SAITENWIND  
- der Bot' mit den neuen Zeitungen

Jean Faure - Hans Fraeulin
                   Steffen Kolodziej -
Gerd Schinkel

Wehte Ende der siebziger Jahre durch die deutsche Polit-Folk-Szene und mischte kultur-chaotisch in diversen Bewegungen mit, z.B.  bei Demos vor den Zäunen von AKW-Bauplätzen, bei Veranstaltungen gegen Berufsverbote, gegen die Biermann- Zwangsausbürgerung, in Jugendzentren und auf Folk-Festivals, auf echten Bühnen (z.B. WDR Folkfestival auf der Kölner Dom-Platte 1977, beim Mainzer Open Ohr Festival Pfingsten 1978) und auf Straßenasphalt. Hat mit Gerd Schinkel (bis 1979 dabei) auf Tonträgern nur spärlich seine Spuren hinterlassen: Auf "Bauer Maas - Lieder gegen Atomenergie" das Lied "Katastropheneinsatzplan" und auf "Kalte Zeit - Lieder gegen deutsche Zustände" das Lied "Big Brother". (ohne Gerd Schinkel auch mit dabei auf Walter Mossmanns "Frühlingsanfang").

Schnee von gestern (1975), aber immer mal wieder frisch in positiver Erinnerung und - ich geb es zu - mit Restwehmut behaftet:

Klappe halten
"Coal Tattoo" Ed Wheeler
(inzwischen leicht aktualisiertes Lied aus dem "Saitenwind"-Repertoire)

Ein Schüler steht kurz vor dem Abitur. 
Die letzten Wochen gehen schnell vorbei.
Ihn drücken die Noten, 
die Angst vor dem NC. 
Er kritisiert: Die Berufswahl ist nicht frei.

Mensch, hältst Du wohl die Klappe! 
Bist Du denn verrückt! 
Sag doch nicht so, was Du denkst!
Du musst aufpassen, weil Du sonst die Chance 
auf einen Arbeitsplatz verschenkst...

Ein Student hat für sich ein klares Ziel. 
Und manchmal lernt er nicht nur für sein Fach.
Schon droht ihm das Berufsverbot. 
Er sieht nun mal zu viel. 
Da steht er auf und schlägt dagegen Krach.

Ein Lehrling denkt sich: Ich bin doch nicht dumm - 
ich schaff ja für den Boss hier den Profit.
Er wehrt sich laut, steht auf 
und protestiert 
und sagt dem Boss: "Ich mach da nicht mehr mit!"

Ein Mann geht täglich seiner Arbeit nach - 
sein Chef macht oft Urlaub, ruht sich aus.
Eigentlich ein Unding, 
denkt der Mann sich, und er sagt, 
das, was ihm dazu einfällt, gerade raus.

Eine Frau macht täglich am Computer ihren Job. 
Sie weiß, wie der Laden läuft und kennt sich aus.
Ohne sie lief gar nichts. 
Alle wissen’s. Jeder schweigt. 
Mehr Lohn braucht sie nicht - sie kommt ja aus.

Heute muss man sich vorsehen, mit dem, was man sagt, wenn man möchte, dass man seinen Job behält.
Das Duckmäusertum blüht auf in unserm Staat, 
und jeder schielt nach Sicherheit und Geld.

Und das wird solang nicht anders, 
bis wir uns gemeinsam wehrn.
Fünf Finger einer Hand sind einzeln schwach.
Kritik nur ändert nicht, 
was zum Himmel stinkt und schreit - 
und besser wird es erst nach lautem Krach.

Drum halt nicht Deine Klappe, 
zeig der Macht die Stirn. 
Denk nicht nur, was man befiehlt.
Du musst aufpassen! Schnell ist sonst die Chance 
auf ein besseres Leben verspielt.

                                                                1975


SAITENWIND  - der Bot' mit den neuen Zeitungen

Schnee von gestern, 
aber immer mal wieder frisch in positiver Erinnerung 
und - ich geb es zu - mit Restwehmut behaftet.

Wer mehr über diese Chaoten-Kombo wissen möchte, kann nun auch allerhand nachlesen:

- unser damaliges Info-Blättchen,

- der Hinweis auf unseren zweiten Auftritt im Heidelberger Folkclub - in dem wir unseren ersten Auftritt gehabt hatten, der eigentlich zur Entstehung der Gruppe geführt hatte...

- das Plakat für unseren größten Auftritt im WDR: Folk auf der Dom-Platte,

- der Programmhinweis auf diese Veranstaltung in der Fernsehzeitung

 

danach sage niemand mehr, der "Saitenwind" habe sich spurlos verflüchtigt...

Katastropheneinsatzplan 

(Vorlage: Der besondere Katastropheneinsatzplan des Kernforschungszentrums Karlsruhe-Leopoldshafen, zufällig bekannt geworden und zur Steigerung des Gebrauchswertes gereimt)

Schließen Sie die Türen und die Fenster dicht.
Vergessen Sie die anderen Öffnungen nicht. 
Stellen Sie die Be- und Entlüftung ab. 
Gehn Sie nicht mehr auf die Straße hinab. 
Dann vermeiden Sie den Kontakt mit dem Tod, 
der durch radioaktive Verseuchung droht. 

Es besteht kein Grund zur Aufregung, 
alle Maßnahmen zur Beseitigung 
der Störung und ihrer Folgen sind schon im Gange - 
bleiben Sie ruhig - es dauert nicht lange.
 

Waren Sie für eine Zeit außer Haus,
ziehen sie sofort Schuhe und Kleidung aus.
Legen sie diese auf den Balkon
oder vor die Tür - doch, das müssen sie schon.
Ziehen sie Hauskleidung an und waschen sie sich
alle unbedeckten Körperflächen - fragen Sie nicht.

Meiden Sie bei frischem Obst den Genuss,
kein Gemüse, keine Milch und keinen Wasserguss.
Stellen Sie am besten alle Mahlzeiten ein,
sollte keine Büchsenkost im Hause sein.
Nur was gut verpackt und keimfrei dicht,
ist genießbar für Sie - alles andre nicht.

Schließen Sie sich mit Ihren Haustieren ein,
in Wohnung oder Stall - dann sind Sie nicht allein.
Nutzen Sie die Gunst der Zeit und Ihren Strom -
sehn Sie fern und warten Sie auf neue Information,
oder schalten Sie das Radio ein.
Doch bei allem sollten Sie ganz besonnen sein.

Die Ratschläge sind für die Bevölkerung
der betroffenen Gemeinden in der Umgebung.
So steht es im Katastropheneinsatzplan. -
Aufgepasst, das geht uns alle an!
Der Plan war streng geheim, kam nur durch Zufall raus.
Sieht so die Planung für die Zukunft aus?

Es besteht schon Grund zur Aufregung.
Die Gefahren warten auf Beseitigung.
Sie drohen uns allen - wer weiß schon wie lange...
Die Katastrophe ist vielleicht schon im Gange...

                                                                   1976
Big Brother 

Es blendet grell ein weißes Licht. 
Man kann vor lauter Helligkeit nichts sehn.
Ringsum sind leere Straßen - und doch 
bleibt vor Platzangst keiner stehen. 
Beklemmung presst die Gurgel zu 
und zwingt auf die Stirne kalten Schweiß. 
Sie lässt die Knie zittern 
und fährt in die Gesichter, käseweiß. 

Big Brother is watching. 
Wir sind längst so weit. 
Die Wanzen leben lang schon, 
und sie finden eine gute Zeit.
 

Draußen weht ein kalter Wind - 
doch bewegt er keine Luft.
Die Blüten stehen in voller Pracht, 
doch Du atmest keinen Duft.
Die Nackenhaare sträuben sich, 
und darunter ist ‘ne Gänsehaut.
Die Spitzel wirken im Geheimen - 
wehe dem, der ihnen blind vertraut.

Dünne Wände, lange Ohren - 
wie leicht wird man heut belauscht.
Wohin Du Dich verkriechst - Dein Atem 
weiter durch Empfangsantennen rauscht.
Glaubst Du auch frei zu reden, wird doch 
jedes kleine Wort sogleich erfasst.
Einmal wird man was finden und nach fragen, 
wenn Du’s längst vergessen hast.

Wer weiß, wie viel geheime Akten 
schon in den Panzerschränken stehen...
unkontrollierte Spitzel frech 
mit Billigung verbotene Wege gehen.
Was sie von Dir notieren, das bleibt hängen 
und zerstört Dir Deinen Ruf.
Schon hast Du keine Chance mehr und auch keinen Beruf...

Big Brother is watching. 
Sieh nur genauer hin. 
Die Wanzen greifen um sich.
Der große Lauschangriff macht kaum noch Sinn, 
kaum noch Sinn...

                                                      1977
                                                      aktualisiert 1996

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