nicht ohne Eigenleistung. Erst müssen wir ihm folgen (lernen): seiner Phantasie, seinem Witz, seiner Virtuosität, mit der er Bilder und Worte durcheinander wirbelt, Bekanntes, Alltägliches mit bislang Unentdecktem oder nur Nicht-Wahrgenommenem verrührt und uns so von einem Kiekser zum nächsten führt. Das ist Amüsement in anderer Dimension, die erst durch eigene Kopfleistung ihre volle Wirkung entfaltet. Nur so gelingt uns der volle Genuss. Was Christof Stählin uns bietet ist Gedankentheater, inszeniert auf höchstem Niveau. Dabei spielt er nicht nur für uns, sondern auch mit uns, ohne uns zu missbrauchen. Ehe wir uns versehen, sind wir selbst einer der Bälle, mit denen er rasant jongliert. Was gehört zum Programm, was ist Text, was passiert gerade, was macht er jetzt wieder... Vor keiner Überraschung sind wir gefeit, auch wenn wir uns in der Gewissheit zurücklehnen können: Spaß ist garantiert. Hier ist ein Sprach-Akrobat am Werk, der uns von seinem Können nicht nur in Prosa überzeugt, sondern es sich sogar leisten kann, nur hin und wieder Lieder zu singen. Es hat sich nichts daran geändert: Christof Stählin ist nicht nur einer der Saurier der deutschsprachigen Liedermacher, sondern auch einer der besten - selbst wenn sich dies nicht in horrenden Verkaufszahlen oder ausgebuchten Konzerthallen niederschlägt. Vergessen wir nicht: Wir sind in der Kleinkunst - aber auch da gibt es ganz Große, und einer heißt Christof Stählin. PS: Christof Stählin gastierte mit diesem Programm "In den Schluchten des Alltags" am 28.Oktober 2001 in der "Besenkammer". Bereits am 27. Oktober präsentierte Christof Stählin in der "Besenkammer" sein Programm "Barbaren".
-------------------------- CD
"Love And Theft" Daumenkritik: Es gibt CDs, die einfach ein Muss sind für diejenigen, die sich ernsthaft mit Singer/Songwritern befassen. Dylan kann nicht ignoriert werden. Die neue CD liegt vor, ist in entsprechenden Printmedien besprochen worden - und ich will mich auch nicht in nutzloser Dylanologie ergehen, wenn im Grunde nur ein Bewertungskriterium auf Dauer Bestand hat und bedeutend bleibt für die Entscheidung, ob man sich die Scheibe auflegt: Gefällt sie oder gefällt sie nicht. Der Übervater aller Liedermacher mit anglo-amerikanischen Wurzeln hat ein Alterswerk vorgelegt, das ihn mit einer musikalischen Spannbreite präsentiert wie kaum je zuvor. Das muss uns nicht gleich in Begeisterung versetzen, genauso wenig wie uns jeder stilistische Versuch vor Ehrfurcht erstarren lassen muss. Es ist und bleibt eine Geschmacksfrage. Mir gefallen die relaxten Stücke mit musikalischen Reminiszenzen an die Zeit vor dem Rock'n Roll nicht so doll, als dass sie mir dauernd anhören müsste - gleichwohl finde ich sie bemerkenswert. So bin ich auch bereit, dem begnadeten Grantler den ihm dafür geschuldeten Respekt nicht zu versagen. Interessant machen diese Songs die Scheibe allemal. Mir gefallen die mehr der musikalische Gegenwart verbundenen Kompositionen und Arrangements besser. Texte finden sich auf der CD wieder mal nicht (sind auch bislang nicht auf der homepage bobdylan.com zu finden), aber sie werden sicher früher oder später für gründliche Exegese zur Verfügung stehen. Nur Geduld. Jeden einzelnen Song einer gründlichen Bewertung zu unterziehen erspare ich mir auch. Das eigene Anhören lässt sich durch keine fremden Ohren ersetzen. Den stärksten Eindruck haben auf die Songs "Mississippi" und "Sugar Baby", wobei sich dies ausschließlich auf die musikalische Seite und die Präsentation bezieht. Ob die texte ihn dem Literaturnobelpreis näher bringen, wage ich nicht zu beurteilen. Knapp bewertet: Die CD kann sich hören lassen, ist sicher eine
seiner interessantesten, und die Dreingabe mit den beiden Songs aus
der frühesten Schaffensphase (das Traditional "I Was Young When
I Left Home" aus dem Jahre 1961 und die alternative Version von
"The Times They Are A-Changing" von 1963 rufen dem Zuhörer
die stimmlichen Qualitäten des jungen Dylan in Erinnerung. Sie waren
nur geringfügig besser als die des Sechzigjährigen. So gesehen, hat
er sich gut gehalten.
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Grundsätzliches zu meinen Daumenkritiken ------ |