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WOCHENKOMMENTARE 2003
von Gerd Schinkel
52. Kalenderwoche: 19.12.2003
Rumsfelds Faux pas vom "Alten Europa" ist das "Wort des Jahres"
Die Gesellschaft für deutsche Sprache, die jedes Jahr nach Wörtern und Ausdrücken sucht, die die öffentliche Diskussion besonders bestimmt haben, ist fündig geworden und hat das Wort des Jahres 2003 gekürt: Es ist „Das alte Europa“. Ehre wem Ehre gebührt: Verwendet hat es - unabsichtlich sinnstiftend - der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Das war ja wohl ein Rohrkrepierer, was der olle Hau-Drauf Rumsfeld da so durch die Zähne herausgeknurrt hatte, um es den Weicheiern auf der anderen Seite des Atlantiks mal so richtig zwischen die Hörner zu geben. Shit happens.
Was mag der Herr des Pentagon vor Augen gehabt haben, als er, vermutlich mit abschätzigem Zungenschnalzer, vom „alten Europa“ sprach, um die Verweigerer des Feldzugs aller Gutgesinnten gegen das Böse schlechthin in die Pfanne zu hauen. Ein klappriges, seniles, verfallenes Europa, auf dessen Fassaden der Putz ähnliche Risse zeigt wie die Schminke einer alternden Hollywood-Diva, einen inkontinenten Kontinent vielleicht, der bestenfalls noch trocken und dann stillgelegt gehört?
Selten dürfte sich ein Politiker mehr ins Knie geschossen haben - natürlich im übertragenen Sinne, obwohl - bei der Waffenverliebtheit mancher Fundamentalamerikaner kann ja auch diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden. Dumm gelaufen für den Flottformulierer Donald mit der kessen Lippe.
Er wollte den alten Imperatoren-Merksatz „teile und herrsche“ befolgen, einen Keil in europäischen Boden treiben und einen Kontinent spalten, der ohnehin selten genug gemeinsame Sache macht. So nämlich ist es eigentlich, das alte Europa der Kleinstaaterei: seit Jahrzehnten mit blumigen Lippenbekenntnissen auf dem Weg in eine gemeinsame Identität, da und dort mal mehr, mal weniger auf nationale Egoismen fixiert. Ein neues Europa lässt immer noch auf sich warten.
Und da glaubte Rumsfeld, er könnte mit nur drei Worten ein neues Europa neben das alte zaubern wie einen Hasen aus dem Hut, wobei er das nicht aussprach, was er wirklich meinte: Alt gleich veraltet gleich überholt gleich schlecht - das waren für Rumsfeld die feigen Kriegsverweigerer. Und neu gleich modern gleich zeitgemäß gleich gut wie die Willigen, die sich kampfbereit amerikanischen Kriegszielen anschlossen und Massenvernichtungswaffen nachjagten, die bis heute nicht gefunden sind.
„Das alte Europa“ - wer sich diesen Begriff auf der Zunge zergehen lässt, kann vor seinem inneren Auge Bilder einer dreitausendjährigen Geschichte vorbeiziehen sehen, aus deren Humus auch die Rezepte für Cola und Hamburger erwuchsen - ein altes Europa, dass stolz darauf sein kann, dass es beileibe noch mehr zu bieten hat als pittoreske Burgen am Rheinufer, ein kolossales Kolosseum am Tiber und einen schwer in seiner ganzen Größe zu fotografierenden Eisentower an der Seine.
Dass Rumsfeld mit seinem abfälligen Spruch gerade in den Staaten, die er schlechtreden wollte, noch sinn- und identitätsstiftend wirkte, war gewiss nicht seine Absicht. Und dass diese zersetzend gemeinte Formulierung vom „Alten Europa“ nun auch noch „Wort des Jahres“ wurde, macht Rumsfeld zu einem heißen Kandidaten für die Kür desjenigen, auf den eine der wichtigsten Auszeichnungen in diesem alten Europa wartet: Der Orden wider den tierischen Ernst.
Dieser Beitrag wurde am 19. 12. 2003 im 4. Hörfunkprogramm des WDR gegen 17.40 Uhr in der Sendereihe „Auf ein Wort“ ausgestrahlt.
51. Kalenderwoche: 15.12.2003
Vermittlungskompromiss mit hohem Verlogenheitsfaktor
Was für ein Wochenende für die Jahresrückblicke. Drei bemerkenswerte Ereignisse brachten eine schlechte Nachricht, eine gute, und eine, die man noch nicht so gut einordnen kann. Die gute: Saddam gefasst. Die schlechte: die europäische Gipfelpleite in Brüssel. Und die unsichere: der Vermittlungskompromiss in Berlin, der vielleicht genau das war, was Kanzler Schröder in Brüssel auf keinen Fall akzeptieren wollte: Ein Kompromiss um jeden Preis.
Wer bescheiden ist und sich mit wenig zufrieden gibt, kann sagen: Prima, sie haben sich geeinigt. Dazu sind sie also doch noch fähig, und nun kann es weiter gehen. Wer die Hoffnung hegte, es könnte mehr dabei herauskommen, wenn sich die Spitzen von Regierungs- und Oppositionsparteien zusammensetzen und darum bemühen, eine Kuh vom Eis zu zerren, war wohl sowieso weltfremd.
Nun ist die Kuh vom Eis, alle Beteiligten freuen sich darüber und dabei wird ausgeblendet, wie mager sie ist. Dies ist der Verlogenheit erster Teil. Schließlich kann man sich ja ein Ergebnis, an dem doch alle mitgewerkelt haben, nicht schlecht reden. Also: Zufriedenheit zeigen, garniert mit einer Prise Fatalismus, weil man eben nicht alles haben konnte. Dies sei nun mal das Wesen des Kompromiss‘.
Der Verlogenheit zweiter Teil besteht darin, dass nun alle so tun, als ob jetzt Wunder passieren müssten. Denn dass die Reförmchen dieselbe Schubkraft entwickeln, die man sich vom unbeschnittenen Reformpaket erhofft hatte, ist kaum zu erwarten. Ernüchterung wäre besser und Nachbesserung ratsam, solange es möglich ist. Doch die ist kaum zu erwarten, denn sie würde den Kompromiss ja wieder aushebeln, für den sich die Parteispitzen die Nacht um die Ohren geschlagen haben.
Der Verlogenheit dritter Teil beginnt, wenn jeweils Regierung und Opposition nach Schuldigen suchen, wenn nicht in dem Umfang eintritt, was doch alle herbeizureden bemüht sind: Wenn der Aufschwung ausbleibt, die Arbeitslosen nicht deutlich weniger werden, dafür aber die Staatsverschuldung weiter steigt und die Entschuldigungen dafür schlechter werden.
Dann - wetten dass - wird die Opposition wieder den Kanzler und seine rot-grünen Dilettanten der Unfähigkeit bezichtigen, die Koalition wird die ausgebliebenen Reformerfolge auf die Blockade der Opposition im Bundesrat zurückführen und niemand wird sich daran erinnern können, dass alle zusammen genau das verwässert haben, was nun keine Wirkung mehr entfalten konnte. Und keiner will’s gewesen sein.
Da haben es diejenigen viel einfacher, die einen Kompromiss schon per se für gut halten. Immerhin, sie haben sich geeinigt. Ist doch auch schon was. Ja dann. Schreiben wir es so in den Jahresrückblick, zwischen Saddams Festnahme und Brüsseler Pleite.
- 50. Kalenderwoche: 6.12.2003
Bush's Truthahn in Bagdad war nur aus Gummi
Der
sauerländische CDU-Abgeordnete Friedrich Merz bezeichnet die rot-grünen
Spitzenpolitikern in Berlin gerne als Staatsschauspieler, um so zu behaupten,
sie wären gar nicht das, was sie zu sein vorgeben. Hätte er recht, der Merz,
dann wäre den Berliner Laienspielern nun ein Konkurrent erster Güte erwachsen,
dem niemand so schnell das Wasser reichen kann: der Herr des Weißen Hauses persönlich.
Mag sein, dass er nicht selber jeden Einfall ausbrütet - dafür dürfte er
seine Medienberater haben -, doch auch die Umsetzung erfordert schließlich
gewisse Talente, und dass George Dabbeljuh Bush die hat, dürfte niemand mehr
bezweifeln.
Wir haben es immer geahnt: Alles ist Show und No Business ist like Showbusiness
- in Amerika sowieso, und warum dann nicht auch in der Politik. Einer, der das längst
begriffen hat, ist der amtierende George Dabbeljuh Bush. Er fühlt sich
sichtlich wohl in der Hauptrolle von Kurzfilmen, die - anders als unverhohlene
Fiktionen - den Zuschauern an den heimischen Bildschirmen für bare Münze
verkauft werden sollen.. Was in den Nachrichtenkanälen präsentiert wird, soll
den echten Bush zeigen und keine Hollywood-, Las Vegas- oder Disneyland-Show,
denn der Präsident will vor allem eines: Wiedergewählt werden, um seine Rolle
weiterspielen zu können.
So wie am 1. Mai, als er kostümiert in voller Kampfmontur mit einem Jet auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln landete, um vor der Kulisse der heimkehrenden Soldaten das Ende der größeren Kampfhandlungen im Irak zu verkünden. Dabei war das Schiff längst in sicheren Küstengewässern, was jedoch nicht gezeigt werden sollte, und deshalb hatte man den Flugzeugträger extra in eine andere Position gebracht.
Am Donnerstag letzter Woche nun hatte der Texaner seinen jüngsten Stunt: Auf Blitzbesuch in Bagdad hielt der Präsident medienwirksam einen knusprigen Truthahn in die Kameras, sein Mitbringsel für die amerikanischen Soldaten zum Erntedankfest. Stimmt, was jetzt ein Zeitungsreporter schrieb, der dabei gewesen sein will, dann muss zwar nicht die Weltgeschichte umgeschrieben werden, doch die kleine anrührende Geschichte des menschlichen Präsidenten ist nun zumindest teilweise ins Reich der Sagen und Legenden verwiesen, die zu schön sind, um wahr sein zu können. Denn: Es war alles nur Dekoration.
Dass der amerikanische Adler tatsächlich nur ein Truthahn ist, haben manche ja schon immer vermutet - doch der in Bagdad Gelandete war obendrein auch noch aus Gummi - ein Gummi-Adler gewissermaßen: mitnichten knusprig, sondern vermutlich zäh wie Leder und geschmacklich längst nicht so genießbar wie gutes Chewinggum. Auch Obst und Gemüse, die Beilagen des traditionellen Erntedankschmauses der Amerikaner, waren Attrappen, die den Fernsehkonsumenten in der Heimat heile Festtagswelt vorgaukeln sollten. In Wirklichkeit gab es für die Soldaten den üblichen Kantinenfraß.
Die Geschichte gibt uns zu denken. Wenn schon der Truthahn nicht mehr ist, was er ist - ist dann noch Präsident der, der er zu sein vorgibt? Oder bekommen wir, vielleicht seit seiner Brezel-Ohnmacht, als er unsanft auf dem Wohnzimmertisch landete, ein Double präsentiert, während sich das Original wie weiland in seiner wilden Jugend in Texas vergnügt einen hinter die Binde gießt?
Wenn
dies aber nicht so wäre, müsste sich Bush selbst für den Fall seiner Abwahl
aus dem Weißen Haus keine Sorgen machen. Bei seinem Talent hätte er noch eine
große Zukunft vor sich: In Hollywood, beispielsweise als Erstbesetzung eines
neuen Disneystreifens über einen begnadeten Staatsschauspieler aus dem Irak:
Comical-Ali. Er war Saddam Husseins Fachmann in Sachen getürkte Wirklichkeit.
Dieser
Beitrag wurde am 5. 12. 2003 im 4.
Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe „Auf ein Wort“ gegen 17.40 Uhr
ausgestrahlt.
- 42. Kalenderwoche: 17.10.2003
Schröders Reformpaket im Bundestag - die erste, aber nicht die letzte Hürde
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42. Kalenderwoche: 17.10.2003
Einlenker
und ein Lenker – SPD auf Kurs
Sie haben die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, Interesse erregt, aber auch Zorn, Kritik geerntet und Trotz gezeigt. Wie hat es die SPD-Spitze geschafft, die Abweichler von Kanzlers Vorhaben wieder auf Kurs zu bringen? Überhaupt - auf welchen Kurs? Wenigstes einer sollte ein Ziel vor Augen haben, auf das er zulenkt, wenn er andere dazu bewegt, einzulenken. Abweichlern, Einlenkern und Kursbestimmungen - da kommt man ins Nachdenken.
Sie sind nicht gerne gesehen, schon gar nicht in den eigenen Kolonnen, diejenigen, die es sich herausnehmen, mit einer anderen Schrittlänge, mit anderer Geschwindigkeit zu marschieren. Sie fallen unangenehm auf, zumindest den Kolonnenführern und denjenigen, die sich bereitwillig an den vorgegebenen Marschtakt halten. Die Risiken liegen auf der Hand. Man tritt sich gegenseitig in die Hacken, kommt aus dem Tritt, stolpert womöglich - und alles gerät durcheinander. Schlimme Gefahr: Andere Kolonnen könnten vorbeiziehen.
Ein nicht unwichtiger Teil der Schulung, quasi der Kern der Grundausbildung, besteht ja darin, zu lernen, wie alles funktioniert und dass alles nur dann funktioniert, wenn man selbst funktioniert - im Takt, bei gleichem Schrittmaß, und immer in der Spur. Da darf eben keiner zickzack laufen oder gar quer. Sonst wird aus der Kolonne schnell ein Haufen, der aufgescheucht und nicht geschlossen wirkt und der - so die klare Erkenntnis aller Verfechter strikter Vorgaben - an Schlagkraft einbüßt.
Nun lassen sich nicht in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen die gleichen Maßstäbe anlegen und die gleichen Regeln rechtfertigen. Die Vorstellung beispielsweise, die Bewegungsfreiheit frei gewählter Bundestagsabgeordneter könnte sich darin beschränken, mit striktem Blick nach vorn bloß auf Kommandos zu lauschen, die vorgegeben werden, hat in einem demokratischen Rechtsstaat etwas Gespenstisches - zumindest solange sich Bürger (Wähler und Gewählte) den Luxus leisten wollen, an so etwas wie Gewissenfreiheit der Abgeordneten zu glauben.
In Zeiten der Bedrängnis jedoch, wenn Mehrheiten knapp und Vorhaben umstritten sind, klingen die Kommandos schnell schrill und dissonant. Fraktionen, die sich bis dahin in anderen Zusammenhängen eher horden-, herden- oder rudelartig bewegen, hören dann plötzlich Peitschenknallen und Dressurversuche, die auf Drill hinauslaufen. Da wird eigenständige Beweglichkeit am Rande des Rudels gebrandmarkt: Da läuft es dann aus dem Ruder, da kommt einer aus der Spur - er spurt nicht mehr...
Und schon knallt die Peitsche lauter, da wird der Wert der Spur als solche gewürdigt, der Gleichschritt als erstrebenswerte Qualität erkannt, nach vorn gewiesen. Dort sei doch einer, ein Führer, der den Marschtakt vorgebe und notfalls denjenigen, die nicht folgten, den Marschtakt blase. Und der Druck zeigt Wirkung - oder nicht. Ausreißer werden eingefangen, Quertreiber in die Spur geholt.
Will
man Risiken vermeiden, die aus Ausreißern Ausraster machen, wird man
diplomatische Wege gehen, um Unbotmäßige zur Räson zu bringen. Dann finden
sich Lösungen zur Gesichtswahrung. Dann ist alles im Lot, denn aus
Widerborstigen werden schließlich Einlenker. Womit sich erwiesen hätte: Da war
einer: ein "Lenker". Ob der aber richtig gelenkt hat, wer mag das mit Gewissheit
sagen... Zumindest sind aber erst mal die Schrittlängen wieder gleich und der
Marschtakt stimmt - das ist doch auch schon mal was.
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42. Kalenderwoche: 16.10.2003
Gier
ist geil - Der Antrieb im Kölner Klüngel
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42.
Kalenderwoche: 14.10.2003
Gefängnisandrohung
für Schwarzarbeiter
Die Bundesregierung will schärfer gegen Schwarzarbeit vorgehen und erwägt sogar Gefängnisstrafen. Schließlich ist es wirklich ein Unding, wenn Leute gute Angebote der Freizeitindustrie ausschlagen und in ihrer eigenen Variante der Ich-AG aktiv werden. Das macht doch den ganzen Aufschwung wieder zunichte, der sich doch so prima an jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden ablesen ließe.
Nur für gut vierzig Prozent der Deutschen - also nicht mal für jeden zweite - ist die wichtigste Einkommensquelle die eigene Erwerbstätigkeit. Die unbestechlichen Hüter und Wahrer der schwarz-auf-weißen Zahlenkolonnen öffnen uns die Augen: In Deutschland leben immer weniger Menschen von der eigenen Arbeit. Was folgt daraus? Immer mehr Menschen leben hierzulande von anderer Leute Arbeit, mit anderen Worten: Lassen also arbeiten und - so wollen wir mal hartz-, herzog- und westerwellemäßig völlig im Trend unterstellen - sie überleben ganz gut dabei.
Die armen Schweine, kann man da nur sagen. Nicht die mehr als zwanzig Prozent Rentner und Pensionäre, die nicht mehr arbeiten dürfen, oder die dreißig Prozent, die von Angehörigen unterhalten werden, auch nicht die vier Prozent, die von Arbeitslosenunterstützung leben. Die anderen, das sind die armen Schweine und können sich als Deppen der Nation fühlen und darüber schwarz ärgern. Sie können malochen, soviel sie wollen - sie kommen eh nicht auf einen grünen Zweig. Da können sie arbeiten, bis sie schwarz werden.
Es sei denn, sie finden - haushalts- und finanzpolitisch für sich selbst gesehen - den phantasievollen Zugang zu kreativen Lösungen, so wie sie in den öffentlichen Verwaltungen manche Experten stolz zur Verwandlung roter in schwarzer Zahlen präsentieren. Es sei denn, sie folgen einem wahrhaft liberalen Glaubensatz, den die Westerwelles aus allen gut beschatteten Leitungsetagen gerne den Sozialstaatspropheten aus dem Souterrain entgegenschleudern: „Leistung muss sich wieder lohnen.“
Jawoll, sagt sich der Heimwerker, der seine eigene Bohrmaschine und den eigenen Tapeziertisch hat, spuckt in die Hände, und setzt auf diese Empfehlung noch eine eigene Erfahrung drauf: Ohne Schweiß kein Preis. Da liegt einem Vetter die Ehefrau in den Ohren, dass das Wohnzimmer wegen der ewigen Qualmerei mal neu gestrichen werden müsste. Kein Problem - man kennt sich, man hilft sich. Da hat der Stammtisch-Bruder ein Platzproblem und muss sein Dach ausbauen, hat aber zwei linke Hände. Da hilft man sich doch... Klar - der Urlaub ist anders verplant, aber nach Feierabend und am Wochenende ist immer Zeit. Anrufen bei den Branchen? Angebote beim Malermeister einholen? Vielleicht hat auch der Zeit nach Feierabend...
Den Leuten geht’s im Grunde doch wie dem Staat. Sie haben auch nicht genug Geld, als dass sie es sich bedenkenlos leisten könnten, billigere Möglichkeiten auszuschlagen. Was die einen - in Berlin - sich kreativ einfallen lassen, um den Leuten mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, lassen sich andere kreativ einfallen, um überhaupt noch Geld in der Tasche zu behalten. Arbeit soll sich lohnen...
Nun allerdings muss neu berechnet werden, was sich wie noch lohnt: Schwarzarbeitern und Auftraggebern könnte bald Gefängnis drohen. Es wäre doch gelacht, wenn man das bisschen an Fleiß, was noch geblieben ist, nicht auch noch wegbekäme... Wenn doch immer weniger Menschen von der eigenen Arbeit leben müssen - dann geht’s uns eigentlich gut in Deutschland. Also: Weg mit der Bohrmaschine und die Hände in der Schoß gelegt. Leistung lohnt sich sowieso nicht.
Dieser Beitrag wurde am 14. 10 2003 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe „Auf ein Wort“ gegen 17.40 Uhr ausgestrahlt.
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41.
Kalenderwoche: 7.10.2003
Schröders
Chance ist Herzog
- 41. Kalenderwoche: 6.10.2003
Eskalation in Nahost - Israel bombardiert Syrien
Der israelisch-palästinensische Kriegszustand taugt zum Lackmustest: Wer ihn aus unparteiischer Distanz bewerten will, kommt bald an den Punkt, an dem er Farbe bekennen muss. Den erreicht er auch, wenn er sich darum bemüht, auf Schuldzuweisungen für bereits erfolgte Eskalationen zu verzichten und nur auflistet, wie künftige Eskalationen vielleicht zu verhindern wären.
Auch im Nahen Osten gilt, was überall stimmt: Wer mit dem Zeigefinger auf andere Schuldige verweist, übersieht dabei, dass drei Finger der Hand auf den zeigen, der die Hand ausstreckt. Mit der Regelmäßigkeit des Pendelschlages wechseln sich Bombenanschläge und Bombardierungen ab: Mal sind israelische Zivilisten die Opfer, mal palästinensische. Mal sind israelische Minister das Ziel, mal die Führer radikaler Islamistenorganisationen. Lagen die Schauplätze blutiger Kämpfe bislang in Israel und in den besetzten Palästinensergebieten, wurde nun die Grenze nach Syrien überschritten.
Die kommandierenden Akteure sind ohnmächtig ihrer Logik der Rache unterworfen und unfähig, dieser zu entrinnen - schlimmer noch: Selbst wenn sie aus ihrer Ohnmacht erwachten und umsteuern wollten, wäre zu erwarten, dass der Rachefeldzug mal in die eine, mal in die andere Richtung von fanatisierten Kämpfern fortgesetzt würde, für die ein Verzicht auf Rache einem Verrat gleichkäme.
In den vergangenen Jahrzehnten ist auf beiden Seiten versäumt worden, Autoritäten wachsen zu lassen, die dem Hass Einhalt gebieten könnten. Zu viele glauben - auf beiden Seiten - von diesem Hass profitieren zu können, und deshalb ist er für sie unverzichtbar. Selbst wenn Palästinenserpräsident Arafat es wollte - es ist zweifelhaft, ob er ein Ende der Selbstmordanschläge durchsetzen könnte. Die radikalen Terrororganisationen lassen sich durch ihn nicht mehr in die Schranken weisen. So gesehen, ist er kaum mehr als eine Galionsfigur, der die Terroristen nur noch Symbolkraft zuweisen. Sein eigener Machtapparat ist - nicht zuletzt durch israelische Militärschläge - längst zu schwach, um fanatische Gotteskämpfer zu entwaffnen.
Wer dies nüchtern feststellt, muss bereits mit wütenden Reaktionen derjenigen rechnen, die den Palästinensern und Arabern jede, und Israel nicht die Spur einer Verantwortung zuweisen. Dabei steckt auch Scharon in einer ähnlichen Falle. Selbst wenn er aus seiner Haut wollte, wenn er statt der militärischen Rache-Logik seiner Falken-Schar zu folgen, wieder den diplomatischen Friedensbemühungen eine Chance gäbe - radikale Bombenleger lassen sich auch in Israel nicht ins todbringende Mordhandwerk pfuschen, wie sich vor Jahren am Attentat auf Rabin erwies.
Doch sowohl Arafat als auch Scharon sind weit davon entfernt, auf Gewaltoptionen zu verzichten. Dabei wäre der Handlungsspielraum des israelischen Regierungschefs ungleich größer. Er hat die Kommandostrukturen und militärischen Machtmittel, mit denen er reagieren kann. Dass Scharon von Eskalation zu Eskalation stolpert, sich von Terroristen treiben lässt, wo eigentlich eigenes souveränes Richtungweisen gefragt wäre, ist seine eigene Tragik. Dass ihm bislang niemand in den Arm fällt und die militärischen Optionen anderen, nämlich internationalen Kommandostrukturen zuweisen will oder mag, wirft die Frage nach der Mitverantwortung der internationalen Staatengemeinschaft auf. Ein Fall der Mitschuld durch unterlassene Hilfeleistung.
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37.
Kalenderwoche: 12.9.2003
Deutschland
sucht den Superdichter
Man sieht es immer wieder gern, wird mit zweierlei Maß zu Werke gegangen. Ein weites Feld ist die Sprache und das Wirken ihrer Schützer. Immer mehr fremde Worte, vor allem aus der englischen Sprache, schüren ihren Zorn - dabei fließt der Zustrom von Fremdwörtern in das urgermanische Kauderwelsch seit nahezu ewigen Zeiten - und das ist doch auch super, oder. „Super“ ist übrigens lateinisch. Deshalb zu einem Supervorhaben der Sprachschützer mal „Auf ein Wort“:
Ist es nicht ein hehres Ziel: Immer höher - immer größer - immer schneller? Wobei und wodrin - völlig wurscht. Hauptsache abheben. Deutschland sucht den Superstar. Warum auch nicht... Woanders war man schon längst auf Suche, und inzwischen suchen sie auch anderswo. Die Welle schwappt globusweit und macht alle verrückt, die sich entweder für was Besseres halten oder glauben, damit besser verdienen zu können.
Dabei sind die gesuchten Fähigkeiten ja eher begrenzt, zumindest wenn man sich daran erinnert, welche Hoffnungen Eltern normalerweise hegen, wenn es um die Zukunft ihrer Sprösslinge geht. Zu den Wunschträumen von Mama und Papa gehört „Schlagersänger“ eigentlich weniger, wenn sie dem Nachwuchs nahe legen „Lern was Anständiges“ - auch wenn solche Leute mitunter ganz anständig verdienen.
Nun geht es im Lande der Dichter und Denker in eine ganz andere Kurve. Schrittmacher ist der Verein Deutsche Sprache, der sich so heftig einer Überfremdung des teutschen Wortschatzes entgegenstemmt. Er möchte den von ihm zum dritten Mal gefeierten „Tag der deutschen Sprache“ morgen mit einer neuen Kür schmücken: Ausgerechnet in des deutschen Dichterfürsten heimeligster Hauptstadt Weimar gilt die Suche dem würdigsten Nachfolger dieser Tage: „Deutschland sucht den Superdichter“.
Nun - geben wir der Erwartung Bodenhaftung. Mitnichten sind so renommierte Poeten deutscher Gegenwartszunge wie Ulla Hahn oder Benjamin von Stuckrad-Barre im Wettstreit miteinand verbandelt wie weiland Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach auf der Wartburg. Mitnichten drohen dort lyrische Versuche unserer neuen Prosagiganten Stefan Effenberg, Dieter Bohlen oder Naddel - nein, die Trüffelschweine der deutschen Kritikerzunft graben tiefer. Und am Ende ist das Publikum selbst gefragt. Per Abstimmung wird aus 25 lyrischen Werken die Spreu vom Weizen neu-deutscher Dichtkunst getrennt.
Dieser Beitrag wurde am Freitag, 12. September 2003 im 4. Hörfunkprogramm des Westdeutschen Rundfunks in der Sendereihe „Auf ein Wort“ gegen 17.40 ausgestrahlt und ebenso gegen 18.20 Uhr in der gleichnamigen Sendereihe des Norddeutschen Rundfunks in der Welle „NDR-Info. Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 8.9.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.Was ist das Bemühen der USA um eine neue Resolution des Sicherheitsrates? Ist es der Abschied vom amerikanischen Hochmut, diese unfriedliche Angelegenheit selbst regeln zu können? Der mangelnden Rücksicht auf weltweite Kritik am kriegerischen Vorgehen stand die erschreckende Arroganz einer vermeintlich übermächtigen Siegermacht gegenüber.
Die Lektion, die Washington nun im Begriff ist zu lernen -
vielleicht auch zu begreifen -, lautet Machtteilung. Sie wird für die
Bush-Regierung schmerzhaft, aber unvermeidlich sein. Schließlich dämmert es
wohl den Polit- und Militärstrategen, dass sie in ihrer Ohnmacht gegenüber
Bombenanschlägen aus dem Hinterhalt kaum die Möglichkeiten haben, Sicherheit für
ihre eigenen Leute zu gewährleisten, geschweige denn hoffnungsvolle
Perspektiven für die Menschen im Irak aufzuweisen.
Wie schwer der Bush-Regierung das Eingeständnis des eigenen
Scheiterns fallen muss, wird daran deutlich, dass sie sich bislang noch vehement
gegen den Gedanken sträubt, das Kommando über eine wie auch immer
zusammengesetzte internationale Verstärkung der US-Streitkräfte an Euphrat und
Tigris aus den Händen zu geben. Aber genau dort wäre der Ansatz, um überhaupt
Chancen auf einen Neubeginn zu eröffnen. Die USA müssen von ihrem Sockel
runter, auf ihre Kraftmeierei verzichten und sehen, dass sie die Trümmer
zusammenkehren, die sie in ihrem überzogenen Feldzug ohne triftigen Grund angehäuft
haben.
Wagen wir einen Vergleich aus dem Allerwelts-Alltag: Wenn
sich zwei jugendliche Streithähne in die Wolle kriegen, sind es die
Vermittlungsbemühungen der jeweiligen Freunde, die die größte Aussicht auf
Erfolg bieten, und weniger die einschüchternden Drohungen der Anhänger der
jeweils anderen Seite.
Übertragen auf den Irak könnte dies heißen: Eine Chance
auf friedliche Entwicklung böte nur ein weitgehender Rückzug der Amerikaner
und ihrer Waffenpartner und dafür der Einsatz einer multinationalen
Ordnungstruppe, die sich vor allem aus Kräften der benachbarten arabischen
Staaten zusammensetzen müsste - eben aus Freunden, die den gefallenen
irakischen Freunden glaubwürdig dabei helfen können, wieder auf die Beine zu
kommen.
Dies darf bei den enormen Summen, die der irakische
Wiederaufbau kosten wird, allerdings nicht heißen, man könne die gesamte
restliche internationale Staatengemeinschaft aus der Pflicht entlassen, schon
gar nicht die Staaten, die den Krieg betrieben und die Schäden mit ihrem
Feldzug angerichtet haben.
Natürlich würde so eine Anregung nicht ohne empörten
Widerspruch bleiben. Der Verweis darauf, man befinde sich schließlich im
berechtigten Kriegseinsatz gegen den Terror und Bombenleger seien gefährliche
Terroristen, ist wohlbekannt. Die Bombenleger selbst sehen sich nach der
Niederlage der irakischen Armee und der Vertreibung des Diktators Saddam Hussein
vermutlich eher als Guerillakämpfer, die nur ihren Krieg gegen einen Aggressor
und Besatzer mit anderen Mitteln fortsetzen.
Man muss den Streit darüber, wessen Sicht der Dinge die richtige ist, beiseite lassen, wenn man für den Irak friedliche Perspektiven entwickeln will. Das diese Perspektiven nötig sind, dürfte niemand bestreiten.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 22.8.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.Die
Unionsparteien haben weitere Gipfelgespräche mit dem Kanzler über
Reformvorhaben der Bundesregierung abgelehnt. Es gehe nicht um Gipfel, es gehe
um Reformen, begründet CSU-Chef Edmund Stoiber die Absage. Er bewirbt sich in
einem Monat bei der bayrischen Landtagswahl um eine neue Amtszeit. Ist da kein
Zusammenhang?
Was haben wir doch für eine kernig-kantige Opposition. In die ausgestreckte
Hand des Kanzlers, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, um über die nötigen
Reformvorhaben zu sprechen, wird quasi gebissen. "Wir brauchen keine
Sonderrunden", sagt CDU-Chefin Angela Merkel und man glaubt seinen Ohren
nicht zu trauen.
War die Sitzung in Frankfurt als Findungs-Treffen zur
Einigung auf eine gemeinsame Unions-Position etwa keine Sonderrunde? Mussten
nicht wenn nicht konsens- dann doch wenigstens gesprächsbereitere Kollegen aus
der Riege der Länder-Regierungschefs erst auf Kurs gebracht werden?
Die Parteichefin sagt "Wir brauchen keine
Sonderrunden." Wen hat sie mit "wir" gemeint? Mag sein, es ging
ihr um unser Land, unser Gemeinwesen - doch was liegt näher, als dass sie im
Grunde nur für die Union gesprochen hat, als sie von "wir" sprach.
Verständlich - einen Monat vor der bayrischen Landtagswahl kann nichts gelegen
kommen, was klare Konturen verwischen und Kungelverdacht aufkommen lassen könnte.
Das schmale Zeitfenster für die gemeinsame und vor allem
effiziente Suche nach Sachlösungen, das sich im Frühjahr rechtzeitig vor der
parlamentarischen Sommerpause geöffnet hatte, um die Gesellschaft vor
nachhaltigen Schäden durch ein unfinanzierbares Gesundheitssystem zu bewahren,
ist wieder zugeschlagen - mit lautem Knall in Frankfurt, damit es auch ja
niemand überhören konnte.
War was anderes zu erwarten? Wohl kaum. Auch die Koalition in
Berlin, allen voran der Kanzler selbst, durfte nicht so blauäugig sein, man könnte
die nötigen Reformen mal so zwischendurch mit der Union bei Kaffee und Keksen
vom Tisch bringen. Jetzt sich vollmundig aufzublasen und zu behaupten, die Union
verweigere sich den Reformnotwendigkeiten des Landes ist im Grunde auch nichts
anderes als eine parteitaktische Notwendigkeit vor der bayrischen Landtagswahl.
Die Union habe kein einheitliches Konzept, rügt der
SPD-Generalsekretär, doch genau über diese eigenen Vorschläge will die Union
nun in den dafür vorgesehenen parlamentarischen Gremien, nämlich im Bundestag
und im Bundesrat diskutieren. Das ist löblich, sichert es doch bessere Möglichkeiten,
das verantwortungsbewusste Abwägen der fundierten Argumente zu verfolgen, als
wenn die Deals zwischen den Parteien hinter verschlossenen Türen ausgeheckt würden.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 21.8.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr und in gekürzter Fassung auch im Mittagsmagazin, WDR 2 ausgestrahlt.
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34.
Kalenderwoche: 20.8.2003
Ronald
Schill gefeuert
In
der Hansestadt Hamburg hat der erste Bürgermeister Ole von Beust seinen
Stellvertreter und Innensenator Ronald Schill entlassen. Umrahmt wurde diese
Entscheidung von einer beispiellosen Schlammschlacht. Im Raum stehen rufschädigende
Vorwürfe gegen den CDU-Politiker von Beust: Neben bis dahin nicht
eingestandener Homosexualität ist dies der Verdacht der Vetternwirtschaft. Der
Bürgermeister bleibt in Erklärungsnöten.
Doch erst mal ist dem ersten Bürgermeister der Kragen geplatzt. Nun ist der Posten des Bürgermeister-Stellvertreters neu zu besetzen. Auf der Strecke geblieben ist ein schillernder Paradiesvogel, der vor einer halben Legislaturperiode angetreten war, einen von ihm festgestellten und plastisch kolorierten Sumpf an der Elbe trocken zu legen.
Als
„Richter Gnadenlos“ hatte er sich nicht nur in den Schlagzeilen der
Boulevard-Presse bundesweit profiliert, Anhänger begeistert, aber noch mehr
Gegner entsetzt. Schon lange vor der entscheidenden Bürgerschaftswahl war er
von der oppositions-überdrüssigen CDU in Hamburg hofiert und als
Wunsch-Koalitionspartner in die Politik gelockt worden.
Der Coup
gelang, auch wenn die CDU gewaltig an Wählerstimmen verlor: Schill und im
Schlepptau seine „Rechtsstaatliche Offensive“ fanden sich neben CDU und FDP
in Senatsverantwortung wieder und durften mitregieren. Nun hat Bürgermeister
Ole von Beust charakterliche Mängel seines früheren politischen Partners
ausgemacht und den Richter Gnadenlos erbarmungslos geschasst.
Was
bleibt unterm Strich: zunächst ein spektakulär gefeuerter Innensenator, ein
entlassener Innenstaatsrat und ein Bürgermeister irgendwo zwischen Befreiung
und Beschädigung. Details aus einem Gespräch unter vier Augen werden von den
Teilnehmern unterschiedlich dargestellt. Dass - wie von Beust sagt - Schill
damit gedroht habe, unangenehme Informationen über den Bürgermeister und sein
Privatleben an die Öffentlichkeit zu bringen, falls der Innenstaatsrat
entlassen werde, streitet Schill ab.
Es fällt
schwer, Schill zu glauben, zumal sein Auftreten gestern Nachmittag vor der
Presse mit seinem Versuch, sich durch weitere unappetitliche Behauptungen
reinzuwaschen, gegen ihn spricht. Doch sollte man sauber die Unappetitlichkeiten
trennen: Abgesehen von Partnerschaftswahl und sexuellen Neigungen, die
Privatsache sind und niemanden etwas angehen, steht ein anderer Vorwurf gegen
den Bürgermeister im Raum: Vetternwirtschaft.
Zwar könnte
diese Behauptung auch im Gesamtzusammenhang schon als abgestritten gelten, doch
bedarf es wohl doch noch genauerer Erklärungen und Untersuchungen. Hat der
Justizsenator deshalb sein Amt erhalten, weil er der Partner des Bürgermeisters
war oder ist? Es ist nicht das erste Mal, dass Mitglieder des amtierenden Senats
der Hansestadt beschuldigt werden, Vetternwirtschaft zu betreiben oder zu
dulden, doch bislang war dies lediglich eine Kritik, die aus den Reihen der
Opposition kam.
Ole von
Beust hat mit der Entlassung des skandalträchtigen Populisten Schill erst den
halben Befreiungsschlag vollzogen. Nun interessiert die Fortsetzung: Nicht in
Sachen sexueller Neigung, sondern wie glaubwürdig kann er den Vorwurf entkräften,
dass andere als überzeugende sachliche Gründe bei der Auswahl seines
Justizsenators eine Rolle gespielt haben.
Auf einem anderen Blatt steht des Bürgermeisters Privatleben. Hielt sich von Beust ohne die Entlassung Schills am Ende gar selbst für erpressbar? Eins mag zu denken geben: Hätte jemand auf den Gedanken kommen können, Berlins regierender Bürgermeister Wowereit wäre mit seiner Homosexualität erpressbar? Sicher nicht. Wowereit hatte sich schon vor seiner Wahl mutig geoutet. Wie sich zeigt, war das auch gut so.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 20.8.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt. Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 19.8.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
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26. Kalenderwoche: 27.6.2003
Fragezeichen
hinter Eichels Haushaltsentwurf
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 27.6.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
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26. Kalenderwoche: 26.6.2003
Nicht nur illegale Drogen will die Bundesregierung mit
ihrem neuen Aktionsplan gegen Drogen- und Suchtprobleme bekämpfen. Dass sie nun
auch legale wie Alkohol und Zigaretten erfasst, ist ein Kurswechsel, ebenso dass
Vorbeugung wichtiger genommen wird als Bestrafung. Auch die Steuererhöhung von
einem Euro pro Zigarettenpackung soll abschreckende Wirkung haben. „Lasst uns
über Drogen reden“ hat die Drogenbehörde der Vereinten Nationen zum heutigen
Internationalen Tag gegen den Drogenmissbrauch aufgefordert.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 26.6.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
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26. Kalenderwoche: 25.6.2003
Gesundheitsreform
– Verhandlungen unter Erfolgsdruck
Die Gesundheitsreform könnte in die Gänge kommen. Regierung und Opposition haben in einer ersten Gesprächsrunde den Zeitrahmen abgesteckt, bis wann sie bei der Suche nach einem Kompromiss welche Fragen geklärt haben wollen: Bis Juli soll geklärt sein, ob es überhaupt einen gemeinsamen Gesetzentwurf geben könnte, und sollte dies der Fall sein, könnte bis spätestens Oktober die Reform verabschiedet sein. Damit sind hohe Erwartungen geweckt.
Vermutlich konnten sie gar nicht anders, die Chef-Unterhändler
aus SPD und Unionsparteien. Wahrscheinlich gab es bei dem Erwartungsdruck in der
Öffentlichkeit gar keinen anderen Weg, als Zuversicht auszustrahlen. Man will
sich einigen. Damit ist die halbe Miete schon bezahlt, dass man sich auch tatsächlich
einigen kann. Dies könnte man meinen oder zumindest hoffen.
Ministerin Ulla Schmidt und Unions-Verhandlungsführer Horst
Seehofer haben die Meßlatte nun selbst hoch gelegt, sowohl was den Inhalt des
Gesamtpaketes angeht, aber auch mit Blick auf den Zeitrahmen, bis wann die
Fische gebuttert sein sollen. Es kann und darf also Oktober werden - andersherum
gelesen: Bis dahin sollte die Kuh nun wirklich vom Eis sein.
Und was den Inhalt des Gesundheits-Reform-Paketes betrifft, mögen
die fröhlich gespitzten Lippen ja mehr versprechen als bloßen Zweckoptimismus,
doch dann muss am Ende auch tatsächlich gepfiffen werden. Es muss ein
greifbares Resultat herauskommen, das tatsächlich den Namen Reform verdient und
mehr als eine Legislaturperiode überdauert - sonst könnten sich die
Gesundheitsexperten in Sachen Konsenssuche ihren sommerlichen Zeitaufwand
wirklich sparen und statt dessen gleich in Urlaub fahren.
Gut - nehmen wir also die demonstrativ zur Schau getragene
Zuversicht der Politiker nicht nur nüchtern, sondern sogar wohlwollend zur
Kenntnis, aber bewahren wir uns auch eine ordentliche Portion Skepsis, damit die
Enttäuschung dann doch nicht so groß wird, wenn am Ende mal wieder zu kurz
gesprungen wird.
Das muss dann nicht unbedingt an den Verhandlungsführern und
-delegationen gelegen haben. Schließlich - bei allem Respekt vor Horst
Seehofers unabhängigem Dickschädel - sind sie Entsandte ihrer Parteien, die
mit dem Resultat ihrer Verhandlungen wieder in den eigenen Reihen und Gremien
und schließlich auch auf parlamentarischer Ebene bestehen müssen.
Da gilt es auf dem Weg bis zur Unterschriftstreife noch jede
Menge Fußangeln, Fallgruben und Dornengestrüpp zu überwinden. Klientel und
Interessenverbände haben nicht nur wortgewaltige Lobbyisten, die die Kunst des
Selbstaufblasens trefflich beherrschen, sondern auch im Stillen wirkende
Strippenzieher, die ebenfalls nachweisen müssen, dass sie ihr Geld wert sind.
Aber seien wir auch nicht zu pessimistisch. Sagen wir nicht
jetzt schon, dass gar nichts dabei herauskommen kann. Schließlich warten alle
drauf, dass was herauskommt. Und da können es sich die politisch
Verantwortlichen, die darum konkurrieren, dieses Land nicht nur zu regieren,
sondern auch in eine bessere Zukunft zu führen, eigentlich nicht leisten, die
Karre im Dreck stecken zu lassen.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 25.6.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 23. Kalenderwoche: 1.6.2003
Parteien auf Standortsuche - Wähler auch
Vertrackt ist das alles: Die Grünen - so sagt Hildegard Hamm-Brücher, die große alte Dame des politischen Liberalismus - seien heute die bessere FDP, weshalb sie ihnen auch bei der letzten Wahl ihre Stimme gegeben habe. Doch die filz- und traditionsbeladenen Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr spüren wachsendes Unbehagen an ihrem Bündnis mit eben diesen Grünen, denen sie offenbar nicht zutrauen mögen, dass sie angesichts "der nach Lösungen verlangenden Probleme" die Koalitionsspur halten.
Wenn denn in manchen SPD-Zirkeln rot-grüne Alpträume die maßgeblichen Spurhalter zu taktischen Panikreaktionen verleiten und die vor dem Machtverlust zitternden Genossen zum Antichambrieren vor die Kellerfenster der FDP treiben, fragt sich, was sie da suchen. Die Möllemännchen ohne Möllemann sind kaum seriöser oder verlässlicher als das verlorene schwarze Schaf. Schließlich - wenn man Hildegard Hamm-Brücher weiterdenkt - stecken die doch schon längst in einem Bündnis mit der besten liberalen Partei, die derzeit zu haben ist: eben mit den Grünen.
Woran liegt es, dass sich manche Genossen so schwer tun, dies zu erkennen?
Etwa daran, dass die SPD derzeit die bessere CDU-Politik macht? Und dass sie
deshalb mit solchen wie den alten Liberalen, wie sie Hildegard Hamm-Brücher
repräsentiert, nichts mehr anfangen kann und lieber die Westerwelles hoffiert?
Der alte Vorwurf an die Adresse der Sozialdemokraten, sie betrieben das
Geschäft der Konservativen, bekommt unter Schröder neuen Klang. Verrat der
Parteiführung an hehren Zielen der Arbeiterbewegung witterten links vom Zentrum
der SPD angesiedelte Verbalrevolutionäre schon immer.
So wie es aussieht, verschiebt sich zumindest die linke Hälfte des
Parteienspektrums nach rechts, wobei nicht auszumachen ist, wie weit sich nun
dort, knapp rechts neben dem Zentrum, Gedrängel zeigt oder gleich alles weiter
rutscht. Hatte Stoiber, wie man ihm bei seiner Kanzlerkandidatur vorwarf, die
Union weiter nach rechts gezogen? War sein vergleichsweise lasches Auftreten im
Wahlkampf vor knapper Jahresfrist auf taktisches Kreidefressen zurückzuführen?
Wenn er tatsächlich die Mitte geräumt hätte, wäre Schröder ja in eine
Lücke gestoßen. Und dann? Kann Schröder sie auf Dauer füllen? macht seine
Partei da mit? nach dem heutigen Sonderparteitag sind wir schlauer. Aber wem
wäre damit gedient?
Dass der Kanzler sich überall breit macht, wo er eine Mehrheit für sich zu
finden glaubt, kann niemanden überraschen. Fragt sich aber, ob man ihm jenseits
angestammter Gefilde eine dauerhafte Landnahme zutraut, zumal es keine mit
tiefer Verwurzelung sein kann, sondern eher eine ohne Fundament und feste
Wände, quasi auf Besuch oder auf der Durchreise. Wo will er hin, wenn man ihn
nicht verweilen lässt? Wenn man ihn des Platzes verweist, die rote Karte
zeigt... Kann er dann noch zurück? Was will er dann wieder da?
Zumindest die Post-Sozialisten in der PDS sähen es gern, wenn Schröder
erfolgreich das Zentrum der Sozialdemokraten mehr zur Mitte des politischen
Spektrum verschöbe - womit sich am linken Rand Platz ergäbe. Dort wähnten
sich die SED-Nachfolger zwar schon immer, doch nun glauben sie wohl auf
größere Ellbogenfreiheit hoffen zu können. Dabei ist noch nicht geklärt, ob
denn die PDS tatsächlich dort zu finden ist, wo sie zu stehen meint?
Fragezeichen gehören hinter die selbstformulierten Standortbestimmungen aller
Parteien - vor allem, wenn man sich das Spektrum mal weniger als Halbkreis
vorstellt, wie er in Anlehnung an parlamentarische Sitzordnungen bemüht wird,
sondern - nach demoskopischem Vorbild - den Kreis rund macht. Heraus käme ein
lückenloser Zirkel, bei dem extrem Links an extrem Rechts stieße - was den
Schlußfolgerungen mancher Historiker nicht widerspräche, die gerne darauf
hinweisen, dass politisch extreme Gruppierungen und Parteien durchaus gemeinsame
Anknüpfungsfelder für - zumindest in Teilen - identische Politikziele haben,
z.B. Entmachtung des Großkapitals.
So gesehen könnte man sich zur Standortbestimmung der Parteien weniger an ihren
Repräsentanten als an ihren Wählern orientieren. Bliebe man bei der PDS, den
Erben des über 40 Jahre real existierenden Linksmiefs, und schaut sich über
die Jahre deren Klientel an, so deckt sich diese vom Typus her erstaunlich mit
jenem Reservoire, aus dem auch die Rechtsextremen bis hin zur CSU schöpfen:
spießige Kleinbürger, denen die Angst vor dem Verlust altbewährter
Lebensausstattungen den Schlaf raubt. Bloß keine Experimente. Protestwähler,
die Vertrautes bedroht sehen und sich auf diese Weise wehren, weil sie die
Zukunft mehr als Risiko fürchten, denn als Chance begreifen.
Zugestanden, zumindest die CSU verfügt über noch weitere
Wählerreserveschichten und kann - erstaunlich genug - tatsächlich aus nahezu
allen schöpfen, stärker jedenfalls als die Unionsschwester, die sich weniger
rechts, vor oder hinter der bayrischen Staatspartei ortet, sondern meint, links
von ihr zu stehen. Angesichts mancher Unterschiede in sozialpolitischen
Positionen der Schwesterparteien wirft dies durchaus ein paar Fragezeichen auf...
Nehmen wir mal an, Schröder habe mit seinem Anti-Kriegs- und
Flutfolgenbewältigungsfeldzug in der Endphase des Wahlkampfes im vorigen
Jahr tatsächlich bis in Unionsgefilde gewildert: seine derzeitige Politik der
wiederkehrenden Rücktrittsdrohungen könnte aus Bemühungen resultieren, seine
Partei vor allzu panischen Wähler-Absetzbewegungen zu schützen. Wer mag schon
den Rückweg einschlagen, wenn er sich darüber freut, vorwärts schreitend ein
Ziel erreicht zu haben - welches auch immer.
Das SPD-Dilemma liegt nur darin, dass Schröder so lieb- und rücksichtslos mit
den Traditionswählern seiner Partei umgegangen ist und nun nicht mal mehr mit
seinen natürlichsten Verbündeten, den Gewerkschaften, rechnen kann. Die
verprellten früheren SPD-Wähler - wen sollen die jetzt eigentlich wählen? Die
PDS? Wäre dies auch die neue Heimat verprellter Grüner? Fundamentalisten aller
Parteien, vereinigt Euch...
Wenn wir davon ausgehen, dass frühere liberale Wähler sich nunmehr - wie
Hildegard Hamm-Brücher - bei den Grünen am besten aufgehoben fühlen können,
ließe sich eine Art Domino-Verschiebung vorstellen. Liberal gebliebene liberale
Wähler wählen grün, fundamentalistisch gebliebene Sozialdemokraten und Grüne
wählen sozialistisch, ehemalige CDU-Wähler mit christlich begründeter
Friedensliebe wählen jetzt mal sozialdemokratisch oder westerwellisch,
frühere Reps und DVU-ler wählen die bayrische Unionsschwester. Sie werden
sowieso am herzlichsten von den Unionsparteien umworben. Früherer
SED/PDS-Wähler sind sowieso schon in Scharen bei den Unionsparteien gelandet,
wenn sie nicht bei der DVU oder den Reps geblieben sind... So gesehen: Der Kreis
ist rund und dreht sich wie ein Rad. Und oben kann auf einmal überall sein -
genau wie unten. Da kann auch kein Schröder in die Speichen greifen.
Es ist eine verrückte Zeit: Sozialdemokraten, die sich nur noch so nennen,
koalieren mit Grünen, die sich nur noch so nennen, gleichzeitig aber wollen die
sich nur noch so nennenden Sozialdemokraten lieber ein Bündnis mit dem
Liberalen, die sich nur noch so nennen. Und was an den Christdemokraten und
-sozialen noch christlich sein soll, wissen unsere Kirchensteuerzahler schon
lange nicht mehr. Der Schwindel mit Etiketten hat Hochkonjunktur.
- 22. Kalenderwoche:
30.5.2003
Ökumenischer Kirchentag macht Appetit
Der allererste ökumenische Kirchentag in Berlin hat 200 000 Menschen an die Spree gelockt. 2000 von ihnen nahmen gestern Abend an einem ökumenischen Abendmahl teil, das gegen den Willen der katholischen Amtskirche stattfand. Die Feier sollte ausdrücklich für alle Christen offen sein. Der Wunsch nach christlicher Gemeinsamkeit ist auf Laienebene offenbar größer, als es die Vertreter der Amtskirche, die nach wie vor das Trennende unterstreichen, wahrhaben wollen.
Was sieben Jahre lang vorbereitet wurde und nun in Berlin die Menschen bewegt, ist ein Kirchentag, bei dem der Wunsch, das Trennende der Konfessionen zu überwinden, wie ein Geist aus einer guten Flasche entweicht. Er wird sich kaum wieder einfangen lassen. Das wissen auch diejenigen, die den Korken noch in der Hand halten und unsicher sind, ob sie ihn nicht lieber wieder reindrücken sollen.
Zu spät, Eminenzen. Der christliche Bodensatz, einfache Menschen, um deren Seelenheil es letztlich ja auch den Amtskirchen geht, genießen nicht nur die Begegnungen in Christo, sondern auch das gemeinsame Bekenntnis und das gemeinsame Abendmahl. Es stört sie auch nicht weiter, dass es diesmal gewissermaßen an den Katzentisch des Großereignisses, nämlich ins inoffizielle Programm verbannt wurde.
Welche Kirche wäre besser geeignet gewesen als die protestantische Gethsemane-Kirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, in der sich zu DDR-Zeiten jene trafen, die an einer Zukunft in anderer Weise mitgestalten wollten, als es die SED-Obrigkeit damals propagierte. Der Treffpunkt für Andersdenkende - auch diesmal ein Ort provokanten Geschehens, wenn auch nicht ganz so provozierend wie jenes Abendmahl beim Katholikentag vor drei Jahren in Hamburg, als die Feier sogar von Geistlichen unterschiedlicher Konfessionen gemeinsam gestaltet wurde, was einem katholischen Priester sein Amt kostete.
Diesmal hat man sich gegenseitig eucharistische Gastfreundschaft angeboten - immer noch mehr, als die katholische Amtskirche vorbehaltlos billigen mag. Auch die Kritik an dieser amtskirchlichen Blockade mag man in Bischofskreisen nicht hören. Kardinal Sterzinsky, der katholische Erzbischof der Hauptstadt, möchte das Thema im medialen Echo nicht als Haar in der Suppe des Kirchentages wiederfinden, will die Diskussion über eine gemeinsame Eucharistie den Theologen vorbehalten.
Doch wie gesagt - der Geist ist längst aus der Flasche und beseelt die Menschen. Er macht ihnen Appetit auf mehr, auf Ökumene im Alltag, auf noch mehr Bewegung, damit verkrustete Strukturen aufbrechen. Daß die Kirche nicht immer die richtigen Worte finde, die Sehnsüchte der Menschen anzusprechen, räumen namhafte Kirchenvertreter ein. Doch zu häufig fehlt es ihnen wohl an Mut, die daraus nötigen Konsequenzen zu ziehen.
Respekt vor Gotthold Hasenhüttl. Der emeritierte Saarbrücker Professor für systematische katholische Theologie feierte in der evangelischen Gethsemane-Kirche die katholische Kommunion und rechtfertigte dies sogar mit einem Papstzitat aus dessen jüngstem Lehrschreiben: "Steh auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für Dich".
Doch die Repräsentanten der katholischen Amtskirche sind noch nicht so weit. Sie halten das Trennende für gewichtiger als das Gemeinsame. Der Papst-Vertraute Kardinal Ratzinger rügte das Geschehen in der Gethsemane-Kirche denn auch als Mißbrauch des Sakraments für eine kirchenpolitische Aktion. Für viele Gläubige aber war gerade dieser Gottesdienst das Salz und nicht das Haar in der Suppe des Kirchentages. Und das ist es, was hoffen läßt.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 30.5.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 22. Kalenderwoche:
28.5.2003
Der Kalif wird nicht ausgeliefert
Was bleibt, wenn sich die Fassungslosigkeit gelegt hat, wenn man mal drüber schlafen konnte und die Sache in neuem Tageslicht betrachtet, gelassener und distanzierter. Wie so häufig ist dann festzustellen: Die Wut lässt nach, das Oberlandesgericht Düsseldorf verschwindet aus dem Zentrum des Zorns und es wird Platz für hoffnungsvolle Zuversicht, dass auch dieses Problem geregelt wird - irgendwann und abschließend. Ob zu aller Zufriedenheit sei dahin gestellt, aber das muss ja auch nicht sein.
Der Rahmen ergibt sich aus dem, was uns teuer sein sollte: Aus unserem Rechtsstaat, der immer dann seine wahre Stärke zeigt, wenn es vermeintlichen Grund gibt, ihn für schwach zu halten. Es ist beruhigend, wenn er allzu naheliegendem Verlangen nach harter Hand widersteht und sich nicht zu Entscheidungen drängen lässt, die bei gewissenhafter Prüfung zu berechtigten Zweifeln Anlass bieten.
Tragen wir zusammen, was uns wurmen kann: Ein religiöser Fundamentalist, der seinen Anhängern hierzulande nicht nur Hass predigt, sondern auch noch wegen Mordaufrufs bestraft wurde, der sich als Oberhaupt eines Staates im Staate huldigen lässt, darf nicht dahin ausgeliefert werden, wo er her kommt, und wo man ihm aus anderen Gründen den Prozess machen will. Zweifel unserer Justiz an der türkischen Justiz bewahren ihn nun vor dem direkten Abtransport hinter türkische Gefängnisgitter, denn - so die Begründung der deutschen Justiz - ihm drohe dort ein völkerrechtswidriges Verfahren und eine Anklage, die sich auf Zeugen stützt, deren Aussagen unter Folter erpresst wurden.
Bei allem Unverständnis für den Schutz eines Hass-Predigers und allem Verständnis für das Kopfschütteln über das Urteil: Wir könnten uns auch ein wenig Stolz auf die Unabhängigkeit unserer Justiz leisten, die nicht den Eindruck entstehen lässt, sie könnte politischem Druck nachgegeben haben. Das Urteil hat hierzulande und in der Türkei überrascht. Aber so ist es manchmal vor Gericht in einem Rechtsstaat, wo man wie auf hoher See mit allem rechnen muss. Und klar bleibt ja auch, dass Kaplan längst noch kein rettendes Ufer erreicht hat. Entschieden wurde über eine Auslieferung - eine Ausweisung steht auf einem völlig anderen Blatt. Und wie dies beschrieben wird, steht noch offen, so dass der Kalif mitnichten davor sicher ist, am Ende da zu landen, wo er partout nicht hin will, nämlich vor einem türkischen Kadi.
Auf einem ganz anderen Blatt kann am Ende bilanziert werden, was sich innerpolitisch aus dem Urteil bei uns ergibt: Die Rechtsstaatszweifel, die sich artikulieren, die Rufe nach schärferen Bestimmungen des Ausländerrechts. Wer sich auf vermeintlich kerngesundes Volksempfinden beruft, rechtfertigt leicht als legitim, was noch längst nicht legal ist. Da folgt dann schnell das verdrossene "Wo leben wir eigentlich".
Wir leben in einem Staat, wo unabhängige Juristen sich an Gesetze halten
können und halten. Und die bieten Richtern unabdingbare Möglichkeiten,
geschriebene Gesetze mit Lebenswirklichkeiten in Einklang zu bringen. Das ist
eher beruhigend als dass es uns stören sollte. So ist es eben in einem
Rechtsstaat.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 28.5.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 22. Kalenderwoche:
23.5.2003
140 Jahre? Wer schon so viel auf dem Buckel hat wie die deutsche
Sozialdemokratie, der schleppt auch eine ganz schöne Last - um nicht zu sagen
Hypothek. Aber man könnte es auch sportlich betrachten und als Herausforderung
verstehen - und wenn es nur in dem Sinne wäre, noch älter zu werden. Dabei
sieht diese Partei längst älter aus, als sie ist - ob auch schon älter, als
sie je werden kann, lassen wir mal dahingestellt.
Von Jugend jedenfalls, zumindest von Jugendlichkeit keine Spur, ganz gleich wie
viele sich auch als Jusos rebellisch gebärden. Käme überhaupt jemand auf die
Idee, ausgerechnet in diesen Maggel-, Kungel- und Klüngelhaufen, deren
Hinterzimmermief alles überwabert, was in dieser Partei gedacht, diskutiert und
propagiert wird, eine nennenswertes Quäntchen an Schwung, Frische und
Optimismus zu vermuten, geschweige denn zu erwarten?
Der quasi mit hochgekrempelten Ärmel zur Schau getragene Verbalradikalismus
an der Seite derjenigen, die die Ballonmützen der Gründergeneration auftragen
- ich meine die Spitzengenossen in den Gewerkschaften - bietet nur bescheidene
Ansätze zur Unterscheidung dieser Jungschar von sagen wir mal einem
durchschnittlich begeisterten Fanclub irgendeines Fußballbundesligisten. Die
größere Sorgfalt und Qualität in der Bewältigung von Herausforderungen
intellektueller Natur sind nur behauptet. Zweifel daran, daß die Behauptung
zutrifft, sind erlaubt, ja geboten.
Blieben die Alten und die Altvorderen, wobei die Alten sich immer noch als jung
und dynamisch gerieren, weil sie für sich nie so ganz auf ein Image mit
jugendliches Touch verzichten wollten: Die ehedemen Spitzenjuso Gerhard
Schröder, Heidi Wieczoreck-Zeul, die schon seinerzeit den Rudi aus dem
Westerwald mehr ertragen als gelitten haben. Auch Ottmar Schreiner kennt man von
damals als rabaukigen Querkopf. Er war es, der an den Universitäten die
Jusohochschulgruppen aufbauten, die in Konkurrenz zum SHB standen, zum
"Sozialistischen Hochschulbund", der sich in engster Kooperation mit
dem DKP-Hochschulableger MSB Spartakus in der Hochschullandschaft tummelte.
Spielwiesenerinnerungen allemal: Der Morgen wurde verpennt (wenn's keine
Flugblätter vorm Werktor zu verteilen gab), nachmittags von der
Vergesellschaftung der Produktionsmittel geschwafelt, am frühen Abend
geflippert (aber vor allem getilt) und am späten Abend bis tief in die Nacht
von der Weltrevolution geträumt, damit die internationale Solidarität
hochleben konnte. Nostalgie in rosa.
Nun hat der Kanzleramtszaunrüttler die ganze schwere Last auf den Schultern und
mag sich - verständlich - keine Knüppel zwischen die Beine werfen lassen. Ist
einzusehen - er stolpert von allein schon genug und kriegt das Gewicht kaum
geschleppt ohne zu taumeln. Die Altvorderen - Schmidt, Vogel und wer sonst noch
ehrenvoll in der Realpolitik sozialdemokratischer Prägung ergraut ist -
stärken dem Kanzler den Rücken. Nun soll er mal machen, was zu tun ist.
Man kann sicher sein, es wird nicht reichen - bestenfalls, um der
Sozialdemokratie einige weitere Jahrzehnte des Dahinsiechens zu sichern, doch um
sie als die prägende gesellschaftspolitische Kraft zu erleben? Dazu fehlt es
ihr inzwischen an intellektueller Substanz. Ihr Problem war und ist die
Gründung der außerparlamentarischen Bürgerbewegungen, die sich ihre
parteipolitische Heimat mangels besserer Alternativen bei den Grünen selbst
gegründet haben. Was sich dort gesammelt hat, ging der SPD verloren
beziehungsweise blieb ihr vorenthalten - ein Mangel, den sie nie mehr beheben
kann und der ihr für den Rest ihres Daseins zu schaffen machen dürfte.
- 20. Kalenderwoche:
10.5.2003
Atlantisches
Tauwetter? Alles Kreide, oder was?
Der erste Monat der Nach-Saddam-Ära ist vorbei. Auf den Irak regnet es keine
Bomben mehr, Durchhalteparolen sind auch nicht länger zu vernehmen, die eine
größenwahnsinnige Saddam-Marionette in Kameras posaunen könnte, dafür aber
sind immer noch Plünderungen an der Tagesordnung, die die arabischen Brüder
und Schwestern in anderen Ländern vor Scham in den Boden treiben.
So gut, so verkehrt. Wie geht's weiter? Für die amerikanischen Sieger
businesslike wie gewohnt. Nun kann man endlich seinen Schnitt machen. Der Irak
wird trizonalisiert, nicht etwa in "Normal", "Super" und
"Diesel", wie man eigentlich bei den siegreichen gelernten
Ölhändlern vermuten könnte, sondern zugewiesen an die Mitreisenden auf der
Siegerstraße. Die Briten kümmern sich um Basra und das schiitisch dominierte
Mündungsgebiet des Zweistromlandes, Bagdad bleibt unter amerikanischer
Bewachung, und im Norden des Irak, in Kurdistan, werden künftig die Polen
weiteren Plünderungen nicht tatenlos zusehen...
Ob dies auch dazu führt, dass bald endlich auch dort wieder Wasser und Strom
fließen, wo die Leitungen auf der Suche nach Saddam gekappt wurden, wer mag es
wissen. Vielleicht jene amerikanische Firmen, die vom Weißen Haus mit dem
Wiederaufbau beauftragt wurden? Vermutlich wissen die mehr darüber, wie viele
Dollars für sie am Ende dabei rausspringen. Und jetzt hat Bush auch noch als
Fernziel eine Freihandelszone in Nahost als Ziel formuliert. Er weiß eben, wie
er seine Wahlkampfsponsoren bei Laune hält...
Damit mag die "Expedition Golf" am Kern ihres Sinn und Zwecks
angekommen sein. Inzwischen sprechen bereits hohe amerikanische Militärs gar
nicht mehr davon, dass man die chemischen und/oder biologischen Waffen irgendwo
im irakischen Wüstensand ausbuddeln könnte. Im Gegenteil: Man hält es
ausdrücklich nicht mehr für ausgeschlossen, dass man vergeblich gesucht haben
könnte.
Was aber nicht heißen könne, dass nie derartige Waffen dort gewesen wären.
Und überhaupt habe man, so scheint die neue Sprachregelung zu sein,
glücklicherweise in just dem Augenblick zugeschlagen, als der Irak dazu in der
Lage war, jederzeit derartige Waffen zu herzustellen. So funktioniert das also:
Man muß die grundgebenden Behauptungen nur so drehen, dass die Beweisführung
nach den Rechtfertigungsregeln des Pentagon möglich bleibt. Und wenn daran
einer zweifelt, droht ihm eben Liebesentzug.
Festzuhalten bleibt, dass selbst in den USA die Fragen nach den Beweisen für
die kriegsrechtfertigenden Behauptungen immer lauter gestellt werden.
Vernehmbarer werden auch die Vermutungen, dass Washington (Weißes Haus?
Pentagon?) die eigene Nation grandios über Sinn und Zweck, über Kosten und
Risiken und Zusammenhänge getäuscht haben könnte. Wieso eigentlich könnte?
Die Scham wächst, wenn auch nicht im Zentrum der Macht, um nicht zu sagen im
Auge des Taifuns. Von dort gehen nach wie vor Turbulenzen aus, wenn auch derzeit
nur verbale, aber auch die sind bemerkenswert, zumal es nicht an Bemühungen
mangelt, den Himmel über dem Atlantik wieder aufklaren zu lassen. Doch der
harte Kern der Kriegsgewinnler ist auch hartleibig. Struck durfte froh sein,
dass er nach seinen Gesprächen mit Rice und Rumsfeld wenigstens nicht im Regen
stehen musste, sondern unter dem Ministeriumsvordach seinen Eindruck wiedergeben
durfte, alles werde besser...
Aber wird es auch gut? Noch jedenfalls wohl nicht. Die Falken lassen sich Zeit.
Es hat sich offenbar noch nicht ausgerügt. Condoleezza Rice hat noch was in
petto: Paris und Berlin hätten die Nato als Geisel genommen, als sie ihre
Zustimmung zum Schutz der Türkei noch während der Drohphase des Konfliktes am
Vorabend des Angriffs auf Saddam verweigert hätten. Man schmollt noch immer. ie
peitsche ist noch in Griffnähe - und gleichzeitig wird Zuckerbrot verfüttert:
Bush schart die Außenminister der Nato-Frischlinge wie eine Jungschar um
sich und entwickelt Phantasie, wie man künftig Bündnis-Quertreiber und
Kriegsverweigerer ins Leere laufen lassen könnte: Er stellt das
Einstimmigkeitsprinzip in der Nato in Frage. Ob die Vertreter des "Neuen
Europa" dies auch mit Blick auf die entscheidenden Gremien in der
Europäischen Union für beklatschbar hielten?
Immerhin kommt Ende nächster Woche Colin Powell nach Berlin, und der Kanzler
verkürzt extra seinetwegen seinen Asientripp, sicher nicht schweren Herzens in
diesen Zeiten der Sars. Leider war er wohl nicht komplett zu canceln. Man stelle
sich vor: Aus des Kanzlers Tross zeigt unterwegs jemand Symptome, die gesamte
Reisegruppe müßte zwei Wochen in Quarantäne und die Powell-Begegnung im
Kanzleramt wäre geplatzt... Bildzeitung nebst sonstigen Bush-getreu- und
gefälligen Analytikern und Kommentatoren in der deutschen Presse wären im
Stande, auch dies als Beweis grassierenden Antiamerikanismus zu deuten. Nichts
ist unmöglich, schon gar nicht in den abstrusen Gedankengängen derer, die sich
amerikanischer aufführen als die Amerikaner selbst.
Auch im Sicherheitsrat ist nichts mehr ausgeschlossen. Da geht es um die
Aufhebung der Sanktionen gegen den Irak. Weg damit, lautet die Forderung aus
Washington. Klar, die Wahlkampfspender wollen endlich ungestört ihre Geschäfte
machen. Dazu muß klar sein, wer an Euphrat und Tigris das Heft in der Hand
hält. Und wird es einmal so beschlossen, kann es auch nur wieder im
Sicherheitsrat aufgehoben werden - und da sind dann nicht nur Franzosen oder
Russen veto-mächtig. Die Resolutions-Entwürfler im Weißen Haus haben sich
weiß Gott (die Prediger im Bibel-Belt werden es bestätigen...) ihre
Formulierungen überlegt.
Ein Problem mag für Bush und Konsorten gar keins sein, weil sie sich nicht drum
scheren müssen, solange sie in ihrer auf militärischer Macht gründenden
Hybris keine Schrankensetzungen erleben: Legt Washington nicht bald schlüssige
Beweise vor, die wenigstens in der eigenen Logik zur Rechtfertigung für Tod und
Zerstörung am Golf taugen, sind diejenigen bestätigt, die bislang schon
zweifelnd die Lauterkeit des amerikanischen Vorgehens in Frage gestellt haben.
Wo sollte dann noch ein Vertrauensvorschuß für das Land der Freien und
Tapferen herzuzaubern sein? Der Vorrat wäre dann wohl verbraucht, und das nicht
nur für den Rest der Amtszeit dieser texanischen Cowboytruppe plus
Cheerleaderin Rice.
Bliebe die Frage, wer in Europa Kehrwoche machen muß, damit die Scherben im
transatlantischen Porzellanladen auf die Schippe kommen. Ist Schröder dran? Im
Zweifel - vorausgesetzt, ihm wird nicht innenpolitisch der Teppich weggezogen -
liegt das Ende der Kanzleramtszeit nach der nächsten Wahl in den USA. Kann
Schröder darauf setzen, dass Bush-junior ein ähnliches Debakel erlebt wie der
Senior nach dem vorletzten Golfkrieg? Er könnte sich ja ähnlich hartleibig
zeigen wie die im harten Ölgeschäft gestählten Kriegsgewinnler in Washington
und auf den Sieg der oppositionellen Demokraten setzen.
Ginge das schief, gäb's die nächste Chance bald danach beim Unions-Sieg
hierzulande, wenn Schröder das Kanzleramt räumen muß. Wer immer bis dahin von
der Union als nächster Kanzlerkandidat präsentiert wird - er oder sie hätte
vermutlich keine Probleme mit einem Kotau in Washington. Allein dies reichte
dann aber wohl auch schon aus, gar keinen mehr machen zu müssen und so an die
texanische Brust gedrückt zu werden...
- 16. Kalenderwoche:
20.4. 2003
Die 150prozentigen - aber unecht
Kennen Sie die auch - die unechten 150prozentigen? Die Originaleren als die
Originalen? Und Überzeugteren als die Überzeugten? Sie haben regelmäßig
Konjunktur - eigentlich ständig, aber sie fallen nicht immer so deutlich auf
wie in diesen Tagen und Wochen.
Da wären beispielsweise diejenigen, die sich als unerbittliche Hardliner mit
einer Vehemenz hinter Bush und seine Kriegsfalken stellen, als ob sie beweisen
müssten, dass George Dabbeljuh und Donald Rumsfeld im Vergleich mit ihnen
harmlose texanische Brieftauben wären.
Sie schwadronieren über eine Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens als
ob sie im ersten amerikanischen Waffengang gegen Saddam Praktikanten bei General
Schwarzkopf gewesen wären und sich schon damals davon überzeugt hätten, dass
mit dem Weichei Colin Powell kein Krieg erfolgreich bis zum nötigen Ende
geführt werden könne. Wieso nicht jetzt auch gleich weiter über Damaskus nach
Teheran und Riad gezogen und aus den arabischen Kameltreibern
Camel-Filter-Kunden machen...
Pardon - ich vergaß: Amerikaner sind ja mehrheitlich Nichtraucher - aber
immerhin ist vermutlich eine Minderheit unter diesen militant genug, Toleranz in
Sachen Friedenspfeife zu verweigern. Oder ist es gar die Mehrheit? Geht dann die
Amerikanitis unter den deutschen Cowboy-Freaks so weit, daß sie ihre Malboros
zerbröseln und auch ihren Kindern den Alkohol verbieten, solange sie noch nicht
21 sind?
Wohl kaum. Doch es reicht, sich wenigstens kriegsmäßig willig zu zeigen, um
sich texanisch zu fühlen - militärische Überlegenheit verführt allemal dazu,
sich auf Seiten der Sieger zu schlagen. Und wenn die Übermacht so groß ist wie
sie ist, kann der Rest der Welt ruhig den Mond ankläffen, wenn wenigstens über
Camp David und den Ölfeldern der texanischen Multis die Sonne scheint.
Dass es in den USA durchaus distanzierte Positionen zur hemdsärmeligen
Macht-Politik der White House Gang gibt, Demonstranten auf amerikanischen
Straßen zusammengeknüppelt werden und selbst prominente Bush-Kritiker
öffentlichen Schmähungen ausgesetzt sind, die soweit gehen, das Berufsverbote
gefordert werden, ficht die Bush-Fans hierzulande nicht an. Sie fühlen sich
offenbar eher als verlängerter Arm derjenigen, die sich als Gralshüter des
Guten in der Welt auserkoren glauben, ausersehen das Böse auf dieser Erde
auszumerzen. Und wehe, es fällt da jemand den Rettern in den Schwertarm...
Nun gibt es nicht nur grenzüberschreitende 150prozentige, die mit ihrer
überbordenden Begeisterung ihren Frust darüber kaschieren, dass sie eigentlich
nicht dazu gehören. Fanatische Bayern-Fans im Sauerland, CSU-Anhänger im
Münsterland, Likud-Parteigänger in New York - unterscheiden sie sich als
Phänomen eigentlich wesentlich von den moskau- oder pekingtreuen deutschen
Altkommunisten früherer Zeiten?
Inzwischen haben wir eine weitere Sorte: Es sind die 150prozentigen
Sozialdemokraten, die immer am besten wissen, wie sozialdemokratische Politik
auszusehen hat, damit die Politiker, die selbst in Ämtern und Würden für die
SPD stehen, noch den Anspruch erheben können, richtige Sozialdemokraten zu
sein. Mag sein, dass diese Spezialdemokraten tatsächlich auch ein
SPD-Parteibuch haben, diese DGB-Funktionäre und ballonbemützten
Klassenkämpfer mit dem Beharrungsvermögen alter deutscher Eichen: innen hohl
und oben vertrocknet. Welch Unterfangen, den alten Tanker SPD wieder in alte
gewohnt brackige Gewässer lotsen zu wollen, die mittlerweile erstens zu flach
und zweitens zu trübe geworden sind.
Mit Schröder sollte es nach 16 Jahren Kohl ja zu neuen Ufern gehen. Damit der
Kahn überhaupt aus der Bucht kam, hatte der Kanzler-Kapitän jede Menge Ballast
über Bord geworfen - und ist immer noch dabei, es zu versuchen, auch wenn es
manchen in der Mannschaft nicht paßt. Nun drängen sich - von innen- und
außenbord jede Menge Lotsen auf, die aber im Grund nur den bekannten alten
Hafen ansteuern wollen.
150prozentige eben - aber wenn auch so einer wie Schröder längst nicht mehr
für 100 Prozent steht, sondern bestenfalls noch als halber Sozialdemokrat
durchgeht? Greift dann das Prinzip der kommunizierenden Röhren? So ist
vielleicht in diesem Fall die stille Hoffnung der 150prozentigen, die allerdings
die Wirklichkeit kaum anders wahrnehmen als Gäule in früheren Zeiten, denen
das Blickfeld mit einfachen Mitteln eingeschränkt wurde: Mit Scheuklappen...
- 15. Kalenderwoche:
11.4. 2003
Sockelerschütterungen in Bagdad
Saddam ist vom Sockel gestürzt, die Kameras haben begeisterte Gesichter eingefangen und damit gezeigt, wie schnell jeder sich selbst der nächste ist und sich auch mit dem zu versorgen versteht, was er vielleicht gar nicht braucht - Hauptsache vom Nachlass des Regimes ist Greif- und Tragbares gesichert, was sich früher oder später versilbern läßt. Plünderer - zu normalen Zeiten als ausgesprochen widerlich empfunden - behalten hier erstaunlicherweise einen Sympathiebonus, weil man ihnen nicht übelnehmen mag, was als Fragmentierung des alten Systems verstanden werden kann.
Ziehen wir Bilanz: Was nötigt nun größeren Respekt ab: 1. Die strategische Leistung der amerikanischen Generalität oder der politischen Befehls- und Oberbefehlshaber, die diesen Exponenten auf der "Achse des Bösen" innerhalb von nicht mal einem Monat quasi ausgeschaltet zu haben? Zwanzig Tage nach Kriegsausbruch stehen die amerikanischen Panzer in Bagdad. Es könnte uns beeindrucken - oder mehr? Macht uns die amerikanische Überlegenheit fröhlicher? Oder sind wir angesichts des Zerwürfnisses zwischen dem Weißen Haus und dem Kanzleramt nun latent in Sorge, schutzlos Strafaktionen ausgesetzt zu sein, nachdem die Marines doch am Golf gezeigt haben, wozu sie fähig sind? -
Na ja, bleiben wir realistisch. Militärisch droht uns nichts - soweit kann unsere Sorge nicht gehen - , bestenfalls ökonomisch. Immerhin sind wir ja nun eigentlich das Paradebeispiel dafür, was aus einem Land werden kann, dessen Bevölkerung manche Zweifler vor 60 Jahren noch die Befähigung zur Demokratie abgesprochen hatten. Und daß wir uns diesem Feldzug verweigert haben, dürften nun zumindest solche Unternehmen zu spüren bekommen, die gern am Wiederaufbau des Irak mitverdienen würden.
Oder ist 2. eine ganz andere strategische Leistung weitaus mehr respekteinflößend: Nämlich die einiger evangelikaler Fundamentalisten aus dem amerikanischen Bibelbelt, sich bis ins Weiße Haus gebetet zu haben, um von dort aus mit Feuer und Schwert die Ungläubigen der Welt zu missionieren - mögen die zu diesem Zwecke eingesetzten moderneren Waffen inzwischen auch eher Marschflugkörper und bunkerbrechende Ladungen der B 52-Bomber sein. Die "Überlegenheit" des richtigen Glaubens, der Erweis der Wahrheit aus Stärke, die sowohl Muslime als auch Juden davon überzeugen könnte, daß sich das Glaubensheil gewiß nicht in ihren Religionen findet. Und weil es nicht ohne geht, hat man George Dabbeljuh Bush quasi für ayatollah-tauglich empfunden. Diese Rolle hat er verinnerlicht.
Bliebe eine 3. strategische Leistung, die den meisten Respekt erheischen könnte: Die nämlich geschäftstüchtiger Ölmagnate wie Bush, Cheney und Rize, sich im Windschatten radikaler Evangelikaler ins Weiße Haus zu schmieren (wozu ist Öl schließlich da...), um von dort aus unter Formulierung hehrer Befreiungsziele und menschenrechtlicher Schutzabsichten Geschäftsinteressen voran zu bringen, mag auch dabei in die Brüche gehen was will: Glaubwürdigkeit internationaler Gremien und Rechtsnormen, eigener Ruf, und was sonst noch erwähnenswert sein mag, aber nicht ins Gewicht fällt...
Unterm Strich - als Zwischenbilanz - halten wir die Schlagzeilen fest: Bagdad gefallen, Saddam gestürzt, fröhliche Gesichter. Vergessen wir so schnell? Noch vor ein paar Tagen die kriegsverletzten Menschen, die in den Krankenhäusern nicht mehr versorgt werden können, die unschuldigen Opfer der Bombardierungen, um eine Tyrannenclique aus ihren Palästen zu verjagen, die nicht nur das eigene Volk unterjocht hat - soweit wär's ja noch für Ölmanager hinnehmbar - , sondern massiv Profitinteressen beeinträchtigt hat. Und beim Geld hört schließlich die Toleranz auf.
Versuchen wir mal eine moralische Bilanzrechnung, erweitert durch Faktoren, die längst Schnee von gestern sind, gleichwohl aber interessante Blickwinkel freilegen:
Einem machtbewussten Politiker A aus dem amerikanischen Süden gelingt - mit welcher Unterstützung auch immer - der Einzug ins Weiße Haus. Er saniert - nachdem sein Vorgänger mit einem halbherzig geführten Krieg die Wirtschaft des Landes vor gewaltige Probleme gestellt hat - den Haushalt und bringt die Konjunktur wieder auf Touren. Dann bietet er seinen bigotten Gegnern, die ihre eigenen Geschäftsinteressen verfolgen, fahrlässig seine ungeschützte Flanke, weil er als triebgesteuerter Schürzenjäger angesichts großäugiger Herausforderungen seine Finger nicht bei sich und den Reißverschluß der Hose nicht geschlossen halten kann. Als es herauskommt, versucht er sich der Peinlichkeit durch Lügen zu entziehen, verstrickt sich in Widersprüche, wird entlarvt und verliert seine Reputation und seine moralische Integrität. Der Mann ist unten durch.
Dem machtbewußten Politiker B aus dem amerikanischen Süden gelingt ein paar Jahre später - mit welcher Unterstützung auch immer - ebenfalls der Einzug ins Weiße Haus. Er schafft es, - wie zuvor schon sein Vater - den sanierten Haushalt wieder ins Defizit zu manövrieren und die Sozialsysteme auf Kosten der Leistungsschwachen zu verändern. Mit Rückenwind seiner bigotten Anhänger (die ihm Lug und Betrug aus seiner Zeit als Spitzenmanager in der Ölbranche nachsehen) benennt er - mit verschwiegenen kaltschnäuzigen Geschäftsinteressen -fundamentalistisch-religiös verbrämte Kreuzzugsziele, für die er nach politischen Rechtfertigungen sucht.
Er findet sie, indem er Zusammenhänge zwischen unzusammenhängenden Terroranschlägen und diktatorischen Regimen herstellt, daraus Bedrohungsszenarien entwirft und mit Hilfe willfähriger Schreiberlinge die eigenen Bevölkerung in Angst und Sorgen versetzt. Er schert sich dabei nicht die Bohne um internationales Echo, internationale Voten, internationale Bitten und Bedenken, sondern vertraut einzig und allein auf die militärische Überlegenheit zur Beseitigung der Hindernisse, die den eigenen Geschäftsinteressen entgegenstehen könnten.
Jetzt ziehen wir mal einen Strich drunter und zählen die Toten, die Politiker A und Politiker B mittelbar zu verantworten haben...
Aber, so kommt nun der Einwand -, da ist doch endlich ein Volk von einem Scheusal befreit worden. Richtig - und das ist auch gut so. Aber wenn dies der moralische Beweggrund war - wo bleibt die amerikanische Einsatzfreude zum Schutz unterjochter Kreaturen in anderen Diktaturen? Wo war diese Einsatzfreude in der Vergangenheit, wenn es keine Geschäftsinteressen zu wahren galt?
Sicher - wir selbst sind von Alliierten unter Einschluß der Amerikaner vom Faschismus befreit worden und können dafür gar nicht genug danken. Aber den Krieg gegen Hitler erklärt und geführt haben in den ersten Jahren andere Nationen - die USA hatten es mit ihrer Hilfe, die Welt von unserem Diktator zu befreien, nicht so eilig. Der Diktator in Chile hatte sich - übrigens an einem 11. September - selbst mit amerikanischer Hilfe an die Macht geputscht, ehe er gleich danach sein Schreckensregime errichten konnte, dem Tausende zum Opfer fielen, ohne daß aus Washington ähnliche Drohungen zu vernehmen waren, wie sie vor dem Krieg Richtung Bagdad ausgestoßen wurden.
Was bleibt für die Bilanz? Gibt die Geschichte demjenigen Recht, der sich durchsetzt? Versehen die Menschen in Kirkuk, Basra und auch Bagdad, die über den Sturz ihres Diktators durch amerikanisch-britische Invasion jubeln, nun den unnachsichtigen George Dabbeljuh mit einem Glorienschein, der jede Kritik an dessen Vorgehen in den Schatten verweist? Was bleibt, sind immer noch Fragen nach den angeblich versteckten irakischen C-Waffen, die als Bedrohungsmaterial angeblich vorhanden waren und mit denen Saddam Hussein die Sicherheit der USA so sehr gefährdet hatten, dass sie als Rechtfertigung für den Krieg herhielten. Kräht nun kein Hahn mehr danach? Wo sind diese Waffen? Fragen wird man ja wohl noch dürfen.
Bleiben wir bei der Bilanz, die vielleicht gar nicht endgültig gezogen werden kann, weil die Zahl der Menschen, die ihr Leben verloren haben, genauso wenig geklärt werden kann wie die Frage, wer sie letztlich auf dem Gewissen hat. Die Sieger werden stets auf den besiegten Schurken als Hauptverantwortlichen verweisen. Ist er es auch für die zerfetzten und verstümmelten Frauen, Greise und Kinder?
Letztlich bleibt eines festzuhalten: Bill Clintons Triebsteuerung aus der Unterhose mag moralisch betrachtet verwerflich gewesen sein - gestorben ist an ihr niemand. George Dabbeljuh Bushs Kriegslüsternheit aus dem seriösen Anzug scheint mir jedoch abstoßender - trotz aller Siegestaumeltänze, die nun befreite Irakis quasi auf Leichenbergen vollführen.
Mir ist ein bumsfideler Clinton allemal lieber als ein Bush in Bombenstimmung - todsicher.
- 14. Kalenderwoche:
3.4. 2003
Im Ringen um sozialpolitische Reformen ist der Versuch einer Annäherung
zwischen rot-grüner Regierung und der Gewerkschaftsführung gescheitert. Und
nun gehen die Gewerkschaften auf Konfrontationskurs gegen des Kanzlers Pläne.
Sie wollen ihre Basis mobilisieren und den Wonnemonat Mai zum heißen Mai
machen.
Es passt zusammen: Der Deutsche Gewerkschaftsbund, ohnehin bereits mit dem
schlechten Ruf des Reformbremsers belastet, droht mit einem heißen Mai. So
reagiert schnell jemand, der sich in die Ecke gedrängt fühlt und nicht weiß,
wie er herauskommen soll. Angstbeißer, die die Zähne fletschen, ohne zu
merken, wie wackelig die Beißerchen geworden sind. Tut man den Gewerkschaften,
insbesondere deren kompromissunfähigen Spitzenfunktionären Unrecht, wenn man
ihnen vorwirft, aus Klientelinteresse nötige Sozialreformen zu
blockieren?
Was erwartet man, was erwartet wer von ihnen. Die Gewerkschaftsbasis erwartet, dass die gewählte Führung Interessenpolitik macht - erfolgreich wenn möglich. Der Rest der Gesellschaft verlangt, dass in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation Klientelinteressen zurückgestellt werden und die nötigen Schritte getan werden, um die Konjunktur wieder flott zu bekommen und die Zahl der Arbeitslosen wieder zu senken.
Dass dies nicht ohne Einschnitte geht, ist allen klar - egal ob mit oder ohne Mitgliedsbuch der Gewerkschaften. Aber man wird ja wohl wenigstens deutlich machen dürfen, dass Einbußen weh tun und nicht freudig hingenommen werden. Wie anders als durch heftiges Sträuben soll dies signalisiert werden? Soweit ist die Ankündigung der Gewerkschaften, sich zum 1. Mai, dem traditionellen Tag der Gewerkschaftskundgebungen, gegen Sozialabbau zu wehren, ein Verbalradikalismus, von dem sie sich einen Mobilisierungsschub versprechen dürften.
Für die Außenwirkung auf diejenigen, die ohne DGB-Mitgliedsbuch sehnsüchtig auf den politischen Befreiungsschlag warten, der - Irakkrieg hin, Weltwirtschaftsflaute her - den Konjunkturmotor wieder anspringen lassen könnte, ist dieses Muskelprotzspiel von Sommer, Bsirske, Zwickel und Co. der Beweis für unerträgliche Gestrigkeit der Ballonmützenträger. Verweigern sie sich den nötigen Reformen beharrlich und gelänge es ihnen sogar, Schröders Koalition die eigene Mehrheit zu nehmen, während die Opposition genüsslich darauf wartet, dass der Kanzler scheitert, wäre die taktische Meisterleistung, bei der man sich selbst ins Knie schießt, perfekt.
Zu konstatieren wäre dann einmal mehr ein handlungsunfähiges rot-grünes Bündnis, eingemauert von roten Blockierern, die sich einen Teufel um gesellschaftliche Notwendigkeiten scheren. Aber gehen wir mit den Gewerkschaften nicht strenger um als mit der Opposition: CDU und CSU haben immerhin deutlich gezeigt, wie erfolgreich Verweigerung sein kann. Das ebenfalls nötige Zuwanderungsgesetz ist auch auf der langen Bank, weil es schwarzen Blockierern so gefiel, und Rot-Grün macht sowieso nicht den Eindruck, als ob man zuversichtlich selbst davon überzeugt wäre, bis zum Ende der Wahlperiode durchhalten zu können.
Den Gewerkschafts-Herrschaften dürfte klar sein, was die Alternative bedeuten würde. Aber vielleicht brauchen sie ja die Herausforderung, sich bald schon wieder an einer schwarz-geführten Regierung zu reiben. Vielleicht fühlen sie sich ja wohl in der Sackgasse. Immerhin wäre dann ein Frage geklärt: Aus der Sackgasse führt immer nur ein Weg heraus: Und der geht zurück - erst dann kann es auch wieder nach vorn gehen.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 3.4.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 13. Kalenderwoche:
27. 3. 2003
Zwischenbilanz des
Krieges
Nun also richtig in Gang gekommen, was zu verhindern sich so viele vorgenommen
hatten - wohl wissend oder zumindest erahnend, dass es kaum zu verhindern sein
werde. Es gibt Zielende und Ziele, Leitende und Leidende, Opfernde und Opfer.
Keiner jubelt, alle zeigen, dass sie imstande sind, den Ernst der Lage zu
erfassen und ihm Rechnung zu tragen. Oder etwa doch noch? Immer noch
Begeisterung über Konsequenz? Über Präzision?
Wir sehen Bilder, die uns beeindrucken sollen und könnten. Und entsetzen? Wir bekommen nicht alles zu sehen, können nicht alles erfahren. Wir sollen es auch nicht. Was wir nicht wissen sollen, werden wir kaum zur Kenntnis bekommen. Nur was uns beeindrucken soll, wird man und bereitwillig zur Schau stellen. Wir sollen staunen, und wir sollen uns keine Sorgen machen und daran glauben, dass alles seine Ordnung hat und alles nur halb so schlimm ist - für uns. Auch das ist Teil des Krieges.
Und da ist sie wieder - zumindest bei all denen, die weit weg sind von allen Entscheidungsvorgängen - , die große Unsicherheit darüber, was gesichertes Wissen ist, was kriegsstrategisch gestreute Desinformation, und was Gerüchte, deren Wahrheitsgehalt niemand erkennen kann. Und aus allem entspringen doch Sorgen und Ängste. Was folgt, was droht, was wird sein, was kann passieren...
Wir nehmen zur Kenntnis, was an Neuigkeiten auf den Markt geworfen wird, bemühen uns um Einordnungen, um Analysen und Bewertungen, und hoffen darauf, wenigstens ein paar Fragezeichen streichen zu können. Der Alltag hat seine Regularien, seine Routine, und dieser Automatismus bietet uns ein Handlungsgerüst, an dem wir uns entlang hangeln können.
Wenigstens soweit haben wir einen Rahmen, der uns Gewissheit geben kann, zumindest darüber, was wir - wie immer eben - zu tun haben, egal ob es regnet oder die Sonne scheint, egal ob Bomben fallen oder nicht. Tag und Nacht haben ihren Rhythmus, dem wir folgen, der Körper signalisiert sein Verlangen in jeglicher Hinsicht und wir können uns blind darauf verlassen, dass wir nichts falsch machen, wenn wir dem folgen.
Weit weg - oder doch nicht so weit, weil ja die globalisierte Welt immer enger zusammenrückt - prallen Hightech und Menschen aufeinander, weil Führende einander Feind sind, sich gegenseitig ausschalten wollen und kein Pardon kennen. Die Leidtragenden sind Menschen in Zivil und Uniformen, die sich gegenseitig nicht kennen, gleichwohl aber nach dem Leben trachten sollen.
Das alles ist nicht neu und hat sich, in ähnlicher Art, immer wieder
abgespielt, seit Menschen zusammenleben. Ein Trost ist das nicht.
- 12. Kalenderwoche:
20. 3. 2003
Nach Kriegsbeginn nach vorne schauen
Der Streit, der von den üblichen Verdächtigen - Westerwelle wieder vorne weg - mit Wollust gesucht wird, ist rechtsakademisch und führt nicht weiter - politische Gewichtung dagegen schon. Was ändert es daran, wenn hier in Deutschland und in anderen "alten" Ländern gelehrte Juristen sich darüber ereifern, ob nun Völkerrecht verletzt wurde oder nicht - die Haus- und Hofjuristen der Kriegsregierung in Washington haben ihre eigenen Juristen, die ihnen bestätigen, dass völkerrechtlich alles in trockenen Tüchern ist.
So ist halt die Juristerei: Es gibt Mehrheitsmeinungen und Minderheitsmeinungen. Wer will denjenigen, der zwar in der Minderheit sein mag, dafür aber über die größere Durchschlagskraft für seine Argumente verfügt - also über größere militärische Stärke - mit Verweis auf völkerrechtliche Normen bremsen oder in die Schranken weisen? Dies wäre ein Größenwahn, der schnell in der Ohnmacht endet.
Wer will Bush und sein Kriegskabinett deshalb vor welchen Kadi zerren? Diese Bemühungen kann man sich schenken. Viel wichtiger ist die klare Frage, ob denn nun auch die Beweise für die Gefährlichkeit aufzufinden sind, mit der Bush seinen Entwaffnungsfeldzug gegen Saddam Hussein begründet. Sobald die schreckliche Arbeit getan ist, der unschuldige Menschen zum Opfer fallen, muß erwartet werden, dass uns Bush's Männer zeigen, wo sie denn zu sehen sind, die Waffen zur massenhaften Ermordung von Menschen, die die Vereinigten Staaten in Amerika so unabweisbar bedroht haben, dass der Militärschlag unvermeidlich war.
Soll man nun hoffen, der Beweis gelingt? Soll man hoffen, die US-Army wird fündig? Dann um Gottes und Allahs Willen schnell, eh jemand diese Waffen einsetzen kann. Dies - und nur dies - könnte den Feldzug legitimieren, allerdings kaum ein unschuldiges Menschenleben.
Und wenn nicht? Wenn die Suche von Hans Blix und seinen Experten nach diesen Waffen eben deshalb vergeblich war, weil tatsächlich keine mehr da sind? Dann hat die Weltgemeinschaft tatsächlich ein Problem, und zwar anderen Ausmaßes als die Frage, ob völkerrechtlich gedeckt ist, was Bush befohlen hat. Dann nämlich fällt das ganze Rechtfertigungsgerüst der Bush-Regierung in sich zusammen. Dann gäbe es einen Präsidenten, der an der Spitze der einzigen, bis an die Zähne hochgerüsteten Supermacht steht, und mit der Welt gemacht hat, was er gerade wollte - und das noch gestützt auf falsche Informationen.
Darf er dann "Sorry" sagen, "war nicht so gemeint... man wir sich doch noch mal vertun dürfen?" Oder gibt es irgendwo jemanden, der ihn zur Verantwortung ziehen könnte? Läßt sich vorstellen, dass die USA einen Präsidenten, der sich in solcher Weise am Weltfrieden vergriffen hat, nicht nur aus dem Amt jagt, sondern auch zur Verantwortung zieht?
Sollte der Fall eintreten, dass Bush am Ende ohne Beweise bliebe, die seinen Feldzug nachträglich rechtfertigen könnten, dann hätten die USA nur diese einzige Chance, ihre Totalbeschädigung der Reputation zu reparieren. Dann gehörten Bush, Rumsfeld, Rize und ihr gesamten Stab vor ein Kriegsgericht. In Den Haag sitzen bereits Experten... - Pardon, ich vergaß - dieses Gericht, haben die USA ja nicht anerkannt - wohlweislich....
Könnte der Beweis nur versucht werden, weil - was wir hoffen sollten - die schrecklichen Massenvernichtungswaffen nur gefunden - dann steht uns der nächste Streit ins Haus: Glaubt man an die Echtheit der schrecklichen Waffen, oder wird die Echtheit bestritten und behauptet oder vermutet, dass hier die Kriegsrechtfertigung durch eine neue gewaltige Täuschung erfolgen soll...
Allein schon die Sorge, dies alles könnte ein mögliches Szenario sein, mündet in eine entsetzliche Fortschreibung des Zersetzungsprozesses, den die sogenannte westliche Wertegemeinschaft augenblicklich erlebt. Die USA werden es lernen müssen damit umzugehen, dass ihnen die Völker der Welt mit gewaltigem Mißtrauen begegnen - auch eine Folge kaltschnäuziger Ignoranz, wenn weltweiter Protest im Weißen Haus auf keinerlei Interesse stößt.
Und Europa, das alte? Es wird lernen müssen damit zu leben, der selbst ernannte Weltpolizist nach eigenen Gutdünken den Knüppel schwingt und sich auch nicht von einem Sicherheitsrat an die Leine legen läßt. Wie heißt das Gremium? UN-Sicherheitsrat - ach ja: Unsicherheitsrat...
- 12. Kalenderwoche:
18. 3. 2003
Es sind mehr die nachdenklicheren Sätze, die heute am Rande eines unvermeidbar scheinenden Krieges Eindruck machen, und weniger die drastische Wortwahl im Zorn, galgenhumoriges Kalauern, oder zynische Scherze. Man muss gelegentlich daran erinnern: Die Welt ist komplizierter, als es sich in groben Vereinfachungen darstellen lässt. Es stimmt eben nicht, dass "die Deutschen" gegen und "die Amerikaner" für Krieg sind. Auch Zwischentöne sollte man wahrnehmen - solange sie noch zu hören sind...
Mag sein, dass es manche so sehen: "Die Amerikaner" sind "die Guten", ihre Verbündeten sind "die Gutwilligen", und "das alte Europa" ist nicht gutwillig genug, bis auf diejenigen, die den amerikanischen Präsidenten George Bush in seinem Kurs gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein unterstützen. Mag sein, dass sich die Welt so einfach darstellt, wenn man sie beschattet vom Rand eines texanischen Cowboyhutes betrachtet. Doch so einfach ist das eben nicht, denn Amerikaner sind nicht gleich Amerikaner.
Das zeigt sich auch daran, wie Amerikaner mit Amerikanern umgehen, wenn sie nicht einer Meinung sind. Ausgesprochen frisch sind die Erfahrungen, die drei junge Country-Sängerinnen sammeln konnten. Als "Dixie Chicks" nehmen sie derzeit einen Spitzenplatz in der amerikanischen Country-Hitparade ein. Im Februar noch hatte das Trio drei Grammys gewonnen. Auf Tournee in Europa glaubten sie eine starke anti-amerikanische Stimmung spüren zu können und ihren Frust darüber, dass Bush die Meinung vieler Kriegsgegner in den USA und im Rest der Welt ignoriere, entluden sie schließlich vor Londoner Publikum mit dem Satz "Nur damit ihr es wisst: Wir schämen uns dafür, dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas kommt."
Aufgebrachte Radiohörer drängten daraufhin verschiedene Sender in den USA, die Musik der Dixie Chicks zu boykottieren. Eine Radio-Station lud die Zuhörer dazu ein, Platten der Dixie Chicks auf den Müll zu werfen. Das zeigte Wirkung. Die Dixie Chicks entschuldigten sich beim Präsidenten für ihre respektlose Bemerkung - doch bislang vergebens, denn der Boykott mancher Radiostationen ging gleichwohl weiter.
Aus härterem Holz ist dagegen der amerikanische Country-Sänger Steve Earle geschnitzt, der dieser Tage durch Deutschland tourte. Er hatte bereits vor Monaten den geballten Medienzorn in den USA auf sich gezogen, als er sich in einem Song in die Rolle des jungen Amerikaners John Walker versetzte, der in Afghanistan auf Seiten der Taliban mitgekämpft hatte. Für seinen Unmut über Bushs Irakpolitik fand er nun drastische Worte. Gleichzeitig gratulierte er Deutschland im szeneüblichen Gossenjargon dazu, dass es sich einem Krieg verweigert.
Eleganter und feinfühliger formulierte gestern Harry Belafonte Lob für Deutschland und Kritik an seiner Heimat. Bei einem von WDR 4 präsentierten Konzert in der Köln-Arena rief der "King of Calypso", der sich sein gesamtes Leben im Showgeschäft stets sozial und für den Frieden engagiert hat, seine deutschen Fans dazu auf, stark zu bleiben. Er finde es großartig, wie Deutschland sich in der Kriegsfrage verhalte.
Der Superstar Harry Belafonte ist alt und hat genug Erfahrung damit, sich öffentlich an der Politik der amerikanischen Regierung zu reiben. Seine Popularität hat eine solide Basis, die Protest zulässt, ebenso wie die von Filmstars wie Dustin Hoffman oder Susan Sarandon, die aus ihrer Bush-Kritik keinen Hehl machen. Wenn die Anhänger von Präsident Bushs Kriegskurs in den USA nun die Kritiker dieser Politik mundtot machen wollen und berufliche Nachteile spüren lassen, wäre gerade dies ein Beweis dafür, dass Amerikaner eben gewiss nicht alle gleich sind, und viele Amerikaner mit vielen Menschen außerhalb der USA gleicher Meinung sind.
Das beruhigt in diesen Zeiten.
Diese Anmerkung wurde am 18. 3. 2003 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Auf ein Wort" um etwa 17.40 Uhr ausgestrahlt.
- 12. Kalenderwoche
15.3.2003
Der Kanzler und seine Regierungserklärung
Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte die Erwartungen hoch geschraubt. Von seiner heutigen Regierungserklärung zur Lage der Nation werde das Signal ausgehen, auf das so viele hoffen. Der Kanzler hat seine Handlungsspielräume innen- wie außenpolitisch selbst eingeschränkt. Ein Erfolg seiner rot-grünen Regierung hängt wesentlich davon ab, wie weit es ihm gelingt, seine volle Handlungsfreiheit zurückzugewinnen.
Eigentlich leben wir doch in einer glücklichen Phase der deutschen Geschichte: Deutschland ist im Herzen Europas von Freunden umgeben, statt von Feinden umzingelt. Doch der Kanzler steht trotzdem mit dem Rücken zur Wand und hat vor sich den Abgrund. Angesichts dramatisch schlechter Umfragewerte muss er handelt, und deshalb haben sich an den heutigen Tag hohe Erwartungen geknüpft.
Nun hat der Regierungschef gerade in den letzten Wochen und Monaten ein Selbstbewusstsein gezeigt, das Freunde und Gegner, vermutlich auch ihn selbst überrascht haben dürfte. Aber Selbstbewusstsein ist noch keine Führungskraft. Es ist dieses Selbstbewusstsein, das ihm und Deutschland eine Menge Probleme mit bewährten Partnern und engen Freunden eingehandelt hat.
Er hat den Konflikt nicht gescheut und die heutige Regierungserklärung genutzt, um zunächst seinen außenpolitischen Kurs zu rechtfertigen, der zu einer wachsenden Distanz zur befreundeten westlichen Führungsmacht, den USA, geführt hat. Schröder hat - nicht frei von Selbstgefälligkeit - seine Regierungserklärung unter das Motto "Mut zum Frieden und Mut zu Veränderungen" gestellt.
Wenn er sein striktes Nein zu einem Krieg gegen den Irak damit begründet, dass der Diktator Saddam Hussein doch jetzt sichtbare Zeichen für seine Bereitschaft zur Abrüstung gegeben habe, dann hätte er den Ansprüchen von Klarheit und Wahrheit genügen und eingestehen sollen, dass diese Bereitschaft erst nach unmissverständlicher Androhung militärischer Gewalt durch harte amerikanische Haltung erzwungen wurde.
Doch gerade diese harte amerikanische Haltung und deutsches Bremsen haben zu einem diplomatischen Konflikt zwischen Berlin und Washington geführt, der bereits alle Anzeichen eines Zerwürfnisses aufweist. Die Gesprächsfäden auf höchster Ebene sind längst gekappt. Wenn Schröder dies als mutige Politik begreift, mit Freunden Klartext zu reden, auch um den Preis einer Entfremdung, kann man ihm nur wünschen, dass ihm dieser Mut nicht abhanden kommt.
Zumindest zwei Herausforderung liegen vor ihm, die er nach seiner wohl formulierten Regierungserklärung in der tatsächlichen Politik meistern muss. Innenpolitisch müssen die traditionell engsten Partner der Sozialdemokraten, nämlich die Gewerkschaften, in die Schranken gewiesen werden, damit sie sich nicht länger als Bremser nötigen Reformen des Arbeits- und Sozialrechtes entgegen stemmen können. Auch hier also darf der Kanzler einem Konflikt unter Freunden nicht ausweichen.
Und die zweite Aufgabe ist das entschlossene Aufsammeln der Scherben, die außenpolitisch die Handlungsfreiheit der deutschen Regierung einschränken. Will der Kanzler wieder an Statur gewinnen, will er, dass seine Politik wieder mehr Zuspruch findet, bleibt ihm keine Wahl. Er muss sich von Fesseln befreien, die seinen Handlungsspielraum einengen, auch um den Preis, dass er weitere Freunde verprellt und sich bei bereits verprellten Freunden ohne zu zögern um Aussöhnung bemühen muss. Keine leichte Aufgabe für die Tagespolitik, auch wenn man nur von Freunden umzingelt ist.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 14.3.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 11. Kalenderwoche
13.3.2003
In Belgrad ist Serbiens Regierungschef Zoran Djindjic vor seinem Amtssitz das Opfer eines Attentats geworden. Er galt als der Hoffnungsträger nicht nur des Westens, sondern auch derjenigen in Serbien, die das Land zum Westen hinführen wollten. Derzeit drängt sich niemand auf, der die Lücke schließen könnte, die Djindjics Tod hinterlässt, und damit wird es auch für Europa nicht leichter, Serbien zu integrieren.
Einmal mehr hat sich gezeigt, dass es keinen Weg gibt, Politiker vor Anschlägen umfassend zu schützen. Wenn sich Fanatismus und genügend kriminelle Energie in von Hass zerfressenen Täterhirnen bündeln, sind Leibwächter und ausgeklügelte Sicherheitsvorkehrungen wirkungslos.
In Belgrad war der Ministerpräsident schon lange im Visier seiner Mörder - und es gibt in anderen Ländern gewiss weitere Politiker, die bedroht sind. Der Hoffnungsträger in Afghanistan, Hamid Karsai, gehört zu denjenigen, die gefährlich leben. Auch er hat, wie Zoran Djindjic, von der Zukunft seines Landes eine Vision, die viele seiner Landsleute, die vom alten Zustand profitieren, eher abschreckt als überzeugt.
Serbiens Regierungschef Zoran Djindjic hatte bei seinem Drahtseilakt zwischen Westorientierung und Mehrheitssuche im eigenen Land Probleme damit, die Balance zu halten. Sein Modernisierungstempo war für eine Gesellschaft, in der Jahrzehnte lang Nationalismus gepredigt und Zementierung der Strukturen verordnet war, zu rasant. Vielleicht hat der jungenhafte Ministerpräsident mit seiner Ungeduld die Mehrheit seiner Landsleute überfordert.
Er war längst in Europa angekommen, während sich zu viele Serben nicht einmal auf den Weg nach Europa begeben wollen. Die Frage ist auch, ob Europa je die Tür soweit aufgemacht hat, wie es nötig gewesen wäre, um Serbien willkommen zu heißen. Wer jahrelang die Rolle des bösen Buben zugewiesen bekommt, verliert die Lust am Spiel und das Interesse an den Regeln.
Djindjics Problem war es, dass er in seinem Drang zu einem europäischen Serbien nicht genügend Rückenwind erhielt - weder im eigenen Land, noch in Europa. Mittel und Wege für eine nachhaltige Überzeugung hätten sich finden lassen. Sie sind auch jetzt noch nicht verschüttet, auch wenn der engagierteste Fürsprecher in Serbien selbst nun hinterhältig erschossen wurde.
Europa muss in Serbien zeigen, dass es ein Interesse daran hat, das wichtigste Land auf dem Balkan zu integrieren. Wer darauf wartet, dass dieses ob seiner Vergangenheit häufig geschmähte Volk von allein aus seiner "bösen Ecke" kommt, kann lange warten - und nach Djindjics Tod vermutlich noch länger.
Einmal mehr heißt das für Europa, Flagge zu zeigen - und zwar einheitlich, doch damit sind wir beim Knackpunkt. Hier liegt ein Problem Serbiens, dass sich nicht in Belgrad und nicht von Serben lösen läßt. Es ist Europas Problem - und wie Europa mit seinen Problemen umzugehen pflegt, vor allem, wenn es mit Formelkompromissen nicht getan ist, haben wir hinlänglich vorgeführt bekommen. Und nach einer Problemlösung, die auch noch teuer werden kann, sucht man sowieso bestenfalls ganz hinten auf der langen Bank.
Zoran Djindjic war nicht blind. Vermutlich war es aus Enttäuschung über nicht eingehaltene europäische Versprechen und ausgebliebene Hilfe, die ihn noch in den letzten Wochen dazu bewogen hatten, mit Blick auf den Kosovo nationalistischere Töne anzustimmen. Aber auch das war für ihn keine Überlebensgarantie.
Und nun? Es bleibt Europas Aufgabe, Djindjics Traum von einem europäischen Serbien voran zu bringen - mit mehr Elan, als bisher gezeigt wurde. Doch nur große Optimisten dürfen hoffen, dass dieser Elan sichtbar wird.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 13.3.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 11. Kalenderwoche
10.3.2003
Kanzler im Tief - und in schwindelnder Höhe
- 9. Kalenderwoche
22.2.2003
Merkel kritisiert den Kanzler in der „Washington Post“
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 21.2.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 8. Kalenderwoche
20.2.2003
Nun soll sie also gebaut werden, die Brücke zur Steuerehrlichkeit. Eine Idee, die aus der Not geboren ist, und als kreative Erschließung neuer Einnahmen ihren Reiz haben könnte. Doch es ist und bleibt - da gibt es nichts dran zu rütteln - ein Schlag ins Gesicht all derer, die immer brav ihre Steuergroschen abgeführt haben.
Die Regierung macht ein Angebot bestenfalls nach dem Prinzip Hoffnung: Steuereinnahmen, die sie dringend braucht, will sie sich dort holen, wo sie sonst nicht dran kommt und schlägt deshalb denjenigen, die ihr Geld eben wegen der zu hohen Steuerlasten in Deutschland ins Ausland geschafft haben, einen Deal vor, damit das Geld zurück fließt. Als ob nichts einfacher wäre als das.
Im Grunde belegen diese Pläne nicht mehr als ein gehöriges Maß an Naivität und Unverfrorenheit. Für wie dumm hält Hans Eichel diejenigen, die zielsicher Steueroasen gesucht haben, um von ihrem Vermögen so viel wie möglich vor dem Zugriff des Fiskus zu sichern. Wer bislang schon fündig werden wollte, um sein Schwarzgeld zugriffssicher, durch das Bankgeheimnis gedeckt, auf unbekannten Konten anzulegen, wird auch weiterhin Mittel und Wege zu Orten finden, an denen sein Geld gut untergebracht beziehungsweise bei deutlich attraktiveren Steuersätzen versteckt ist.
Das Risiko, bei einer Rückholaktion als gewesener Steuerflüchtling markiert zu werden und damit stärker ins Blickfeld der Fahnder zu geraten, dürfte gar nicht so gering sein und abschrecken. Gleichwohl hofft die Bundesregierung darauf, dass ein erklecklicher Betrag aus diesen Rückflüssen ihre Steuermindereinnahmen aus schwächelnder Konjunktur auffangen könnte.
Hans Eichel rechnet mit zusätzlichen Einnahmen in Höhe von rund fünf Milliarden Euro. Doch das sind nur Schätzungen, wenn auch gern gehörte und gemachte, denn das Geld wäre in den leeren Kassen von Bund, Ländern und Gemeinden bitter nötig. Daher die Idee einer Amnestie für Steuersünder, über deren Fragwürdigkeit unter dem Gesichtspunkt der Steuergerechtigkeit man sich durchaus klar ist. So erklärt sich nämlich die zeitliche Begrenzung dieses unverfrorenen Angebotes, durch das einmal mehr ehrliche Steuerzahler zu Deppen gemacht werden.
Aber angesichts der desolaten Kassenlage nimmt die Regierung den Vorwurf in Kauf, die Steuergerechtigkeit gegen einen ungedeckten Scheck zu verscherbeln. Einmal mehr wird der alte römische Kaiser Vespasian bestätigt, der schon seinerzeit feststellte: Geld stinkt nicht. Steueramnestie als Mittel zum Zweck - in diesem Falle trägt sie nicht dazu bei, überzeugend für Ehrlichkeit zu werben.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 20.2.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 8. Kalenderwoche
16.2.2003
Friedensbewegung und Sicherheitsrat im Schulterschluss - und in der Klemme
Sie ist wieder da, die Friedensbewegung, und man
kann wieder - wenn man es denn gern so kuschelig mag - das wohlige Gefühl der
Zusammengehörigkeit genießen, das Menschen aller Generationen und aller
sozialen Differenzen für einen guten Zweck zur Beruhigung des eigenen Gewissens
zusammenrücken lässt. Man ist sich einig im Ziel des Guten, und einig in der
Verdammung des Bösen - hier personifiziert in demjenigen, den man in der "Poleposition"
der Kriegstreiber auszumachen glaubt: George Dabbeljuh Bush, mit seinem
"Chefmechaniker" Donald Rumsfeld.
Die USA haben im Sicherheitsrat eine Breitseite verpasst bekommen, was nicht nur
daran deutlich wurde, dass niemand sich fand, um der Rede von US-Außenminister
Colin Powell Beifall zu zollen. Stehende Ovationen dagegen, eine ungewöhnlich
begeisterte Form der Zustimmung im Sicherheitsrat, für die engagierte
Argumentation des französischen Außenministers de Villepin, mit der er - Blix
folgend - für eine Fortsetzung der Inspektionen warb. Es ist ein wenig Zeit
gewonnen, die den Inspektoren und den Irakern die Chance bietet, die bisherige
Suchbilanz mit Substanz nachzufüllen.
Unterdessen gilt es eine Reihe von Dilemmas zu konstatieren: Da wäre die des
US-Präsident Bush, der sich mit dem Risiko auseinandersetzen sollte, in weiten
Teilen der Welt mit der undankbaren Rolle des mit Waffen herumfuchtelnden
Schurken identifiziert zu werden - ungeachtet der Existenz weitaus tauglicherer
Besetzungen aus Bagdad, Teheran oder Pjöngjang. Niemand genießt es, von einem
mutmaßlichen Dilettanten - man erinnere sich an seine außenpolitische
Reputation bei Amtsantritt -, der sich mit seinem Macho-Gehabe allein auf die Überlegenheit
seines Militärapparates stützt, die eigene Ohnmacht und Abhängigkeit vor
Augen gehalten zu bekommen. So gesehen hat Bush wenig Chancen, Sympathie zu
gewinnen, mag er sich auch noch sehr selbst in der Rolle desjenigen sehen, der
auszieht, dem Bösen in der Welt den Kampf anzusagen. Wer immer sich für
derartige Kämpfe selbst in blütenweißer Weste sieht und darstellt, hat schon
Flecken auf derselben...
Auf der anderen Seite steht das Dilemma der erklärten Kriegsverhinderer in
Paris, Berlin, Brüssel oder Moskau - und derer, die ihnen auf den Straßen und
Bühnen wo auch immer, singend oder mit Transparenten, die Rücken stärken. Sie
stecken - ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, ob es ihnen bewusst ist oder
nicht - in einer argumentativen Klemme, denn sie müssen zur Kenntnis nehmen,
dass die Einreise der Inspektoren in den Irak und ihre Untersuchungen, genauso
wie die nach und nach zu registrierenden Forschritte in der Zusammenarbeit mit
Saddams Machtapparat, nur möglich gewesen sind durch die massiven Drohungen der
USA und der mit ihnen im Schulterschluss verbündeten Briten.
Auch hier gilt: Wer mit den Ketten rasselt und seine Muskeln spielen lässt,
gewinnt selten Sympathie - gleichwohl kann es ein erklärtes Ziel, das auch den
Kritikern eines derartigen Erzwingungskurses nicht unlieb ist, näher bringen,
wenn nicht gar es erreichbar werden lassen. Ob es mir und anderen begeisterten
Friedensdemonstranten in den Zeiten der Pershings und SS 20 nun zusagt oder
nicht - letztlich hat die Aufrüstung der Nato Anfang der achtziger Jahre wohl
doch entscheidend dazu beigetragen, die Welt aus der friedensbedrohenden
Ost-West-Konfrontation heraus zu führen, weil der Ostblock letztlich im
Rüstungswettlauf ökonomisch nicht mithalten konnte und kollabierte. Dies
zuzugeben ist nicht mehr und nicht weniger als ein Schritt, sich nicht länger
selbst zu belügen.
Mag sein, dass uns die Folgen heute begrenzt zusagen: Die Versuchung für einen
Präsidenten in Washington, irgendwann das entstandene weltpolitische
Machtvakuum nun allein auszufüllen, war einfach zu groß. So haben wir uns nun
noch stärker als früher mit einer Supermacht auseinander zu setzen, die für
ihre selbstgewählte Sheriffrolle auf unserem Planeten Rückendeckung und
Feuerschutz für die Flanken von ihre Vasallen einfordert und diejenigen mit
Liebesentzug und Schlimmerem bedroht, die nicht gutwillig mitziehen. Aber das
Ende des kalten Krieges und die Umwälzungen in den früheren Satellitenstaaten
der Sowjetunion hat Europa mehr zusammengefügt als uns mutmaßlich die jetzigen
Vereisungen innerhalb der NATO je trennen könnten.
Das Dilemma von Chirac, Schröder und Putin bleibt, erklären zu müssen - früher
oder später - wie es denn weiter gehen soll, falls doch noch gefunden würde,
was zu suchen die Inspektoren ausgezogen sind. Per Dekret
Massenvernichtungswaffen in seinem Herrschaftsgebiet zu verbieten, wie kurz vor
Beginn der Sitzung des Sicherheitsrates Saddam sich nicht entblödete, entbehrt
nicht einer gewissen Komik. Für wie dumm hält der Herrscher in Bagdad
eigentlich die Welt? Unbegrenzt weiter zu suchen, quasi bis der Arzt kommt, mag
beschäftigungstherapeutischen Sinn ergeben - der Weisheit letzter Schluss ist
es aber sicher kaum, schon gar nicht für die krisengeschüttelte Region Nahost.
Ein wenig mehr Phantasie und Engagement in der Unterstützung einer irakischen
Opposition zu Saddam, die diese in die Lage versetzen könnte, den Diktator aus
dem Amt zu jagen, sollten die Europäer schon zeigen - und vielleicht doch
notfalls auch den entschiedenen Willen zur (oder zumindest zur Drohung mit)
Gewalt, sollte sich der Verbrecher im Präsidentenpalast weiter gegen sein
eigenes und andere Völker wenden, mit Massenvernichtungswaffen oder ohne. Zu
leicht vergessen wir in der europäischen Beschaulichkeit, dass auch wir
letztlich einer entschiedenen Kriegsbereitschaft nach der Devise "bis hier
hin und nicht weiter" die Befreiung von einem herrschenden Verbrecher und
seiner braunen Gangsterbande verdanken.
Doch diese Überlegungen sollen heute mal die Freude und den Stolz auf die
wiedererweckte Friedensbewegung und die Zufriedenheit über den Etappensieg im
Sicherheitsrat nicht schmälern. Hausaufgaben kann man immer noch später
machen. Aber dann soll man es auch. Sonst gibt's schlechte Noten - nämlich für
Denkfaulheit.
- 7. Kalenderwoche
9.2.2003
Bush und Rumsfeld - die Gang mit der Cowboy-Ehre
Es ist schon absurd: Da strafen sich zwei Regierungen mit lautstarker Verachtung kreuz und quer über den großen Teich, die genug damit zu tun hätten, aufgrund berechtigter Zweifel an ihrer demokratischen Legitimation behutsam aufzutreten. Hierzulande haben wir einen Kanzler, der sich auf das Votum von Wählern stützen mag, die er längst nicht mehr hätte, würde jetzt gewählt werden.
Und auf der andere Seite des Wassers haben wir - Pardon, nicht wir, sondern die Menschen in der USA - einen Präsidenten, der sein Amt angetreten hat nach der Methode "Fakten schaffen ohne Waffen" - aber ohne Mehrheit der Wähler. Eh genauer nachgezählt werden konnte, hatten die Amerikaner die Nase voll von dem Gezänk und dem Hin und Her, zumal die Alternative auch nicht überzeugend war. Doch immerhin hatte Gore die Mehrheit der Wählerstimmen hinter sich. Bush dagegen hatte unterm Strich die Nase vorn, weil Manipulationen zum richtigen Ergebnis führten. So gesehen also kein großer Unterschied zu Deutschland. Aber was will man machen.
Nun hat Schröder sich kurz vor der Wahl - oder sagen wir besser: genau zur Wahl - eine Mehrheit damit ertrotzt, dass er einem Krieg eine Absage erteilt hat, den angeblich sowieso keiner will. Auch Bush und Rumsfeld nicht. Krieg wollen sie alle nicht, sagen sie - aber wer tut eigentlich was dafür, dass er vermieden wird, also was dagegen, dass er kommt? George Dabbelju Bush hat bereits in einer frühen Phase seiner Präsidentschaft dem verhassten Herausforderer im Irak bitterböse Vergeltung angesagt, denn schließlich "that man tried to kill my Dad". So gesehen ist Bush ein Getriebener einer Art Familienfehde, der nach bewährter Western-Manier - "Gott verzeiht, Django nie" - den Wilden Westen in den Nahen Osten zu exportieren trachtet.
Was aber eine rechte Westside-Story werden soll, muss eine komplette Bande vorweisen - da geht es nicht, dass ein paar der Kumpane ausscheren und kneifen. Franzosen, so wissen wir nicht erst seit Rumsfelds knappen Erkenntnisaufgüssen, sind sowieso unsichere Kantonisten. Und Deutschland ist auch nicht besser als Libyen oder Kuba. Damit hätten wir sie, die wahren Outlaws, demaskiert obendrein. Wie überhaupt jemand in Zweifel ziehen kann, was auf dem Tisch liegt, will Rumsfeld sowieso nicht in den Kopf.
Und schon zerwürft sich das Verhältnis zwischen Schröder und Fischer, so wissen die Auguren. Die Unionsparten versuchen sowieso schon lange die rechte Kurve zu kriegen, um sich hinter Bush einzureihen und die polierten Cowboy-Stiefel zu küssen - wenn denn der Rumsfeld nicht ständig so undifferenzierte Breitseiten gegen Good Old Germany in Good Old Europe loslassen würde, die sogar unsere Schwarzen dazu nötigen, sich als Schutzwall um Berlin zu positionieren - gegen den eigenen Willen, soviel sollte klar sein.
Dabei steckt Europa in einem verzwickten Dilemma: Schröder möchte gern noch knapp vier Jahre regieren, verspricht "keinen Krieg" als Gegenleistung für eine knappe Mehrheit - und dann kommt ihm diese trotzdem abhanden, zumindest demoskopisch. Ob die Rolle als Friedensapostel und Kriegsdienstverweigerer ausreicht, ihm das Kanzlerappartement zu sichern, ist kaum gewiss. Tony Blair dagegen will Krieg und dafür die Unterstützung seiner Insulaner, die er aber nicht in dem Umfang bekommt, dass er glücklich darüber sein könnte. Ihm fehlt es an Rückenwind zum Kriegskurs, um überzeugend auftrumpfen zu können. Kein Wunder also, dass er so tut, als wenn es ihm gar nicht drauf ankäme.
Der Versuch, mit Uralterkenntnissen den argbösen Feind noch grimmiger aussehen zu lassen als man ihn bis dahin gemalt hat, ist ja leider gescheitert. Dumm gelaufen. Das hat ihm sein früherer Genosse in Berlin voraus - wenn Schröder noch Rückenwind hat, dann gerade den für seinen Anti-Kriegskurs, an dem er festhält, weil es sonst für ihn kaum noch was zu halten gibt.
Nun stellen wir uns mal vor, Bush lässt losschlagen und es erweist sich dabei, dass alle waffentechnische Überlegenheit nicht ausreicht, einen raschen militärischen Sieg zu erzwingen - wer wird dann wohl als Sündenbock ausgeguckt? Schröder? Jedes SPD-Mitglied? Jeder mutmaßliche SPD-Wähler. Jeder Anhänger von Rot-Grün? Jeder Deutsche? Man darf gespannt sein.
In den USA treibt der manipulierte Patriotismus inzwischen seltsame Blüten: Amerikanisch-deutsche Schulpartnerschaft wird aufgekündigt, weil man mit feigen Deutschen nichts mehr zu tun haben mag. Und alles nur, weil ein folgsamer Bub seinen gedemütigten Daddy rächen will? Irgendwie kann das ja alles nicht wahr sein. Aber die Vorstellung, Bush und seine Gang könnten auch noch irgendwann im Amt bestätigt werden und weiter mit gezogenen Colts durch alle Schwingtüren der Welt preschen, nimmt mir den letzten Spaß an Wildwestfilmen.
- 6. Kalenderwoche
5.2.2003
Kommissionen ersetzen keine Politik
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch die Hoffnung darauf, die deutschen Parteien könnten sich auf die nötigen Reformen im Sozialwesen verständigen. Schließlich ist man sich längst zumindest darüber einig, dass unsere sozialen Sicherungssysteme ohne Reformen nicht mehr finanzierbar sind. Doch einmal mehr müssen wir feststellen, dass wir mit zu großem Vertrauen in ihre Handlungs- und Kompromissfähigkeit unsere Parteipolitiker überfordern.
Sie bleiben offenbar was sie sind - weniger an Sachlösungen interessierte Volksvertreter denn auf Machterhalt oder Machterwerb ausgerichtete Marionetten des eigenen Machthungers, der sie unfähig dazu macht, den selbstgesetzten Bewegungsspielraum aus parteipolitisch ausgerichteter Strategie und Taktik zu durchbrechen. Da man aber in den Parteispitzen offenbar erkannt hat, dass dies im Lande nicht so gut ankommt, hat man sich Ersatzdenker gesucht, die man in Kommissionen steckt. Man lässt machen - und muss es erst mal nicht selbst. So gewinnt man Zeit und verliert nicht sein Gesicht. Wenn diese Rechnung denn aufgeht...
Bleiben wir beim Beispiel Sozialpolitik. Da wäre die Rürup-Kommission, berufen von der rot-grünen Koalition und besetzt mit Fachleuten, von denen man sich Lösungsempfehlungen nach den eigenen Vorstellungen erwartet. Dass dies nicht immer klappt, mithin Restrisiken für Überraschungen bestehen, die den Politikern nicht in den Kram passen, ist frisch im Bewusstsein gespeichert. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat Bert Rürup, dem Leiter der inoffiziell nach ihm benannten Expertenrunde, deshalb deutlich mehr Vorgaben gemacht, als sie Peter Hartz für seine Vorschläge zur Lösung der Arbeitsmarksprobleme hatte. Offenbar will man gleich nur solche Vorschläge hören, die man auch umsetzen will. Daraus dürfte sich auch erschließen, wie viel sie wert sind.
Auf der anderen Seite ist sich Ex-Bundespräsident Roman Herzog leider nicht zu schade, erneut in die Niederungen des parteipolitischen Gezänks hinabzusteigen, um einer Kommission aus 18 Mitgliedern vorzusitzen, die alle das selbe Parteibuch haben und vermutlich auch nur eines im Sinn haben, nämlich Zeit zu schinden. Ihre Parteispitze erheischt Beratung - als ob die Sachlage neu wäre und sich die Probleme überraschend stellten. Auch hier liegt der Verdacht nahe, dass man sich vor unbequemen Antworten auf längst bekannte klare Fragen drücken will. Immerhin spricht es für Herzog, dass er den Mangel an Sachverstand, den seine Runde auszeichnet, selbst formuliert.
Wozu dann aber diese Zeitverschwendung? Fehlt es am Tisch, dass sich Regierung und Opposition endlich zusammensetzen? Notfalls tun es auch ein paar dicke Bretter und ein paar Böcke.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 5.2.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 6. Kalenderwoche
4.2.2003
Wolfgang Clement - Schröders Hoffnungsträger?
Die Hauptverantwortung für die Wahlschlappen der SPD in Hessen und Niedersachsen hat Kanzler Gerhard Schröder übernommen. Er weist nun Superminister Wolfgang Clement die Rolle zu, das über Rot-Grün enttäuschte Wahlvolk mit überfälligen Reformen zu versöhnen.
Nun liegt es also ganz an Wolfgang Clement, die Kastanien für den gescheiterten Kanzler Schröder aus dem Feuer zu holen. Doch warum sollte er? Was Clement anpackt, macht er mutmaßlich im eigenen Interesse. Das Wohl der eigenen Partei hat er bestenfalls im Blickwinkel, so es denn seinem eigenen Fortkommen nicht schadet. Sein Gesellenstück zum Beleg dieser Qualitäten lieferte er in Düsseldorf in der Durchsetzung der Erbfolge von Johannes Rau.
Was ist daneben Schröder? Vom Visionärskaliber eines Willy Brandt meilenweit entfernt, ist er aber auch kein Machertyp mit Qualitäten eines Helmut Schmidt. Nun taugt er bestenfalls noch zum eigenen Nachlaßverwalter. Die aktive, zukunftsweisende Rolle in der gestaltenden Politik hatte der Kanzler schon nach dem triumphlosen Sieg bei der Bundestagswahl an Clement weitergereicht. Der hat bereitwillig die Bürde geschultert, um den Genossen zu zeigen, wie man’s machen muss.
Nun wäre es an der Zeit, Rezepte auch mal umzusetzen. Aber die Küche ist offen und nicht nur von Topfguckern belagert. Und damit erklärt sich die Fülle der Ratschläge, oder besser Bestellungen, die auf den Tisch flattern. Die Linke in der SPD ist sich diesmal einig mit lautstarken Besitzstandswahrern in den Gewerkschaften. Das war, wenn man sich etwa an den Streit um die Kernenergie erinnert, nicht immer der Fall. Beide tun so, als hätte sich der Gestaltungsspielraum für Rot-Grün eher verbessert als verschlechtert.
Wie anders läßt sich erklären, dass sie unverhohlen davor warnen, mit unschwer erkennbar probaten Mitteln die festgefahrene Wirtschaft wieder flott zu bekommen. Lockerung des Kündigungsschutzes, Senkung der Lohnnebenkosten, Steuersenkung, Bürokratieabbau - für die Ballonmützenfraktion innerhalb und außerhalb der Parlamente Grund genug die Zähne zu fletschen. Doch wie wahrnehmungsblockiert sind die selbsternannten Intereressenswahrer der kleinen Leute?
Sie sollten zur Kenntnis nehmen, dass sich jeder Alternativ-Vorschlag der reinen linken Lehre erübrigt, der den Unions-Parteien die Chance bietet, Rot-Grün am langen Arm des Bundesrates verhungern zu lassen. Drei Jahre Stillstand im Lande bis zur nächsten Bundestagswahl, nur weil die Parteilinke darauf bestünde, gestützt auf der von Schröder ausgebufft ertricksten Bundestagsmehrheit eigene Blütenträume unters Volk zu streuen - das wäre die schlimmste Vision.
Doch da wäre Clement vor. So gesehen ist er in der Tat der Hoffnungsträger, als der er sich vermutlich selbst auch wahrnehmen dürfte. Er muss nun - allen Sommers, Bsirskes, Münteferings und Jusos zum Trotz - ausloten, was mit der Union möglich ist. Dabei darf ihn die absehbare Wut eigener Genossen nicht verunsichern. Nun ist Ärmel aufkrempeln angesagt.
Gesucht und gefunden werden muss nicht nur der kleinste gemeinsame Nenner mit der Bundesratsmehrheit der Union, sondern das größte gemeinsame Vielfache. Sonst türmt sich der Reformstau im Lande - den abzubauen Rot-Grün vor fünf Jahren angetreten war - zu einem Gebirge auf, das die Alpen zu einer Hügellandschaft werden ließe.
Clement als Expeditionsleiter auf dem Weg zu notwendigen Gemeinsamkeiten mit der Union - diese Rollenzuweisung ist erfolgt und angenommen. Was Kanzler Schröder daneben noch bleibt, ist innerparteilich Clement den Rücken frei zu halten. Richtlinienkompetenz kann man das kaum noch nennen.
Dieser Kommentar wurde am Dienstag, 4. Februar 2003 im 3. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendung "Themen des Tages" um 12.05 Uhr ausgestrahlt und im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" gegen 12.20 Uhr.
- 5. Kalenderwoche
27.1.2003
Lafontaines Comeback-Versuch: Oskar trommelt wieder
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 27.1.2003 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 4. Kalenderwoche
25.1.2003
Irak: Waffen suchen - und was dann? Kommt's drauf an?
Noch ist der abschließende Bericht des Waffenchefinspekteurs Blix nicht vorgelegt, da wird mehr und mehr deutlich, dass nach dem sowieso kein Hahn krähen wird. In Washington wird Präsident Bush getrieben vom eigenen Wahn und den Falken in seinem Stab und scheint zum Krieg wild entschlossen. Zur Ausgrenzung der Unwilligen, setzt er auf eine Koalition der Willigen, die bereit seien, dem amerikanischen Vormarsch zu folgen.
Es ist nicht mehr als ein Bündnis der
Mutwilligen, die sich offenbar einen feuchten Kehricht darum scheren, was die
Vereinten Nationen in ihrem Sicherheitsrat beschließen und wie sie es begründen.
Dies schweißt auf der anderen Seite eine Handvoll "Problemfälle" zum
Kreis der "Unwilligen" zusammen, und Schröder-Deutschland ist
mittendrin - leider nur weil Wahlkampf ist.
Bush pocht allein auf das Recht des Stärkeren, der aus der Tiefe des wilden
Westens breitbeinig und mit schussbereitem Colt das Gesetz des Handelns zu
diktieren gewohnt ist und die Pfeife zu nutzen versteht, nach der er alle
anderen tanzen sehen will. Doch da kann er lange kucken. Nicht alle sind bereit,
nach amerikanischen Vorgaben Pirouetten zu drehen. Das aber stinkt den Bush-Männern
nebst Condoleezza Rice gewaltig. Nur gut, dass sie uns nur verbal um die Stiefel
ballern und kein Blei fliegt.
Egal was Chefinspekteur Blix berichten wird - auch den Kriegsablehnern kommt es
ja gar nicht mehr drauf an, welche Einzelheiten er darlegt. Sie wollen weitere
und weitere Waffensuchaktionen, denn wer suchet, ist beschäftigt, und solange
jemand beschäftigt ist, kann man andere zur Geduld ermahnen. Wie viele
Blindekuh-Spiele es noch werden sollen, wissen die Such-Süchtigen vermutlich
selbst nicht. Mag die Devise lauten: "Wer suchet, der findet".
Aber was, wenn auf einmal doch "was" da ist? Wenn "was"
gefunden wird? Na ja, wer keinen Krieg will, kann sich dann immer noch über die
Frage auseinander dividieren, was denn schließlich tatsächlich "was"
wäre. Egal, was gefunden wird - "Das ist doch nichts" ließe sich
immer behaupten, um einen Angriff abzuwehren, eben weil man es grundsätzlich so
will.
Und da liegt das Dilemma. Es gibt offenbar derzeit nur die beiden Antworten
"Krieg" oder "Weitersuchen" bis der Arzt kommt... Die
eine Variante könnte - muss aber nicht - zum erklärten Ziel der Bush-Regierung
führen, nämlich Saddam Hussein aus dem Amt zu hebeln, gewaltsam und auf Kosten
der irakischen Bevölkerung, deren mutmaßliche Opfer die Kriegstreiber in
Washington und ihre Lakaien im "neuen Europa" nicht abschrecken.
Die andere Variante aber, die anhaltende Waffensucherei auf der nach vorne
offenen Zeit- und Geduldsskala, hat im Grunde kein anderes Ziel als
Kriegsvermeidung um jeden Preis, auch um den einer andauernden Gewaltherrschaft
des Diktators Saddam Hussein, die ebenfalls zu Lasten der irakischen Bevölkerung
geht. Das aber ist ein Ziel, das nicht zur Problemlösung führt, sondern zur
Problemverlängerung.
Schröder und Chirac weigern sich, den angriffslüsternen Falken in Washington
eine Blankovollmacht zu unterschreiben, die Gewalt ohne zu fackeln rechtfertigt.
Während Chirac sich allerdings nicht auf ein Nein oder eine Enthaltung festlegt
und lediglich derzeit noch kein Ja zusagen mag, versucht Schröder mit der erklärten
Verweigerung einer Zustimmung erneut wählerwirksam zu punkten. Immerhin stehen
seine Parteifreunde in Niedersachsen und Hessen mit dem Rücken zur Wand und
gleichzeitig am Rande des Abgrundes. Dass sie Anfang Februar bei den
Landtagswahlen abstürzen, ist so gut wie sicher.
Schröders Trotz gegen Washington ist eher ein Mut der Verzweiflung aus
innenpolitischem taktischem Wahlkampfkalkül denn ein friedensapostolisches
Anliegen, quasi das Ausspielen des letzten Trumpfes aus der eigenen Hand vor dem
Auszählen der Wählerstimmen in der Hoffnung, dass niemand eine höhere Karte
hat. Es ist keine Verweigerung der Gefolgschaft im Interesse der irakischen Bevölkerung
oder zur Entspannung in der Region. An die denken die zerzankten Bündnispartner
diesseits und jenseits des Atlantiks sicherlich zuletzt. Dabei ist deren Zukunft
die eine wirklich spannende Frage.
Was wäre die Alternative zum Waffengang? Wie könnte
eine Strategie aussehen, die ohne Gewalt zum Ende der Saddam-Diktatur führt?
Ist auch das eine Frage des Geldes, so wie alles eine Frage des Geldes, oder
besser: der Verdienstmöglichkeit ist? Dass sich mit einem Krieg Geschäfte
machen lassen, steht außer Zweifel. Ob die friedliche Variante auch nur annähernd
so profitabel ist, dürfte zumindest in den Chefetagen der Rüstungsindustrie
bezweifelt werden. Auch jede andere Lösung ist im Verbrauch von Rüstungsgütern
unkalkulierbar. Wird deshalb sowenig in die Entwicklung anderer Strategien
gesteckt, bei denen das andere Ziel wieder etwas mehr ins Blickfeld rückte: Die
Terrorgefahr zu verringern.
Von Bin Laden spricht kaum einer mehr. Saddam ist wieder mal der Feind Nummer
eins. Dabei droht noch eine ganz andere Gefahr: Sollten die Nationen erleben,
dass sich die stärkste Macht nicht im mindesten dafür interessiert, wie sich
die Vereinten Nationen eine Entschärfung des Konfliktes vorstellen, dann wären
wir wieder in der diplomatischen Steinzeit angelangt - in der sich alle nach dem
Stärksten auszurichten hatten. Könnte dies Bush's Absicht sein? Dann könnten
wir die Vereinten Nationen gleich auflösen und das Geld in die Rüstung
stecken. Es wäre zumindest ehrlicher.
- 3. Kalenderwoche
17.1.2003
Kameras für die Polizei: Nur zur Beobachtung oder zum Filmen?
Die Aufklärung von Straftaten ist eine Sache - deren Verhinderung eine andere. Beides kommt bei Wählern gut an. Die Regierung in Düsseldorf will das Landespolizeigesetz neu formulieren. So soll die Polizei künftig leichter öffentliche Straßen und Plätze überwachen können. Straftäter soll das abschrecken. Doch Kritiker schreckt das auf.
Die Landesregierung will der Polizei mehr Möglichkeiten zur Videoüberwachung von Straßen und Plätzen einräumen. Dies soll den Bürgern - und sagen wir es ruhig: vor allem den Wahlbürgern - ein größeres Gefühl der Sicherheit geben und belegen, „Ja, die tun was!“. Aber was bringt es? Sind nicht leibhaftige Polizeistreifen allemal besser, weil greifbarer?Offenbar zögern selbst Polizeipräsidenten mit ihrer Zustimmung zum Regierungsplan. Nicht nur die Landesdatenschutzbeauftragte hat Bedenken. Führt dieser Weg gerade in den Überwachungsstaat mit Orwell’schen Dimensionen, weil die Bürger sich nicht mehr unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen könnten?
Lassen wir die Kirche im Dorf. Es handelt sich längst nicht um flächendeckende Bespitzelung. Es geht um Überwachung begrenzt auf Orte mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass sie zu Tatorten von Gesetzesverstößen werden. Der Abschreckungszweck wird allein schon durch das Aufstellen von Kameras erfüllt. Die Auswertung von Erfahrungen in anderen Bundesländern zeigt, nur das Beobachten führt bereits zu erstaunlichen Erfolgen in der Kriminalitätsbekämpfung. Man könnte sich damit zufrieden geben.
Aber kann das zufrieden stellen? Es ist eine halbe Sache. Das bloße Hinstellen der Linsen ist bestenfalls ein halber Schritt. Der Verzicht auf die technischen Möglichkeiten, die Abschreckung deutlich zu erweitern, leuchtet nicht ein. Wenn man das festgehaltene Geschehen nach einer Straftat zurückspulen kann, steigt die Wahrscheinlichkeit der Überführung des Straftäters. Das geht aber nur, wenn auch auf Band festgehalten wird, was die Linse einfängt, mithin nicht nur beobachtet wird, sondern auch aufgezeichnet. Das lässt sich bei jedem Banküberfall erkennen.
Leider ist eine automatische Auslösung des Aufzeichnungsvorganges bei Begehung der Straftat nicht möglich, wie es bei den Starenkästen erfolgt, wenn sie die Raser auf unseren Straßen knipsen, sobald sie in die Radarfalle fahren. Film ab beim Griff in die Tasche oder beim Schlag auf den Kopf funktioniert halt nicht.
Das neue Gesetz soll zwischen Beobachten und Aufzeichnen nicht mehr unterscheiden. Es erspart damit bremsende Entscheidungsvorgänge, bei denen zunächst die Klärung anstünde, ob Straftaten von erheblicher Bedeutung zu erwarten sind oder nicht, ehe eine Aufzeichnung erlaubt würde. Aber wer weiß sowas schon vorher.
Dort auch filmende Kameras hinzustellen, wo häufig Straftaten passieren, wäre nur konsequent. Es leuchtet zumindest denjenigen ein, die selbst bereits Opfer derartiger Straftaten wurden. Solche Erfahrungen sind manchmal unersetzlich, auch bei Expertenanhörungen in Gesetzgebungsverfahren. Sie schärften das Problembewusstsein ungemein.
- 2. Kalenderwoche
8.1.2003
Vom früheren Kanzleramtsminister Horst Ehmke wurde vor rund 30 Jahren kolportiert, er habe auf die Frage, wohin es gehen solle, einem Taxifahrer sinngemäß geantwortet: „Mir egal - ich werde überall gebraucht.“ Ähnlich mag der frühere FDP-Spitzenpolitiker Jürgen W. Möllemann von seiner Relevanz überzeugt sein.
Mit eidesstattlicher Erklärung meldet er sich zurück auf der politischen Bühne und beansprucht Schlagzeilen, die ihm seine Partei kaum gönnen dürfte. Was gäben Westerwelle und seine verbliebenen Spitzenliberalen nicht dafür, das Problem des Münsterländer Querschlägers ein für allemal vom Tisch zu bekommen.
Doch so einfach wird man einen Möllemann nicht los, vielleicht aus Ämtern und Würden wie Landesvorsitz oder Spitzenkandidatur, doch weder aus Fraktionen noch aus der Partei läßt sich jemand leicht entfernen, der partout bleiben will. Und Möllemann hat quasi die Ärmel hochgekrempelt und gibt sich entschlossen bis streitlustig, auch wenn er weiß, dass ihm kein roter Teppich ausgerollt wird. Er will wieder mitmischen in der FDP, in seiner FDP, die nun ja ihr Geld von Bundestagspräsident Thierse zurückfordern könne.
Knapp 900 000 Euro hatten die Liberalen als Konsequenz aus einer vermeintlichen Spendenaffaire an die Bundestagsverwaltung gezahlt, weil lange nicht klar war, wie Möllemann sein umstrittenes israel-kritisches Flugblatt finanziert hatte. Alles aus eigener Tasche, hatte er erst nur behauptet. Der Parteivorstand hatte eine eidesstattliche Erklärung verlangt und nun, nach vorausgegangenen Weigerungen, auch von Möllemann bekommen.
In Berlin sieht man dies als vollen juristischen Erfolg - und muss dann wohl noch mehr in der Hinterhand haben, um Möllemann tatsächlich loszuwerden. Der hält nämlich die Sache nun für ausgestanden und glaubt, alle Beteiligten könnten sich wieder aufeinander zu bewegen. Von der Gründung einer eigenen Partei will er zunächst nichts wissen - solange ihn die FDP nicht dazu zwinge. Er sieht sich als Tiger, der nun wieder den Käfig verlassen hat - wohl ein Wunschtraum desjenigen, der die ihm feindlich Gesonnenen gerne in Angst und Schrecken versetzen würde.
Doch dazu taugt die Drohung mit einer Möllemann-Partei wenig. Auch wenn er vollmundig ankündigt, wegen des großen Wählerzuspruchs nun zwei Parlamentsmandate, sowohl im Bundestag als auch Landtag, wahrnehmen zu wollen, kann er als Mann von gestern einer Relevanz in der Gegenwart, erst Recht in der Zukunft nur vergeblich hinterher laufen. Möllemann mag auf die politische Bühne zurückkehren - aber eine Rolle spielt er nicht mehr, bestenfalls ist er noch Komparse, selbst wenn er sich lautstark zu Wort meldet.
- 2. Kalenderwoche
7.1.2003
Startprobleme der Parteien zum Jahresanfang
Es ist ja alles nicht so einfach und wir haben ja auch - in Grenzen - Mitleid.
Da fängt ein neues Jahr an und die Aussichten sind so mies - jedenfalls wenn man Menschen mit nachgesagtem ökonomischem Sachverstand glauben will. Warum sieht's so trübe aus? Weil wenig da ist, was Hoffnung machen oder Besserung versprechen könnte. Da hilft es auch wenig, wenn die politisch Verantwortlichen in die Hände spucken. Es folgt nämlich darauf kein Zupacken - weder von denen in der Regierung, die es sollten und können möchten, wenigstens versuchen dürften, aber sich nicht zu trauen wagen. Noch bei denen in der Opposition, weil die es nicht dürfen - aber wohl auch nicht können.
Die Sozialdemokraten versuchen in Klausur, ihren künftigen Kurs abzustecken und Kakophonien zu vermeiden - ein fruchtloses Unterfangen solange der Parteichef selbst keine andere Kursbestimmung sieht als die, sich selbst am Ruder zu halten. Die perfekte Gerhard-Show. Kanzler Schröder als Visionär? Das könnte im Wettbewerb um den kürzesten Witz taugen. Dafür - könnte man vermuten - hat er ja nun seinen Clement, der Morgenfrische versprechen soll, während sich alle noch vom Kater der gewonnen Wahl erholen.
Es scheint ja wohl ein Pyrrhus-Sieg geworden zu sein. Die Probleme nehmen quasi täglich zu, der Druck aus Erwartungen, Forderungen, Vorwürfen und Fehlermeldungen steigt ebenfalls und drückt auf Stimmungen von Wahlvolk und Wiedergewählten, die sich darauf einstellen können, dass sie bei anstehenden Wahlen die Quittung erhalten. Und weit und breit kein Rezept und kein Plan. Nicht mal zur Manipulation über die Medien. Sollte das Dosenpfand noch der einzige Pluspunkt werden, den Rot-Grün zuwege bringt? Damit läßt sich nur begrenzt (Zu)Stimmung erscheppern.
Derweil übt sich die Opposition im Wünschelrutenlauf. Die CSU hadert immer noch mit dem Wahlausgang vom September und schmollt der knappen Mehrheit im ganzen Land, weil die nicht so wollte wie die Bayern in ihrem Reservat. Begriffen haben sie vermutlich immer noch nicht, dass ein Monsterkandidat und sein Horrorkatalog, ausgestattet mit einem Grusel-Kompetenzteam allein noch keine Alternative sind. Kreide fressen kann halt auf den Magen schlagen, und dass sich darob auch Blähungen einstellen, hat man am Merz im Dezember gemerkelt.
Quo vadis heißt es also auch bei der Union, in der sich manch Pfadfinder zu Wort meldet, allerdings ohne Karte und Kompaß. Das Dumme ist nur - nach den gewonnenen Landtagswahlen im kommenden Februar werden die Wahlverlierer vom letzten September wieder vor Kraftmeierei kaum noch laufen können, sich am Muskelprotz-Spiel im Bundesrat aufgeilen und damit genauso Stillstand im Lande bewirken wie die Regierung mit ihrer eigenen Ohnmacht. Ein grandioser Penn-Club.
Auch Grün ist abgetaucht und wartet offenbar auf den Ausgang der Mitgliederbefragung zur den Zukunftschancen künftiger Parteiführungen. Derweil schreibt sich Fischer wohl schon die Finger wund an Übungssätzen, wie er am besten mit geknautschter Stirn eine deutsche Beteiligung an Bushs Revanchegelüsten im Irak rechtfertigen könnte. Die Union scheint eher so zu tun, beim amerikanischen Kettengerassel gehe es mehr um ein Wehrsportabenteuer denn um den von Bush angekündigten Kreuzzug gegen den Teufel mit Tod und Verderben.
Unterdessen beschäftigt sich die FDP immer noch mit sich selbst - da kann ihr nie langweilig werden. Selbst ohne Möllemann gibt es noch genügend Knallchargen, die auf verspäteten Silvestereinsatz hoffen konnten und mit verbalen Knallerbsen Stimmung erzeugen wollten, um Stimmen zu sammeln. "Dreikönigstreffen" nennt sich dieses blau-gelb-liberale Fitnesstraining. Aber auch dort zeigte man Spiele mit Muskeln, die man nie hatte. Damit taugt die FDP bestenfalls als Sparringspartner für die PDS.
Alles in allem: Es geht weiter wie gehabt. Also: Gehabt Euch günstig. Entkommen geht sowieso nicht.
- 1. Kalenderwoche
28.12.2002
Das Dosenpfand - viel Lärm um nichts Unzumutbares
Mit Klage um Klage sind sie abgeschmettert, die Vertreter der Handelsketten und Getränkehersteller. Aufs falsche Pferd zu setzen, rächt sich mitunter bitter. Sie hatten zur Bundestagswahl alles auf eine Karte gesetzt - und verloren. Damit war der Weg ins neue Recycling-Zeitalter vorgegeben. Schlechte Zeiten für Dosenfabrikanten. Wer sich mit Blech eine goldene Nase verdienen konnte, muss nun sehen, wie er den Schrott entsorgt.
Das Lamentieren der Getränkehändler treibt mir die Tränen in die Augen. Wäre nicht Zeit genug gewesen um sich gründlich auf die absehbaren Erfordernisse einzustellen? Ein Rücknahmesystem aufzubauen, dass nicht kompliziertes ist als anderen Ortes, in andren Ländern, in denen das Dosenpfand schon längst zum unspektakulären Alltag gehört?
In Teilen der USA, in Skandinavien regt sich kein Händler und kein Lieferant mehr drüber auf. Man hat sich arrangiert, wie mit den Pfandflaschen, seien sie auf Glas oder aus PET. Die lose Dose aus Leichtmetall mit schwerer Belastung für die Müllhalden muss dort längst genauso zurückgenommen werden von dem, der sie verkauft hat. Und damit der Anreiz groß genug ist, sie nicht aus Fahrzeugfenstern zu entsorgen, so dass sie Straßenränder und Bahndämme in Müllkippen verwandeln, hat ein kleines Pfand - groß genug, dass man es wiederhaben will - seinen Reiz und seinen Sinn.
War es nicht auch klängst so vereinbart, als Folge sinkenden Anteils der wiederverwertbaren Getränkeverpackungen? Was sich nun zum Jahreswechsel vollzieht, war schon in Regierungsbeschlüssen der bürgerlichen Koalition festgeschrieben worden. Dass sich der gescheiterte Kanzlerkandidat der Union in diesem Jahr nicht daran gebunden sehen wollte und so der Getränkeindustrie Hoffnungen machte, mit ihm im Kanzleramt werde es kein Dosenpfand geben, zeigt einmal mehr die Verlogenheit dieser Spezies, die es in der Politik in höchste Ämter drängt - egal über welche Parteileiter. Stoibers buhlen um Unterstützung gegen Gegenleistung war in höchstem Maße unseriös und unverantwortlich - aber wer hätte anderes erwartet...
Und nun sitzt die Getränkeindustre in der Patsche, im selbst gewaltig mitverschuldeten Schlamassel und nimmt übel. Na denn Prost - wer Sorgen hat, hat auch Likör...