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WOCHENKOMMENTARE 2004
von Gerd Schinkel
Alles ist dem Wandel unterworfen - so auch die Aktualisierung dieser Seite. Um mehr Zeit für andere Zwecke zugewinnen, kommentiere ich das aktuelle Zeitgeschehen nicht mehr so regelmäßig wie früher. Die Abstände zwischen den Kommentaren werden künftig unregelmäßig sein, was hoffentlich das Interesse an diesen Kommentaren nicht berührt.
Mein Buchprojekt, für das ich meine wöchentlichen Kommentierungen unterbrochen hatte, ist mittlerweile - was meinen Teil des Schreibens und Kürzens angeht - fertig. Eine Agentur bemüht sich um einen Verlag. Zum Inhalt sei soviel verraten: Es handelt sich um die Vorgeschichte und die erfolgreiche Suche unserer erwachsenen Adoptivtochter nach ihren leiblichen koreanischen Eltern im Sommer 2003. Die Geschehnisse sind gespickt mit unglaublichen Zufällen und Entdeckungen, die die Phantasie überfordert hätten, wäre man der Versuchung erlegen, sich alles auszudenken.
Interessenten an der Thematik können sich gerne bei mir melden - auch mit Ratschlägen zur Suche nach einem Verlag...
Die Fassungslosigkeit angesichts der Flutkatastrophe dauert an. Ganz nüchtern betrachtet scheint eins schon jetzt sicher: Egal wie groß die Hilfsbereitschaft ist – sie wird nicht ausreichen. Hilfe auf jede Art ist nötig, und wenn es nur Kleinstbeträge sind, weil sie sich mit anderen summieren. Jeder wird gebraucht, auf seine Weise. Dies gilt auch für die Mobilisierung von Spendenbereitschaft.
Die Not in den Katastrophenregionen übersteigt die Vorstellungskraft. Jede Überlegung, dass individuelle Hilfe nicht mal die Wirkung eines Tropfens auf dem heißen Stein haben könnte, hält nur auf und damit von rascher Hilfe ab. Es ist vor allem Geld, das gesammelt werden muss, um die nötigsten Güter anzuschaffen und die wichtigsten Hilfsmaßnahmen zu organisieren. DRK-Chef Seiters lobt die Spendenbereitschaft der Deutschen. Die Bundesregierung hat ihre Hilfe auf 20 Millionen Euro erhöht. Die reichsten Länder der Erde haben mehr als 180 Millionen Euro an Soforthilfe zugesagt.
Medikamente sind nötig, Gerätschaften, aber auch Betreuung von Waisen und erwachsenen Überlebenden, die unter Schock stehen, weil sie all ihre Lieben und ihr Hab und Gut verloren haben. So vieles muss gleichzeitig an so vielen Orten geschehen – Platz genug für jeden, der helfen will. Und doch ist es ratsam, nicht gedankenlos seine Ersparnisse zu plündern und den ersten besten Spendensammlern zu überlassen.
Es gibt Unterschiede und die liegen in der Wirksamkeit der Hilfe. Wie viel kommt tatsächlich dort an, wo es gebraucht wird? Neben schneller Erstversorgung mit allem, was nötig ist, um in der jetzigen Situation zu überleben und die Seuchengefahr zu bannen, ist auf nachhaltige Hilfe zu achten. Wie geht es weiter, wenn die Aufmerksamkeit der Welt, die im Augenblick noch durch die Schreckensbilder via Bildschirme in allen Wohnzimmern gefesselt wird, nach und nach erlahmt. Was wird, wenn es neuere Ereignisse gibt, die spektakulärer sind als die Not, an deren Beschreibung man sich nach und nach gewöhnt hat. Was bleibt, wenn die Katastrophenhelfer abziehen und die Menschen, die in den betroffenen Gebieten zuhause sind, sich selbst überlassen bleiben? Wie vollzieht sich ein Wiederaufbau in touristisch nicht interessanten Regionen? Wie hilft man den Menschen am besten, sich selbst zu helfen? Wie unterstützt man ihre Regierungen dabei, die zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen.
Ein Schuldenerlass für die betroffenen Länder wäre hilfreich – aber nicht ausreichend, weil es doch nur ein Verzicht auf die Rückzahlung von gewaltigen Summen wäre, die diese Ländern im Augenblick sowieso nicht aufbringen können. Der afrikanische Staat Mozambique, eines der ärmsten Länder der Erde, will den Flutopfern 100 000 Dollar spenden. In die Katastrophenregionen eingeflogene Helfer berichten von der Solidarität unter den Ärmsten, die sich großzügig gegenseitig helfen, soweit sie es können. Hierzulande klagt die Feuerwerks-Industrie über den Appell, in diesem Jahr zugunsten von Spenden für die Flutopfer auf Silvesterböller zu verzichten.
Doch ein paar Kracher weniger tun’s doch auch. Ein anderes Zeichen dafür, dass man bei uns die Notwendigkeit der Solidarität begriffen hat, könnte ein bisschen mehr Zusammenarbeit sein: bei den Organisationen, die Geld sammeln und Helfer entsenden, und in den Medien, die die Spendenbereitschaft der Menschen steigern wollen. Kleinlicher Konkurrenzkampf ist völlig fehl am Platze.
Dieser Kommentar wurde am 30.12.2004 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
Dieser Kommentar wurde am 28.12.2004 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
Dieser Kommentar wurde am 27.12.2004 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
Schneller sein Recht bekommen – wer wollte es nicht, wenn er denn schon die Mühlen der Justiz in Bewegung setzen muss, die ja bekanntlich langsam mahlen. Doch vor den „Schnellschüssen“ bewahren uns bislang Verfahrensvorschriften, die den Gang der Dinge regeln, damit auch jeder sein zuständiges Gericht findet, egal wofür, ob beispielsweise als Kläger im Zivilprozess oder als Angeklagter im Strafprozess.
Das ist im Prinzip auch gut so, was aber nicht ausschließt, dass es besser sein könnte. Manche Regelungen sind so kompliziert und so umständlich, dass der Ruf nach einer Vereinfachung unüberhörbar ist. Unterschiede in Fristen und Rechtsbehelfen beispielsweise sind nicht immer nachvollziehbar. Und ob für Bagatell-Verstöße gegen Strafgesetze gleich ein Richter seine Robe vom Bügel holen muss, kann ebenfalls mit Fragezeichen versehen werden.
Aber man sollte sich davor hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Zur Entlastung der Gerichte die Rechtsprechung in der Weise zu vereinfachen, dass man schlicht den Bürgern Rechtsmittel aus der Hand nimmt, mit denen sie sich bislang darum bemühen konnten, Recht zu bekommen, ist fragwürdig und eines Rechtsstaates nicht würdig. Hier kann es nicht darum gehen, Rechte von Bürgern zu beschneiden, sondern die Arbeit der Gerichte effizienter zu machen. Da könnten bessere Ausstattungen – sowohl personell als auch technisch – besser und vielleicht sogar schneller zum Ziel führen als ein Reformvorhaben, für das der Gesetzgeber den üblichen langen Weg beschreiten muss, und bei dem am Ende statt eines besseren Rechtsschutzes für die Bürger eine Verschlechterung droht.
Aber die Justizminister sind offenbar auf einem anderen Trip. Sie scheinen fasziniert zu sein von der Idee eines großen Wurfs, einer Jahrhundertreform. Im Zentrum der Überlegungen steht die Erwägung, den Weg durch die Instanzen dadurch zu verkürzen, dass man einfach eine abschafft. Das beschleunigt nicht nur die Verfahren bis zum Schlussstrich, sondern spart auch noch Geld. Das aber sollte misstrauisch machen, denn den Bürgern aus Kostengründen Rechtsmittel zu nehmen, legt den Verdacht nahe, dass man es mit dem Bestreben, Gerechtigkeit walten zu lassen nicht so ernst meint.
In Strafsachen generell auf eine Instanz zu verzichten, vergrößert eher das Unbehagen als die Zufriedenheit mit der Rechtsprechung. Was nicht heißt, dass es in Bagatellfällen, bei denen doch nur ein Bußgeld verhängt wird, nicht eine Überlegung wert wäre, Prozesshanseln die Möglichkeiten zur Selbstdarstellung zu beschränken. Geht es allerdings um Kapitalverbrechen und drohende lebenslange Freiheitsstrafen, sollte nicht der geringste Ansatzpunkt geliefert werden, von dem aus die Qualität unserer Justiz in Zweifel gezogen werden könnte.
Dies sollten die Justizminister bedenken, die in der Gefahr sind, sich vom selbst angeschobenen Schwung mitreißen zu lassen. Auch für die Erwägungen zur überfälligen Justizreform gilt: Lieber in einer Instanz mehr gründlich überlegen, als eine Verschlimmbesserung riskieren.
Dieser Kommentar wurde am 26.11.2004 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
Jedes Volk hat die Politiker, die es verdient. Die Qualität unserer Volksvertreter wird auch daran deutlich, wie sie miteinander umgehen und streiten. Dies geschieht an unterschiedlichen Orten, in und über die Medien, in Diskussionsforen. Sie reden auf Parteiveranstaltungen und in Wahlkämpfen. Nirgends aber ist der Austausch so unmittelbar und öffentlich wie im Deutschen Bundestag, vor mehr oder weniger zahlreich anwesenden Abgeordneten, gut gefüllten Zuschauerreihen und laufenden Fernsehkameras.
Sind sie es, die mit ihren Übertragungen auf den Informationskanälen aus dem Hohen Haus hinein in Wohnzimmer und Büros den Debatten die inhaltliche Qualität nehmen, so dass nicht mehr übrig bleibt als ein ritualisierter Schlagabtausch? Zu den Schaufensterreden, die Politiker schon immer gehalten haben, sobald die Übertragungszeit begonnen hatte, sind längst wohlüberlegte non-verbale Reaktionen gekommen, mit denen diejenigen, die gerade nicht am Rednerpult stehen, auf ihre Art Wirkung erzielen wollen. Dann ist Showtime im Bundestag, das Parlament wird zu Bühne, auch ohne Drehbuch.
Die Rollen sind selbst gewählt: Lieber ein schlechter Clown als ein guter Verlierer. Oder sind es doch nur gedankenlose Ungebührlichkeiten, wenn Akten oder auch Zeitungen gelesen werden, statt dass man den Ausführungen in der Debatte lauscht. Demonstratives Vertiefen in Lektüre jeglicher Art ist noch die harmloseste Variante, um mit Desinteresse zu zeigen, wie ernst man den nimmt, der gerade redet, und für wie wichtig man seine Argumente hält. Telefonieren, mit dem Nachbarn reden, durch die Reihen der Abgeordnetensitze flanieren, hier ein Schwätzchen halten, dort ein Witzchen reißen und den Redner mit Missachtung strafen, - den Saal zu verlassen scheint nicht zu reichen.
Fehlt nur noch das Herumlümmeln mit Beinen hoch auf dem Tisch oder auf der Rückenlehne des Vordersitzes. Subtilere Geringschätzungs-Signale kommen hinzu: Die Aktentasche, die statt des Ministers auf dem Platz bleibt, während die Oppositionsführerin redet, spricht Bände. So putscht man sich auf. Liegt es daran, dass man sich als Redner schon was einfallen lassen muss, um seine eigenen Fraktionskolleginnen und Kollegen zu Beifallsreaktionen von den Stühlen zu reißen und um die politischen Gegner aufzuschrecken, wenn häufiger auch verbal daneben gegriffen wird, nach dem Motto „lieber als Stilverderber gelten als einen Gag auslassen“?
CSU-Landesgruppenchef Glos musste sich für seine Wortwahl entschuldigen, als er Fischer einen „Zuhälter“ nannte. Wer hier einen „Ausrutscher“ vermutet, erweist sich zumindest als naiv. Beides, so ist zu vermuten, war wohlkalkuliert: die beleidigende Formulierung, die eher zur Kenntnis genommen wird als seitenlange Ausführungen in sachlicher Argumentation, und die anschließende Entschuldigung, die als höfliche Floskel rasch vergessen wird, auf die man aber immer verweisen kann, falls über die Entgleisung gestritten wird.
Argumente gewichten, die Positionen und Gedanken des jeweils anderen abwägen, muss man wollen. Aneinander vorbeireden ist einfacher. Vielleicht können oder wollen unsere Politiker inzwischen gar nicht mehr zuhören. Wozu auch, findet doch der medienwirksamste Schlagabtausch inzwischen wöchentlich in Talkshows statt, in denen auch niemand mehr ausreden kann und keiner zuhört. Aber gewählt werden wollen sie alle. Benehmen ist Glücksache – eine Wiederwahl sollte kein Pech sein.
Ganz so einfach, wie es sich die Bush-Regierung vorstellt, funktioniert es wohl doch nicht mit der drei Affen-Strategie: Weghören, Klappe halten, Augen zu und durch. Immerhin räumt ein Bericht des Pentagon nun eine Mitschuld an den Misshandlungen irakischer Gefangener im Skandalgefängnis Abu Ghoreib ein. Doch wessen Mitschuld? Und in welchem Umfang?
James Schlesinger, der unter den republikanischen Präsidenten Nixon und Ford das Pentagon führte, hat mit einer Kommission die bekannten Folterfälle untersucht und herausgefunden, dass dahinter kein System gesteckt habe. Kein höherer Verantwortlicher der Regierung oder aus der Militärhierarchie habe dazu angestiftet oder dies gebilligt. Doch man könne auch nicht einigen einzelnen Soldaten die Schuld geben, weil es ein Umfeld gegeben habe, in dem diese Verfehlungen erst möglich geworden seien.
Mangelnde Aufsicht über das Gefängnis und verwirrende Anweisungen zur Durchführung der Verhöre werden nun von Schlesinger gerügt, der eine institutionelle und persönliche Verantwortung der Befehlskette bis hinauf nach Washington feststellt. Zu wenig Gefängnispersonal, und dies ohne Ahnung, was mit den Gefangenen eigentlich geschehen solle, desinteressierte Vorgesetzten hätten sich nicht blicken lassen, und so sei eben Chaos herausgekommen. Das klingt nach dickfelligem Schulterzucken, nach „Shit happens“, so was passiere eben, auch wenn es nicht passieren dürfe.
Schließlich bietet man eine Erklärung, die vom eigenen Anhang nur allzu gern übernommen werden dürfte: Die militärische Führung sei zu sehr auf den Kampf gegen die Aufständischen im Irak konzentriert gewesen. Weil man längst Verantwortlichkeiten nicht mehr abstreiten oder ganz auf die kleinen Fische abschieben kann, hält man Schuldzuweisung an das große Chaos vermutlich für die geschickteste Lösung. Irgendwie „die da oben“, aber wer, das ist nicht klar, es ging eben alles durcheinander.
Zur Erinnerung: Es ist Wahlkampf und „die da oben“, das ist man ja schließlich selbst. Verteidigungsminister Rumsfeld hatte mit Schlesinger für die Untersuchung einen Vertrauensmann gefunden, mit dem er unter Nixon und Ford selbst am Kabinettstisch saß. Schlesinger lehnt nun auch - wen wundert’s - einen Rücktritt Rumsfelds ab, weil dies nur den Feinden der USA nützen würde. Auch wenn der Bericht zu weiteren Anklagen gegen „Mitschuldige“ irgendwo im mittleren Teil der Befehlskette führen könnte, klingt sein Fazit nach Schlussstrich, noch ehe jemand fragen kann, wie weit die Regierungspolitik den Misshandlungen Vorschub geleistet haben könnte.
Die blindwütigen Exzesse einer sogenannten Anti-Terrorpolitik, mit der die Bush-Regierung versucht, Entschlossenheit und Stärke zu demonstrieren, haben viele namenlose Verdächtige ohne Gerichtsverhandlung hinter Gitter gebracht, in den USA und in amerikanischen Militärgefängnissen im Ausland, beispielsweise in Afghanistan. Wie werden Gefangene dort behandelt? Ungeklärte Todesfälle werfen Fragen auf. Was herauskäme, sähe man dort genauer hin, weiß niemand. Am wenigsten will es wohl die Bush-Regierung wissen, ganz wie die drei Affen.
Dieser Kommentar wurde am 25.8.2004 im 3. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendung Themen des Tages" um 13 Uhr ausgestrahlt.
Ein- und Zwei-Cent-Münzen: Kleingeld zum Loswerden
Die Niederlande wollen über eine sogenannte „Rundungsregel“ die Ein- und Zwei-Cent-Münzen abschaffen. Dies hat hierzulande eine lebhafte Diskussion ausgelöst, ob man diesem Beispiel folgen sollte. Die Bundesbank gibt sich aufgeschlossen, der Einzelhandel aber ist strikt dagegen. Und die Verbraucher? Der Diskussionsprozess ist längst nicht abgeschlossen
Ich gebe ja zu, mein Interesse ist ganz persönlich: Ich habe von all meinen Bekannten die kleinste Münz-Geldbörse, trage sie in der Hosentasche und hasse es, wenn sie dort prall gefüllt drückt. Ich hasse es auch, wenn ich einen dieser schrägen Beträge bezahlen soll und eigentlich das verlangte Geld bis auf den Cent genau hinzählen könnte - wenn ich es nicht mühsam aus dem Kleingeldfach picken müsste. Dafür brauche ich eine Lesebrille, die ich nicht immer auf der Nase habe.
Sie sehen - was mich dazu bringt, den Gedanken an eine Zahlungswelt ohne Ein- und Zwei-Cent-Münzen begeistert zu unterstützen, sind ganz persönliche Befindlichkeiten. Aber ist das nicht bei fast jedem so, der nun seinen Umgang mit Kleingeld bilanziert und dann mitredet? Weg mit den Kleinst-Münzen - oder lasst uns den Cent. Sicher gibt es gute Gründe, ernsthaft darüber nachzudenken, ob man die Kleinstmünzen nicht besser aus dem Verkehr ziehen sollte. Sie kosten mehr als sie wert sind, keiner mag sie wirklich, weder an der Kasse, noch im Portemonnaie, und wie Erfahrungen unserer europäischen Nachbarn und Partner in den Niederlanden und Finnland gezeigt haben, geht es ganz gut ohne. Man rundet auf oder ab, und unterm Strich gleicht sich alles wieder aus.
Wieso der organisierte Einzelhandel nicht mitmachen mag, verstehe wer will. Gerade dort sind die Schlangen an den Kassen, gerade dort soll es schnell gehen, denn bei dem wenigen Personal, das den Kunden zur Verfügung steht, ist man dankbar für jede sinnvolle Verwendung. An die verkaufs-fördernde Wirkung ungerader Lockpreise, einen oder zwei Cent unter dem vollen Euro, glauben die Einzelhändler vermutlich allein, und niemand hindert sie, künftig fünf Cent unter dem glatten Betrag zu bleiben, wenn es denn so unverzichtbar sein sollte, und man sich die Peinlichkeit ersparen will, den 99er Betrag an der Kasse wieder auf Hundert aufzurunden.
Nein, ich will mir die Chance nicht nehmen lassen, künftig mit dem Bargeld auskommen zu können, was ich ohnehin am liebsten habe. Nostalgiker können ja, wenn es ihnen denn wirklich auf den Cent ankommt, künftig bargeldlos bezahlen. Bei den Kontobewegungen soll sich ja nichts ändern. Schließlich verdienen die Kreditinstitute mit Cent-genauen Abrechnungen aller Buchungsvorgänge Millionen Euro. Dass da ab- oder aufgerundet wird, vielleicht auch mal zugunsten der Kundschaft, ist schlicht nicht vorstellbar.
Aber an der Ladenkasse auch mal „was geschenkt“ zu bekommen, weil abgerundet wird, ist eine sympathische Vorstellung. Nur meine Phantasie hat ihre Grenzen. Dass es dabei auf Dauer bleiben könnte, über kurz oder lang nicht alle Preise so ausgezeichnet werden, dass automatisch aufgerundet wird, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Dieser Kommentar wurde am 25.8.2004 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr und im 3. Hörfunkprogramm in der Sendung "Themen des Tages" um 18.00 Uhr ausgestrahlt.
Dieser Kommentar wurde am 24.8.2004 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
Dieser Kommentar wurde am 20.7.2004 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
Kriminalitätsbekämpfung zentralisieren
Die Erkenntnisse der Ermittler im Fall des Serienmörders Fourniret machen fassungslos. Ein Straftäter kommt aus dem Gefängnis, überschreitet die Grenze zum Nachbarland, gerät erneut in Verdacht - und die dortigen Strafverfolgungsbehörden erfahren nichts von seinem einschlägigen Vorstrafenregister, weil sie nicht danach fragen. Der Mann bleibt auf freiem Fuß. Das sind Schwachstellen in der Verbrechensbekämpfung, die man im Zeitalter von Datenbanken kaum für möglich hält.
Dass sich die Innenminister der Länder und der Ressortchef des Bundes, Otto Schily, gerade heute in Kiel über eine Verbesserung der inneren Sicherheit unterhalten, ist eine günstige Gelegenheit, sich die Wirklichkeit genauer anzusehen. Es gibt für jeden einzelnen Bürger auch noch andere Bedrohungen und Gefahren als fanatisierte Terroristen: Gewalttäter jeder Art, und Kriminelle, die sich am Eigentum anderer Menschen vergreifen.
Bei offenen Grenzen müssen die Fahndungsbehörden enger zusammenarbeiten und ihre Erkenntnisse über einschlägig verurteilte Straftäter bündeln - eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen, wenn doch in Zeiten des verstärkten Kampfes gegen Terroristen die internationale Zusammenarbeit so lautstark beschworen wird. Dabei braucht nicht einmal der Datenschutz auf der Strecke zu bleiben. Schließlich muss es nicht so weit gehen, vorsorglich jeden Zeitgenossen mit seinen Eigenarten zu speichern, sondern diejenigen zu registrieren, die einschlägig wegen schwerer Verbrechen verurteilt worden sind.
Ein europäisches Strafregister wäre eine Möglichkeit, die andere der von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries ins Gespräch gebrachte Computerverbund, wenn er denn rascher zum Ziele führte. Den in Fragen seiner eigenen Sicherheit sensibilisierten Bürgern mag es egal sein, wie die zuständigen Politiker ihre Hausaufgaben erledigen - wenn die Problemlösungen nur nicht auf der langen Bank landen oder im Kompetenzgerangel zwischen unterschiedlichen staatlichen Ebenen auf der Strecke bleiben.
Dass Europa Verbrechen zentral bekämpfen muss, liegt seit dem Desaster von Belgien auf der Hand. Wenn den vollmundigen Rufen nach mehr Gemeinsamkeit in der Terrorbekämpfung nun kleinliche „Ja, aber-Einwände“ bei der Verfolgung normaler Gewalttäter gegenüber stünden, wäre dies mehr als irritierend. Das Klammern an Hoheitsrechte bringt mit Sicherheit nicht mehr Sicherheit.
Dieser Kommentar wurde am 7.7.2004 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendung "Der Tag um fünf" um 17.00 Uhr und im 3. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendung "Themen des Tages" um 18.00 Uhr ausgestrahlt.
Wachsende Zweifel am Erfolg der Gesundheitsreform
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 4.5.2004 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 4.5.2004 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
Fassungslosigkeit und Entsetzen als Reaktion auf Bilder, die amerikanische und britische Soldaten im Irak als Folterer zeigen. Sie belegen Denkschablonen, die die Welt nach klaren Freund-Feind-Kategorien aufteilen und unangenehme Wahrheiten ausblenden, ganz nach der Devise: „Nicht sein kann, was nicht sein darf“. Und nun soll der Schock tatsächlich so groß sein?
Die Überraschung müsste sich in Grenzen halten - sowohl über das, was passiert ist und nie passieren durfte, als auch darüber, dass es rauskam. Beides passiert im Krieg nämlich immer. Das ändert allerdings nichts daran, dass die Wirkung so gnadenlos ist wie die Folterer. Die schlimmsten Befürchtungen, die man an das Auftreten von Besatzern knüpfen kann, haben sich bestätigt. Wie vollmundig waren die Versprechungen einer besseren Zukunft im Zweistromland, wenn erst die Diktatur des Saddam Hussein und seiner Unterdrücker überwunden sei. Und nun wird der Unterschied zwischen den Befreiern und den Freiheitsberaubern, von denen man die gequälten Untertanen befreien wollte, verwischt.
Die Wohltäter sehen sich ihres Glorienscheins beraubt. Das Ansehen der Kriegskoalitionäre ist in der arabischen Welt zerbröselt zu einem Haufen Wüstensand - nicht nur durch die paar Fotos und das, was die Bilder zeigen. Wenn stimmt, was die britische Zeitung „The Mirror“ heute meldet, gibt es Hunderte solcher Bilder, die von einfachen Soldaten routinemäßig untereinander ausgetauscht werden. Und die Offiziere wissen von nichts?
Niemand sollte sich lange an der Frage aufhalten, ob die Bilder auch wirklich echt seien. Sie sind vermutlich echter als die Fotos der Militäraufklärer von Massenvernichtungswaffen vor dem Angriff. In einem Krieg, in dem die Rechtfertigungen für den Waffengang nachträglich beliebig ausgetauscht werden, ist Skepsis oberstes Gebot. In diesem Falle gilt das Misstrauen denjenigen, die als Einzelfälle abtun wollen, was doch zur Systematik der Kriegsführung in einem eroberten Land gehört.
Die amerikanisch-britische Waffenbrüderschaft, die im Irak mit demonstrativem Schulterschluss beim Angriff einherging, endet allen Anzeichen nach auf benachbarten Plätzen auf der Anklagebank wegen Menschenrechtsverletzungen bei der Besatzung nach der Befreiung. Ja freilich zeigen sich die Regierungen empört über die unverzeihlichen Missgriffe ihrer Armeeangehörigen. Natürlich ordnen sie penibelste Untersuchung und strengste Bestrafung der Täter und Verantwortlichen an. Ziehen sie sie aus dem Verkehr?
Wo schicken sie die eigenen Jungs denn nun hin, die so gewissenlos ausgerastet sind? Nach Guantanamo-Bay? Schichtwechsel beim Bewachungspersonal? Der Ruf der Bush-Regierung kann international schlechter nicht mehr werden. Sie sollte irgendwann anfangen, ihn zu verbessern - nicht erst nach der nächsten Präsidentschaftswahl.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 3.5.2004 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 18. Kalenderwoche: 27.4.2004
Angela Merkel und ihr Irak-Problem
Präsident Bush erntet für seine Irak-Politik heftige Kritik. Seine Regierung habe es versäumt, genügend andere Staaten einzubinden. Das Weiße Haus habe keinen Plan für den Irak-Einsatz gehabt und weigere sich nun, seine Fehler einzugestehen. Der Präsident stecke in der Klemme, zeige unerträgliche Engstirnigkeit und Arroganz. Der Kritikerin, die dies Bush ins Stammbuch schreibt, kann schwerlich Anti-Amerikanismus vorgeworfen werden. Es ist die frühere First Lady und jetzige Senatorin Hillary Clinton.
Arroganz und schwerwiegende Fehler in der Irakpolitik hatte unlängst auch der gemeinsame Kandidat der Unionsparteien und der FDP für das Amt des Bundespräsidenten, Horst Köhler, dem amtierenden US-Präsidenten vorgeworfen und damit in der Opposition für politischen Zündstoff gesorgt. Denn schließlich steht die CDU-Vorsitzende Angela Merkel vor nicht mehr und nicht weniger als den Scherben ihrer Irak-Politik des bedingungslosen Schulterschlusses mit dem Kriegspräsidenten im Weißen Haus. Auch sie scheint nicht in der Lage zu sein, die Fehler der amerikanischen Irakpolitik zu benennen und die Zweifelhaftigkeit der eigenen Nibelungentreue einzuräumen.
Den Amerikanern sei, so wurde Horst Köhler nach einer Rede auf einer internen CDU-Veranstaltung zitiert, möglicherweise die Macht zu Kopf gestiegen. Der Kandidat für die Nachfolge von Johannes Rau hat aus den Unionsparteien für seine Analyse und seine Ansichten viel Beifall erhalten - doch die Parteichefin mag seine Einlassungen nicht mal kommentieren. So wird ihr eigener geringer Abstand zur fatalen amerikanisches Irakpolitik durch Köhlers erfrischend unabhängiges Auftreten zur Belastung für die eigene Partei.
Der SPD-Spitzenkandidat für die Europawahl, Martin Schulz, hat bereits angekündigt, dass seine Partei die Irakpolitik der Bundesregierung zum zentralen Wahlkampfthema machen will. Nach wie vor kritisiert Angela Merkel die Irakpolitik der Bundesregierung in Berlin mehr als die der Bush-Regierung im Weißen Haus. Die CDU-Chefin lastet der Rot-Grünen Koalition an, dass Europa nicht einheitlich aufgetreten sei. An ihrer eigenen Haltung im Irak-Konflikt habe sich nichts geändert, stellte Angela Merkel gestern klar.
Sie windet sich offenbar immer noch um das Eingeständnis herum, dass es sich um einen Krieg handelte. Sie drückt sich davor, Präsident Bush und seinen Kriegsgefolgsleuten in Washington und in Europa dafür zu kritisieren, dass sie ohne Mandat der Vereinten Nationen ein Land mit Krieg überzogen haben, um Massenvernichtungswaffen zu finden, die inzwischen schon gar keiner mehr zu suchen scheint. Anders als Horst Köhler schlingert Angela Merkel und scheut den kursändernden, selbstkritischen Befreiungsschlag, der sie aus der Klemme lösen könnte, in die sie sich selbst manövriert hat.
Welche Risiken für die Union darin stecken, haben andere in der CDU-Führung schon erkannt. Die Parteispitze wird sich nicht davor drücken können, bei der Bilanz der amerikanischen Irakpolitik auch eigene Fehler einzugestehen, die aus übertriebener Vasallentreue resultierten. Sonst steckt die Union noch eine Weile im Dilemma.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 27.4.2004 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 18. Kalenderwoche: 26.4.2004
Gesucht - Das schönste deutsche Wort
Wenn wir etwas suchen, dann
doch in der Regel deshalb, weil es uns verloren gegangen ist, uns fehlt und wir
es brauchen. So gesehen ist dem Deutschen Sprachrat und dem Goetheinstitut nun
offenbar ein Mangel bewusst geworden, den es zu beheben gilt. Dieser Mangel
betrifft nun allerdings keine Lücke, sondern eine Gewichtung. Vorhanden ist das
schönste Wort deutscher Sprache mit Sicherheit - wir haben uns nur noch nicht
geeinigt, um welches Wort es sich handelt.
Auf ein Wort, auf nicht mehr und
nicht weniger, haben es der Deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut
abgesehen. Zu diesem Zwecke haben sie keine Suchmeldung herausgegeben, sondern
gleich einen Wettbewerb ausgeschrieben. Beteiligen können sich eigentlich alle:
Menschen, die die deutsche Sprache quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben,
genauso wie all jene, die sich der Mühe und Plage unterzogen haben, Deutsch zu
lernen und „dem Dativ“ zu retten.
Sie alle sollen in sich gehen und ergründen, welches Wort oder Wörtchen in dieser Sprache der Dichter und Denker sie für das schönste halten. Ist es das Wort, das nicht nur den Deutschsprachigen wohl als erstes über die Lippen geht: „Mama“, oder die Bezeichnung für das, was mutmaßlich in einem bestimmtem Alter, vielleicht aber im Verlaufe eines Lebens sogar mehrmals die größte Faszination ausübt: „Auto“. Kaum Chancen dürfte ein Wort haben, das gar nicht gern gehört, dafür aber ebenfalls in bestimmtem Alter am liebsten gesagt wird, auch wenn vielleicht später Mut und Kraft zur Verwendung des Wortes nachlassen, nämlich das Wörtchen „Nein“. „Ja“ hört man viel lieber, drückt es doch viel mehr Lebensfreude und Einsatzbereitschaft aus, wenn auch nicht unbedingt Stärke und Rückgrat. Die Schönheit des Widerspruchs wird sich nicht auf Anhieb jedem erschließen, und folglich dürfte auch das Wort „doch“ nur geringe Chancen haben.
Wer entscheidet überhaupt darüber? Wer sichtet die Vorschläge und gewichtet sie? Diese Aufgabe wartet auf eine Jury, die aus Künstlern, Journalisten und Wissenschaftlern besteht. Als Mitglieder wurden unter anderem so sprachgewaltige Menschen wie Herbert Grönemeyer, Uwe Timm, Joseph Vilsmaier, Fritz Pleitgen und Sigrid Löffler genannt. Vor allem über letztere sind wir doch ausgesprochen froh, denn unterstellt, es bliebe bei einer reinen Männerrunde, hätte am Ende vielleicht sogar noch das Wort „Papa“ eine reelle Chance, was dem Zeitgeist Rechnung trüge, dass Hausmänner gar nicht mehr so selten sind. „Papperlapapp“, mögen darauf all die sentimentalen Großmütter sagen, für die unbestritten „Mutter“ das schönste Wort im Erdenrund ist. Ihnen wiederum könnte, im Wettstreit um den besten Vorschlag ein „Ma ma halblang“ entgegenschallen.
Die Gewinner des Wettbewerbs sollen im Herbst auf einer Gala in Berlin geehrt werden, Ihnen winken als Preise ein literarisches Wochenende in der Hauptstadt, die auch die Stadt der Sprechblasen und Verlautbarungen geworden ist, sodann ein vierwöchiger Sprachkurs, den man eigentlich lieber den Verlautbarungssprechbläsern wünschen würde, und schließlich eine Reise auf eine ferne exotische Insel - was uns zu der Frage führt, ob das schönste deutsche Wort nicht der Name genau dieser Insel sein könnte: Mauritius.
- 12. Kalenderwoche: 17.3.2004
Streit um Kostenerstattung für Naturheilmittel
Kann man es Politikern vorwerfen, wenn sie populistisch entscheiden? Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat ihren Populismus-Nachweis im Zusammenhang mit untauglichen Versuchen zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen gerade erbracht. Lieber bei der Kosteneinsparung auf ein paar Millionen verzichten - die Ausgaben also nicht so drosseln, wie es möglich wäre - dafür aber geringeren Ärger an der Backe.
Der Streit geht darum, welche homöopathischen Heilmittel von den Krankenkassen - also auf Kosten der Beitragszahler - erstattet werden sollen und welche nicht. Ob überhaupt solche pflanzlichen Mittel, deren Wirksamkeit in vielen Fällen vom Grad ihrer Wasserverdünnung und dem Glauben an ihre Heilkraft abhängt, von den Kassen erstattet werden, diese Frage hatte die Ministerin bereits entschieden, bevor sich gestern der gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen zusammen setzte, um zu einem Beratungsergebnis zu gelangen.
Ulla Schmidt wollte unter den Ausnahmen von den strengen Vorgaben, dass nicht verschreibungspflichtige Medikamente auch nicht erstattet werden, auch homöopathische und anthroposophische Mittel sehen, auch wenn die Wirksamkeit dieser Therapien umstritten ist. Bislang ist zwar bei kaum einem dieser Mittel aus Mistel oder Arnika die Wirksamkeit wissenschaftlich gesichert nachgewiesen worden, doch die Politikerin scheute offenbar die Auseinandersetzung mit Heilpraktikern und ihren Kunden, die sich nach einer homöopathischen Behandlung zumindest besser fühlen.
Und damit hat sie sich selbst und ihrem Anliegen, nämlich der Kostendämpfung im Gesundheitswesen einen Bärendienst erwiesen. Denn der Ärger kommt, wie es aussieht, sowieso, obwohl sich die Sozialdemokratin alle Mühe gegeben hat, ihn aus dem Weg zu räumen. Das feige, aber taktisch nachvollziehbare Entgegenkommen der Ministerin fand zwar im gemeinsamen Bundesausschuss Unterstützung, schützt aber nicht vor einer Klage der Homöopathen, die nun wegen einer Einschränkung der Therapiefreiheit mit Tropfen, Kügelchen und Pendeln vor das Bundesverfassungsgericht ziehen wollen.
Zur Glaubwürdigkeit der Politiker trägt das Drängen der Ministerin auf einen Kompromiss nicht bei. Schließlich zählt zu den rezeptfreien Wohlfühltherapien, die mit Hausmitteln möglich sind, auch der Halswickel mit Großmutters Strickstrumpf bei Schluckbeschwerden, der dort vermutlich genauso segensreich wirkt wie manches verdünnte Tröpfchen, nur eben nicht auf Kassenkosten. Die Ministerin wollte - nur um des lieben Friedens Willen, nicht aufgrund wissenschaftlich nachgewiesener Wirksamkeit - bestimmte Heilmittel erstattet sehen und rechtfertigt dies mit der Gewährleistung von Therapievielfalt.
Mit Vernunft hat das nichts zu tun, schon gar nicht mit wissenschaftlicher, sofern man Medizin als solche begreift, sondern es hat mit Politik zu tun. Da wird eben immer noch populistisch entschieden, womit sich der Unterschied zwischen solchen Politikern und Handauflegern relativiert. Beide setzen auf den Glauben an ihre Fähigkeiten und bieten den Leuten bestenfalls Wohlfühl-Therapien. Schade. Anders wär‘ nämlich besser.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 17.3.2004 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 7. Kalenderwoche: 13.2.2004
Klonforschungserfolg löst Hoffnung und Entsetzen aus
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 13.2.2004 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 7. Kalenderwoche: 11.2.2004
Die Europäische Kommission hat in ihrem langfristigen Haushaltsentwurf für die Jahre 2007 bis 2013 Ausgabensteigerungen um rund 50 Milliarden Euro vorgesehen und sich über Sparappelle Deutschlands und anderer Staaten der Europäischen Union hinweggesetzt. Damit ist in Europa eine neue Runde im Machtkampf ums Geld eingeläutet.
Was die Europäische Kommission in Brüssel als Haushaltsentwurf vorgelegt hat, ist beileibe kein Drehbuch für einen Sketch, auch wenn es zunächst trockene kurze Lacher aus der Kehle lockt. Danach macht die Unverfrorenheit eher sprachlos. In Abwandlung des gewohnten Politik-Verfahrens, mit der einen Hand zu geben, was die andere gleich wieder einsammelt, zeigen die Kommissare einen anderen Trick, der für eine Lachnummer taugt: Sie verlangen ein dickes Stück von einem Kuchen, dessen Rührteig sie verbieten wollen. Nichts anderes ist es, wenn die Kommission den Ministerrat verklagt, weil er sich weigert, die vereinbarten Regeln zur Sparsamkeit anzuwenden, aber gleichzeitig von den zur Sparsamkeit gedrängten Mitgliedsländern mehr Geld verlangt.
Diese Schizophrenie verdeutlicht nur eins: Es wird Zeit, dass die Gestaltung der Europäischen Union von Realisten übernommen wird, bevor Visionäre, die nur im Verlangen nach anderer Leute Sparsamkeit groß sind, mit ihren Wunschträumen mehr Europaverdruss verursachen, als Europa vertragen kann. In Brüssel sind weder unkritische Ja-Sager, noch blockierende Nein-Sager gefragt, vor allem keine Populisten. Nötig sind Politiker mit Augenmaß, die sich der Risiken bewusst sind, wenn sie zwischen Wunsch und Wirklichkeit das Unmögliche vom angeblich Notwendigen aussortieren.
Es ist sicher richtig, von den Regierungen Haushaltsdisziplin zu verlangen, um die Stabilität des Euro zu sichern. Wenn nicht genug Geld da ist, muss man sich entscheiden, wofür man es ausgeben will. Man muss Prioritäten setzen. Diese Entscheidungen verlangt die Europäische Kommission von den Regierungen der Mitgliedsländer zurecht, vor allem von denen, die gegen die Stabilitätskriterien verstoßen. Aber selber im nötigen Umfang für den eigenen Haushalt Prioritäten zu setzen, davor kneift die Kommission und hält statt dessen die Hand auf, mit der sie zuvor zur Sparsamkeit ermahnt hat. Sie sollte besser jeden einzelnen Ausgabentopf genau abtasten und endlich die Löcher stopfen, durch die Subventionen verschwinden wie aus einem Fass ohne Boden.
Die Europäische Union muss mehr sein als ein Selbstbedienungsladen für marode Wirtschaftszweige, gleichzeitig aber sicherstellen, dass sie ihre politischen Ziele nicht zu hoch steckt. Faule Kompromisse und falsche Rücksichtnahmen auf die Klientel der jeweiligen Regierungsparteien gab es in der Vergangenheit genug. Für die Zukunft einer erweiterten Europäischen Union taugen sie nicht - genauso wenig wie Utopien, die Geld kosten, das niemand ausgeben will.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 11.2.2004 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
- 7. Kalenderwoche: 10.2.2004
Für US-Präsident Bush ist Nordkorea eines der gefährlichen Länder auf der „Achse des Bösen“. Doch im Unterschied zum Irak Saddam Husseins sieht Bush die USA durch die asiatische Steinzeit-Diktatur nicht so bedroht wie durch irakische Massenvernichtungswaffen, die bislang noch niemand nachweisen konnte. Nordkoreas Atompotential dagegen ist unbestritten, es gilt den Experten der Internationalen Atomenergie-Behörde in Wien sogar als weltweit gefährlichste Herausforderung.
Doch Bush sieht hier die Möglichkeiten der Diplomatie noch nicht erschöpft. Man stehe noch am Anfang, während bei Saddam Hussein die Mittel der Diplomatie am Ende gewesen seien. Verhandelt wird mit den nordkoreanischen Machthabern schon lange, wenn sie sich dazu mal bereit finden. Das heißt allerdings nicht, dass sie am Verhandlungstisch Entgegenkommen zeigen.
Die Lage in der rohstoffreicheren Hälfte der koreanischen Halbinsel ist desolat: Das Volk hat Hunger, aber der gespenstische Diktator hat Atomwaffen und Mittelstreckenraketen. Wie einsatzfähig die Technologie ist, mag ungewiss sein - gewiss ist jedoch, dass die Landwirtschaft zusammengebrochen ist. Das Regime lässt nicht nur, wie amnesty international anprangert, Oppositionelle systematisch hungern - 40 Prozent der nordkoreanischen Kinder sind chronisch unterernährt, Schwangere akut gefährdet. Lebensmitteldiebstahl wird mit Hinrichtung bestraft.
Amnesty wirft den Machthabern vor, mit Nahrungsmittelmangel als Vorwand politisch missliebige Menschen zu verfolgen. Hunger wird hier zur Einschüchterung des eigenen Volkes missbraucht. Gleichzeitig nimmt das Regime seine eigene hungernde Bevölkerung als Geisel zur Erpressung der Weltgemeinschaft. Der Streit um das nordkoreanische Atomprogramm hat die internationale Spendenbereitschaft nicht vergrößert. Hilfswerke kritisieren, dass sie bei ihrer Arbeit von der Regierung behindert werden.
Die Machthaber in Pjöngjang haben es wieder mal geschafft, die Staatengemeinschaft in eine Zwickmühle hinein zu manövrieren: Kommt keine ausreichende Hilfe von außen, verhungern in Nordkorea Menschen zu Tausenden, weil die eigene Regierung sie nicht versorgen kann. Hofft man von außen, das hungernde Volk könnte sein bestialisches Regime unter Druck setzen, begibt man sich in unabsehbare Risiken. Kim Jong Il und seine Hofschranzen sind nur in einem berechenbar: Sie werden freiwillig nicht auf die Macht verzichten und vor nichts zurückschrecken, sich an der Macht zu halten. Die Unterernährung des eigenen Volkes interessiert sie nicht, solange das eigene Volk durch Hunger zu schwach bleibt, dem Regime gefährlich zu werden.
Also ist Hilfe nötiger denn je. Das irakische Volk hatte unter einem aus politischen Gründen gegen Saddam Hussein verhängten Boykott gelitten, anders als die Nordkoreaner, deren Notlage das eigene Regime verschuldet hat. Nun sind für sechs Millionen hungernde Nordkoreaner keine Vorräte mehr da, weil internationale Spenden ausbleiben. Mag das Regime ein Pulverfass sein - die Menschen verhungern zu lassen, entschärft nicht die Gefahr.
- 6. Kalenderwoche: 4.2.2004
Karneval ist vielen Narren lieb - aber auch zu teuer. Man muss im Rheinland tief in die Tasche greifen, wenn man den zweifelhaften Ehrgeiz hat, seinen Frohsinn auf einer der Prunk-Sitzungen der Brauchtums-Gesellschaften demonstrativ zur Schau zu stellen. Für manche Zeitgenossen ist "Dabeisein" eben alles, ganz egal wobei. Dabei könnte man allein schon mit echtem Schpass an der Freud' den Berufsjecken mit den Blechorden locker die Show stehlen. Manche Obernarren glauben offenbar, es genüge, sich einfach eine rote Pappnase überzuziehen, Alaaf oder Helau zu rufen und in den Saal zu winken, schon hat man den Zenit der Fröhlichkeit erklommen.
Willkommen im Auge des Taifuns der Geschmacklosigkeiten und des ritualisierten Kampftrinkens, für das Brauchtumspflege die feuchte Rechtfertigung und Phantasieuniformen den passenden Rahmen liefern. Luftschlangen und Konfetti liegen schon da. Aber man muss schon mehr mitbringen, wenn man dabei sein will. Mit Kleingeld kommt man da nicht aus. Und wer am Ende zusammenzählt, was dieses Vergnügen kostet, lernt vielleicht zweierlei, nämlich erstens, was man unter einem zweifelhaften Vergnügen verstehen kann, und zweitens, wie das denn wohl tatsächlich mit dem Weinzwang gemeint ist, denn der Nepp ist schlicht zum Heulen.
Aber nicht nur Gäste und Lokalpresse klagen - auch die Veranstalter stöhnen, weil ihnen die Kosten davon laufen. Teure Saalmieten, hohe Künstlergagen, von denen nicht nur Büttenredner und Musiker profitieren, sondern auch deren Agenten, die mitunter gleichzeitig sogenannte Literaten sind und mit darüber entscheiden, wer in welcher Sitzung auftreten darf, also im Klartext sich selbst das Geld in die Tasche scheffeln. Da wird das Jammern zum Witz, während gleichzeitig die Programme selbst längst nicht mehr zum Lachen sind und Grund genug wären, dass neben den Kosten auch die Gäste davonlaufen. Langatmige, stundenlange Aneinanderreihungen von Peinlichkeiten, von denen die peinlichsten - der uniformierte Garde-Aufmarsch mit den Tollitäten des organisierten Frohsinns - kaum noch zu ertragen sind.
Wenn sich zum soundsovielten Mal breitgesessene Gardehintern aneinander reiben, müsste es mittlerweile doch eigentlich allen am selbigen vorbei gehen. Die Langeweile tut fast körperlich weh. Warum wird dazu getuscht? Damit niemand einschläft. Jedem anderen Grund fehlt es an Überzeugungskraft. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Aber dazu braucht man schon ein paar Promille im Blut, denn man muss sich die Bühnendarbietungen tapfer schön trinken und die eigenen Ansprüche an das Qualitätsniveau so einpegeln, dass es niemand mehr unterschreiten kann. Dann kann man auch die Herrenwitze ertragen. Man könnte sie durchnummerieren und lediglich die Zahlen aufrufen.
Falls
der andere Pegel - der des Alkohols - nicht oder noch nicht stimmen sollte, kann
das Lachen nur gequält ausfallen, anderenfalls würde es ausfallen, und dafür
wiederum ist der Abend zu kostspielig. Also muss man schon, allein zur
Rechtfertigung der Investition in eine solche Eintrittskarte zum Vorhof der
Hölle, gute Miene zum bösen Spiel machen und den Frust mit
Zwangslachen verscheuchen. Fazit: Ein teurer Spaß. Doch die Nutznießer werden
nichts drauf kommen lassen. Käme nun der Einwand: "Dat is doch läpsch un alles nur
billije Kritik". - Mag sein, aber wenigstens hat sie Spaß gemacht.
Und teuer war sie auch nicht.
6. Kalenderwoche: 2.2.2004
"Ich halte es hier nicht mehr aus. Ich habe daran gedacht, mich aufzuhängen.“ Diese verzweifelte Ankündigung, aufgeschrieben von einem litauischen Au-pair-Mädchen in einem Brief an die Eltern, hat ein anderes Au-pair-Mädchen aus Rumänien wahrgemacht. Beide Mädels und vier andere haben zu unterschiedlichen Zeiten in einem Haushalt gearbeitet, in dem sie ausgebeutet und schikaniert wurden. Für die Familie waren sie nur billige Arbeitskräfte, die illegal ins Land gelockt worden waren.
Die Gasteltern wurden lediglich wegen Betrugs und Missbrauchs angeklagt, denn mehr war ihnen nicht nachzuweisen. Der Fall in Mittelfranken machte Schlagzeilen, nicht zuletzt wegen der Zeugenaussagen der jungen Mädchen, die die Quälerei überlebt haben. Jährlich kommen rund 28.000 junge Menschen als Au pair nach Deutschland, über 90 Prozent von ihnen aus Osteuropa, vor allem aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Seit die gesetzlichen Rahmenbedingungen geändert wurden, droht jungen Frauen verstärkt die Gefahr, als billige Arbeitskräfte ausgenutzt oder sogar in die Prostitution gezwungen zu werden. Häufig sind die Mädchen leichte Opfer, weil sie kaum Deutsch sprechen, aus desolaten wirtschaftlichen Verhältnissen kommen und ohne gewissenhafte Betreuung hier vollkommen ausgeliefert sind.
Der Prozess in Ansbach darf nicht damit enden, dass ein sadistisches Gastelternpaar verurteilt wird, und der Gesetzgeber weiter seine Hände in den Schoß legt. Nach dem Urteil zur Tagesordnung über zu gehen, hieße einen offensichtlichen Missstand zu ignorieren, der es überhaupt erst möglich gemacht hat, dass so etwas passieren konnte. Der Gesetzgeber steht in der Pflicht, schnell zu handeln, denn die Gesetzeslücke, die direkt in den Missstand führte, besteht noch gar nicht so lange.
Erst seit der Liberalisierung der Arbeitsvermittlung vor knapp zwei Jahren gibt es einen Wildwuchs unseriöser Vermittler, die keinerlei Kontrollen mehr unterworfen sind. Anders war es davor. Da mussten sich die Vermittlungsorganisationen und -agenturen einem Genehmigungsverfahren unterwerfen. Zugelassen wurden nur solche Vermittler, die für eine ausreichende Betreuung der Mädchen sorgten, sie nicht im fremden Land sich selbst und Familien auslieferten, die sich zu keinem Zeitpunkt einer Überprüfung unterziehen mussten. Längst ist der Gesetzgeber gefordert, die illegale Beschäftigung, die Ausbeutung und den Missbrauch von jungen Haushaltshilfen aus dem Ausland zu stoppen.
Damit aber klar ist, worum es hier gehen muss und nicht gehen kann: Dies ist vorrangig kein Nebenschauplatz des Kampfes gegen die Schwarzarbeit - hier muss Menschenhandel unterbunden und kriminellen Sadisten und windigen Geschäftemachern das Handwerk gelegt werden. Klare gesetzliche Vorgaben zur Qualitätssicherung der Au-pair-Vermittler sind unerlässlich. Kontrollinstanzen, die es früher gab, müssen wieder eingeschaltet werden. Das Internet als einzige Vermittlungsbühne kann nicht ausreichen. Sonst darf man sich nicht wundern, wenn weitere schlimme Fälle folgen. Wer sich damit begnügt, nur sein Entsetzen zu zeigen, kann es sich auch sparen.
Dieser Kommentar wurde im 4. Hörfunkprogramm des WDR am 2.2.2004 in der Sendereihe "Zur Sache" um 12.20 Uhr ausgestrahlt.
4. Kalenderwoche: 20.1.2004