WOCHENKOMMENTARE 2011

von  Gerd Schinkel

Themenübersicht

Alles ist dem Wandel unterworfen - so auch die Aktualisierung dieser Seite. Um mehr Zeit für andere Zwecke zugewinnen, kommentiere ich das aktuelle Zeitgeschehen nicht mehr so regelmäßig wie früher. Die Abstände zwischen den Kommentaren werden künftig unregelmäßig sein, was hoffentlich das Interesse an diesen Kommentaren nicht berührt. 

Gerd Schinkel

 

Die Kommentare im Wortlaut:

- 52. Kalenderwoche: 30.12.2011 

Des einen Leid, des anderen Freud - Die Mitgliederentwicklung in der Parteien

Die Parteien werden kleiner – aber schrumpfen sie sich gesund? Sie haben immer weniger und immer ältere Mitglieder. Die Grünen sind die einzige der Bundestagsparteien, deren Parteibuch derzeit begehrt ist. Sie haben mittlerweile fast so viele Mitglieder wie die einst auf ihre Stärke stolze FDP. Und die jeweiligen Mitgliederzahlen der Volksparteien haben inzwischen die Halbe-Million-Marke unterschritten. Ist das was bleibt, nun Klasse statt Masse und verbessert die Qualität der Politik?

Wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin? Über rückläufige Mitgliederzahlen können politischen Parteien nicht lachen. Fliehen die abtrünnigen Mitglieder den verloren gegangenen Wählern hinterher? Eine bei Wahlen erfolglose Partei kann auch ihren Mitgliedern nicht mehr viel bieten. Wenn das Parteibuch nicht mehr hilft, müssen Karrieren anders geplant werden.

Von allen Parteien hat die FDP – relativ gesehen - den größten Schwund wegzustecken, zusätzlich zum Führungsdilemma und einem Umfragetief, das der fast opulenten parlamentarische Präsenz im Bundestag seit der letzten Bundestagswahl, bei der die Partei ihr Allzeithoch erreichte, Hohn spricht. Vom Gipfel der 14,6 Prozent der abgegebenen Zweitstimmen bis hinab zum Umfragetief zwischen 2 und 3 Prozent ist es ein krasser Absturz. Im Bodennebel weit unterhalb der 5-Prozent-Hürde, die allein das parlamentarische Überleben sichert, können sich selbst zuvor noch Unentschlossene in der Absetzbewegung bestärkt fühlen.

Wie haben sich dagegen Hoffnungen der Grünen erfüllt, die sich an die eigene Parteifarbe knüpfen ließen. Wen interessiert, wie es wohl aussähe, wäre in Fukushima kein Reaktor havariert. Was zählt, ist der Zustrom an Wählern – infolgedessen auch an Mitgliedern, denn Erfolg macht immer attraktiv. Dass der erste grüne Regierungschef eines Bundeslandes inzwischen kleinere Brötchen backt, ist geschenkt. Auch seine Partei weiß inzwischen, dass Umfrageantworten anders gezählt werden als abgegebene Stimmen bei Wahlen.

Und die Volksparteien? Ihnen sterben alte Mitglieder weg, und ohne dass junge Leute Anreize erkennen, sich um ein Parteibuch zu bemühen. Man schmort im eigenen Saft und schrumpft dabei vor sich hin – wie das Essen auf dem Herd bei kleiner Flamme, wenn der Deckel drauf ist und keiner in den Topf kucken mag. Die Mitgestaltungsangebote der meisten Parteien haben offenbar an Faszination verloren. Pech nicht nur für die Schatzmeister, sondern letztlich auch ein Dilemma für die Parlamente, und für die Qualität der Politik.

Dieser Kommentar wurde am 30.12.2011 um 13.15 h ausgestrahlt im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache"

- 51. Kalenderwoche: 21.12.2011 

Sagt er, was man hören will? - Wulff vor der Weihnachtsansprache in Erklärungsnöten

In der Freundschaftsdienst-Affäre des Bundespräsidenten rund um Privatkredit, Urlaubsreisen und Buchwerbung kommen immer mehr Einzelheiten heraus. Sie kratzen mehr am Image des Amtsinhabers Christian Wulff als die Kritik, die sich daran festmacht, wie sich das Staatsoberhaupt in dieser Angelegenheit verhält. Kurz vor seiner Weihnachtsansprache gerät Wulff in Erklärungsnöte.

Rücktritt unnötig, meinte eine Mehrheit in einer vorgestern veröffentlichten ARD-Umfrage und bescheinigt dem Bundespräsidenten sogar Glaubwürdigkeit – doch nur eine Minderheit hält Wulff noch für ehrlich. Erst danach kam heraus, dass Wulff-Freund und Finanzunternehmer Maschmeyer aus Hannover im Landtagswahlkampf 2007 die Werbung für ein Buch des damaligen niedersächsischen Regierungschefs privat mitfinanziert hat. „Besser die Wahrheit“ lautete der Buchtitel, und Wulff selbst will von diesem Sponsoring nichts gewusst haben.

Nichts davon wissen will die Ältestenrats-Mehrheit im niedersächsischen Landtag, nun selbst mal zu prüfen, ob Wulffs zinsgünstiger Freundeskredit zur Hausfinanzierung und Ferienreisen zum Teil auf Unternehmerkosten gegen Landesrecht verstießen. Schließlich könnte aus der eindeutigen Gesetzeslage und dem Sachverhalt ein Beleg für eine Klüngel-Connection in Hannover werden. So hat Wulffs einstige Koalitionsmehrheit dem jetzigen Bundespräsidenten Luft verschafft. Man erklärt sich im Ältestenrat für unzuständig und überlässt die Klärung des Sachverhaltes und dessen Bewertung lieber anderen, wie dem Staatsgerichtshof Niedersachsens.

Die Justiz ist eingeschaltet: Nach vier Anzeigen gegen Wulff prüft die Staatsanwaltschaft, ob der Straftatbestand der Vorteilsannahme gegeben ist. Kein Ermittlungsverfahren - aber das liegt in der Luft, kommt noch mehr scheibchenweise ans Licht. Wulffs Anwalt bestätigte, dass Unternehmerfreund Geerkens mehr am Privatkredit mitgemaggelt habe als bislang zugegeben. Erstaunlich ist, wie nachsichtig Parteifreunde und Bürger Wulff weiterhin Glaubwürdigkeit und Präsidententauglichkeit bescheinigen. Mit seiner Kritik an Bundespräsident Rau und dessen Flüge auf Kosten der WestLB war Wulff noch unnachsichtiger. Fehlt inzwischen nicht nur bei ihm das Gespür dafür, was noch tolerabel ist?

Wie wäre es mit offenem Sponsoring für Politiker oder gar den Schloss Bellevue-Bewohner? Wie Weltmeister Vettel im Rennanzug unter der Sektdusche ginge das Staatsoberhaupt mit Firmenlogos einer Fluggesellschaft oder eines Finanzunternehmens am Ärmel über rote Teppiche? Die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten rückt näher. Hatte Wulff sein eigenes Buch auf dem Nachttisch? Er sollte besser die Wahrheit sagen, Klartext zur Sache. Sonst würde die Ansprache vom letzten Jahr genügen. Sie ist im Archiv.

Dieser Kommentar wurde am 21.12.2011 um 13.15 h ausgestrahlt im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache"

- 51. Kalenderwoche: 20.12.2011 

Die geerbte Despotenmacht - Auf Kim Jong Il folgt in Nordkorea nun der Sohn Kim Jong Un

In Nordkorea lässt das Regime den verstorbenen Diktator Kim Jong Il beweinen und demnächst seinen Sohn Kim Jong Un als Erb-Despoten bejubeln. Und die beobachtende Welt ergötzt sich an der eigenen Fassungslosigkeit darüber, wie sich ein skurriles System der Gewaltherrschaft so lange an der Macht halten kann. Ganz so einfach würde es nicht gelingen, hielte nicht China schützende Hände über seine Marionetten in Pjöngjang.

Was geht’s uns an, wer Nordkorea beherrscht? Acht Zeitzonen und neun Flugstunden entfernt. Über die eurasische Landmasse sogar mit Auto erreichbar - oder per Zug, wie ihn der verblichene flug-ängstliche Despot so gerne benutzt hat. Nun hat ihn angeblich auf Schienen ein Herzinfarkt ereilt, im Luxuswagon, wie man getrost annehmen kann. Luxuriös zu leben hat Kim Jong Il, der Diktator auf Plateausohlen, verstanden – und die überwiegende Mehrheit seiner unfreiwilligen Untertanen in Not und Elend gehalten. Das wird er auch seinem Nachkömmling Kim Jong Un beigebracht haben.

Doch was geht’s uns an? Im Faust hält Goethe den Normalbürgern den Spiegel vor: „Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen. Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus und segnet Fried’ und Friedenszeiten.“ Nordkorea – schön weit weg, schön skurril, schön gruseltauglich – inspirierend sogar für James Bonds Drehbuchschreiber.

Nicht mal wirtschafts-strategisch muss man sich einen Kopf machen. Interessen sind keine zu wahren, gibt nichts zu verdienen, jedenfalls nicht im Moment, kein Öl, kein Gas. Nur hin und wieder, während die Menschen verhungern, Waffengerassel. Keiner weiß, wie gefährlich hinter der undurchlässigsten Grenze aufgerüstet wurde. Atomraketen vermutlich, wahrscheinlich, gerade war wieder ein Raketentest. Das Regime lässt sich nicht hinter die Kulissen blicken und offenbar nicht mal vom großen Beschützer China was sagen.

Also – Gläschen füllen und auf den Frieden anstoßen? Auf Nordkorea - so schön weit weg? Willkommen im realen Leben einer realen Welt. In Zeiten der Globalisierung gehts ums gute Geschäft. Warum nicht auch um gemeinsame Verantwortung? Die UN-Charta verlangt, es den Völkern selbst zu überlassen, wie sie regiert werden wollen. Nichteinmischung sichert vielen Regimen das Überleben. Da kann man halt nichts machen? Man könnte es versuchen. beispielsweise China in die Pflicht nehmen. Und nicht nur gute Geschäfte mit Peking machen und schweigen, wenn der mächtige Beschützer dem Erb-Despoten die Stange hält.

Dieser Kommentar wurde am 20.12.2011 um 13.15 h ausgestrahlt im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache"

- 26. Kalenderwoche: 28.6.2011 

Umgang nach zweierlei Maß - Haftbefehl gegen Gaddafi und Bankett für Wen Jiabao

Es ist ein zufälliges zeitliches Zusammentreffen: Während die Bundesregierung in Berlin gestern den chinesischen Ministerpräsidenten und 13 seiner Minister zu den ersten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen erwartete, erließ der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag gegen Libyens Staatschef einen internationalen Haftbefehl. Auch er war einst für die deutsche Wirtschaft ein gesuchter Geschäftspartner. 

Stellen wir uns vor, ein Land, dessen Regime die Menschenrechte missachtet und Militär gegen sein eigenes Volk einsetzt, läge in Nordafrika und hieße Libyen. – Pardon, das müssen wir uns gar nicht vorstellen. Nach Libyens Despoten Gaddafi, gegen den sich Teile des eigenen Volkes auflehnen, wird seit gestern mit internationalem Haftbefehl gefahndet.

Fordern wir die Phantasie anders heraus: Nehmen wir an, ein Land, dessen Regime die Menschenrechte missachtet und Militär gegen sein eigenes Volk einsetzt, läge in Ostasien und hieße Volksrepublik China. - Das müssen wir uns ja wohl auch nicht vorstellen. Phantasie wäre allerdings gefragt bei der Vorstellung, mit Chinas einflussreichstem Politiker würde genauso umgegangen wie mit Gaddafi, der seine Mordbrenner gegen Regimekritiker ausschickt.

Was unterscheidet nach Freiheit dürstende tibetanische Mönche oder gegen Pekings Führung aufbegehrende Uiguren in China von den aufgebrachten Menschen in Bengasi, die sich nicht länger von Gaddafi drangsalieren lassen wollen? Beide Regime gehen mit brutaler Gewalt gegen diejenigen vor, die Unterdrückung nicht länger widerspruchslos hinnehmen.

Und was machen wir? Wir nehmen zur Kenntnis: Zweierlei Maß. Wir verdammen Gaddafi ohne Wenn und Aber und verlangen, dass er strafrechtlich verfolgt wird, weil ein Staatschef, der Gewalt anordnet oder nicht verhindert, für die Folgen geradestehen muss. Geschäfte mit ihm nennen wir schmutzig und den hofierten Geschäftspartner von gestern inzwischen einen Schlächter.

Manche bekommen Bauchweh, weil Kanzlerin Merkel gestern Abend mit dem chinesischen Staatschef Wen Jiabao gespeist hat - zur Pflege von Handelsbeziehungen, in denen die chinesische Seite ungehemmt Produktpiraterie duldet. Gelegentlich scheint es, dass dies für verwerflicher gehalten wird als die Tatsache, dass der chinesische Friedensnobelpreisträger immer noch im Gefängnis steckt. Moralische Korruption der deutschen Politik mag pragmatisch gesehen verständlich sein. Doch eine Frage bleibt: Wie hat’s gestern geschmeckt, Frau Merkel?

Dieser Kommentar wurde am 28.6.2011 um 13.15 h ausgestrahlt im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache"

- 26. Kalenderwoche: 27.6.2011 

Runter mit Steuern und Sozialabgaben? Der Rettungsschirm für die FDP

In der Koalition gibt es Pläne für Steuerentlastung und eine Senkung der Sozialabgaben. Die gute wirtschaftliche Situation macht die Kanzlerin offenbar anfällig für die Dauerforderung aus der FDP, die Last der Steuern und Abgaben zu verringern. Die Opposition nennt solche Vorhaben unverantwortlich und kann dabei auch auf Bedenken von Bundesfinanzminister Schäuble verweisen, der für Steuersenkungen keinen Spielraum erkennen kann.

Die Absicht ist so durchsichtig wie frisch geputzte Brillengläser: Die FDP kommt nicht aus dem Sumpf und bedarf der Notfallhilfe. Und Angela Merkel als Super-Nanny des darbenden Sorgenpartners hat offenbar ein Herz für Jammernde.

Gleich im September wird in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin gewählt. Der neue Vorzeige-Vorsitzende Rösler hat’s beschworen: Die FDP will jetzt liefern – aber was eigentlich? Tatsächlich immer noch Steuersenkungen? Aus den Umfragen ist ablesbar: Die schon gebetsmühlenartig von Westerwelle versprochene Entlastung der FDP-Wählerschaft ist nicht mehrheitsfähig. Und doch sieht es so aus, als könne Merkel schwach werden. Drückt sie etwa eine Mitverantwortung für das Dilemma der FDP, weshalb sie eine kaum vermittelbare Nährlösung nicht verweigern mag?

Was bei den Banken trotzig gegen breiten Widerstand durchgezogen wurde, soll nun bei den schwächelnden Bündnispartnern noch mal Wirkung entfalten: Ein veritabler Rettungsschirm. Eine Senkung der Steuern und Sozialabgaben soll die FDP vor weiterer Erosion abschirmen. Kritik am durchschaubaren Vorhaben hagelt es nicht nur aus der Opposition: Da ist von Steuergeschenken auf Pump die Rede. Und dass es völlig unverantwortlich sei, allein zur Gesichtswahrung der FDP die Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung abzusenken, denn die derzeit gute Situation der Sozialversicherungen sei kein garantierter Dauerzustand.

Auch Finanzminister Schäuble sträubt sich gegen teure Pläne zur Entlastung der FDP. Er sieht für Steuersenkungen keine Spielräume. Schließlich gebe es nicht nur das Sparpaket zur nötigen Senkung der Schuldenlast. Absehbare zusätzliche Ausgaben seien die Finanzierung der Energiewende, der Bundeswehrreform und nicht zuletzt der Griechenland-Hilfe.

Schlechte Zeiten für vermeintlich gute Taten aus dem Kanzleramt, um quengelige Kurze zu pampern, die sich an den Rockzipfel der Regierungschefin klammern. Doch sollte Angela Merkel tatsächlich schwach werden, käme nichts anderes zuwege als ein zweifelhaftes Konjunkturprogramm für unleidige Freie Demokraten. Dies zu erkennen, bedarf es nicht einmal eines Brillenputztuches.

Dieser Kommentar wurde ausgestrahlt am 27.6.2011 um 13.15 h im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache".

- 23. Kalenderwoche: 9.6.2011 

Köhler erläutert noch mal - ohne Neuigkeiten - seine Rücktrittsgründe

Köhler haben in früheren Zeiten in der Tiefe des dunklen Waldes, fernab von jedem Leben, das man damals vielleicht für zivilisiert gehalten haben mag, Holzkohle hergestellt. Zur Eisenverhüttung, aber auch zur Herstellung von Glas oder zur Verarbeitung von Edelmetall mussten sehr hohe Temperaturen erreicht werden, für die man damals Holzkohle verfeuerte. Ganze Wälder gingen dabei drauf, und erst die stärkere Nutzung von Steinkohle gab dem deutschen Wald wieder bessere Überlebenschancen und machte aus dem Köhler einen Beruf ohne Zukunft.

Was blieb war die Romantik des Köhler-Daseins, tief im Wald ein karges Leben zu führen, allein auf sich gestellt. Hat sich der frühere Bundespräsident Horst Köhler, als er vor etwas mehr als einem Jahr für alle überraschend den Bettel hinschmiss und Knall auf Fall seinen Rücktritt erklärte, ähnlich einsam und verlassen gefühlt oder gesehen, sodass er dieses Schicksals überdrüssig die Last der Verantwortung abschüttelte? Der CDU-Politiker, der ja eigentlich nie einer war, sondern sich immer als ausführender Beamter in die Pflicht nehmen ließ, hatte den Tränen nahe die Gründe für seinen Rücktritt in dürren Worten dargelegt, eigentlich mehr knapp skizziert als erläutert, und damit ein Rätselraten in der deutschen Politik bewirkt, das bislang andauerte.

Da wurde vermutet und gemutmaßt. Man glaubte, Zusammenhänge herstellen und aus Hinweisen Rückschlüsse ziehen zu können. Von Vereinsamung des Staatsoberhauptes war die Rede, von Kälteeinbruch im Präsidialamt. Dazu kam dann auch noch die Veröffentlichung eines Interviews, in dem sich der damals amtierende Bundespräsident bewusst missverstanden sah. Und so sieht er es auch noch heute:

Seine Äußerungen über sicherheitspolitische Interessen Deutschlands, zum Einsatz der Bundeswehr und eine angebliche Befürwortung von Wirtschaftskriegen: Man habe ihn absichtlich missverstanden, jeden Respekt vor seinem Amt vermissen lassen und für parteipolitische – auch innerparteiliche – Ziele instrumentalisiert, in ungeheuerlicher Weise angegriffen. Erstmals seit seinem Rücktritt vor einem Jahr hat er sich nun ausführlicher dazu geäußert – ohne allerdings den bereits bekannten Darlegungen wesentliche neue Aspekte hinzuzufügen.

Nein – neu ist das alles nicht. Aber es hat was – trotzdem, denn es erlaubt Rückschlüsse. Es war wohl in der Tat so, dass Deutschland seinerzeit quasi als Kitt für eine neu zusammenzufügende schwarz-gelbe Koalition einen Bundespräsidenten erhalten hatte, der in den Niederungen der Politik völlig deplaziert war. Er tat sich schwer in der rauen Luft der Tagespolitik, wurde gelegentlich mit offenem Wort für manchen unbequem und wusste mit der Pflicht als Bürde in diesem Amt nur solange umzugehen, wie er keinen Gegenwind spürte. Doch als ihm dieser entgegenschlug, und sich niemand schützend vor ihn stellte, sah er sich überfordert, das von ihm pflichtgemäß übernommene Amt selbst anders zu schützen, als durch einen Rücktritt. Im Rückblick sieht es nun fast so aus, als habe Köhler auf eine Gelegenheit gewartet, als habe er ganz einfach die Faxen dicke gehabt…

Dieser Kommentar wurde am 9.6.2011 ausgestrahlt zwischen 6.05 und 7.00 Uhr in der Sendung "Morgenecho" im 5. Hörfunkprogramm des WDR.

- 21. Kalenderwoche: 27.5.2011 

SPD-Chef Gabriel versucht, die Reformer aus der "Linken" zu ködern

SPD-Chef Gabriel macht einen auf Papst. So wie Benedikt XVI. die verlorenen Schäflein der abtrünnigen Pius-Brüder in den Schoß der heiligen römisch-katholischen Mutter Kirche locken will, so macht sich der Obergenosse mit dem Namen des kämpferischen Erzengels daran, verlorenen Genossen-Schäflein den Weg zurückzuweisen, vorausgesetzt es sind in der Wolle gefärbte Sozialdemokraten. Gabriel hält die Zeit für gekommen: Was soll es, wenn jemand früher auch mal in der SED war – ist er inzwischen geläutert, mag er heimkehren und künftig mitschreiten, Seit’ an Seit’, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit.

Mag sein, dass es ja gar nicht mehr so viele sind, die als betagte Mitglieder in der heutigen Linkspartei in ihrer Biografie SED-Vergangenheit vorweisen. Die seinerzeit in der sowjetischen Besatzungszone nach dem Krieg die Zwangsvereinigung von KPD und SPD betrieben, gestützt und bejubelt haben. Damals wurden die Sozialdemokraten von den Kommunisten über den Tisch gezogen. Und wer nicht dafür war, verschwand in Lagern, genauso wie später jeder in Bautzen oder sonstwo verschwand, der nicht so wollte, wie man mit ihm wollte. Siegmar Gabriel hat es nicht erlebt – er ist zu jung, kennt es nur vom Hören-Sagen.

Gabriel denkt nun nicht mehr an 46, an die Zwangsvereinigung – er trauert 1990 nach, der verpassten Chance: Für die damals verantwortlichen Spitzengenossen in der Westdeutschen SPD kam - wohl auch mit breitester Unterstützung der Mitgliedschaft - eine Wiedervereinigung der Genossen West und Genossen Ost nicht in Betracht. Das war eine Frage der politischen Hygiene. Nur so konnte die SPD damals denjenigen eine politische Heimat bieten, die in der DDR von der SED drangsaliert nach Freiheit und Demokratie dürsteten und sich doch als links verstanden. Aber während CDU und FDP sich mit ihren Ost-Blockflöten aufblähten, erwuchs den Sozialdemokraten auf der Linken ein wortradikaler Konkurrenzbrocken, der Wähler abspinstig machte: Aus der SED die PDS und dann Die Linke.

Das schon durch die Grünen aufgemischte Parteiengefüge geriet erneut durcheinander, wieder zulasten der SPD, eine Entwicklung, die sie bis heute alt aussehen lässt. Nicht dass sie für geschrumpfte Attraktivität keine eigenen, hausgemachten Erklärungen liefert. Und doch träumt sie vom Rückerwerb alter Schlagkraft – und Parteichef Gabriel träumt vorweg. Kommt alle zu uns, die ihr ein sozialdemokratisches Herz schlagen spürt. Wenn ihr von vergangenem Zwist die Nase voll habt, und wenn ihr reinen Herzens seid, wollen wir auch gar nicht wissen, was ihr vor 1990 gemacht habt.

Die politische Hygiene mag früher wichtig gewesen sein – heute ist sie für Gabriel wohl nur noch eine Hypothek, die es abzuschütteln gilt. Hauptsache dieses Abschütteln bietet der SPD die Aussicht auf neue Mitglieder. Wenn Gabriel nun für die geschorene SPD verlorene Schäflein ins Trockene bringen will, ist er nicht wählerischer als der Papst.

Dieser Kommentar wurde am 27.5.2011 ausgestrahlt zwischen 6.05 und 7.00 Uhr in der Sendung "Morgenecho" im 5. Hörfunkprogramm des WDR.

- 21. Kalenderwoche: 25.5.2011 

Glauben ist Sache des Willens - Deutsche Wissenschaftler beklagen, man habe doch alles geglaubt

Haben kleine Kinder erst mal Vertrauen gefasst, kann man ihnen so manches erzählen und sie werden es glauben – bis sie mit der Nase drauf gestoßen werden, dass man sie auf den Arm genommen hat. Wiederholt sich das einige Male, werden sie skeptisch, wollen sich nicht wieder für dumm verkaufen lassen, möchten nicht angeschummelt werden, denn sie merken, wer das tut, nimmt sie nicht ernst. Deshalb wollen sie dann auch einfach nicht mehr glauben, was man ihnen erzählt, egal ob man gerade versucht, ihnen einen Bären aufzubinden, oder ob man ihnen schwer zu glaubende Wahrheiten nahebringen möchte.

Und dann muss wohl irgendwann irgendwas passieren, denn irgendwie finden schließlich alle doch wieder zu ihrer Leichtgläubigkeit zurück – und glauben was sie wollen, und sollen... Anders ist kaum zu erklären, wie es sein konnte, dass selbst gestandene Wissenschaftler für bare Münze nehmen konnten, was aus den Chefetagen des japanischen Kraftwerksbetreibers Tepco an Lügen aufgetischt wurde, nur um – ja, warum eigentlich?

Dass in der Folge von Erdbeben und Tsunami eine Katastrophe passiert ist, war offensichtlich. Dass in den erschütterten und von den Erdgewalten durchgerüttelten Reaktorblöcken nichts mehr so sein konnte, wie es sich Sicherheitsingenieure und vor allem Unternehmensmanager erhofft hatten, ließ sich eigentlich an den fünf Fingern einer Hand abzählen – eine zweite zusätzlich hat man gar nicht mehr gebraucht.

Und doch wurde zunächst mal alles dran gesetzt, die Menschheit glauben zu lassen, dass tatsächlich nicht passiert ist, was nicht sein sollte, weil es nicht sein durfte und deshalb auch nicht sein konnte. Brennstab geschmolzen – wer kann denn auf so was kommen? Und dann wurde mit Schaubildern und Eifer – nein: nicht im Nebel herumgestochert, sondern Nebel verbreitet, alles in der Hoffnung, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm werden würde – und falls doch, dass war, haben so viele andere mitgeglaubt, weil sie es auch glauben wollten: Die japanische Regierung, dass das Unternehmen Tepco alles im Griff hat. Die Menschen in der Unglücksregion, dass alles unter Kontrolle ist, und alles für sie getan wird. Manche haben auch weiter geglaubt, dass Kernkraftwerke sicher sind und beherrschbar, zumindest im Prinzip. Manche glauben es immer noch. Warum? Weil sie es glauben wollen…

Aber wie steht’s um’s Glauben-Können… wer kann das eigentlich noch? Wir haben doch nun und jetzt erst erfahren, dass es in Fukushima nicht nur eine Kernschmelze gegeben hat, sondern drei, und zwar setzte gleich im Anschluss an die nicht beherrschbare Naturkatastrophe die genauso nicht mehr beherrschbare, von Menschen zu verantwortende nukleare Katastrophe ein. Hierzulande räumen nun Wissenschaftler konsterniert ein, man habe die Angaben aus Japan zum Ausmaß der Katastrophe doch geglaubt. Warum eigentlich? Einfache Erklärung: Weil man es wollte.

Die Frage, die sich stellt, lautet: Was will man jetzt? Glauben kann man immer manches, was erzählt wird: Dass schon im nächsten Winter mit weniger Kernkraft der Strom nicht mehr reicht, oder dass die Stresstests für deutsche Kernkraftwerke – zumindest für die neueren, die sich vielleicht noch nicht amortisiert haben – gar kein Problem sind. Manche werden es auch glauben – zumindest glauben wollen. Andere eben nicht.

Dieser Kommentar wurde ausgestrahlt am 25. Mai 2011 in der Sendung "Politikum" um 19.05 Uhr im 5. Hörfunkprogramm des WDR.

- 19. Kalenderwoche: 11.5.2011 

Die FDP auf Crash-Kurs - Pöstchenwechsel zum Machterhalt

Die Freien Demokraten versuchen im Schnellverfahren eine Neuausrichtung. Der designierte Vorsitzende Philipp Rösler will aus der Steuersenkungspartei des nicht mehr vermittelbaren Parteichefs Westerwelle nun eine Partei des mitfühlenden Liberalismus machen. Das geht nur mit weitgehend neuem Spitzenpersonal. Jüngste Weichenstellung: Wirtschaftsminister Brüderle übernimmt den Fraktionsvorsitz von Birgit Homburger, die für den Parteivize-Posten kandidieren wird. Rösler setzt auf Crashkurs zum Machterhalt. Im Kommentar „Zur Sache“ auf WDR 4 hören Sie Gerd Schinkel:

Vorweg erinnert: Die FDP ist nach Einfluss, Geschichte und Bedeutung keine Partei aus der Exotenliga der Piraten, Grauen, Spaßparteien oder Fundamentalisten aller Art. Auch wenn sie seit langem Kurs auf die Bedeutungslosigkeit genommen hat – noch stellt sie den Vizekanzler, trägt Verantwortung, nicht nur für sich, sondern für unseren Staat.

Und doch leistet sie sich einen internen Machtkampf, bei dem junge Wilde unerbittlich die Ablösung der vorangegangenen Führungs-Generation betreiben, um die Karre wieder aus dem Dreck zu ziehen. Die Wähler hatten falsche Weichenstellungen hin zu einem verengten wirtschaftsliberalen Kurs erbarmungslos quittiert, der Absturz war ernüchternd, guter Rat teuer – aber ein Hoffnungsträger rasch gefunden, der nur noch zugreifen musste. Er heißt Rösler, steht an der Spitze eines Triumvirats von Unter-Vierzig-Jährigen, die einen mitfühlenden Liberalismus propagieren, und er beherrscht das asiatische Rezept, unangenehme Fragen freundlich wegzulächeln. Doch er kann offenbar auch anders.

Nach langem Zögern hat er von dem, was er haben musste, um nicht schon teildemontiert zu starten, allerhand durchgesetzt: Seinem Widersacher Brüderle das Wirtschaftsministerium abzuluchsen, indem er ihm die Führung der Fraktion antrug, war ein Befreiungsschlag. Deren bisherige Vorsitzende Homburger abzuhalftern und ihr wie eine Wurst am Stecken den Vize-Vorsitz der Partei vor die Nase zu hängen, ein fast schon gemeiner Schachzug. Weiß Rösler, ob die Parteitagsdelegierten am Wochenende diesen listig eingefädelten Teil der Rochade absegnen? Noch ist die ehrgeizige Ex-Fraktionsvorsitzende nicht gewählt, doch schicksalsergeben will sie einem Neuanfang nicht im Wege stehen.

Aber ist es überhaupt einer? Auch Brüderle hat sich wohl ins Unabwendbare gefügt, doch gewiss mit geballter Faust in der Tasche. Als Wirtschaftsminister durfte er weitgehend frohe Botschaften verkünden – als Fraktionschef muss er nüchtern und knallhart einen Sack Flöhe hüten, darf als Exponent der gerupften Wirtschaftsliberalen dem neuen Parteichef keine Knüppel zwischen die Beine werfen. Das Triumvirat Rösler, Lindner und Bahr könnte zurückgelehnt auf Brüderles Scheitern warten. Aber vielleicht ist die FDP dann schon in der Exotenliga angekommen.

Dieser Kommentar wurde am 11. Mai 2011 im 4. Hörfunkprogramm des WDR um 13.15 Uhr in der Sendereihe "Zur Sache" ausgestrahlt.

- 18. Kalenderwoche: 4.5.2011 

Wilder Westen - Heiligt der Zweck die Mittel und die Aufspürung von bin Laden das Waterboarding?

Obama hat es seinen Kritikern, die ihn so gerne als unerfahrenes Weichei dargestellt sehen wollen, gezeigt. In einem Land, in dem die unzivilisierten Methoden des Wilden Westens offenbar immer noch bejubelt werden, kann man mit Entschlossenheit punkten. Ist der Feind geortet, wird nicht lange gefackelt. Früher wurde unterm Galgen dem Mann im Sattel eine Schlinge um den Hals gelegt und dem Pferd ein Klaps gegeben.

Der Stärkere nimmt sich das Recht mit eigenen Händen, greift sich die Lizenz zum Töten. Diese Erkenntnis zur Politik eines Landes, das oft in die Rolle des Weltpolizisten schlüpft, ist bedrückend. Ein Sheriff, dem rechtsstaatliche und völkerrechtliche Vorgaben egal sind? Nun machen auch noch des früheren republikanischen Präsidenten George W. Bushs Hardliner Obama den Ruhm für den Erfolg streitig. Für Ex-Verteidigungsminister Rumsfeld und die ehemalige Außenministerin Condoleeza Rice konnte Obama nur ernten, was die Bush-Regierung vorher gesät hatte.

Peter King ist Vorsitzender des Kongressausschusses für die Sicherheit der USA. Der Republikaner führt bin Ladens Ausschaltung allein auf Informationen zurück, die beim Verhör gefangener hochrangiger Al-Kaida-Mitglieder durch sogenanntes Waterboarding gewonnen wurden. Er und auch Bushs ehemaliger CIA-Chef Hayden sehen belegt, dass man auf diese Verhörmethode nicht verzichten könne. Obama hatte sie ausdrücklich verboten. Sie ist schlicht Folter. Soll aber tatsächlich der Zweck die Mittel heiligen, und dies in den USA weitgehend Konsens sein, reicht der wilde Westen vom Pazifik bis zum Atlantik – immer noch.

Dieser Kommentar wurde am 4. Mai 2011 im 3 Hörfunkprogramm des WDR um 13 Uhr in der Sendung "Journal" ausgestrahlt.

- 17. Kalenderwoche: 29.4.2011 

Eheschließung in Westminster - Ein Brautpaar wird verheiratet und die Welt schaut zu

Jetzt um die Mittagszeit hat das mediale Großereignis, haben die Hochzeitsfeierlichkeiten in London, wenn sich der Queen-Enkel William mit seiner bürgerlich geborenen Kate vermählt, ihren Höhepunkt. Und so wie man auch nach einem halben Jahrhundert immer mal wieder an die spektakuläre Trauung der Großmutter, der noch heute amtierenden Königin des britischen Empire, erinnert wird, soll auch die heutige Hochzeit in die Annalen als das Großereignis dieses Jahrhunderts eingehen.

Ein Brautpaar erlebt seine Vermählung, bekräftigen vor dem Traualtar, mit kirchlichem Segen fortan ein gemeinsames Leben führen zu wollen. So weit, so gut, so unspektakulär – im Normalfall für die Weltgeschichte oder die registrierte Tagesaktualität. Aber den Normalfall haben wir heute nicht. Als Vater einer Tochter, die mich gerade erst zum Schwiegervater beförderte, ringe ich angesichts des heutigen Ereignisses, dem mangels Normalität der Allerweltsrang abhanden kam, mit mir selbst.

Zu frisch sind meine Erinnerungen an den schönsten Tag meiner erwachsenen Kinder – des eigenen und des angeheirateten - und so kann ich mich der Faszination der Vorgänge in London kaum entziehen. Aber sie halten mich auf Distanz. Was mag in Kate und William vorgehen? Aufgrund von Zwangsläufigkeiten, denen sie sich selbst nicht entziehen konnten oder mochten, wird ihre private Weichenstellung für ein gemeinsames Familienleben zu einem medialen Großereignis aufgebläht vor den Augen von Milliarden Menschen auf den Straßen Londons und weltweit vor den Bildschirmen.

Ich habe erlebt, wie begeistert junge Brautleute selbst an die Vorbereitung ihres erhofften schönsten Tages in ihrem Leben gehen, wie sie sich hingebungsvoll jedem Detail widmen, um nach eigenen Vorstellungen alles so umsetzen, dass aus vielen geschmackvollen Mosaiksteinchen ein beeindruckendes Gesamtbild entsteht. Es soll schließlich in ihrer Erinnerung möglichst ein Leben lang glänzen.

Und dann denke ich, welches Glück meine heiratenden Kinder hatten – und wie schade es doch ist, dass Kate und William eher verheiratet werden, als dass sie selbst heiraten. Nicht nur die bunte Klatschpresse - und jene, die sich regelmäßig darin vertiefen, um daraus ihre Weltsicht zu festigen - haben sich diese beiden jungen Menschen längst angeeignet, ja unter den Nagel gerissen. Heute wollen alle, die sich am Straßenrand oder vor dem Fernsehgerät an ihren zerknüllten Taschentüchern festhalten, selbst ein wenig Kate und William sein.

Kate und William stellen sich dieser Herausforderung, die ihnen ihr Leben lang erhalten bleibt, mit sehr viel Selbstaufopferung, akzeptieren dies als ihre Normalität. Das ist es, was mir Respekt abnötigt. Hut ab und alle Achtung. Und welch ein Glück, dass meinen Kindern dies erspart bleibt.

Dieser Kommentar wurde ausgestrahlt am 29.4.2011 um 13.15 Uhr in der Rubrik "Zur Sache" im 4. Hörfunkprogramm des WDR.

- 17. Kalenderwoche: 28.4.2011 

Datenklau bei Sony - Mitverantwortung für gesicherte Daten gibt es auch bei den Usern

Mit einer Woche Verspätung hat der japanische Sony-Konzern seine Nutzer in Firmenblogs und per Mail darüber informiert, dass sich Unbekannte den Zugang zu 77 Millionen persönlichen Kundendaten verschafft haben, darunter möglicherweise auch die Kreditkarten-Nummern. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, spricht von einem Daten-Gau und sieht, genauso wie die Unionspartei, den Konzern in der Haftung für etwaige Schäden. Doch stellt sich da nicht auch eine Frage nach der Mitverantwortung der User, die sorglos mit den eigenen Daten umgehen?

Als erste dürfte es den Sony-Leuten gedämmert haben, was für ein Gau da passiert ist. Hätten sie sonst eine ganze Woche lang versucht, die Peinlichkeit unter der Decke zu halten. Man ist ja wohl vor der staunenden und später entsetzten Öffentlichkeit erst mit der Wahrheit herausgerückt, als diese nicht mehr zu verheimlichen war. Doch die Aufregung danach hat auch ein Stück Aufgeregtheit: Steht nicht jeder User selbst in der Pflicht, sich darüber klar zu werden, worauf er sich im weltweiten Datennetz einlässt?

Wer sich einen weitgehend sorglosen Umgang mit eigenen, sensiblen Daten leisten will, ohne Blick auf das Gefahrenpotential dahinter, sitzt in seinem womöglich schlecht gelüfteten Zimmern vorm PC im selben Boot wie die geschäftstüchtigen Anbieter nutzloser, gleichwohl lukrativer Spiele. Natürlich kann man gewinnorientierte und datenhungrige Anbieter nicht von weitreichender Verantwortung beim Umgang mit Kundendaten freisprechen. Doch auch für den daddelnden Nutzer im Netz gewährt das harmlose „ich will ja nur spielen“ keine Absolution von jeder Mitschuld.

Datengierigen Unternehmen, die ihre Kunden mehr aushorchen als es fürs konkrete Geschäft zwingend ist, muss man ausgesprochen sparsam antworten. Aber hat das jeder auf dem Schirm? So manche Freaks interessiert mehr, wann sie endlich wieder spielen können, als was da mit ihren Daten passiert. Deshalb könnten Sony, Apple und Co., die sich flexiblen Umgang mit dem Datenschutz leisten, weiter horten was die Speicherkapazität aufnimmt.

Aber Risiken und Nebenwirkungen gibt es auch für verantwortungslos agierenden Unternehmen: User, die beim Blick auf ihre Kontoauszüge merken, da gab es unerklärliche Abbuchungen, dürften – je nach Schadenshöhe natürlich – elektrisiert sein. Wer haftet dann eigentlich? Gute Frage – nächste Frage. Soll erst mal jemand einen mutmaßlich auf der Hand liegenden Zusammenhang nachweisen.

Vom PC-Stuhl aus ganz easy buchen, kaufen, spielen und überweisen - alles prima. Aber sich sorglose Bequemlichkeit zu leisten, war schon immer etwas teurer. Bleibt nur ein Rezept, um Risiken und Nebenwirkungen zu minimiert: Geiler Datengeiz – denn diejenigen, die sich selbst bedienen möchten, wollen gewiss nicht nur spielen.

Dieser Kommentar wurde ausgestrahlt am 28.4.2011 gegen 13.15 Uhr in der Sendung "Zur Sache" im 4. Hörfunkprogramm des WDR.

- 17. Kalenderwoche: 28.4.2011 

Warnschuss-Arrest - Das Problembewusstsein für die Ausschöpft bereits bestehender Strafrahmen ließe sich steigern

Eigentlich ist ja ein Warnschuss immer noch besser als gemutmaßte Treffer, die am Ziel vorbeigehen…Das gilt auch für die derzeitige Forderung nach Einführung eines sogenannten Warnschuss-Arrests. Den gibt’s doch schon. Denn schon heute können bis zu vier Wochen Jugendarrest als Warnung verhängt werden, sogar dann, wenn die Tat für eine Jugendstrafe gar nicht schwer genug war.

Seit Gewaltexzessen in Berliner U-Bahn-Stationen an den Osterfeiertagen hört man mit der dem Populismus stets eigenen Lautstärke nun deutliche Rufe nach einer raschen Gesetzesänderung, mit der man reflexartig auf eine vermeintliche Gesetzeslücke reagieren müsse. Der Schreck über die sinnlose Gewalt jugendlicher Schläger gegenüber nichts ahnenden, harmlosen Nutzern des öffentlichen Personennahverkehrs sitzt tief in den Knochen und führt in verständlicher Fassungslosigkeit zur Feststellung: „Da muss man doch was tun!...“

Klar, muss man, aber nicht irgendwas, sondern da gilt es mit kühlem Kopf vernünftiger zu reagieren als mit Balken-Schlagzeilen. Und Gesetze, die übers Knie gebrochen werden, sind als Schnellschüsse auf jeden Fall schlechter als Warnschüsse, die Straftäter zum Umdenken veranlassen. Was will man denn erreichen? Sicher doch, dass so was nicht passiert. Lässt sich das erreichen? Lapidar geantwortet: Gar nicht. Aber damit kann niemand zufrieden sein. Und während manche mit den Händen ringen, andere stirnrunzelnd nach Rezepten suchen, schießen wieder andere übers Ziel hinaus.

Klar sollte sein: Wenn Menschen an Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs genauso wie an anderen bislang unzureichend gesicherten Örtlichkeiten besser geschützt werden sollen, genügt es nicht, potentiellen Gewalttätern zur Abschreckung nur mit Strafe zu drohen. Dann müssen diejenigen, die zur Durchsetzung eines Strafanspruchs in einem Staate unerlässlich sind, nämlich Polizisten, viel häufiger in Erscheinung treten.

Überwachungskameras an Bahnsteigen und in Wagons sind schon gut, reichen aber nicht aus. Keine Abschreckung ist wirksamer als sichtbare Polizeistreifen. Dafür aber ist das Personal zu knapp, und für mehr Beamte ist das Geld zu knapp, und deshalb begnügt man sich mit billigem Papier, auf dem wohl formulierte Gesetze stehen, die wiederum nicht in notwendigem Umfang angewendet werden können, weil die Justiz überlastet ist und die Haftanstalten überbelegt sind. Wie soll da von einem Warnschuss-Arrest eine abschreckende Wirkung ausgehen, wenn nur so getan werden kann, als folge eine Strafe auf dem Fuße…

Woran es mangelt, sind Polizisten an Ort und Stelle, eine bessere Aufklärung von Gewalttaten und eben Jugendhaftanstalten, die nicht jetzt schon überfüllt sind. Was aber gar nicht sein darf, ist eine falsche Signalgebung. Haftverschonung nach einer Tat, die Elemente eines Kapitalverbrechens aufweist, erweckt den Eindruck, als ob der Staat, als ob die Gesellschaft an einer Strafverfolgung gar kein Interesse hätte.

Und das kann ja wohl nicht sein, ebenso wenig wie eine unzureichende Ausschöpfung des schon vorhandenen Strafrahmens. Aber könnte es vielleicht sein, dass es in der Justiz an Problembewusstsein mangelt? Dann sollten Richter, gerne auch Jugendrichter, vielleicht häufiger den öffentlichen Personennahverkehr nutzen, auch zur späten Stunde…

Dieser Kommentar wurde ausgestrahlt am 28.4.2011 zwischen 6.05 und 9.00 Uhr in der Sendung "Morgenecho" im 5. Hörfunkprogramm des WDR.

- 16. Kalenderwoche: 23.4.2011 

Sarrazin darf SPD-Mitglied bleiben - Alle Ausschluss-Anträge wurden zurückgezogen

Vielleicht hat sie’s für besonders schlau gehalten, die alte Tante SPD. Am Vorabend eines der höchsten Feiertage hierzulande, einerseits mit Besinnlichkeitsfaktor, andererseits mit kaum zu bändigenden Frühlingserwartungen, wenn die Leute mit Sicherheit anderes im Sinne haben – da wird schnell mal ein Deckel auf ein Thema gesetzt, das seit Monaten köchelt und an dem man sich nicht mehr die Finger verbrennen mag. Weg mit Sarrazin? Mitnichten! Weg mit den lästigen Parteiausschluss-Anträgen!

Das war ein Wechsel vom „igitt“, was die umstrittenen Thesen des Populisten angeht, hin zu spitzen Fingern beim Parteirauswurf, weil dieser nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der SPD plötzlich nicht mehr populär genug erschien. Immerhin haben die Sozialdemokraten Sarrazin nicht nur jahrzehntelange Mitgliedschaft gewährt, sondern ihn auch in allerhand höchste Ämter gehievt, in denen er sich dann ausgiebigst gockelhaft zu spreizen verstand: Wider den Stachel löckend, gegen der Strom schwimmend, dem Gegenwinde trotzend – alles schön und gut – aber vor allem sich den Gesetzen der politischen Korrektheit entziehend. Auch das kam bei manchen gut an – wenn auch nicht bei jedem, und manche fanden es auch weniger eindrucksvoll, sondern degoutant.

Wenn’s nur diese Eitelkeit gewesen wäre. Wenn sich nicht dieser ekelhafte Beigeschmack von Rassismus und Volksverhetzung aufgedrängt hätte, geweckt durch umstrittene und genüsslich ausgewälzte Thesen, nachträglich relativiert als nun doch plötzlich bedauerlich und doch gar nicht und nie nicht so gemeint. Oh, wer kalkulieren kann, kalkuliert alles ein und ist sich auch für eine kosmetische Korrektur nicht zu schade.

Und die SPD? Sie war mal wieder der kaum manövrierbare Tanker in schwerem Fahrwasser zwischen Untiefen, unberechenbaren Strömungen und scharfen Klippen bei ungünstigen Winden. Rausschmiss oder Ranschmiss... Tür auf, Tür zu... mit der Tür ins Haus fallen, oder gleich die Treppe runter purzeln? Nein, lieber rasch runter in den Keller, irgendwo in die Ecke, ne alte Wachstuchdecke drüber und Licht aus, und dann abwarten – bis Gründonnerstagabend, und dann irgendwo unter den Ostereiern verstecken, in der Hoffnung, dass nach dem Aufwachen aus dem Osterschlaf längst wieder andere Themen für Aufregung sorgen.

Das ist nur dann schlaues Vorgehen, wenn Taktik wichtiger genommen wird als der ungetrübte Blick in den Spiegel. Wen mag die SPD da eigentlich nicht verprellen? Jene, die Sarrazins verquere Thesen mit Beifall bedacht haben? Braucht die SPD jetzt schon jeden? Aber die Taktik erschöpft sich in der Frage: Sarrazin – war da was? Die SPD – sie schaut den Wolken nach und pfeift den Vögeln hinterher – unschuldig, wie ein Osterlamm... und Sarrazin tut so, als hätte er nie ein Wässerchen trüben können.

Dieser Kommentar wurde ausgestrahlt am 23.4.2011 zwischen 6.05 und 9.00 Uhr in der Sendung Morgenecho auf WDR 5.

- 16. Kalenderwoche: 21.4.2011 

Linkspartei in Nöten - Wer vertraut eigentlich noch wem in der Parteiführung?

Sie steckt in argen Nöten, die Linke. Nach eigenem Verständnis will sie die Partei sein, die für ein besseres Dasein der Gebeutelten und Zu Kurz Gekommenen streitet. Doch was passiert derzeit in der Partei selbst? Offenbar gibt es eine ganze Reihe profilierter Mitglieder und Funktionsträger, die sich selbst innerparteilich für zu kurz gekommen halten und für stärker gebeutelt als die gesamte Partei. Ließe sich anders erklären, was sich derzeit in den Linken abspielt? Man kann es kaum anders als mit dem Wort Chaos beschreiben, angereichert mit einer gehörigen Portion Lust am eigenen Untergang.

Um die derzeitige Vertrauenskrise – vertraut noch irgendeiner irgendwem? - in den Griff zu bekommen, wurde der geschäftsführende Vorstand zur Krisensitzung zusammengetrommelt. Schon vorher wurden Einigkeit beschworen und geglättete Wogen für vordringlich erklärt. Doch längst hat sich erwiesen, dass dies leichter gesagt als getan ist. Es kann eben nicht so einfach zusammenwachsen, was sich nur aus taktischen Gründen aufeinander eingelassen hat, mag es auch mal eine Zeit gegeben haben, in der die Vernunft das Zusammenwachsen als Gebot der Stunde sah.

Die PDS-Ost, SED-Nachfolgerin und mit dem Stasi-Erbe als Hypothek belastet, hatte begehrlich die Arme Richtung westdeutscher WASG ausgestreckt. Dort hatte sich, vorrangig geschwerkschafts-gestützt, links von den Sozialdemokraten die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit gebildet. Sie galt der neu-gesamtdeutschen PDS als willkommener Junior-Partner in den alten Bundesländern, um im Westen ein deutlich stabileres Standbein zu gewinnen, als es die DKP liefern konnte. Mit dem Schröder-Flüchtling Oskar Lafontaine lief ihr obendrein noch ein unberechenbares, aber präsentables Alphatier zu, mit dessen Bändigung die nun gemeinsam antretende Links-Partei allerdings ihre liebe Mühe hatte.

Wenigstens für gewisse Zeit gelang es, mit Gregor Gysi und Lothar Bisky neben den Saarländer zwei vorzeigbare Ost-Politiker zu stellen. Dies versprach zumindest mediale Aufmerksamkeit und sicherte auch eine Weile respektable Wahlergebnisse, sogar im Westen. Doch spätestens seit Lafontaines krankheitsbedingtem Rückzug aus der Bundespolitik geht’s links gewaltig drunter und drüber. Die Linke ist eben doch eine autoritätshörige Partei, die genau dann über ihre eigenen Beine stolpert, wenn es an ihrer Spitze an Autorität mangelt.

Lafontaines Kürzertreten hatte so manchen, eher reformorientierten Pragmatiker in der Linkspartei eher erleichtert. Die Verlegenheits-Neubesetzung der Partei-Doppelspitze mit Lötzsch und Ernst wurde von ihnen eher hin- als wahr-, geschweige denn ernst genommen. Damit war aber eine Zwangsläufigkeit fast schon vorgegeben. Miese Landtagswahlergebnisse lieferten den Vorstandskritikern gewiss auch den willkommenen Anlass, Zweifel an den Führungstauglichkeiten der beiden Spitzengenossen zu verbreiten – ein Vorgang, der innerparteilich nicht ohne Widerspruch bleiben konnte und Zoff auslösen musste.

Und nun? Wenn das alles, was in jüngster Vergangenheit an Unfreundlichkeiten übereinander ausgekübelt wurde, unter den Teppich gekehrt wird, steht die Linkspartei auf einer Hubbelpiste. Für Standfestigkeit keine gute Voraussetzung.

Dieser Kommentar wurde ausgestrahlt am 21. 4.2011 zwischen 6.05 und 9.00 Uhr in der Sendung Morgenecho auf WDR 5.

- 8. Kalenderwoche: 23.2.2011 

Sind fünfe gerade nach Gusto? Kardinal Meisner weiht verheirateten Familienvater zum Priester

In Köln wurde gestern, nahezu versteckt vor der Öffentlichkeit, in seinem engsten Familien- und Freundeskreis der Geschichtsprofessor Harm Klueting zum katholischen Priester geweiht. Er ist 61 Jahre alt, verheiratet und hat zwei bereits erwachsene Kinder. Kardinal Meisner hatte entschieden, die Weihe wegen des zu erwartenden Medieninteresses kurzfristig in der Kapelle des Priesterseminars durchzuführen, statt in der ursprünglich vorgesehenen Kapelle eines Krankenhauses. Hat die Kirche dies nötig?

Vor gerade mal zwei Wochen hat Joachim Meisner, Kardinal zu Köln seine Gedanken zum Zölibat veröffentlicht. In seinem Plädoyer für die Ehelosigkeit von Priestern trat er dem Eindruck entgegen, der Zölibat sei die fragwürdigste Einrichtung in der katholischen Kirche. Vielmehr sei die zölibatäre Lebensform eine faszinierende Wirklichkeit. Eben dieser Kölner Kardinal Joachim Meisner hat nun gestern nach verwirrendem Katz- und Mausspiel zur Wahrung größtmöglicher Geheimhaltung einen verheirateten Familienvater zum katholischen Priester geweiht – wohl eine nicht minder faszinierende Wirklichkeit.

Nun - dafür habe der deutsche Papst Benedikt XVI höchstpersönlich die Ausnahmegenehmigung erteilt. Sie sei auch im kirchlichen Gesetzbuch vorgesehen, seit Papst Pius XII sie erstmals 1950 erteilt habe. Nicht nur in Köln, auch in anderen deutschen Bistümern gab es schon vereinzelt Priesterweihen verheirateter Kandidaten. Sie wurden nicht als Pfarrer in der ordentlichen Seelsorge eingesetzt, sondern übernahmen andere Aufgaben. Auch bei vier anglikanischen Geistlichen, die unlängst zur katholischen Kirche wechselten, drückte der Papst beide Augen zu.

Lässt Rom nach Gusto fünfe gerade sein? Predigt der strenge Kölner Kardinal im auch emotional geführten Zölibats-Streit seinen Schäfchen am Rhein öffentlich kalkhaltiges Leitungswasser, während er an möglichst geheimem Ort bereitwillig Weihwasser über Vorgänge verspritzt, die der hoch gehaltenen reinen Lehre widersprechen?

Noch vor wenigen Wochen, ja Tagen, hatte der hinreichend streitbare Kardinal den Zölibat als „unverzichtbar“ hochgehalten. Gestern nun hat er selbst eines demonstriert: Die Verzichtbarkeit der kirchenobrigkeitlich verfügten priesterlichen Ehelosigkeit. Belegt hat er damit auch die Verzichtbarkeit derartig antiquierter Dogmen – und letztlich auch die Überflüssigkeit jener Dogmatiker, die mit ihrer irrationalen Sturheit den Menschen das Leben unnötig schwer machen. Man braucht sie eigentlich nicht.

Dieser Kommentar wurde am 23.2.2011 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" ausgestrahlt.

- 8. Kalenderwoche: 22.2.2011  

Ohne Doktortitel ministert es sich leichter? Guttenbergs für dauerhaft erklärter Verzicht

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg will seinen Doktorgrad nicht länger führen. Der CSU-Politiker hat gestern die Universität Bayreuth brieflich um die Rücknahme des Titels gebeten und dies mit dem Hinweis auf «gravierende handwerkliche Fehler» begründet, die er bei nochmaliger Durchsicht seiner Dissertation festgestellt habe. Ein Verzicht zur Schadensbegrenzung und Bewahrung vor Langzeitfolgen? Vielleicht nicht so erfolgreich wie erhofft.

Vielleicht war die Versuchung zu verlockend. Offensichtlich immer noch von einer Sympathiewelle getragen, hat Freiherr von und zu Guttenberg gestern den Mut gefunden, an dem es ihm vor ein paar Tagen noch mangelte: Komplett weg mit den vermaledeiten zwei Buchstaben plus Pünktchen vor dem Namen, Brust durchgedrückt und die Rolle des Strammen Max durchgehalten. Sowas kommt an, zumindest bei den eigenen Fans, da können die Kritiker noch so die Köpfe schütteln.

Doch nicht aus jeder Bredouille kann man sich im Hau-Ruck-Verfahren befreien. Auch wenn man sich wie von Teflon geschützt wähnt – selbst wenn nichts haften bliebe, halten sich Kratzer. Im Bestreben, seine Chance für höchste Ziele zu wahren mag der forsche Minister mit Drang zu Höherem den radikalen Schnitt zur Rettung mit dem nun dauerhaften Verzicht auf seinen Doktorgrad für hilfreich halten. Doch das ist er mitnichten. Was ihm immer noch bleibt ist ein Makel, der genau das Fundament zerbröselt, auf dem sich Guttenberg bislang am sichersten abgestützt hat: Die Vertrauensbasis, von der er Glaubwürdigkeit ableiten konnte.

Hatte er wiederholt mit politischen Entscheidungen nach der Devise „Ich fackel nicht lange und mache, was ich tun muss“ öffentlich gepunktet und sich als vermeintlicher Politiker neuen Typs zu präsentieren versucht, quasi als Mann mit extravaganter Metallic-Lackierung, wird nun klar, dass unter der Politur auch bei ihm nur Blech liegt. Und selbst wenn diejenigen, die das nicht sehen mögen, die Augen verschließen und ihm weiter zujubeln – Guttenberg hat sich eingereiht in den grauen Durchschnitt.

Der Minister hat ungeniert zum eigenen Vorteil getrickst und taktiert, nach aufgedeckter Täuschung den Treuherzigen zu mimen versucht, der doch alles nicht so gemeint hat, zur Schadensbegrenzung nach länglichem Zögern auf erworbene Vorteile verzichtet, nur damit alle Freunde wieder lieb sind. Damit mag er vielleicht Stehvermögen beweisen – doch wie steht’s mit der Ehre? Sie steht nur dem zu, dem sie gebührt.

Dieser Kommentar wurde am 22.2.2011 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Zur Sache" ausgestrahlt.

- 8. Kalenderwoche: 21.2.2011 

Verlernte Kunst oder gepflegte Unart - Wer mag noch zuhören und ausreden lassen?

Mal unterstellt: Nichts kommt von alleine und alles hat – wenn vielleicht auch keinen Grund, dann doch - eine Ursache. Und die zeigt Wirkung.

Nicht nur an Wahlabenden lassen sich vom Fernsehsessel aus Feldstudien betreiben. Auch die inflationär präsentierten Gesprächsrunden vor Kameras – neudeutsch Talkshows – setzen Maßstäbe und belegen Mängel in sozialer Kompetenz, zu finden bis hinauf in höchste gesellschaftliche Kreise, wo man zweifellos die Selbstgewissheit pflegt, zu wissen was sich gehört, wie man sich benimmt und was man sich erlauben darf – neudeutsch: Was geht und was gar nicht geht.

Viele Gespräche, nicht zuletzt Interviews, gewinnen ihre Substanz aus dem Austausch von Fragen und Antworten. Einer möchte etwas wissen – und ein anderer soll sagen, was er darüber weiß. Wie lässt sich erklären, dass dieser an sich einfache Mechanismus, nun ja, sagen wir mal, mehr oder weniger hakt, um nicht zu sagen klemmt?

Erklärungsversuch eins: Wer annimmt, er habe etwas zu sagen, will heute gar nicht mehr gefragt werden, sondern vorrangig nur noch seine eigene Botschaft „rüberbringen“. Mag der fragende Gesprächspartner oder Interviewer auch noch so interessiert an einer Antwort auf seine Frage sein – wichtig ist dem Gefragten allein, dass er genau das zu Gehör bringt, was er sagen will, völlig wurst, was er gefragt wurde. Da kann es schon ein Entgegenkommen sein, wenn zumindest ein Stichwort aus der Frage aufgegriffen wird.

Für denjenigen, der wortreich an der eigentlichen Frage vorbei antwortet, ist genau das vielleicht schon das größte der vorstellbaren Zugeständnisse. Und dann mag ein Wort das andere geben und – schwupps – ist das Wort schon wieder entzogen, der Satz mitten im Wort unterbrochen. Damit wären wir beim Erklärungsversuch zwei:

Der Fragesteller will gar nichts erfahren, sondern sieht den Sinn seines Auftritts vor den Fernsehkameras oder gelegentlich auch im Hörfunk allein schon mit der Formulierung seiner Frage als gegeben an. Sobald sie aufgeworfen ist und nachklingend mehr oder weniger intelligent im Raum steht, hat sich der Zweck der Übung schon erfüllt. Damit schließt sich eigentlich unmittelbar daran schon als nächste Frage: Wen interessiert eigentlich noch die Antwort? Sollte der Gefragte dann auch noch überlegen, abwägen, will er bei der Wortwahl Vorsicht walten lassen, ist kaum vorstellbar, dass er zuende antworten kann. Ausreden lassen? Wo kämen wir da hin…

Was ist das für eine Gesprächskultur, die sich da entwickelt hat? In der das Hinhören aus der Mode gekommen ist? Das Beantworten von Fragen gar nicht mehr für nötig erachtet wird? Und das Interesse an Antworten schon erloschen ist, noch ehe die Frage denjenigen erreicht, der sie beantworten soll? Fragen wird man ja wohl noch dürfen. Und ich weiß es zu schätzen, dass ich ausreden durfte…

Dieser Beitrag wurde am 21.2.2011 im 4. Hörfunkprogramm des WDR in der Sendereihe "Auf ein Wort" ausgestrahlt.

- 6. Kalenderwoche: 10.2.2011 

Das Urteil zu Winnenden - Ein Urteil, das nicht sühnen, aber Wege aufzeichnen kann

Keine Strafe kann diese Tat sühnen. Aber immerhin – das Landgericht Stuttgart stellt klar, dass Waffen weniger vorzeigbare Sammelobjekte sind oder harmlose Sportgeräte, sondern sie sind lebensgefährlich. Ob dieses Urteil aber jedem alle Risiken und Nebenwirkungen bewusst macht, die mit Waffenbesitz verbunden sind? Da bleiben Zweifel.

21 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung für den Vater des Amokläufers von Winnenden. Das Strafmaß zum Abschluss des Prozesses kann mit Genugtuung zur Kenntnis genommen werden, selbst wenn der verurteilte Vater nicht hinter Gitter muss. Wichtiger aber ist die Urteilsbegründung: Die Strafe erfolgt nicht nur wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, weil ein nachlässiger Sportschützen es schlampig versäumt hat, seinen Waffenschrank sorgfältig abzuschließen. Das Gericht erkennt eine Mitschuld des Vaters, dessen Sohn zum Amokschützen wurde. Auch der Vater habe sich der fahrlässigen Tötung von 15 Menschen schuldig gemacht und der fahrlässigen Körperverletzung in 14 weiteren Fällen.

Das Urteil sollten sich alle hinter den Spiegel klemmen, die schärfere Reglementierungen des Waffenrechtes ablehnen und strengere Kontrollen für unnötig halten. Sie verdängen, dass auch weggeschlossene Waffen ein Risiko bleiben. Denn nicht jeder, der Waffen unter Kontrolle zu halten hat, bietet die Gewähr dafür, dass er sich selbst jederzeit ausreichend kontrolliert. Und niemand sollte hoffen, das Urteil könne eine abschreckende Wirkung auf diejenigen haben, die sich so gern dem Reiz des Umgangs mit Waffen hingeben. Deshalb bleibt der Gesetzgeber gefordert, das Waffenrecht wirklich so zu verschärfen, dass niemand fürchten muss, ihm könne durch privat aufbewahrte Waffen Schaden an Leib oder gar Leben drohen.

Wer dieses Problem verharmlost, macht sich mitschuldig an künftigen Fällen, in denen vermeintlich unter Kontrolle gehaltene Sportwaffen zu Tötungswerkzeugen werden. Haben Waffenbesitzer mit verdachtsunabhängigen Kontrollen zu rechnen und drohen ihnen härte Strafen, wenn sie ihre Schusswaffen nicht vorschriftsmäßig aufbewahren, dann ist das bestenfalls ein erster Schritt, mehr nicht. Doch für diese Kontrollen sind mehr Kontrolleure nötig, als man derzeit hat. Und sie lösen nicht alle Probleme. Kontrollieren lassen sich ja nur Waffen, von denen man weiß, die also registriert sind. Die nicht erfassten Waffen bleiben eine ernstere Bedrohung. Ihr Besitz sollte unter wesentlich strengerer Strafe stehen. Der Sicherheit zuliebe.

Dieser Kommentar wurde am 10.2.2011 in folgenden WDR-Hörfunkketten bzw Sendungen (auch in leicht gekürzter Form) ausgestrahlt: um 17 Uhr in WDR 4: "Der Tag um fünf", um 18 Uhr in WDR 3: "Journal", und um 18.30 in WDR 5: "Echo des Tages".